Der Sozialkahlschlagby - 24.02.2004 12:29 Karl Heinz Roth
leicht überarbeiteter Vortrag, den Karl Heinz Roth auf der Eröffnung der "Aktionskonferenz gegen Sozialkahlschlag und Bildungsabbau" am Freitag, 20.02.04 in den Weserterrassen, Bremen, gehalten hat.
http://www.sozialplenum.de/buendnis-2010/aktionskonferenz/KHRothSozialkahlschlag.pdf
http://www.sozialplenum.de/buendnis-2010/aktionskonferenz/Der_Sozialkahlschlag.html
Seit der so genannten Agenda 2010 der SPD-grünen-Regierung wird auch in Deutschland der Sozialstaat unwiderruflich geschleift. Wir sind in allen seinen Bereichen einer pausenlos zugreifenden und miteinander verwobenen Demontage ausgesetzt: -Arbeitsmarkt: Qualitativer Sprung durch Hartz I – IV: Entrechtung – Beseitigung der Geldfonds für Erwerbslose – Gleichsetzung der Arbeitslosenhilfe mit der Sozialhilfe. Das neue Projekt der Arbeitserzwingung. Massive Ausweitung des Sektors ungeschützter Arbeitsverhältnisse, die schon jetzt mehr als die Hälfte des gesamten Arbeitsvolumens ausmachen, und zunehmende Abkehr vom Modell der „Kernbelegschaften“. -Gesundheitswesen: Demontage um ein Drittel, vielfältige Gebührensteigerungen für die Kranken, Privatisierung auf allen Strukturebenen. Die Versicherungs- und Pharmakonzerne übernehmen die Regie und unterwerfen das Gut Gesundheit einer an der Rendite orientierten Rationierung. -Bildungswesen: Ebenfalls drastischer Abbau, Privatisierung, Einrichtung vor allem finanziell greifender Zugangshürden, Beseitigung der pluralistisch-demokratischen Reste in Ausbildung und Forschung, um auch sie der Scheinlogik der Märkte zu unterwerfen. Im Bereich der Wissenschaft sollen so alle Ansatzpunkte einer kritischen Systemreflexion beseitigt werden. -Altersrenten: Fortschreitende Verlängerung der Anwartschaftszeiten, schrittweise Senkung der Zahlungen auf unter 50 Prozent des vorher erzielten Arbeitseinkommens -Rechtloser Status der MigrantInnen – Abschiebeknäste . Hier wird festgeschrieben, was man in den neunziger Jahren durchgesetzt hatte, und selbst beschränkte Immigrationsregulierungen unterbleiben Fazit: Der qualitative Bruch findet jetzt statt, und zwar trotz seiner Vorentwicklungen seit den 80er Jahren vergleichsweise spät. Er hat bei der Masse der Löhne und Sozialeinkommen beziehenden Bevölkerung genau so wie bei den durch den Kahlschlag des Bildungswesens betroffenen Jugendlichen eine tief greifende Desillusionierung und Verunsicherung ausgelöst, und es ist zum erstenmal wieder zu breiteren Protestaktionen gekommen. Deshalb ist es dringlich geworden, sich über die wahrscheinlichen Folgen dieses sozialen Umbruchs Klarheit zu verschaffen. Der Sozialkahlschlag kann erst in einem internationalen Kontext richtig verstanden werden, und deshalb beginne ich mit einigen Überlegungen über seinen globalen Kontext. 2. Der globale Kontext 2.1 In Deutschland wird nachgeholt, was in den 80ern in USA und GB begonnen hatte und in den 90er Jahren in der Schweiz, Italien und Frankreich ausdifferenziert worden war 2.2 Die deutsche Entwicklung ist Teil eines weltweiten Deregulierungskonzepts des Kapitals und seiner internationalen Institutionen, das nicht neoliberal, sondern neokonservativ ist: - Eroberung der staatlichen Umverteilungsfunktionen bei gleichzeitiger massiver Senkung der Steuereinnahmen und Sozialausgaben – Polizei-, Gefängnis- und Psychiatriestaat – radikaler Sozialdarwinismus des individualisierten Überlebenskampfs. 2.3 Weltweite Selbstunterwerfung der politischen Klassen aller Lager: kollektive Korruption – Selbstzerstörung der Sozialdemokratie aller Varianten (in Deutschland PDS und SPD, aber auch in Italien unter d´Alema in den neunziger Jahren). Aber auch dort, wo die linken politischen Führungen integer sind wie in Brasilien, scheint es keine Handlungsalternativen mehr zu geben. 