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Chico Whitaker: Das WSF als offener Raum

by Übersetzung - 10.04.2004 14:59

DAS WELTSOZIALFORUM ALS OFFENER RAUM 1
Chico Whitaker 2  

DAS WELTSOZIALFORUM ALS OFFENER RAUM 1
Chico Whitaker 2

Der Erfolg des Weltsozialforums 2003 in Porto Alegre und seine weltweite Vorbereitung im Laufe des Jahres 2002 haben viele Fragen bezüglich der Kontinuität aufgeworfen. Viele Gesichtspunkte sind vorgetragen worden und neue Vorschläge für die Organisation der Veranstaltungen in den folgenden Jahren sind gemacht worden. Das Forum sieht sich mit einer positiven Krise konfrontiert, die einerseits mit seinem Wachstum zusammen hängt und die andererseits einen tiefergehenden Blick auf einige der Themen in seiner Charta der Prinzipien verlangt.3

Um zu verhindern, dass sein Potential zer-stört wird, müssen einige Zweideutigkeiten überwunden werden, bevor sich der Prozess unwiederbringlich in kristallisierte, konkrete Richtungen bewegt. Um zu dieser Debatte beizutragen, untersuche ich hier drei Themen, die für die Kontinuität des Forums grundlegend geworden sind:

- Die Wahl zwischen einem Forum-als-Raum und einem Forum-als-Bewegung;

- Die jeweilige Bedeutung, die in den Forumsveranstaltungen die die von den TeilnehmerInnen eingebrachten und die von den Organisationskomitees angesetzten Aktivitäten haben und die jeweilige Eigenart dieser beiden Formen der Aktivitäten;

- Die Rolle der Komitees, die die Forum-Veranstaltungen organisieren.

Ein viertes Thema ist, oder könnte sein, wie das Forum sich politischen Parteien gegenüber verhalten sollte.

In diesem Artikel werde ich jedoch nur die ersten drei Themen ansprechen.

Forum: Raum oder Bewegung?

