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FAO Welternaehrungsgipfel 1996

by Quelle: Kommune - 03.11.2004 17:43

"How to put more pesticides into our food"
FAO-Welternährungsgipfel und Leibfeindlichkeit

Elisabeth Meyer-Renschhausen

Neben dem offiziellen, sorgsam abgeschirmten FAO-Gipfel in Rom und von ihm säuberlich getrennt befaßten sich gleichzeitig Vertreterinnen und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und Initiativen mit der Welternährungslage. Wie die Tagungsorte unterschieden sich auch die Sichtweisen. Die Kommune-Autorin versuchte zwischen den verschiedenen Foren zu pendeln. Welche Erfahrungen sie dabei machte und welche Erkenntnisse sie gewann, beschreibt sie in ihrer Reportage.
 


Zufälle und Äußerlichkeiten eröffnen einem oft blitzartig den Sachverhalt. Worum es auf dem Welternährungsgipfel in Rom ging, wurde mir klar, als ich am letzten Tag die weitläufigen Absperrungen rund um das Gebäude der Food and Agriculture Organization (FAO) zu durchdringen suchte. Selbst Römer und Römerinnen durften hier eine ganze Woche lang weder die breiten Straßen zu Fuß passieren noch das Viertel per Rad oder Auto durchqueren. Sie waren angehalten, mit Schafsgeduld sogar die Sperrung einer kompletten U-Bahn-Station hinzunehmen: 700 World-Food-Summit-Delegierte waren auf Kosten der jeweiligen Steuerzahler nach Rom geflogen und im FAO-Hauptgebäude unter verschärften Sicherheitsbestimmungen eingesperrt worden. Sie wurden von unwilligen Polizisten meist ohne Englischkenntnisse bewacht, deren einziges Interesse es war, ihre Macht, alle Ungeladenen fernzuhalten, durchzusetzen. Mit dem Brief einer bekannten Berliner Tageszeitung gelang es mir, bis in das Akkreditierungsbüro der FAO vorzustoßen. Dort allerdings stellte sich heraus, daß keine Druckmaschinen mehr liefen, die meine "ID-Card" hätten herstellen können. Daß jemand sich erst nach den Treffen der NGO-Gruppen die Zeit für den eigentlichen Ernährungsgipfel nehmen würde, weil Presse und NGO-Vertreter die Reden im Plenarsaal ohnehin nur über Monitore auf den Fluren oder in der Cafeteria verfolgen konnten, war im FAO-Büro nicht vorgesehen.

Mit diesem "Setting" zeigte die Welternährungskonferenz ungewollt die katastrophale Agonie der Politik, in die sich die Internationale der machthabenden Eliten mit ihrer panischen Hofierung eines sogenannten "Wirtschaftsliberalismus" hineingeritten haben, meinte der liberale Roberto Savio auf einem der letzten NGO-Meetings. Die FAO-Konferenz ist 22 Jahre nach ihrem letzten Gipfel 1974 zu einer Abstimmungsmaschinerie verkommen, abgekoppelt von all jenen Nicht-Regierungs-Organisationen, mit denen zu sprechen den offiziellen Delegierten, die ihre Zeit hauptsächlich mit Schlange-Stehen zubringen, faktisch untersagt ist.1 Wenn sie wirkliche Diskussionen mitbekommen wollten, empfahl - erzählte mir Linda Jakobson - der dänische Landwirtschaftsminister seinen Presseagentur-Vertreterinnen, sollten sie zu den Treffen der Nicht-Regierungs-Organisationen gehen, denn nur da würde man noch ernsthaft debattieren.2 Freiwillige Ghettoisierung der Vertreter der Reichen nach dem Modell Südamerikas, wo sich die Gutverdienenden in ummauerte Quartiere, von gewehrbewaffneten Gardisten bewacht, selbst einsperren? Die FAO-Delegierten - eine Art mundtotgemachter Harem der zehn großen "Life-Industry"-Multis?

