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Gender und Umwelt (Irmgard Schultz)

by Quelle: ISOE - 03.11.2004 15:36

"Forschungen im Rahmen des Themas 'Gender & Environment' - Ein Blick auf die deutsche Debatte"

Ein Vortrag anläßlich des wissenschaftlichen Kolloquiums des NFFG
"Geschlechterverhältnisse - Naturverhältnisse"
am 17. September 1999 an der Universität Hannover

Dr. Irmgard Schultz, Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE), Frankfurt
 

Vorweg eine Bemerkung zum Titel dieses Diskussionsblocks: "Gender and Environment". 1995 haben Ines Weller und ich einen Sammelband mit dem Titel "Gender &Environment: Ökologie und die Gestaltungsmacht der Frauen" herausgegeben, der Beiträge eines Workshops enthält, auf dem Feministinnen aus Sozialwissenschaften und Naturwissenschaften versuchten, das Themenfeld einer feministischen Umweltforschung abzustecken (Schultz/Weller 1995). Dabei diente der dort von uns zur Diskussion gestellte Begriff der "Gestaltungsmacht von Frauen" einer konzeptionellen Erweiterung des in der internationalen Frauenbewegung benutzten Konzepts des empowerment auch auf den Bereich der technischen Gestaltung. Wie nehmen Frauen - im Unterschied zu Männern - auf die technische Gestaltung Einfluß? Welche Einflußmöglichkeiten haben welche Frauen - welche Männer? Welche Einflußmöglichkeiten werden den Frauen in Verschiebung realer Machtstrukturen fälschlich zugesprochen? Können sie beispielsweise die ihnen zugesprochene "Konsummacht" wirklich zur Verringerung ökologischer Probleme nutzen? Diese Fragen versuchte ich anhand des Abfallproblems, das die ökologische Diskussion Deutschlands am Beginn der 90er Jahre dominierte, zu verdeutlichen (Schultz 1995).

Ines Weller stellte Fragen zur Gestaltungsmacht von Frauen anhand der ökologischen Perspektive einer Entchemisierung. Wie kann ein empowerment von Frauen und die Perspektive einer Entchemisierung des Alltags zusammengebracht werden? (Weller 1995). Wie sieht konkret die Gestaltungsmacht von Frauen beispielsweise auf die Rohstoffgewinnung, die Vorproduktions- , Produktions- Vermarktungs- und Nutzungs-Etappen im Lebensweg eines Baumwoll-T-Shirts aus, das - wie Ines Weller bereits auf einem gemeinsamen Workshop zum Thema "GlobalHaushalt" 1992 exemplarisch aufgezeigt hatte - mit seinem Etikett bis fast ein Drittel (bezogen auf das Gewicht) an chemischen Substanzen enthalten kann? Wie sind welche Frauen in welchen Arbeitsbedingungen entlang der globalen textilen Kette als Herstellerinnen beteiligt? Welche Möglichkeiten haben sie als Hausfrauen und Konsumentinnen der Ersten Welt-Länder? Wie kann die Gestaltungsmacht von Frauen - als Konsumentinnen wie als Arbeiterinnen, als Labortechnikerinnen und als Wissenschaftlerinnen - so erweitert werden, daß sie auch auf die Produktgestaltung Einfluß haben und zu einer Entchemisierung der Textilprodukte beitragen können? (Weller 1993). Diese konkreten Fragen verband Ines Weller auf dem Workshop zum Thema Gender & Environment mit der Frage nach den Grundannahmen der Chemie als Wissenschaft: Ist aus feministischer Sicht die Anwendung der Chemie - wie im geschilderten Beispiel - zu kritisieren oder müßte die feministische Kritik nicht schon an den Grundannahmen der Chemie ansetzen? Welche Annahmen in der Laborwissenschaft Chemie machen ihre kontextabstrahierende Anwendung möglich? Und warum gibt es in der feministischen Theorie eine breite Auseinandersetzung mit der Biologie als Wissenschaft, kaum aber mit der Chemie? (Weller 1995)