Auf der gegenwärtigen Stufe der Entwicklung des Forums ist die Frage, ob das Forum ein Raum oder eine Bewegung ist, eine grundsätzliche Frage und Wahl geworden. Es wäre der beste Weg, um uns selbst Schwierigkeiten zu bereiten, wenn man der Beantwortung dieser Frage dadurch aus dem Weg gehen wollte, dass man sie nicht deutlich formuliert. Die Charta der Prinzipien des Weltsozialforums definiert das Forum nachdrücklich als einen Raum . Je-doch denkt und handelt nicht jeder so, als ob es wirklich ein Raum wäre, oder als ob es immer ein Raum bleiben sollte. Viele betrachten das Forum als einen Raum , der eine Art Bewegung ist. Für ande-re ist es jetzt noch nur ein Raum . Das heißt, es kann und sollte eine enorme Bewegung werden, oder eine Bewegung von Bewegungen , wie es einige Journalisten ausdrücken. Der große Erfolg der Demonstrationen gegen den Irakkrieg am 15. Februar 2003 verleitet die meisten Enthusiasten dazu, ihn als ein Ergebnis des Forums zu anzusehen. Sie tendieren sogar dazu, zu sagen, er wäre ein Produkt des Forums. Er ermutigt andere, anzustreben, dass das Forum eine mobilisierende Funktion übernehmen sollte, wie alle Bewegungen. Um es gleich vorweg zu sagen, Bewegungen und Räume sind völlig verschiedene Dinge. Ohne die Dinge in manichäischer Weise zu sehr schwarz-weiß zu malen: sie sind entweder das eine oder das andere. Trotzdem können sie koexistieren. Auch sind sie keine Gegensätze, das heißt, sie neutralisieren einander nicht, sondern sie können stattdessen sogar fruchtbare Polaritäten sein. Aber man kann nicht beides gleichzeitig sein, nicht einmal ein bisschen von jedem - was darauf hinauslaufen würde, entweder das eine oder das andere zu beeinträchtigen. Bewegungen und Räume können durchaus, indem sie jeweils die eigenen Rollen erfüllen, nach denselben allgemeinen Ziele streben. Aber jeder arbeitet auf eine ihm eigene Weise und richtet sich dabei auf unterschiedliche spezielle Ziele. Die Hauptfrage wird dann: Wäre die Transformation des Weltsozialforums in eine Bewegung - jetzt oder später, je nachdem wie der Prozess fortschreitet - eine gute Strategie, um das Ziel der Überwindung des Neoliberalismus zu erreichen und den Satz Eine andere Welt ist möglich zu verwirklichen? Oder wäre umgekehrt hilfreich für uns, nicht nur jetzt, sondern auch in der Zukunft auf Räume, wie sie durch das Weltsozialforum geöffnet worden sind, zählen zu können? Für mich gibt es keinen Zweifel, dass es von fundamentaler Bedeutung ist, die Konti-nuität des Forums als eines Raumes um jeden Preis zu gewährleisten - und nicht der Versu-chung nachzugeben, es jetzt oder später in eine Bewegung zu transformieren. Wenn wir es als einen Raum aufrecht erhalten, wird es die Bildung und Entwicklung von Bewegungen nicht unterbinden oder verhindern - im Gegenteil, es wird diesen Prozess absichern und ermögli-chen. Aber wenn wir uns dafür entscheiden, es in eine Bewegung zu transformieren, dann wird es unausweichlich vor der Aufgabe, einen Raum zu bilden, versagen, und alle solchen Räumen innewohnenden Möglichkeiten werden dann verloren sein. Darüber hinaus werden wir, wenn wir das Forum in eine Bewegung transformieren - ohne Zutun derer, die wir bekämpfen - ein machtvolles Kampfmittel wegwerfen, das wir er-schaffen konnten, weil wir die wichtigste politische Entdeckung der jüngsten Zeit umgesetzt haben, die der Macht offener, freier, horizontaler Strukturen. Es ist diese Idee, die den Erfolg von Porto Alegre und auch den von Seattle erklärt, und den der Demonstrationen am 15. Feb-ruar gegen den Krieg. Und wenn wir bedenken, dass diese Idee horizontaler sozialer Artiku-lation noch so viel für unseren heutigen Kampf beitragen kann, dann wird sie auch notwen-dig sein für eben jenen Prozess der Errichtung der Welt, die wir erstreben. Diese Überzeugung fußt auf der Analyse der Vorteile des gegenwärtigen Charakters des Forums als einem Raum, verglichen mit der möglichen Manifestation des Forums als ei-ner Bewegung. Was ist der Unterschied zwischen einer Bewegung und einem Raum? Eine Bewegung vereinigt Menschen - ihre Aktivisten, ganz wie die Aktivisten einer Partei - die sich entscheiden, sich zur Durchsetzung bestimmter Ziele kollektiv zu organisieren. Ihre Formation und Existenz beinhaltet die Definition von Strategien, um diese Ziele zu erreichen, die Formulierung von Aktionsprogrammen, und die Verteilung von Verantwortlichkeiten un-ter ihren Mitgliedern - einschließlich derer für Richtungsentscheidungen in Bezug auf die Bewegung. Diejenigen die diese Funktion annehmen, werden die Aktivisten der Bewegung anführen. Sie werden sie dazu bringen - durch autoritäre oder demokratische Methoden, je nach der von den Gründern der Bewegung getroffenen Wahl - in der kollektiven Aktion Ver-antwortung im Sinne dieser Verpflichtungen zu übernehmen. Ihre Organisationsstruktur wird notwendigerweise hierarchisch und pyramidal sein, gleichgültig wie demokratisch die inter-nen Entscheidungsprozesse und die Art sein mögen, wie diejenigen gewählt werden, die die verschiedenen Ebenen des Managements besetzen. Auf der anderen Seite wird ihre Effektivi-tät von der Deutlichkeit und Präzision ihrer speziellen Zielsetzungen abhängen, und deshalb von ihren eigenen Grenzen in Zeit und Raum. Ein Raum hat keine Führer. Er ist nur ein Ort, im Grunde ein horizontaler Ort, genauso wie die Oberfläche der Erde, selbst wenn sie einige Höhen und Tiefen hat. Er ist wie ein Platz ohne Eigentümer. Wenn der Platz einen anderen Besitzer hat als die Allgemeinheit, dann ist er kein Platz mehr, sondern ein Privatgrundstück. Plätze sind im allgemeinen Freiflächen (open spaces), die von allen aufgesucht werden können, die irgendein Interesse darin finden, sie zu benutzen. Ihr Zweck besteht einzig darin, ein Platz zu sein, egal welchen Dienst sie ihren Benutzern leisten. Je länger sie Plätze bleiben, umso besser ist es für die, die von ihnen das nutzen, was sie für die Verwirklichung ihrer jeweiligen Ziele bieten. Selbst wenn ein Platz Bäume und kleine Hügel hat, ist er doch sozial gesehen immer ein horizontaler Ort. Diejenigen, die auf die Bäume oder auf die Hügel steigen, können nicht von oben die Aktivitäten derer kontrollieren, die sich auf dem Platz befinden. Von den ande-ren auf dem Platz als verrückt angesehen zu werden ist das mindeste, was irgend solch ein Kletterer erwarten kann. Sollten sie hartnäckig oder lästig werden, dann werden sie am Ende Selbstgespräche führen, denn die anderen auf dem Platz werden diesen verlassen. Oder diese könnten sogar mit Öffentlichen Autoritäten zurückkehren, die sie ihrerseits dazu bringen werden, den Platz zu verlassen oder aufzuhören, von oben zu predigen, um den für öffentliche Plätze typischen Frieden wieder herzustellen. Das Forum: Raum, um Bewegungen auszubrüten? Die Charta der Prinzipien bezieht deutlich Stellung gegen die Übertragung jedweder Art von Richtungsentscheidung oder Führung des Forums: niemand kann im Namen des Weltsozialfo-rums sprechen denn es macht keinen Sinn im Namen eines Platzes oder seiner Besucher und Nutzer zu sprechen. Jeder, Individuum und Organisation, behält sein Recht, sich selbst zu äu-ßern und sich vor und nach dem Forum gemäß den eigenen Überzeugungen zu verhalten, egal ob er sich Positionen und Angebote, die von anderen Teilnehmern eingebracht werden, zu ei-gen macht oder nicht, - jedoch aber niemals im Namen des Forums oder aller seiner Beteilig-ten. Wie der öffentliche Platz ist das Forum ein offener, jedoch nicht ein neutraler Raum. Das Forum ist von Zeit zu Zeit in verschiedenen Teilen der Welt geöffnet durch die Veran-staltungen dort, wo es stattfindet. Und zwar mit einer speziellen Zielsetzung: so vielen Indivi-duen, Organisationen und Bewegungen wie möglich, die sich dem Neoliberalismus entgegen stellen, die Gelegenheit zu geben, in freier Weise zusammen zu kommen, einander zu zuhö-ren, von den Erfahrungen und Kämpfen anderer zu lernen und Aktionsvorschläge zu diskutie-ren; um sich in neuen Netzen und Organisationen miteinander zu verbinden, - Vernetzungen, die darauf abzielen, den gegenwärtigen von großen transnationalen Konzernen und ihren fi-nanziellen Interessen dominierten Prozess der Globalisierung zu überwinden. Auf diese Weise ist das Weltsozialforum ein Raum, der dafür geschaffen ist, einem gemeinsamen Ziel all jener zu dienen, die zum Forum zusammen kommen. Und dieses Forum funktioniert horizontal wie ein öffentlicher Platz, ohne Führer oder Machtpyramiden. Das Fo-rum arbeitet wie eine Ideen-Fabrik oder wie ein Brutkasten, aus dem neue, auf die Errich-tung einer anderen Welt abzielende Initiativen hervorgehen können, die wir als machbar, notwendig und dringend erachten. Wir dürfen die Geburt vieler Bewegungen erwarten, größe-rer oder kleinerer, mehr oder weniger kämpferischer, jede mit ihren speziellen Zielsetzungen, jede mit einer eigenen Rolle, die sie in dem gleichen Kampf spielen möchte - und der primäre Zweck des Platzes besteht darin, dass sich solche Bewegungen besser entwickeln können. Das größte Potential des Forums als Raum besteht darin, Bewegungen zum Leben zu verhelfen, die diesen Kampf verbreitern. Wenn umgekehrt eine Bewegung neue Bewegungen hervorbringt, geschieht dies widerwillig als Ergebnis interner Spaltungen. Und das würde ein-treten, wenn das Forum selbst zu einer Bewegung werden würde. Die Zielsetzungen dieser neuen Initiativen müssen nicht alle klar und präzise sein, ganz im Gegensatz zu dem, was in Bewegungen passiert. Einige sind noch im Prozess der Entstehung begriffen, sie warten sozusagen im Brutkasten darauf, ausgebrütet zu werden und brauchen noch Zeit, um zu reifen.