Die FAO-Konferenz in dieser Form bedeute, rief die indische Ökofeministin und Trägerin des alternativen Nobelpreises Vandana Shiva, auf einem der letzten NGO-Foren am Freitag abend aus, offenbar nur, "how to put more pesticids into our food!" Wir werden durch die FAO-Politik um das Recht auf eigene Lebensmittel-Herstellung gebracht. Wir würden sogar ins Gefängnis gesteckt, wenn wir unsere eigenen Gartenprodukte verkauften oder eigenes Saatgut verwenden würden, wie sie von Freunden in Californien oder Leipzig erfahren hatte, denen genau das passiert war. Eine erneute "Green Revolution" wie sie die FAO propagiere, bedeute, daß etwa in Indien weitere 200 Millionen "acres" für den vermehrten T-Shirt-Verschleiß (via mehr Baumwollproduktion) der Reichen verwandt werden würden und damit für den Reis-Anbau der einheimischen ärmeren Landbevölkerung nicht mehr zur Verfügung stünden. Wenn auf diesem FAO-Gipfel 700 Eingeschlossene versus 4000 Ausgeschlossene stehen, die als NGO-VertreterInnen vielfach auf eigene Rechnung gekommen sind, meint Vandana Shiva, ist klar, welcher "Freie Handel" verteidigt werden soll: Nämlich eine Fortsetzung der Kolonialpolitik, die die jeweilige Kolonie zwang, Produkte des Kolonialherren zu importieren, ohne zugleich das Recht zu erhalten, entsprechend exportieren zu dürfen. Die "plant protection industry" sei in Wirklichkeit eine Kriegsindustrie gegen unsere Körper.

Einer der "Dienstältesten" Aktivisten des NGO-Forums, der Ökonom Pat Mooney aus Kanada, lieferte dazu die Zahlen. 1980 habe es noch 500 größere Lebensmittelkonzerne gegeben. Von denen sind bis 1996 30 Prozent nach der Reform pleite gegangen, 30 Prozent wurden von den anderen geschluckt und 30 Prozent haben sich zu einer "life"-Industrie verwandelt, die nicht nur Lebensmittel produziert, sondern den Bauern mit dem Saatgut auch das Gift, die Pestizide und die Pharmakeulen mitliefert. Während es 1980 60 Firmen gab, die mit Lebensmitteln und Pestiziden handelten, sind es heute nur noch zehn multinationale Firmen, die 81 Prozent des Lebensmittel- und Pestizidmarkts kontrollieren. Einer der größten dieser Konzerne ist Novaves, der noch wenig bekannt gewordene Zusammenschluß von Ciba-Geigy und Sandoz, den beiden Chemie-Giganten aus Basel. Von den 7.000 1980 existierenden Saatgut-Firmen sind 1996 nur noch 10 übrig geblieben, die jetzt samt und sonders mit der Pharma-Industrie, der "Lifestock"-Industrie (den "Tierproduzenten") et cetera "fest verheiratet" sind. Heute gibt es keine Tierproduzenten mehr, die nicht mit größeren Firmen, die Hormone liefern, liiert sind. Ein Drittel der "Verkäufe" auf dem Markt sind also nur noch Transaktionen innerhalb der Giganten selbst. Die Multis bestimmen, was produziert wird und die Preise. De facto existiere, so Pat Mooney, keine einzige an "bio-diversity" interessierte Firma, die nicht von Novaves kontrolliert würde. Die zehn Multis, die Versuche mit dem menschlichen Erbgut unternehmen, sind dieselben, die Saatgut, Pestizide, Lebensmittel und Medikamente vertreiben. Die neoliberale Wirtschaftspolitik hat zu einer beispiellosen Konzentration auf dem Lebensmittelmarkt geführt, die von der Freiheit der Verbraucher, kaufen zu können, was sie wollen, fast nichts mehr übrig gelassen hat. Da diese Politik einhergeht mit einer durch Inflation verursachten Verarmung fast aller Bevölkerungsgruppen, sieht Roberto Savio in Folge dieser Politik die Demokratien gefährdet. In Mexiko stellte sich beim letzten Finanzkrach heraus, daß von angeblichen 70 Billionen Dollar Fremdkapitalinvestionen nur 10 Billionen Dollar ernsthaft angelegt waren, alles andere aber reines Spekulationskapital war, das über Nacht aus Mexiko verschwand. Die Armen hungern jetzt, die "middle class", die diese Staatskrise bezahlen mußte, ist um 50 Prozent geschrumpft.

Die nordamerikanische Freihandelsorganisation NAFTA bedeute - so Isabella Cruz von Via Campesina - extreme Absatzvorteile für die US-amerikanischen Farmer auf Kosten der mexikanischen Kleinbauern, die aus einem Hektar Boden nur ein Siebtel von dem, was den US-Amerikanern möglich ist, herauswirtschaften könnten. Die kleinen mexikanischen Bauern, die wenig Chancen haben, Kredite zu bekommen, sind die Leidtragenden des neuen Systems. Zugleich leidet die halbe Bevölkerung Mexikos an Unterernährung und Hunger, so daß einige Obdachlose bereits Güterwaggons mit Mais aus den USA überfallen haben. Seit Gründung der NAFTA 1994 haben in Mexiko bereits zwei Millionen Bauern aufgegeben.