Wir wählten für den Workshop wie für den Forschungsschwerpunkt, den wir dazu im Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE)aufbauten, mit Bedacht nicht die Bezeichnung "Frauen und Natur". Natur --- das hat insbesondere die feministische Forschung gezeigt - ist die basale geschlechtsnormierende Kategorie des bürgerlich-modernen Denkens, das über die Natur-Kultur-Differenz seine Weltvorstellung im Muster bipolar-geschlechtsspezifisch hierarchisierter Sozialräume strukturierte. Über zwei zentrale Verortungsverfahren des modernen europäischen Denkens, das ist zum einen die Enthistorisierung von Natur und allen mit ihr assoziierten Menschen zu Naturressourcen, und das ist zum anderen die Unterordnung der mit Natur assoziierten Menschen unter diejenigen, die als Kulturträger definiert waren, wurden Gesellschaft und Natur im Muster einer starren Hierarchisierung vereinheitlicht und vereindeutigt. Dieses Hierarchisierungsmuster ist jedoch in seiner Eindeutigkeit heute verlorengegangen. Neue, postmoderne soziale Verortungsmuster, die sich nicht mehr normativ auf die Naturvorstellung der Moderne beziehen und nicht mehr allein über Hierarchien, sondern entscheidend auch über Diversifizierung, Segregation und geopolitische Verortung funktionieren, bestimmen den Entwicklungsdiskurs. Zudem hat sich das Naturverständnis, das heute als Legitimation für oder gegen eine bestimmte Entwicklung bemüht wird, entscheidend verändert. Natur wird nicht mehr durch ein bioevolutionäres Entwicklungsmodell der Gattungen und Arten ausbuchstabiert, auf dessen historischer Spitze das Kulturwesen Mensch steht, sondern Natur wird assoziiert mit dem Bild und dem Konstrukt vom Überleben des PlanetenErde (dazu ausführlich: Schultz 1997). Der extraterrestrische Sputnik-Blick auf den Globus, in dem Natur entsprechend der naturwissenschaftlichen Definition von Schadstoffen als richtig oder falsch konzentrierte Stoffströme und Energieumwandlungsprozesse begriffen wird, bestimmt heute vor allem ökologische Entwicklungsbegründungen. Natur ist im aktualisierten Denken längst zur Umwelt geworden und der Rückgriff auf das moralisierte Naturkonzept der Moderne ist insbesondere aus feministischer Sicht zweifelhaft. Deshalb wählten wir den Begriff "Umwelt" anstelle der moralisierten Kategorie "Natur".

Für die Wahl des Begriffs Gender sprach erst einmal die Anschlußfähigkeit an die internationale feministische Gender-Forschung. Darüberhinaus explizierte Ines Weller den Begriff im Sinne einer gesellschaftlichen Strukturkategorie, die zugleich eine indiviualisierende und strukturell vergesellschaftende Funktion innehat: "Mit der Verwendung des Begriffs Gender bezieht sich unser Ansatz auf die Diskussionen von Gender als (einer) Strukturkategorie des alltäglichen Handelns (das im Sinne eines DOING Gender zu begeifen ist und - wie zu ergänzen ist - Alltag sowohl als Alltag in der sog. Reproduktions- als auch in der sog. Produktionssphäre beinhaltet). In dem Konzept eines "DOING Gender" ist Gender als persönliches Merkmal (verstanden), das einerseits als Voraussetzung in jede Situation eingebracht wird, andereseits aber in jeder Situation auch immer wieder neu hergestellt (konstituiert) wird (vgl. dazu Pokora 1994). Gender ist damit nicht als Geschlechtsrolle zu verstehen, sondern als ein - wie F. Pokora es formulierte - "komplexes Bündel von Wahrnehmungs-, Denk- und Verhaltensdispositionen für Selbstdarstellung und Interaktionsformen" (Weller1995:33).

Der Gender-Begriff wird in diesem Ansatz einer feministischen Umweltforschung immer gesellschaftlichstheoretisch-strukturell verwendet und dient im Sinne der Begriffsverdeutlichung von Regina Becker-Schmidt sowohl für die Weiterentwicklung der Frauenforschung als auch der Geschlechterforschung und der Geschlechterverhältnisforschung. Gender ist eine Strukturkategorie gesellschaftlicher Verhältnisse, die nochmals in ihrer Relationalität und irreversiblen Gleichzeitigkeit zu Natur verstanden werden müssen. In diesem Verständnis wird Natur als die materiell und eigengesetzlich konstituierte Basis von Gesellschaft begriffen und nicht, wie im soziologischen Verständnis von Gesellschaft , als das von Gesellschaft Vorausgesetzte und Ausgeschlossene. Wir haben für die Erfassung der Gesellschafts-Natur-Gleichzeitigkeiten in unserem Institut den Begriff der gesellschaftlichen Naturverhältnisse geprägt (Jahn 1991). Darunter ist zu verstehen, daß die Gesellschaft-Natur-Beziehungen weder als rein gesellschaftliche noch letztlich als ausschließlich natürlich determinierte zu begreifen sind. Natur ist kein gesellschaftsfreier Raum, wie ihn das moderne Denken in seiner historisierenden Verschiebungsbewegung schuf, eine Denkfigur, welche die naturwissenschaftliche Definition von Ökologie prägte und bis heute Naturschutzzonen prägt (zur feministischen Kritik siehe Wächter 1996). Deshalb sprechen wir auch nicht von einer ökologischen Krise, sondern von einer globalen gesellschaftlichen Krise, in der politische, wirtschaftlich, soziale, ökologische und geschlechterpolitische Krisenmomente untrennbar miteinander verbunden sind (Schultz 1997).
Das strukturelle Verständnis von Gender, das bezogen wird auf eine solche Krisensicht, unterstellt den Frauen keine einheitliche Identität. Gehen wir von heterogenen und bei unterschiedlichen Frauen auf sehr unterschiedliche Weise ausgebildeten "Bündeln an Wahrnehmungs-, Denk- und Verhaltensdispositionen" (Pokora) aus, dann können wir den Frauen keine einheitliche Identität unterstellen, Frauen-politik ist dann nicht Identitätspolitik. Wird hingegen allen Frauen gleichermaßen als innere Wesensausstattung eine Identität zugesprochen, die darin begründet ist, daß sie eine besondere Naturverwandtschaft haben, werden Frauen dadurch zu einem homogenen Subjekt zwangsvereinheitlicht. Aus sehr unterschiedlichen Subjekten mit sehr verschiedenartigen Identitätsmischungen wird ein vereinheitlichtes Konstrukt hergestellt.