Die Vorteile, keine Abschlusserklärung zu haben

Die Charta der Prinzipien des Forums unterstreicht diese Rolle, indem sie darauf besteht, dass es keine Abschlusserklärung geben soll. Ein Platz verfasst keine Deklarationen , aber die-jenigen, die sich auf ihm treffen, können dies tun. Die Teilnehmer des Weltsozialforums kön-nen wie immer geartete abschließende Erklärungen verfassen, die sie für wünschenswert hal-ten - und diese sind höchst willkommen. Aber sie werden niemals Erklärungen des Forums durch das Forum sein. Als ein Raum, der allen gemeinsam zukommt, spricht es nicht, oder vielmehr, es spricht vieles durch seine schlichte Existenz. In dem Maße, wie mehr und mehr Menschen und Organisationen zusammen kommen, um Wege zur Überwindung des Neolibe-ralismus zu finden, ist dies an sich eine sprechende politische Tatsache. Deshalb muss auch gar niemand im Namen des Forums sprechen. Diese vom Forum angenommene Idee wurde beim Weltsozialforum in Porto Alegre 2003 ohne Umstände von einer großen Zahl von Teilnehmern aufgegriffen, indem sie das Anschlagbrett nutzten, das aus diesem Grund für während des 2003-Forums verabschiede-te Aktionsvorschläge eingerichtet worden war. Neben der Tatsache, dass dieses Anschlag-brett den Teilnehmern dazu diente sich bemerkbar zu machen, verdeutlichten die später einge-reichten Abschlussvorschläge und -erklärungen den Reichtum und die Vielfalt des Engage-ments der Teilnehmer. Diese Ansätze kann man auf der Website des Forums besichtigen. In diesem Jahr war es aber nicht möglich, alle Aktionsbeschlüsse der Teilnehmer zu zeigen, da das die Inhalte des Anschlagbretts unzureichend publiziert worden waren. Die Verbreitung dieser Information durch das Internet - mit Hinweisen darauf, wie die Autoren der Angebote kontaktiert werden können - eröffnet zusätzliche Perspektiven durch neue, dadurch ermöglichte Kontakte und Beziehungen. So ergeben sich während des Forums neue Ausdrucksformen rund um die verschiedenen Angebote. Es ist, als ob der Platz des Fo-rums durchgehend geöffnet sei, als ob er Zeit und Raum überwindet und die begrenzte fünftä-gige Veranstaltung in Porto Alegre überdauert. Die Kontakte können multipliziert werden und zu weiteren konkreten Aktionen führen, unterstützt durch die unbegrenzten Möglichkeiten des Internet. Das gleiche kann mit dem bei anderen Veranstaltungen eingerichteten Anschlag-brett für Angebote geschehen. Vielfalt - ein wertvolles Ziel Doch die Konzeption des Forums als eines Raumes hat noch mehr Vorzüge. Als offener Raum (open space) hat das Forum die Möglichkeit, den Respekt für Vielfalt zu gewährleisten, anders als wenn es eine Bewegung wäre. Das Prinzip, die Vielfalt zu respektieren, aufge-nommen in die Charta des Weltsozialforums, basiert auf der Überzeugung, dass eine der grundlegenden Charakteristika der anderen Welt, die wir bauen wollen, der Respekt vor der Vielfalt sein muss. Ohne völlig neutral zu werden, lässt das Forum jeder TeilnehmerIn die Freiheit, den Be-reich und die Ebene zu wählen, in dem sie/er aktiv werden möchte. Diese Aktivität kann ent-weder sehr weit und umfassend sein oder begrenzt; sie kann entweder darauf abzielen, die tie-feren Ursachen der heutigen Probleme in der Welt anzugehen oder die Erscheinungsformen und Wirkungen dieser Probleme an der Oberfläche. Die Bandbreite der während des Forums diskutierten Themen und die Zielsetzungen, die in ihm verfolgt werden, kann auf diese Weise gewaltig groß sein. Genauso so umfangreich ist aber auch die Bandbreite der für die Errich-tung einer neuen Welt erforderlichen Veränderungen. Niemand im Forum hat die Macht oder das Recht, zu sagen, dass eine Aktion oder ein Angebot wichtiger ist als eine andere. Auch sollte niemand die Macht oder das Recht haben, dem eigenen Angebot eine größere Sichtbar-keit zu verschaffen oder diese zu fordern, indem die Betreffenden sich eines Raumes, der allen gehört, für ihre besonderen Ziele bemächtigen.