"Via Campesina", "Weg des Landes", ist eine in Mexiko entstandene, dann vor zwei Jahren in Brüssel offiziell begründete weltweite Kleinbauern-Organisation. Eine ihrer kleinen Aktionen auf dem NGO-Forum in Rom war, vor dem Bahnhofsgebäude aus allen Erdteilen mitgebrachten Mutterboden auszustreuen und mit einem bunten Samengemisch aus diversen Getreidesorten, Sojabohnen, Bohnen aller Art zu besäen. Angesichts der so verschiedenen Geschichten und Mentalitäten wirkten diese Aktionen von Südamerikanern gemeinsam mit dem zierlichen südindischen Bauernführer im langen, naturfarbenen Gewand und grüner Kappe ("Professor Naujuudaswami kurz: Swami") verblüffend. Eigentlich hatte ich nicht geglaubt, daß hier Zusammenarbeit möglich sei, aber die Globalisierung und die Bedrohung, die sie für die kleineren Bauern darstellt, macht vorher nicht Denkbares möglich. (Natürlich sind die Wortführerinnen auch dieser Gruppe Städter, die aufs Land zurückgegangen sind, wie Julie Cariapa aus Indien.)

Die NGO-Treffen fanden im stillgelegten (genauer: nie benutzten) Air-Terminal am Bahnhof Ostiense statt, zwei U-Bahn-Stationen vom FAO-Gipfel entfernt. Diese Fehlinvestitionsgebäude kostete die NGOs aber hohe Miete, entsprechend hoch fielen die Teilnehmer-Gebühren aus: Studenten konnten 75 Dollar nicht ohne weiteres berappen. Daher fand im halbverfallenen ehemaligen Schlachthof am Tiber, 20 Minuten Fußweg entfernt, ein weiteres Treffen, das "autonom" organisierte "Hunger-Gathering" von Jugendlichen statt. Die Initianten waren Holländer und Deutsche, die sich parallel zur Rio-Weltkonferenz zum Umweltschutz 1992 in Freiburg getroffen hatten und dort die "Acid"-Organisation gegen Gift in Lebensmitteln, "Play Fair-Europe" (c/o ASTA RWTH Aachen) und ähnliche Gruppen ins Leben riefen. Im großen Hof des Schlachthofs hatten die Jungen ein "Eco-Village" aus bunten Zelten und zahllosen Camping-Wohnwagen errichtet. Als ich hinkam, malten einige an ihren Transparenten für die nächste Demo. Ein paar junge Frauen bastelten an einer "Schafs-Kuh" aus Pappmaché rings um einen Einkaufswagen, als Protest gegen die Genmanipulation von Lebensmitteln. Die Forderungen der Jugendlichen gipfelten in der nach Abkopplung vom Weltmarkt, zugunsten einer regionalen umwelt- und leibverträglichen Subsistenzproduktion. Statt Globalisierung - "Re-Ruralisierung"!

Gemäßigter drückten sich die NGOs aus, als sie sich am letzten Tag des Summits, am Sonntag, ganze vier (!) Minuten lang (mehr war ihnen nicht zugestanden worden) direkt an den Summit wandten. Der 25jährige Sekretär des Dachverbandes afrikanischer Kleinbauern, Jeanot Minla Mfou'ou aus dem Kamerun forderte: Stärkung der Kleinbauern, Mitbestimmung von Bäuerinnen und Konsumentinnen bei der Agrarpolitik der jeweiligen Länder sowie auf internationaler Ebene, ein gesetzlich garantiertes Recht auf ausreichende Ernährung, Durchführung von Bodenreformen und Umstellung auf einen umwelt-(und menschen-)verträglichen Landbau nach ökologischen Maximen. Wer die teuren Lebensmittel auf den Märkten nicht bezahlen kann, muß das Recht auf Land, zum Eigenanbau bekommen. Die NGOs warnen vor einer übertriebenen Darstellung des Hungers in Afrika, die nur eine weitere Ausweitung der industriellen Lebensmittelproduktion und vor allem des Handels, wie die FAO sie anstrebt, legitimieren solle. Angesichts der Vernichtung eines Drittels der Ackerflächen der Welt durch industriemäßige Großlandwirtschaft, gehe es nicht mehr um zusätzliche Lebensmittelerzeugung, sondern um eine nachhaltige Landwirtschaft. Schon gar nicht bräuchten wir eine Steigerung der Produktion durch Gentechnik, von der niemand vorhersagen kann, wie sie sich auf Natur und Menschen auswirken wird, und deren Produkte für die Armen der Welt sowieso unbezahlbar blieben.