Diese Kritik trifft vor allem eine bestimmte Richtung des Ökofeminismus, deren bekannteste Vertreterinnen Vandana Shiva und Maria Mies sind (Mies/Shiva 1995). Durch die Unterstellung einer besonderen Nähe zur Natur, die Vandana Shiva als spirituelle Ausstattung der Frauen hypostasiert, Maria Mies letztlich jedoch als Resultat einer historischen Entwicklung , in der Frauen durch ihre Gebärfähigkeit mit der Natur besonders verbunden seien, konstruieren diese Ökofeministinnen "ein abstraktes Wesen Frau jenseits historischer und kultureller Unterschiede" (Wichterich 1995:112). Daß "den Frauen" damit implizit auch eine besondere Fähigkeit und Verpflichtung zur Rettung der Natur zugesprochen wird, reflektieren sie nicht mehr.

Ein Verständnis von Gender als DOING GENDER begreift demgegenüber ausdrücklich die Verschiedenartigkeit (diversity) der Frauen und auch die Perspektive der Überwindung und Überschreitung bipolarer Zweigeschlechtlichkeit mit ein, wie es beispielhaft in der Transsexualitäts- und Queer-Forschung und im dekonstruktivistischen Feminismus einer Judith Butler entwickelt wurde. Ines Weller beschrieb das daraus folgende Paradox, in dem sich eine nicht auf Identität ausgerichtete Frauenforschung und -politik bewegt, mit einem treffenden Zitat von E. Löchel (1994): "Wie ist es möglich, die Kategorie Geschlecht im Denken aufzuweichen und gleichzeitig auf der Grundlage dieser Kategorie Politik zu machen?" ( Weller 1995: 34)

Seit der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking 1995, auf der die dort in den NGO-Foren versammelten Frauen aus unterschiedlichen Perspektiven die Auswirkungen von Globalisierungsprozessen diskutierten, stehen die Schlagworte einer "cross-border-" und cross-cultural"-Organisierung für die Einsicht, daß Frauenpolitik nur in Anerkennung der globalen Vielfalt und Differenzen zwischen Frauen erfolgreich sein kann. Die Hypostasierung einer besonderen Nähe der Frauen zur Natur erscheint angesichts des politischen Prinzips des Respektierens der Vielfalt von Frauen als ein hilfloser Versuch, Politikfähigkeit durch essentialistische Wesensbegründungen der Frauen zu erreichen. Diesem "Paradigma der Einheit" stellt die indische Feministin Corinne Kumar-D´Souza ein notwendiges "Paradigma der Vielfalt" gegenüber. Sie spricht von "unerwarteten Verbindungen, die möglich werden durch einen Dialog unter dem Paradigma der Vielfalt" (zitiert bei Ruf 1998:77)