2.4 Einbettung in eine neue Form des kollektiven Imperialismus – Netzwerk-Imperialismus bei militärischer Weltherrschaft der USA. 3. Die Ziele des neokonservativen Projekts und die Folgen der Zerstörung des bisherigen sozialstaatlichen Klassenkompromisses 3.1 Es soll ein neues Akkumulationsregime auf der Grundlage weltweit verschärfter Ausbeutung durch strategische Unterbeschäftigung und wirtschaftliche Reservearmee durchgesetzt werden. Zusätzlich soll das Wachstum durch eine innere Expansion langfristig gesichert werden, weil die letzten noch verbliebenen äußeren Wachstumsquellen – vor allem Osteuropa und China – in 10-15 Jahren erschöpft sein werden. Diese innere Expansion wird die „Kommodifizierung“ der Gesellschaft weiter vorantreiben, weil allgemeine Bedürfnisse – Bildung, Gesundheit, Alterssicherung usw. – privatisiert, d.h. unter das Diktat der Rendite gestellt werden. Der Kapitalismus weitet seine Kontrolle über den Produktionssektor auf die Gesellschaft aus, indem er sie sich tributpflichtig macht – er wird zum Kapitalismus der Gebühren und Dienstleistungsrenditen. Die sozialstaatlichen Umverteilungsstrukturen, die sich im voraufgegangenen Zyklus durchgesetzt hatten, werden zugunsten dieser inneren Expansionsperspektive des Kapitals geschleift. 3.2 Für die Mehrheit der Gesellschaft bedeutet das: -Allgemein ungesicherte Arbeitsverhältnisse mit breitem Niedriglohnsektor als neuer Form der „Vollbeschäftigung“ – Arbeitsarmut bis zum Lebensende -Einfrieren der Migrationsströme, um dem Netzwerk-Imperialismus ein neues weltweites Ausbeutungsgefälle zu garantieren: neuer kollektiver Kolonialismus unter US-Vorherrschaft, wie er gerade in der nah- und mittelöstlichen Region exemplarisch etabliert wird -Extreme Bildungsselektion: Wissenschaftliche Qualifikation nur noch für die Kinder der einkommensstarken Gewinner des neokoneservativen Umbruchs -Beschränkung des Zugangs zu den Ressourcen des Gesundheitswesens. Wer kein Einkommen hat, wird der Errungenschaften der neuen – und kostspieligen Gesundheitstechnologie nicht mehr teilhaftig und wird früher sterben. -Neue Einfriedung der Massenarmut durch Vorwegnahme ihrer potentiellen „classes dangereuses“ : Gulag-System in den USA, Psychiatrisierung und medikamentöse Ruhigstellung der Entmündigten (“Betreuten“) auf Gemeindeebene in Deutschland und Italien. 3.3. Dieses Programm der Polarisierung und Re-Proletarisierung wird medial, sprachlich und ideologisch durch riesige Propaganda-Apparate abgesichert: die Reaktion tarnt sich als „Reform“, aus den Entmündigungsgesetzen werden „Betreuungsgesetze“. Die Medien werden zum wichtigsten Scharnier zwischen Kapital und den politischen Klassen. Und über alles das ergießt sich eine Soße des religiösen Fundamentalismus, der die Bereicherungssucht zum wichtigsten Element der gottgewollten Ordnung erhebt. 4. Gegenperspektiven 4.1 Elementare Voraussetzungen: - Gegenprogramme und Handlungsmöglichkeiten gibt es nur noch in internationaler Perspektive. Der Nationalstaat und übernationale Blockbildungen (EU) sind der neokonservativen Radikalisierung des kapitalistischen Weltsystems nicht mehr gewachsen. Die Gegenperspektive sollte sich vor allem nicht in Block-Konzepte einbinden lassen, denn dann würde sie nur Teil eines vielleicht noch gefährlicheren Umschlags des globalisierten Netzwerkkapitalismus in katastrophale innerimperialistische Machtkonflikte. - Die Eroberung der politischen Macht ist kein Weg mehr. Die „traditionellen antiystemischen Bewegungen“ (Immanuel Wallerstein) wollten die gesellschaftliche Emanzipation über den Staat in Gang setzen. Dieses Projekt ist gescheitert. Auch aus dieser Perspektive ist der Nationalstaat für uns kein Adressat mehr. -Breites Bündnis, das von den SubproletarierInnen der neuen Massenarmut bis zu den pauperisierten Mittelschichten und selbständigen ArbeiterInnen alle Verlierer des Umbruchs einbezieht, also 2/3 bis 3/4 der Gesellschaft. Es gibt keine „zentrale Arbeiterklasse“ mehr. -Dieses Bündnis ist nur auf der Grundlage gemeinsamer Rahmenbedingungen und Gegenperspektiven möglich. Seine Voraussetzung aber ist konsequente innere Demokratie: a) Soziale und politische Gleichheit jenseits von Klasse, Geschlecht und Ethnizität.