Das ist jedoch ein Thema, das in bezug auf die Ausdrucksformen der Demonstrationen, die Inhalte des Forums nach außen vermitteln, noch sorgfältigere Überlegungen erfordert.. Die Transparente sollten die Transparente von allen sein, als abschließender sichtbarer Ausdruck der Vielfalt und Verschiedenheit von Angeboten, denen das Forum eine Unterkunft bietet, oder die aus ihm hervorgehen. Diesen oder jenen Kampf zu privilegieren, in den ersten Rei-hen der Demonstrationen oder unter den Sprechern der Schlusskundgebung sein zu wollen, widerspricht dem Prinzip der Vielfalt und vermittelt eine Vision eines Forums als Bewegung anstatt eines Forums als Raum. Diese Frage muss noch weiter und in größerer Tiefe disku-tiert werden. Ganz sicher tragen diese Eigenschaften des Forums zu seiner großen Akzeptanz und dem Reiz und Erfolg seiner Veranstaltungen bei. Seine Teilnehmer fühlen sich ihren Ent-scheidungen, in ihrem eigenen Rhythmus und in der jeweils eigenen Ebene des Engage-ments respektiert. Einige kommen sicherlich als Aktivisten einer bestimmten Bewegung zum Forum. Aber die Mehrheit kommt angetrieben vom individuellen Glauben, dass es wichtig ist, zu kommen, Erfahrungen auszutauschen, andere kennen zu lernen und sich mit ihnen zu ver-binden, unter Wahrung der Freiheit, wie sie vorher hatten und wie sie auch während und nach der haben werden. Sie wissen, dass sie weder Anweisungen erhalten noch Befehle zu befolgen haben, und dass sie auch keine Rechenschaft über ihr Tun und Lassen ablegen müssen. Auch müssen sie nicht ihre Loyalität oder Disziplin beweisen, und werden auch nicht ausgeschlossen, wenn sie dies nicht tun, ganz im Gegensatz zu dem, was ihnen widerfahren würde, wenn sie an ir-gendeinem Treffen einer organisierten Bewegung teilnehmen würden. Freude und gegenseitige Verantwortung Der Charakter des Forums erklärt die große Freude, die auf diesem Platz herrscht. Es ist wie auf einem riesigen Volksfest, eine echte Party mit Räumen für Demonstrationen und Präsen-tationen unterschiedlichster Art. Niemand wird durch das Forum verletzt, denn niemand muss darum kämpfen, dass seine Vorschläge oder Ideen sich gegenüber anderen durchsetzen. Auch muss keiner befürchten, dass er sich gegen andere verteidigen muss, die das Forum kon-trollieren wollen, oder die dem Forum Richtungen oder Verhaltensregeln darüber auferlegen wollen, wie es sich zusammen zu finden, zu bewerten, zu entscheiden und Aufgaben zu er-greifen hat. Und noch weniger müssen politische Verhaltensauflagen befürchtet werden, wie sie sowohl in Gruppen und Delegationen wie auch in guten und disziplinierten Parteien o-der Bewegungen vorkommen. Treffen dieser Art sind möglich, doch niemals für jene, die Ak-tivisten dieser oder jener Bewegung sind, verpflichtend. Es wäre schade, wenn diese Freude auf dem Platz verloren ginge, was ziemlich sicher eintreten würde, wenn er nicht länger ein Platz bliebe. Es ist genau diese Freude - dieselbe Freude, die wir alle permanent in der anderen möglichen Welt sehen wollen die Freude, die jeden ergreift und stärkt, und die auch die Spaltungen überwindet, die die Kämpfe der un-terschiedlichen Bewegungen voneinander isolieren: die Freude darüber, dass wir viele in ein- und demselben Kampf sind. Auf diese Weise treffen und erkennen sich die Aktivisten der verschiedenen Bewe-gungen mit- und untereinander in dem offenen Raum, der für alle vom Forum zur Verfügung gestellt wird: diejenigen, die für die Rechte der Frauen, der Landarbeiter, der städtischen Ar-beiter und der Kinder kämpfen; diejenigen, die für die Umwelt kämpfen; diejenigen, die nach neuen ökonomischen Verhältnissen in einzelnen Ländern oder auf der internationalen Ebene streben; und diejenigen, die sich für demokratische Partizipation in Regierungen oder für die Erweiterung der spirituellen Dimension des Menschen einsetzen; usw., kurz, die große Viel-falt existierender Bewegungen.