Die feministische Umweltforschung in Deutschland hat bisher erst wenige Ansätze entwickelt, in denen regional- und nationalstaatsspezifische Analysen mit globalen feministischen Analysen verbunden werden. Dies ist aus der Zielrichtung dieser Analysen, in die lokale, regionale oder staatliche Politik eingreifen zu wollen, auch verständlich. Wie der von Buchen/Buchholz/Hoffmann u.a. herausgegebene Sammelband "Das Umweltproblem ist nicht geschlechtsneutral" (Buchen u.a. 1994) dokumentiert, der feministische Ansätze in den wissenschaftlichen Teildisziplinen der Verkerhrsforschung, der Stadforschung, des technischen Umweltschutzes, der Abfallforschung, der feministischen Stoffstromforschung zeigt, die unter dem Sammelbegriff einer Forschung zu "Gender & Environment" zusammengefaßt werden können, bestimmen ökonomiekritische Ansätze in Verbindung mit der Perspektive eines empowerment von Frauen die theoretischen Zugänge. Entscheidender Referenzpunkt dabei ist die Verbindung von Produktions- und Reproduktionsarbeit. Vor allem der von Bock/Heeg/Rodenstein entwickelte Ansatz der "Krise der Reproduktionsarbeit", der im Rahmen der feministischen Raumplanungs- und Stadtforschung den krisenhaften Charakter der Reproduktionsarbeit angesichts modernisierter Lebensformen und veränderter Ansprüche an die Lebensführung zeigt (Bock/Heeg/Rodenstein 1993), hat die theoretische Diskussion einer feministischen Umweltforschung stark bestimmt. Auf diesen Ansatz aufbauend haben beispielsweise Ute Beik und Meike Spitzner im Rahmen der feministischen Verkehrsforschung typische Bewältigungsversuche der Reproduktionsarbeits-Krise auf dem Hintergrund zentraler Wahlmöglichkeiten in der weiblichen Biographieplanung herausgearbeitet, die letztlich auf die Kombinationsmöglichkeiten zwischen Kinderverzicht, Reproduktionsarbeit, Erwerbsarbeit und deren Ersetzung durch gekaufte Dienstleistungen beruhen. Sie zeigen dort auf, daß es für Frauen nur drei übergreifende Anpassungsstrategien an die personale, zeitliche und räumliche Desintegration von Reproduktions- und Erwerbsarbeit gibt , und daß dies eine in der technisch orientierten Verkehrsforschung ignorierte Ursache für die Entstehung und Vermehrung von Transportwegen in unserer Gesellschaft darstellt (Beik/Spitzner 1995).

Im Rahmen der feministischen Abfall- und Konsumforschung haben Monika Weiland und ich in Anspielung auf den dominierenden Veranwortungsdiskurs in der ökologischen Debatte zu Beginn der neunziger Jahre eine Tendenz der Feminisierung der Umweltverantwortung herausgearbeitet (Schultz/Weiland 1991). Darunter ist zu verstehen, daß sowohl die offizielle Politik als auch die technisch verengte Umweltforschung für die Entwicklung von Abfallminimierungs-strategien systematisch auf die unbezahlte Reproduktionsarbeit zurückgreift. Dabei wird den Frauen (wie allen feminisierten Haushaltsversorgern) mit der unausgesprochenen Unterstellung einer größeren Affinität von Frauen für Umwelt und Natur mehr Arbeit, Engagement und zusätzliche Belastung in der Alltagsbewältigung abverlangt.

Andererseits wird diese Mehrarbeit eingeplant, ohne die Alltagsbewältigungsstrategien der Frauen und Hausmänner als Alltagshandelnde zu kennen und ohne das Alltagswissen der Frauen für die Entwicklung von neuen Umwelttechnologien wie dem Abfallmangementsystem beispielsweise fruchtbar zu machen. Frauenarbeit wird vorausgesetzt und bleibt unsichtbar, wird aber auf neuer Stufenleiter strategisch für die Neuordnung von bisher öffentlichen Versorgungsangeboten eingeplant. Die Unterstellung einer größeren Nähe der Frauen zur Natur funktioniert letztlich als Legitimationsmuster für eine "Feminisierung der Umweltverantwortung".

In struktureller Hinsicht ist diese hauswirtschaftliche Privatisierung eines Teils der bisher öffentlichen Versorgung ein systematischer Bestandteil von Privatisierungstendenzen, die in Ländern der Dritten und Zweiten Welt als hervorstechendes Merkmal einer weltweiten Straukturanpassungspolitik an neoliberale Marktgesetze interpretiert wird (v. Braunmühl 1988; Schultz 1994; Lachemann 1998; Young 1998). Mit der Begründung einer finanzwirtschaftlichen Anpassungsnotwendigkeit (in Deutschland exzessiv als Sparideologie ausgelegt) werden ganze Bereiche öffentlicher Versorgung abgebaut und in privatwirtschaftlich "effiziente" Betriebe umgewandelt. Neben der Abfallwirtschaft betrifft dies die Energieversorgung, die Wasserversorgung, die Reinigung der Straßen und öffentlichen Plätze und den Grünflächenerhalt, Versorgungsleistungen, die bisher alle in der öffentlichen Hand lagen, also Teil der staatlich-kommunalen Versorgungswirtschaft waren. Die privatwirtschaftliche Privatisierung von bisher staatlich-kommunalwirtschaftlich geleisteten "öffentlichen" Versorgungsarbeiten geht Hand in Hand mit der hauswirtschaftlichen Privatisierung, die vor allem den Frauen in Familienhaushalten neue Formen des Haushaltsmanagements und der Mehrarbeit abverlangt. Deshalb ist die am Beispiel der Privatisierung des Abfallmanagements feststellbare "Feminisierung der Umweltverantwortung" nur die Kehrseite von ähnlichen Tendenzen in Ländern des Südens, die von Christa Wichterich ebenfalls mit dem Begriff "Feminisierung der Umweltverantwortung" bezeichnet wurden.