- Das ist praktische Vorwegnahme der letzten Ziele: Keine Macht für niemand – kein Eigentum für niemand – kulturelle Gleichberechtigung des Heterogenen. b) Jederzeit widerrufbares Delegations- und Rotationsprinzip auf allen Ebenen c) Demokratisierung der inneren Strukturen der Bündnispartner. Z.B. Gewerkschaften: Abschaffung der Managergehälter und damit ihrer gesamten Managerschicht, Ausstieg aus den Knebelungen des Betriebsverfassungsgesetzes und der Mitbestimmung, nachdem die Kapitalseite den historischen Kompromiss von 1944 längst aufgekündigt hat. 4.2 Die Offenheit einer emanzipatorischen „Utopistik“ Wir sind Teil eines seit über 500 Jahren bestehenden Systems, das sich gegenwärtig in einem gravierenden Umbruch befindet, ohne dass sich dabei irgendwelche historische „Gesetzmäßigkeiten“ ausfindig machen ließen. Deshalb ist die Richtung, die der Umbruch nehmen wird, auch völlig offen.. Wir wissen nur, dass das komplexe kapitalistische Weltsystem zunehmend destabilisiert ist. Dies rührt daher, dass der Widerstand gegen das seit Ende der siebziger Jahre vorangetriebene neokonservative Projekt Massencharakter anzunehmen beginnt, denn das ihm innewohnende Programm grundsätzlicher sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit ist unerträglich. Der Ausgang der Konfrontation ist jedoch völlig offen: so offen, wie er es in der Großen Depression der 1930er Jahre war. Damals war der zweite Weltkrieg das Ergebnis, heute sind chaotische Zustände wahrscheinlicher, die sich unterhalb der Ebene weltweiter militärischer Konfrontationen abspielen. Auf jeden Fall bewegen wir uns auf ein Chaos zu. In dieser chaotischen Instabilität können aber auch kleinere Initiativen große Wirkungen erzielen, wie Wallerstein in seiner „Utopistik“ betont hat. Wenn wir uns klar machen, dass ein Durchbruch zu mehr sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit keineswegs gesetzmäßig ist, wenn wir also die Falle der sich von selbst gesetzmäßig verwirklichenden „Utopie“ umgehen und mit einem möglichst großen Maß an Skepsis vorgehen, haben wir noch am ehesten die Chance, etwas zu bewirken. 4.3 Umrisse einer neuen Vermittlung zwischen konkretem Handeln und Utopistik: -4.3.1 Lokale Ebene. Das vernetzte kapitalistische Weltsystem besteht heute aus 700-800 Standorten plus Hinterland. Hier wäre lokal anzusetzen: - Durchsetzung eines existenzsichernden Mindestlohns, von radikaler Arbeitszeitverkürzung und betrieblicher Demokratisierung. In unseren Breiten könnte man hier an die Erfahrungen der Jobber- und Erwerbslosenbewegungen der 80er Jahre anknüpfen, aber auch an die Praxis der neuen italienischen und französischen Basisgewerkschaften; die hiesige Gewerkschaftslinke könnte hier ihren Platz finden, falls das Projekt der Demokratisierung der etablierten Gewerkschaften misslingen sollte. – Vernetzung mit Stadtteilbüros, in denen die vom Sozialkahlschlag Betroffenen beraten werden, zugleich aber auch selbstorganisierte Netze der sozialen Aneignung gründen könnten. Diese soziale Aneignung ist konkret – Gebührenboykott, aber auch perspektivisch zu verstehen: die Sozialfonds, Bildungseinrichtungen und das Gesundheitswesen sollten in kommunale Selbstverwaltung zurückgeholt werden, bevor sie vollends geplündert werden. Auch hier gibt es inzwischen erste Erfahrungen, beispielsweise aus Berlin und Ostdeutschland 4.3.2 Migrations- und Flüchtlingsarbeit als Brücke zwischen lokaler Verortung und globaler Vernetzung. Wenn es gelingt, beispielsweise die reichen Bremer Erfahrungen in der antirassistischen Flüchtlingsarbeit in eine vernetzte lokale/regionale Selbstorganisation einzubringen, wäre dies ein entscheidender Schritt. Mittelfristig sollte die Gründung global agierender Basisgewerkschaften – vor allem im Transport- und Kommunikationssektor – hinzukommen. Von großer Bedeutung wäre es nun, diese drei Komponenten auf der jeweiligen Ebene einer lokalen/regionalen Agglomeration miteinander zu verzahnen und parallel dazu durch die Netzwerke der MigrantInnen und Flüchtlinge, aber auch durch den Auf- und Ausbau internationaler Transportarbeitergewerkschaften den globalen Kontext herzustellen. 