Wenn das Forum eine Bewegung der Bewegungen wird, würde keine dieser Bewe-gungen einzeln in der Lage sein, einen derartigen Raum zu schaffen und erfolgreich alle ande-ren Bewegungen dazu bringen, ihre Einladung ohne Bedingungen anzunehmen. Das Treffen würde von der Notwendigkeit überschattet werden, mit einer anderen Strukturbildung zu be-ginnen, die die Intention der Vereinheitlichung hätte, mit all den Regeln - von allen vereinbart - die erforderlich wären, um sie zu realisieren. Und dann, als Ergebnis des Kampfes um Raum und dessen Kontrolle, aber auch um die Definition der Zielsetzungen der neuen Bewegung, würde die Konkurrenz unter den Abteilungen wieder entbrennen. Und schließlich ist das Gefühl gegenseitiger Verantwortung ein Charakteristikum des Forums als Raum. Die Tatsache, dass es ein Platz ohne Besitzer ist, macht dies möglich. Selbst die Fehler der Organisatoren - die angesichts des Umfangs, den die Veranstaltungen angenommen haben, oft zahlreich sind - werden akzeptiert und von den Initiativen und durch die Fantasie der Teilnehmer korrigiert. Beim Weltsozialforum 2003 in Porto Alegre gab es ei-nen schwerwiegenden und unfreiwilligen Fehler, der die Organisatoren zwang, große An-strengungen zu unternehmen, um dessen Auswirkungen zu minimieren: Die Workshop-Programme wurden erst am zweiten Tag publiziert. Das hätte leicht die ganze Veranstaltung sprengen können. Trotzdem fanden die Teilnehmer Wege, um das Versäumnis selbst aus-zugleichen, und es gab sogar Initiativen von außen in Form einer Veröffentlichungen des Programms in Raubkopie, von Leuten bereit gestellt, die das Internet am Abend vorher durchgekämmt hatten. Risiken, denen wir uns stellen müssen Das Weltsozialforum als einen Raum beizubehalten ist dann vielleicht der beste Weg, um sei-nen größten Vorzug zu sichern. Dieser muss um jeden Preis erhalten bleiben. So betrachtet arbeiten diejenigen, die es in eine Bewegung transformieren wollen, gegen unsere gemeinsa-me Sache. Sie handeln effektiv gegen ihre eigenen Interessen und gegen unser aller Interes-sen. Als aus dem Forum heraus geborene Artikulationen und Initiativen behindern und ersti-cken sie ihre eigen Lebensquelle - oder zumindest zerstören sie ein machtvolles Instrument, das ihnen zur Verfügung steht, um ihre Präsenz in dem Kampf, in dem wir alle engagiert sind, auszuweiten. Initiativen, die von bestimmten selbsternannten sozialen Bewegungen ergriffen worden sind, weisen in diese Richtung. Mit der Notwendigkeit einer populären Mobilisierung zum Kampf gegen den Neoliberalismus befasst was legitim ist -, versuchen sie jedoch, das Forum ihrer eigenen Mobilisierungsdynamik einzuverleiben, um ihren eigenen Zielen zu nut-zen. Solche Bewegungen wissen, dass sie niemals alle Teilnehmer, die zu jedem Forum kommen, vereinen können, selbst wenn sie in der Lage sind, einige wichtige Organisationen zusammen zu bringen. Aber selbst dann noch denken sie, dass ihre eigene Abschlusserklärung als eine Abschlusserklärung auf dem Forum präsentiert und angenommen werden soll. Eine Initiative dieser Art - hervorgegangen aus dem Brutplatz des Forums 2001 - hat bereits An-lass zu verschiedenen Spannungen und Missverständnissen nach dem Forum gegeben. Der Druck in dieser Richtung hat auch in anderen Veranstaltungen Gestalt angenommen, sogar noch nach dem Forum 2003, obwohl weniger schwerwiegend. Dieser letzte Versuch gefähr-dete die mobilisierenden Wirkungen und Ausdrucksmöglichkeiten, die mit dem Anschlag-brett für Aktionsangebote ermöglicht worden waren. Vor kurzem ist die Koordination dieser Bewegungen noch weiter gegangen: als Mitglieder der Organisationskomitees für die Veranstaltungen des Weltsozialforums haben sie 7 vorgeschlagen, dass ihr eigenes Abschlusstreffen, das normaler Weise gegen Ende des Fo-rums stattfindet, in den Ablaufplan des letzten Tages des Forums aufgenommen wird. Dieses Treffen, das notwendigerweise nur begrenzte Teilnahme erfährt, würde dann - wenigstens ge-genüber den Medien - als abschließendes Treffen des ganzen Forums erscheinen. Wenn die Organisationskomitees diese Ausrichtung übernehmen, werden sie neue Spannungen erzeugen. Jeder wird sich dann genötigt fühlen, die Ergebnisse der eigenen Akti-vitäten bei diesem Treffen einzubringen, um sicherzustellen, dass diese Ergebnisse von denje-nigen implementiert werden, die deren effektive Realisierung wie in einer gut organisierten Bewegung koordinieren . Selbst wenn nicht alle Teilnehmer des Forums an ihm teilnehmen, indem sie die Aufmerksamkeit auf das Treffen, das sie am Ende des Forums organisieren, lenken, wird dieses Treffen unvermeidlich einige der zur Erörterung gestellten Handlungsvor-schläge ignorieren oder missachten. Oder es wird die Notwendigkeit von Vertretung erzeu-gen, die das Forum in die übliche Pyramide transformieren, ohne die Freude des horizontalen Platzes. Es ist deshalb die große Herausforderung für die Kontinuität des Forum-Prozesses und für seine Eignung als Entstehungsort für mehr und mehr Bewegungen und Initiativen, solche Räume, die wirklich offen und frei sind, auf der ganzen Welt zu multiplizieren, ohne die Aufmerksamkeit nur auf spezielle Vorschläge zu konzentrieren. Wir müssen hoffen, dass niemand dazu beiträgt, wie auch immer unbeabsichtigt, das Forum bis zu dem Punkt zu schließen , wo es als ein offener Raum (open space) verschwindet. All dies ist eine Sache der Wahl. Individuen und Organisationen, die in diesem oder in den folgenden Jahren Veranstaltungen innerhalb des Prozesses des Weltsozialforums planen, und Mitglieder seines gegenwärtigen Internationalen Rates (International Council = IC) oder des erweiterten Ratstreffens im Juni 2003, können erwägen, die Annahme einer Richtung der Art, wie sie von den sogenannten sozialen Bewegungen vorgeschlagen wird, anzunehmen. Nie-mand kann solch eine Entscheidung verhindern. Es ist eine Option, aber dann würde jeder Teilnehmer am Forum-Prozess über die Fortsetzung der eigenen Teilnahme zu entscheiden haben. Das Forum würde dadurch noch nicht zu einer Bewegung, und deshalb würde es auch weder Regeln über Mitgliedschaften noch die Notwendigkeit geben, Mehrheitsentscheidun-gen zu akzeptieren, selbst wenn diese demokratisch sein sollten. Was wir nicht tun dürfen, ist die Vermeidung einer klaren Anerkenntnis und Erwägung dieser Frage, und weiter dürfen wir nicht vergessen, die Konsequenzen solcher Positionen und Ent-scheidungen zu analysieren. Zentral geplante versus selbstorganisierte Aktivitäten Diese Diskussion ist deshalb wesentlich, weil, ganz unabhängig von dem Druck von Teil-nehmern, das Weltsozialforum in eine Bewegung zu transformieren, die Organisatoren der Veranstaltungen selbst dazu tendieren werden, diese Option zu übernehmen, wenn die ge-genwärtige Methode der Organisation beibehalten wird. Die Wahl zwischen Weltsozialfo-rum als Raum und Weltsozialforum als Bewegung wird uns notwendigerweise bei solch einer Organisationsweise wieder begegnen. In dem Forum als Raum werden die selbstorganisierten Aktivitäten in den Köpfen der Ver-anstaltungsorganisatoren Priorität haben, sobald ihnen klar ist, dass das Weltsozialforum als ein Raum besser funktioniert. Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass die Veranstaltungen, die von den Organisatoren zentral geplant werden, überbewertet werden und auf Kosten der Tref-fen und Seminare stattfinden, die von den Teilnehmern selbst geplant werden. Diese selbstor-ganisierten Aktivitäten, die das Herzstück des Forums als Raum bilden, werden fast mit Nachlässigkeit behandelt. Seit der Zeit, als diese Art der Veranstaltungsorganisation beim 8 Weltsozialforum 2001 in Porto Alegre erfunden worden war, wird auf diese Aktivitäten fast als zweitrangig herabgesehen, als auf weniger bedeutende Aktivitäten mit wenig Prestige, als ob sie eine Last wären, die die Organisatoren gezwungen seien, zu tragen. Es ist wirklich eine Tatsache, dass in allen bis jetzt abgehaltenen Foren der Prozess der Wahl von Themen und Sprechern für die großen Konferenzen und Podien die meiste Zeit der Orga-nisatoren beansprucht hat. Dies ist auch im Internationalen Rat vorgekommen: zur Vorberei-tung des Weltsozialforums 2003 in Porto Alegre widmeten die Ratstreffen in Bangkok und Florenz (im August und November 2002) einen großen Teil ihres Arbeitsprogramms dieser Art von Entscheidung. Lange Treffen, die über die vom Rat angesetzten Zeiten hinaus dauer-ten, wurden notwendig. Es wurde sogar ein Sondertreffen der hierfür eingerichteten neuen Arbeitsgruppe notwendig, das in Brasilien zwischen den planmäßigen Treffen in Bangkok und Florenz stattfand alles, um die Koordinatoren der Hauptthemen zusammen zu bringen - und dies mit all den Kosten, die solche Treffen nach sich ziehen. Die Themen und Vortra-genden sind zum Schaukasten des Forums geworden, die öffentlichste und sichtbarste De-monstration dessen, was mit ihm zusammen hängt und was in ihm diskutiert wird; und dies muss selbstverständlich sorgfältig geplant werden, um die Positionen und Vorschläge deutlich zu halten. Dies ist genauso beim Davoser Weltwirtschaftsforum, das keine selbstorganisierten Aktivitäten hat und deshalb die Hauptthemen seiner Veranstaltungen jedes Mal sehr sorgfältig aussuchen muss. Demgegenüber folgt die Vorbereitung der anderen Teile des Weltsozialforums - die von den Teilnehmern geplanten Veranstaltungen, die, neben ihren Themen, ein Kennzeichen des Weltsozialforums sind - einer rein administrativen Dynamik, die fast bürokratisch ist. Ein Meldeschluss wird für die Einreichung von Seminar- und Workshopangeboten angesetzt; die-jenigen, die aufgrund der Charta des Weltsozialforums nicht akzeptiert werden können, wer-den in einem Prozess identifiziert, der angesichts der kurzen Zeit, in der die Organisatoren ihn zu vollziehen haben, eher unangemessen ist. In Wirklichkeit sind es nur die Angebote, die ex-plizit ihre Verbindung zu politischen Parteien und bewaffneten Organisationen erklären, die abgelehnt werden. Dann werden diesen Aktivitäten verwaltungsmäßig Termine und Orte zu-geteilt; ein Katalog wird gedruckt, in dem jede Aktivität, ihr Veranstalter, ihr Zeitpunkt und ihr Veranstaltungsort enthalten sind. Dieser wird fast immer in der aller letzten Minute he-rausgegeben, nachdem all die üblichen Korrekturen und Veränderungen in letzter Minute ge-macht worden sind, und nicht einmal alle Teilnehmer erhalten ihn. Da eine ganze Anzahl dieser selbstorganisierten Aktivitäten dazu tendiert, groß zu werden, können nur einige in den zentralen Bereichen der Veranstaltung statt finden. Der Rest wird auf bestmögliche Weise auf die zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten verteilt - manchmal sogar in verschiedenen Stadtteilen und sogar in Gegenden, die schwer zu erreichen sind. Der endgültige Programmkatalog ist normalerweise frühestens am ersten Veranstaltungstag erhält-lich. Das Ergebnis ist, dass die Teilnehmer an den selbstorganisierten Veranstaltungen oft nur deren eigene Organisatoren sind und diejenigen, die sie selbst eingeladen haben, oder diejeni-gen, die es geschafft haben, schnell genug die Aktivitäten ihres Interesses zu identifizieren. Die Situation ist schlimmer, wenn die Organisatoren der großen Veranstaltungen in der Lage sind, bekannte Persönlichkeiten zu ihren Veranstaltungen zu bringen, und wenn diese Veran-staltungen sich mit den Workshops und Seminaren überschneiden, wie es 2003 in Porto A-legre passiert ist. Am Ende ziehen die großen Konferenzen die meisten Leute an und überlas-sen die selbstorganisierten Veranstaltungen denen, die wirklich darauf bestehen, an ihnen teil zu nehmen. Es ist deutlich: angesichts dieser Situation müssen wir die Funktion der Veran-staltungen, Seminare und Workshops nochmals überprüfen. Es gibt mehrere Vorkehrungen, die getroffen werden können, um einige dieser Probleme zu vermeiden. Erstens können die Meldefristen für Workshop- und Seminarangebote auf einen9 frühzeitigen Zeitpunkt festgesetzt werden. Die Frist könnte für die großen Veranstaltungen wenigstens zwei Monate vor Beginn betragen. Dies würde es möglich machen, die Angebote im voraus über das Internet zu verbreiten und umgekehrt erlauben, rechtzeitig vor dem jewei-ligen Workshop Verbindungen miteinander zu knüpfen und die Vorbereitung durch die Teil-nehmer selbst zu verbessern, indem man ihnen ermöglicht, schon vor dem Forum zu wissen, bei welchen Aktivitäten sie mitmachen möchten. Zweitens sollte der Raum für selbstorganisierte Aktivitäten in den Haupträumen der Veran-staltung lokalisiert sein, auf dem zentralen Platz, der über eine bessere Infrastruktur, leichte Erreichbarkeit und angemessene Ankündigung verfügt. Sie sollten nicht unter dem leiden, was im Forum 2003 in Porto Alegre passiert ist, was Leute dazu geführt hat zu sagen, die gro-ßen Stars hätten sich des Forums bemächtigt. Selbstorganisierte Veranstaltungen stehen im Einklang mit dem Forum als Raum, nicht jedoch mit dem Forum als Bewegung. Es kann keinen Zweifel darüber geben, dass das Setzen der Priorität auf die selbstorganisierten Aktivitäten viel mehr das Erreichen der Ziele des Weltsozialforums fördert, wie sie in der Charta des Weltsozialforums niedergelegt und am Anfang dieses Artikels angedeutet worden