Eine solche Betrachtung der Neuordnung der Abfallwirtschaft erfaßt den systematischen Charakter des Zusammenspiels von technischen Innovationen und wirtschaftlichen Strukturveränderungen, wie sie in der feministischen Globalisierungsforschung ansatzweise entwickelt wurden. Die systematische Berücksichtigung der Frauenarbeit, worunter nicht nur ein Mehr an Hausarbeit der Frauen zu verstehen ist, sondern entscheidend auch die Mehrbelastung durch mehr Transportarbeit, durch einen größeren Organisationsdruck bei der Koordination von Versorgungs- und Erwerbsarbeit, fördert ein anderes Problembewußtsein über das sogenannte Abfallproblem und hinsichtlich seiner Verbesserungsmöglichkeiten zutage als die in der technischen Umweltforschung präferierten technischen Lösungen: die technischen Verbesserungen werden in ihrer Verflochtenheit mit sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen deutlich, sozioökonomische Verbesserungen werden in ihrer Anhängigkeit von technischen Lösungen reflektiert. Die Frage nach der Gestaltungsmacht von Frauen bezieht sich auf ein empowerment von Frauen, das einerseits die gender-relationierten Machtstrukturen in Familien-, Gemeinde- sowie und kommunalen, regionalen und staatlichen Politikzusammenhängen (civil society) reflektiert, dabei andererseits aber zentral auf eine Erweiterung der Einflußmöglichkeiten und der Machtausübung von Frauen auf ökonomisch-technische Strukturen abzielt (technological citizenship, seihe dazu Schultz 1998). Diese Theoretisierung technisch-ökonomischer Macht und Überlegungen hinsichtlich eines technological empowerment, scheint mir eine Besonderheit der deutschen Debatte zu "Gender & Environment".

Mit dieser Bemerkung möchte ich abschließend noch eine mir wichtige Argumentation zur Unterscheidung der 3 Paradigmen ausführen, die Josepa Bru y Bistuer dargelegt hat:

1. das Paradigma der ökologischen Effizienz (ecological efficiency)
2. das Paradigma der Umweltgerechtigkeit (environmental fair justice)
3. das Paradigma einer post-ethnisch androzentristischen Umweltforschung

Vielleicht haben wir hier in Deutschland eine besondere Ausprägung der Umweltdiskussion durch Umweltakteure, die es in Spanien und Lateinamerika nicht gibt. Neben Greenpeace ist das hier der in den siebziger Jahren aus der deutschen Ökologiebewegung entstandene Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der international, vor allem in England und in den skandinavischen Ländern, mit den "Friends of the Earth" verbunden ist. Hinsichtlich des von Josepa Bru i Bistuer angeführten ersten und zweiten Paradigmas, der Konkretisierung von "environmental fair justice" und "ecological efficiency", hat hier die vom BUND und der katholischen Entwicklungsorganisation MISEREOR in Auftrag gegebene Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" wichtige Diskussionsimpulse gegeben (BUND/MISEREOR 1996).

Die Studie "Zukunftsfähiges Deutschland", die vom Wuppertal Institut für Klima und Energie ausgeführt wurde, versucht die beiden Paradigmen in neuer Weise zu verbinden. Die Aufgabenstellung der Studie war es, zum einen die ökologisch technische bzw. stoffstromorientierte Effizienz-Perspektive darzulegen, die sich in Umweltzielen der deutschen Politik ausdrücken sollen, und zum anderen auch das Thema der internationalen Umweltgerechtigkeit nahezubringen. Vorweg möchte ich dazu anmerken, daß die Studie einen sehr großen Medienerfolg hatte und meines Erachtens wirklich bewirkte, für einen kurzen Augenblick die Nord-Südperspektive und die Umweltproblematik bzw. die Perspektive einer nachhaltigen Entwicklung in die deutsche Öffentlichkeit einzubringen.
Dies gelang der Studie zum einen durch den Rückgriff auf das in Holland entwickelte Konzept eines Umweltraumes, den ein Land/ein Nationalstaat für die Nutzung von Gütern beansprucht. Damit wurde visualisiert, in welchem Ausmaß Holland auf den "Raum" in Ländern der Dritten Welt zurückgreift, um bspw. seinen Lebensmittelbedarf an Orangen zu befriedigen. Eine Politisierung der Nachhaltigkeits-perspektive gelang der Studie zum anderen durch die Auseinander-setzung mit Prinzipien eines fairen Nord-Süd-Austausches, der nicht auf immer größere Stoffverbräuche, Naturvernutzung und Güterexpansion beruht.