4.3.3 Globale Gegenperspektiven Zu einem utopistischen Gegenprojekt gehören auch Überlegungen und Vereinbarungen darüber, wie eine sozial gerechte und egalitäre Welt in ihrem globalen Kontext durchzusetzen wäre. Zweifellos kann eine ernsthafte Alternative gegen die neokonservative Zurichtung nur aus ihren lokalen und durch die MigrantInnen und Transport- und Kommunikationsarbeiter vernetzten Gegenbewegungen hervorgehen. Aber diese Einsicht macht die seit einigen Jahren forcierten Bemühungen um weltweite Gegenforen und die in diesen Kontexten beispielsweise bei attac entstandenen Modelle für globale Alternativen nicht gegenstandslos. Sie sollten allerdings systematisiert werden. Ein Schritt dazu wäre die Auflistung der wichtigsten Probleme, die nur noch auf Weltebene gelöst werden können, und das Nachdenken über mögliche Strukturen zur Umsetzung: 4.3.3.1 Die wichtigsten Aufgaben: -Sofortige Abrüstung und Auflösung aller Armeen -Ausschaltung der internationalen Finanzmärkte und Entwicklung eines globalen monetären Restrukturierungsprogramms mit egalisierender Tendenz -Ausschaltung der internationalen Rohstoffkonzerne und -kartelle und Einleitung eines egalisierenden und zugleich ökologisch orientierten Weltenergieprogramms -Ausschaltung der internationalen Agro-Konzerne – und Kartelle und Entwicklung eines egalisierenden globalen Agrarprogramms -Ausschaltung der Oligopole und Kartelle in der Informations- und Medientechnologie durch global greifende Technologieprojekte mit sozial egalitärer Tendenz (Demokratisierung des Internet, von Linux usw.) -Lösung zugespitzter regionaler Konflikte, bevor sie katastrophale Wendungen nehmen, z.B. des Israel-Palästina-Konflikts, der sich immer stärker auf eine Alternative zwischen der Massendeportation bzw. Helotisierung der Palästinenser oder einem innerisraelischen Bürgerkrieg zubewegt. Das ist eine sehr unvollkommene Liste, die lediglich die Bedeutung dieser Reflexionsebene unterstreichen soll. 4.3.2 Mögliche Lösungsschritte Auf welcher institutionellen Ebene sollte man aber ansetzen? Ich denke, dass es sich lohnen würde, jene Weltinstitutionen zu studieren, die in den letzten Jahren des zweiten Weltkriegs von den Alliierten geschaffen wurden. Zweifellos sind sie in der Folgezeit des Kalten Kriegs und der Bekämpfung der Befreiungsbewegungen der Drei Kontinente deformiert und missbraucht worden. Wenn wir davon aber abstrahieren und uns diese Modelle – vor allem IMF, Weltbank und Vereinte Nationen – in ihrer ursprünglichen Konzeption ansehen, dann erscheinen sie als durchaus brauchbare Ausgangspunkte: als Ausgangspunkte wohlgemerkt, die durch eine kollektive Repräsentation der global vernetzten Alternative konsequent demokratisiert und in Instrumente der weltweiten sozialen und wirtschaftlichen Egalisierung umgewandelt werden sollten. Sie könnten dann als Teil eines föderativ-egalitären weltumspannenden Projekts angesehen werden, das den neokonservativen Traum einer immer mehr zur Barbarei tendierenden Verlängerung der Existenzdauer des kapitalistischen Weltsystems beendet. Schlussbemerkung Das alles sind nur erste Überlegungen. Es sprechen gewichtige Annahmen dafür, dass es drei wesentliche Elemente sein werden, die geeignet sein könnten, die „Utopistik“ Wallerstein´s mit Leben zu füllen: erstens die Maulwürfe der sozialen Gegenbewegungen in den Agglomerationen, zweitens die Netzwerke der MigrantInnen sowie die AktivistInnen einer weltweit agierenden gewerkschaftlichen Basisbewegung, und drittens die „organischen Intellektuellen“, die in diesen Netzwerken verankert sind und auf den globalen Gegen-Foren über die Wege zu einer sozial gerechten und egalitären Welt nachdenken. In diesem Sinn sollten wir gemeinsam an die Arbeit gehen – skeptisch und vorsichtig, aber auch hoffnungsvoll.
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ADDITIONAL INFORMATION Debatte zu K.H. Roth's Text see:
Debatte in ak/ Fantomas |