sind: es möglichst vielen Individuen, Organisatio-nen und Bewegungen, die sich dem Neoliberalismus entgegen stellen, ermöglichen, in freier Weise zusammen zu kommen, einander zu zuhören, von den Erfahrungen und Kämpfen ande-rer zu lernen, und Aktionsvorschläge zu diskutieren; um sich in neuen Netzen und Organisati-onen miteinander zu verbinden, die darauf abzielen, den Prozess der gegenwärtigen Globali-sierung zu überwinden, der von großen internationalen Konzernen und ihren finanziellen Inte-ressen dominiert wird. Organisationskomitees: Moderatoren oder Führer einer Bewegung? Wie in der Charta des Weltsozialforums erklärt, ist das Forum nicht ein Raum für den Disput über Macht. Bis jetzt hatte es den Charakter eines horizontalen und offenen Raumes, und dies hat wirkungsvoll das Auftreten solcher Dispute in seinen Veranstaltungen verhindert. Aber das Forum und seine Veranstaltungen sind nicht immun dagegen, dass dies eintreten könnte. Wenn das Forum als eine Bewegung angesehen wird - die eine politische Richtung erfor-dert - dann wird es für die politischen Kräfte, die an ihm teil nehmen, strategisch notwendig, mit dem Ziel der Einflussnahme auf Entscheidungen in dessen Organisationskomitees einzu-treten. Spannungen treten dann auf zwischen denen, die bereits drinnen sind und es praktisch in Besitz genommen haben, und denjenigen, die sich ausgeschlossen fühlen oder die ein-fach hineinkommen und an der Bestimmung der Richtung teilnehmen wollen. Es gibt auch jene, die die Notwendigkeit erleben, diesen Kampf sogar in das Brasilianische Organisationskomitee (Brazilian Organising Committee = BOC) - das gegenwärtig als das Sekretariat des Forum-Prozesses fungiert - und in seinen Internationalen Rat hinein zu tragen. Sie sagen sogar, dass die gegenwärtige Zusammensetzung des Brasilianischen Komitees nicht repräsentativ sei, weil es nicht die proportionale Teilnahme aller Kräfte oder politischen Ten-denzen berücksichtigt, die an der Führung des Forum-Prozesses beteiligt sein sollten. Sie sa-gen auch, der Internationale Rat sollte von einigen Personen geleitet oder auf eine Gruppe, die andere repräsentiert, reduziert werden. Diese Vorschläge wären nur dann gerechtfertigt, wenn das Forum eine Bewegung wäre, aber sie sind nicht angemessen für ein Forum als Raum, einen Platz , der - wie wir schon oben gesehen haben - es nicht zulässt, eine politische Richtung zu haben oder zu repräsentieren. Mehr als alles andere braucht das Forum Menschen und Institutionen, die willens sind, die Aufgabe der Organisation eines Platzes auszuführen ohne in das einzugreifen, was auf ihm 10 diskutiert wird, und noch weniger in die Freiheit, die allen seinen Teilnehmern garantiert wer-den sollte. Angesichts dessen erscheint es wünschenswert, dass die Zusammensetzung der Organisati-onskomitees des Forums als Raum eine Vielfalt aufweist, die die Vielfalt in den Veranstal-tungen respektiert und reflektiert. Aber das heißt nicht, das es dort eine proportionale Vielfalt gemäß der Bedeutung der Organisationen und Bewegungen, die an diesen Veranstaltungen teilnehmen, geben muss, denn diese Organisationen und Bewegungen kommen nicht zum Fo-rum, um Anweisungen entgegen zu nehmen. Viel wichtiger als eine Vielfalt in den Komitees ist die Glaubwürdigkeit der Personen und Organisationen, die die Komitees bilden. Sie müs-sen in der Lage sein, Menschen zum Forum einzuladen ohne sie in irgend einem Zweifel über die wirklichen Interessen der Einladung, die sie erhalten, zu lassen. Die Eingeladenen sollten nicht vor der Möglichkeit auf der Hut sein müssen, dass sie von denen, die sie eingeladen ha-ben, benutzt werden, um deren eigene tatsächlichen Ziele durchzuführen - was passiert, wenn politische Parteien sich entschließen, den Prozess großzügig zu unterstützen. Unter diesem Gesichtspunkt ist bei der Option des Forums als Raum sowohl für die Organisationskomitees als auch für den Internationalen Rat das Konzept des Moderators das angemessenere. Moderatoren befehlen nicht. Was sie tun, besteht darin, dass sie existie-renden oder zukünftigen Bewegungen ermöglichen, in ihren Kämpfen vorwärts zu kommen, ihnen dabei helfen, Konfrontationen untereinander über Alternativen, wie die Welt zu verän-dern sei, zu vermeiden. Und noch weniger müssen sie versuchen, ihre Ideen und Angebote einander aufzunötigen. Sie müssen sich darum kümmern sicher zu stellen, dass jede von ihnen organisierte Veranstaltung die Zielstellungen des Forums selbst erfüllt. Bei sorgfältiger Berücksichtigung der jeweiligen politischen Situation, müssen sie die besten in Zeit und Raum zur Verfügung stehenden Organisationsalternativen bestimmen und umsetzen. Natürlich gibt es den Fall, dass neben den Organisationskomitees für die Veranstal-tungen andere Ebenen der Organisation zur Auswertung und für Vorschläge zum Forum-Prozess selbst - wie erweiterte Komitees, Räte und Versammlungen - die Wirkungen dieses Prozesses noch verstärken können. Dies wird besonders dann der Fall sein, wenn es ihnen ge-lingt, eine noch größere Mannigfaltigkeit und Repräsentation von Bewegungen, die mit dem Bau einer anderen Welt befasst sind, einzubeziehen. Aber innerhalb der Option Forum als Raum sollte diese Art der Organisation diese Bewegungen und Organisationen nicht lenken, sondern nur die Hervorbringung von immer weiteren Forum-Räumen bekräftigen und unter-stützen. Diese Art Blickwinkel ist viel schwieriger einzunehmen, denn er ist nicht so he-roisch wie die Ausübung politischer Führerschaft, welche die Option Forum als Bewegung erfordert. Ihn einzunehmen wird vielleicht zu weniger Interesse an der Teilnahme der Organi-sation der großen Veranstaltungen führen. Dadurch wird es nur noch mehr entscheidend, die Bemühungen und Ressourcen dafür aufzusparen, das Zusammenwachsen, die Verbindungen und die Artikulationen während der Veranstaltung zu stärken. Jetzt aber ist es vor allem nützlich und notwendig, dass die Schranken zwischen den verschiedenen Arten und Bereichen des Engagements fallen, und dass ihre Stimme im Kampf gegen den Neoliberalismus überall auf der Welt hörbar wird. Damit dieser Kampf stärker, kräftiger und dichter wird; damit mehr Bewegungen, Netzwerke und Initiativen des Kampfes gefördert werden; und damit die Debatte über Vorschläge und Wege, wie die Dominanz des Kapitals überwunden werden kann, vertieft wird. Wenn dies der Moment ist, in dem wir leben, dann können wir sicher sein, dass die Aufgabe der Multiplikation von Forum-Räumen unschätzbar bedeutsam, unersetzbar und höchst empfehlenswert in unserem gemeinsamen Engagement für das Bauen anderer Welten ist.