Feministinnen haben an dieser Studie mit unterschiedlichen Argumenten eingeklagt, daß Frauen, Geschlechterverhältnisse oder ungleiche Machtverhältnisse in der Studie nicht vorkommen. Weder wird die strukturelle Bedeutung der Reproduktionsarbeit deutlich noch kommen beispielsweise auch nur als Erwähnung Kinder vor. Die Reproduktionsarbeit wird in unerträglicher Weise moralisiert, indem sie normaitv einem komplementär der Öko-Effizienz zur Seite gestellten Prinzip der Suffiziens (Prinzip der Selbstbescheidung) unterstellt wird. Empirische sozialwissenschaftliche Forschungsergebnisse oder Ergebnisse der feministischen Forschung läßt die Studie vermissen. Soweit die Kritik. (Für alle Interessierte zum Thema Nachhaltigkeit und Feminismus verweise ich auf den Sammelband von Weller/ Hoffmann/ Hofmeister 1999 zu diesem Thema, das die Vorträger eine Ringvorlesung an der Technischen Universität Berlin dokumentiert).

Ohne hier auf die anhand der Studie unter Feministinnen entbrannte Kontroverse über die Relevanz des Konzepts einer nachhaltigen Entwicklung eingehen zu können, möchte ich entgegen der zuallererst von mir selbst öffentlich geübten Kritik an der Studie (Schultz 1996) ihren intendierten Ansatz verteidigen, der meines Erachtens auch für alle Forschungen zu "Gender & Environment" zum Tragen kommen sollte: nämlich die Verbindung von ökoeffizienter Perspektive mit einer Umweltgerechtigkeitsperspektive, die die Sensibilität für Fragen der globalen Gerechtigkeit schärft. Aus feministischer Perspektive sind diesem Programm jedoch erkenntnisleitend Fragestellungen zu einem empowerment von Frauen voranzustellen. Das heißt, um es in aller Deutlichkeit zu formulieren, ich halte es nicht für sinnvoll, eine generalistische Kritik am "Paradigma der Öko-Effizienz" zu entwickeln, ohne zugleich darauf einzugehen, was an öko-effizienten Perspektiven nicht auch orientierungsleitend sein soll.

Als solch eine orientierungsleitende Perspektive halte ich die in der Nachhaltigkeitsdebatte konkretisierten Postulate, die eine Regenerationsfähigkeit ökologischer Teilsysteme oder der Erde als ganzem System begründen. So fragwürdig die konkreten Berechnungen zu den Grenzen der Tragekapazität der Erde oder die naturwissen-schaftlich begründeten Annahmen zur Erwärmung der Erdatmosphäre auch sind, halte ich sie dennoch auch für die femministische Umweltforschung für unverzichtbar. Wissen ist nicht absolut, sondern ein Auseinandersetzungsprozeß, in dem Wissensannahmen fortgeschrieben und auch widerlegt werden. Eine Beteiligung von Feministinnen an dieser "inner-naturwissenschaftlichen Debatte" fehlt bisher. Eine Forschung zu Gender&Environment sollte den Stand der sozialwissenschaftlichen feministischen Forschung zur Überwindung der technischen Verengung vieler ökoeffizienter Ansätze nutzen, sie sollte auch die feministische Naturwissenschaftskritik, so weit möglich, zur Kritik an ökoeffizienten Grundannahmen nutzen, sie sollte aber auch deutlich machen, auf welcher Ebene sie mit welchen naturwissenschaftlichen Annahmen argumentiert .

Zum Abschluß ein Beispiel:

Nicht nur in Spanien, sondern auch in Deutschland gab es anfang der neunziger Jahre Massenproteste gegen geplante Abfall-Großdeponien. So kam es 1993 beispielsweise zum "Marsch der 30.00" (Menschen) in der Schwäbischen Alb, weil dort eine Abfallgroßdeponie geplant war. Ich sehe diesen zivilgesellschaftlichen Protest gegen Abfallanlagen, an dem erfahrungsgemäß Frauen sehr aktiv und gestaltend beteiligt sind, inzwischen durchaus ambivalent. Zum einen richtet sich der Protest gegen kleinere Anlagen zumeist sehr begrenzt auf die "Sauberhaltung" der eigenen Region. Gemäß des St.Florians-Prinzips ("Bitte nicht vor meiner Haustür") bewegt sich jedoch keine der Anti-Müll-AktivistInnen, wird eine Abfallanlage zwei Kreise weiter errichtet (das ist meine Erfahrung als "Abfallexpertin", die als solche wiederholt von Anti-Müll-Initiativen zur Unterstützung ihrer lokalen Aktionen angefragt wird). Zweitens fehlt für die Durchsetzung des Abfallvermeidungsprinzips, zu dem die bayrischen Müll-Initiativen anfang der neunziger Jahre einen landesweiten Volksentscheid durchsetzten, der überregionale politische Wille und auch die überregionale politische Mobilisierung der privatisierten Bürgerinnen und Bürger. Das Abfallthema ist zwar ein Ärgernis in Deutschland, da niemand richtig weiß, was mit dem getrennt gesammelten Abfall wirklich passiert. Aber diese in zivilgesell-schaftlicher Hinsicht unglaubliche Entmündigung wird - bisher noch - hingenommen. Drittens - auf dieses Argument möchte ich den Schwerpunkt legen - fehlt zumeist eine Auseinandersetzung mit den technischen Gegebenheiten der Abfallanlagen. So wäre die Landesregierung Baden-Württembergs in dem konkreten Beispiel 1993 dazu bereit gewesen, anstelle der Großdeponie eine Abfallver-brennungsanlage mit neuer Technologie zu errichten (mit einem bestimmten Luftdrehrohr, wodurch die Anlage keine Dioxine und Furane erzeugt, KEIN Theromselct!). Diese Lösung scheiterte am Widerstand der Bürgerinitiativen, die gemäß der 80er Jahre-Losung "Deponieren ist besser als Verbrennen" grundsätzlich gegen Verbrennungsanlagen argumentierten, eine Argumentation, die früher ihre Berechtigung hatte, inzwischen aber - wie Experten des Öko-Instituts Darmstadt darlegten - aufgrund neuer technischer Entwicklungen ihre generalisische Berechtigung verloren hatte. Ob diese Einschätzung richtig war, möchte ich hier nicht im einzelnen darlegen. Das deutsche System eines privatwirtschaftlich-hauswirtschaftlich privatisierenden Abfallmangements mit seinen dazugehörigen Großentsorgungsanlagen halte ich durchgehend für kritisierenswert. Das Beispiel soll vielmehr grundsätzliche Fragestellungen, die ich für die feministische Umweltforschung für zentral halte, verdeutlichen:

- Läßt sich das feministische Theorem von den "Expertinnen des Alltags" mit ihrer Orientierung an "Werten aus dem Privatbereich" auch als Orientierungsmaßstab für die Auseinandersetzung mit den ökotechnischen und techno-ökonomischen Strukturen eines "technological empowerment" anwenden?
- Kommt es nicht vielmehr auf die Neubestimmung der Schnittstelle
zwischen "Alltagswissen" und "technischem ExpertInnenenwissen" an?
- Fehlen nicht feministische Technik-Expertinnen, welche die Funktion technischer Großanlagen verstehen und auf dieser Basis die Großanlagen kritisieren und zusammen mit "Expertinnen des Alltags" und mit "Expertinnen der Ökonomie" technisch- ökonomische Alternativen entwickeln?

Auf der Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 haben Feministinnen die feministische Bescheidung in die Theoretisierung des Privaten und der Subsistenz mit dem Slogan"Women should be thinking bigger, on the big issues" (Indai Lourdes Sajor) kritisiert. Ansätze einer feministischen Theoretisierung der Makroökonomie liegen inzwischen vor (Cagatay/Elson/Grown ed. 1995). Was meiner Meinung nach fehlt, ist eine Verbindung von feministischer Makroökonomie und feministischer Technikkritik mit einer Empowerment-Perspektive, die auf die "mittlere Ebene"(Gudrun Lachemann) regionaler und nationalstaatlicher Intervention zielt. Für eine Forschung "Gender & Environment" reichen die "Werte, die aus den Erfahrungen aus dem Reproduktionsbereich" entstehen, nicht aus.