17. März 2003
Übersetzt aus dem Englischen von Ulrich Morgenthaler


1 Dieser Aufsatz ist erschienen in The WSF : Challenging Empires , herausgegeben von: Jai Sen, Anita Anand, Arturo Escobar und Peter Waterman. (Viveka Foundation, Indien, 2004) Das Buch ist erhältlich im pdf-Format unter:  http://www.choike.org/nuevo_eng/informes/1557.html. Der Aufsatz ist eine überarbeitete Version eines längeren Beitrags, der über Email am 17. März 2003 zirkuliert wurde.

2 Chico Whitaker (Francisco Whitaker Ferreira) ist ein führender brasilianischer Aktivist und einer der Gründungspersönlichkeiten des Weltsozialforums in Brasilien. Er ist Geschäftsführer des Brasilianische Komitees für Gerechtigkeit und Frieden (Brazilian Committee of Justice and Peace); aktiv in den radikalen Bewegungen innerhalb der Katholischen Kirche - und in der Arbeiter Partei, in der er über die Liste der PT zum Ratsmitglied/Beigeordneten gewählt wurde. Er ist Mitglied im Brasilianischen Organisationskomitee (Brazilian Organising Committee) und im Internationalen Rat (International Council) des Weltsozialforums.

3 Die Charta der Prinzipien des Weltsozialforums wurde zuerst von den acht Mitgliedern des Brasilianischen Organisationskomitee des Weltsozialforums (WSF Brazilian Organising Committee) im April 2001 formuliert (ABONG, ATTAC, CBJP, CIVES, CUT, IBASE, CJG, und MST, April 2001). Sie wurde dann modifiziert und angenommen vom ersten Treffen des Internationalen Beratungskomitees des Weltsozialforums ( WSF International Advisory Committee), später umbenannt in den Internationalen Rat (International Council), im Juni 2001 (Organisationskomitee des Weltsozialforums - World Social Forum Organising Committee, June 2001).) Whitaker bezieht sich hier auf die Version vom Juni 2001 ( http://www.choike.org/documentos/wsf_s112_wsfcharter2.pdf; für eine deutsche Übersetzung siehe:  http://www.attac.de/stuttgart/dokumente/ssf/chartawsf.htm)

 http://www.weltsozialforum.org

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