Literatur

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Braunmühl, c. von 1988: Strukturanpassung - mit Familienaugen gesehen. Was die Politik des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank für Frauen in Jamaica bedeutet, In: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, 11. Jg., Nr. 23, S. 53 ff
Buchen, J.; K. Buchholz; E. Hoffmann; S. Hofmeister, R. Kutzner; R: Olbrich; P. van Rüth (Hg.) 1994: Das Umweltproblem ist nicht geschlechtsneutral - Feministische Perspektiven, Bielefeld
BUND/MISEREOR (Hrsg.), 1996: Zukunftfähiges Deutschland. Ein
Beitrag zu einer global nachhaltigen Entwicklung, Basel
Cagatay, N; D.Elson; C. Grown 1995: Gender, Adjustment and Macroeconomics, Schwerpunktheft in: World Development, Jg. 23, Nr. 11, S. 2001-2004
Collmer, S.; P. Döge; B.Fenner (Hg.) 1999: Technik - Politik - Geschlecht. Zum Verhältnis von Politik und Geschlecht in der politischen Techniksteuerung, Bielefeld
Jahn, Thomas, 1991: Das Problemverständnis sozial-ökologischer Forschung. Umrisse einer Theorie gesellschaftlicher Naturverhältnisse, in: Egon Becker (Hrsg.), Jahrbuch für sozial-ökologische Forschung 1, 15 - 41.
Lachemann, G. 1998: Strukturanpassung aus Frauensicht: Entwicklungskonzepte und Transformationsprozesse. In: Klingebiel,R./Sh. Randeria (Hg.) Globalisierung aus Frauensicht, Bonn, S. 294 - 319
Latour, B. 1995: Wir sind nie modern gewesen, Berlin
Löchel,E. 1994: Auf zu neuen Ufern. Tagungsbericht: Frauensichten auf die Informatik. In: Wechselwirkung, Jg. 16, Juni 1994, S. 45-48
Mies, M./ V. Shiva 1995 (Hg.): Ökofeminismus. Beiträge zur Praxis und Theorie, Zürich
Pokora, F. 1994: Lebensstile ohne Frauen. Die Konstruktion von "Geschlecht" als konstitutives Moment des Lebensstils. In: Dangschat, J.; J.Blasius (Hg.): Lebensstile in den Städten, Opladen, 169-178
Ruf, A. 1998: Frauennetzwerke im Spannungsfeld von Globalisierung und Vielfalt In. Klingebiel,R./Sh. Randeria (Hg.): Globalisierung aus Frauensicht, Bonn
Schultz/Weiland 1991: Frauen und Müll. Frauen als Handelnde in einer kommunalen Abfallwirtschaft, Frankfurt/Main
Schultz,I. (Hg.) 1993: GlobalHaushalt. Globalisierung von Stoffströmen - Feminisierung von Verantwortung, Frakfurt/Main
Schultz, I. 1994: Der erregende Mythos vom Geld. Die neue Verbindung von Zeit, Geld und Geschlecht im Ökologiezeitalter, Frankfurt am Main/New York
Schultz, I. 1995, Umweltforschung, Frauenpolitik und die Gestaltungsmacht der Frauen, In: Schultz/Weller 1995 :189-204
Schultz, I. 1996: Die Liebe der Männer zu nachhaltigen Zahlen. Eine Betrachtung der Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" aus feministischer Sicht, in: Wechselwirkung April 1996, S. 59 ff.
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Schultz,I. 1997: Globalökologische Krise und die Erosion der staatlichen Versorgungsordnung: Zur Neustrukturierung der Verbindung von Zeit, Geld und Geschlecht. In: Kreisky,E./B. Sauer (Hg.): Geschlechterverhältnisse im Kontext politischer Transformation, Opladen/Wiesbaden
Schultz, I. 1998: Umwelt- und Geschlechterforschung - eine notwendige Allianz, ISOE-Diskussionspapiere Nr.2, Institut für sozial-ökologische Forschung, Frankfurt/Main
Schultz,I./Weller,I. (Hg.)1995: Gender & Environment. Ökologie und die Gestaltungsmacht der Frauen, Frankfurt/Main
Wächter, M. 1996: Frauen und Naturschutz - Selbstverständnis oder Widerspruch. In: FreiRäume Bd.9 , 1996, S.153-163
Weller, I. 1993: Textile Stoffströme: Globalisierung und Chemisierung am Beispiel von Baumwolle und Gore Tex. In. Schultz (Hg) 1993: GlobalHaushalt, Frankfurt7main, S. 37 -64
Weller 1995: Zur Diskussion der Stoffe und Stoffströme in der Chemie(-politik): erster Versuch einer feministischen Kritik, In: Schultz/Weller 1995: 206-218
Weller,I.;E.Hoffmann;S.Hofmeister 1999: Nachhaltigkeit und Feminismus: Neue Perspektiven - Alte Blockaden, Bielefeld
Wichterich, C. 1995: Die Rückkehr der weisen Frauen In: Schultz/Weller 1995 (Hg.):106-130
Young, B. (Hg.) 1998: Globalisierung und Gender. PROKLA Heft 111, 28. Jg., 1988/Nr. 2

Text als PDF-Format in der Datenbank des ISOE:  http://www.isoe.de/inhasta.htm

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