In besonderer Weise wurde die derzeitige neoliberale, globale Freihandelspolitik, wie sie von der FAO gestützt wird, von Frauen auf dem "Women's Day on Food" am Freitag, den 15. November kritisiert: Die Politiker dächten nur vom Großproduzenten bis zum Markt. Stattdessen gelte es aber zu bedenken, ob wir das auf den Markt Geworfene überhaupt noch verdauen und "vertragen" können. "Food-Security", "Nahrungssicherheit" für alle, war das Schlüsselwort des FAO-Gipfels. "Nahrungssicherheit", so die Kölner Soziologin Maria Mies, die zusammen mit der Ökonomin Farida Akhter aus Bangladesh ohne alle finanzielle Unterstützung diese Veranstaltung organisiert hatte,3 ist nicht nur das Problem der Menschen des Südens. "Food-Security" gibt es auch für die Leute des Nordens nicht mehr, wenn sie ohne weitere Mitspracherechte die Lebensmittel akzeptieren sollen, die die großen Lebensmittelkonzerne nach eigenem Gusto zusammenbrauen.

Die Pädagogin Moema Viezzer, Leiterin eines Frauen-Zentrums für Erwachsenenbildung in Sao Paolo, ist überzeugt, daß das Monokulturen-Modell in der Landwirtschaft die Welt vergiftet hat. Vergiftungen infolge von Herbizid-Einsätzen sind in den Dritten-Welt-Ländern häufig. Vergiftungs-Erscheinungen sind Aufregung, Zittern und Konvulsionen, da die Pestizide das zentrale Nervensystem angreifen. Brasilien, das dem "Freihandelsmodell" besonders strikt gefolgt ist, verbraucht 40 Prozent der weltweiten Pestizid-Produktion. Zwischen 1964 und 1984 ist in Brasilien der Verkauf von Pestiziden um 279 Prozent gestiegen. Im ersten Halbjahr 1996 stieg der Herbizid-Einsatz gegenüber dem Vorjahr noch immer um 13 Prozent. Fehlendes Wissen, fehlende Anleitung und mangelnder Einsatz für eine nachhaltige Landwirtschaft sind Ursachen für den Mißbrauch von Giften in der Landwirtschaft. Mit der "Grünen Revolution" fing in Brasilien das Elend der extremen Mangelernährung der Armen an: vor 20 Jahren wurden in Brasilien Lebensmittel zum Eigenverbrauch angebaut, heute "sind wir ein Paradies für multinationale Gesellschaften, die Soja anbauen, um damit Kühe in Holland zu füttern". Besonders die Landarbeiter-Frauen werden in Brasilien und auch in den anderen Ländern des Südens durch Pestizideinsatz vergiftet. Sie bekommen Krebs und gebären im Extremfall Kinder ohne Gehirn. Moema zeigte Fotos von Frauen, die mit 26 Jahren offene Beine und alte Gesichter haben und deren Kinder lungenkrank oder geistig behindert sind. Die brasilianische Regierung schult nur Männer im vorsichtigen Umgang mit den Herbiziden. Unbedingt, so Moema Viezzer, brauchen wir wieder eine Ernährungskultur, die traditionelles als "weibliches" Wissen nicht nur nicht ignoriert, sondern die Notwendigkeit einer ernährungsmäßigen "Reedukation" einsieht.

Später übersetzte Moema Viezzer einen Beitrag der Ernährungswissenschaftlerin Clara Terko Tabaki Brandao, die in den Armenvierteln in der Stadt Santarém im Staat Pará (Amazonasgebiet) und 26 anderen Bundesländern in Brasilien positive Erfahrungen mit alternativen Ernährungsformen gemacht hat. Das Hauptproblem in den Ländern des Südens ist nämlich Unter- oder Fehlernährung unter den Armen. Ihre Gruppe hatte nach entsprechenden Versuchen Müttern von unterernährten Kindern geraten, ihre Sprößlinge - nach alten Traditionen - auch mit den grünen Blättern des Maniok, der Süßkartoffel und Reis-Kleie zu ernähren, und ein entsprechendes Pulver zuzufüttern. So kommen die Kinder (bezahlbar!) zu Mineralien (Eisen und Calcium), Vitaminen (Vitamin A, B1, B2 und C) und weiteren Spurenelementen, die sonst nur in hochwertiger Nahrung wie Ganzkorn-Getreide (braunem Reis) oder, wenn auch in geringeren Mengen, in Milch oder Fleisch enthalten sind. Das ist die Voraussetzung, daß die Kinder mit der üblichen Kohlehydrate-Eiweiß-Nahrung überhaupt etwas anfangen können. Halbverhungerte Säuglinge - die Referentin zeigte Fotos, die Beraterinnen von den Babies im Jahresabstand gemacht hatten - verwandelteten sich so binnen eines Jahres in runde, lebendige Kleinkinder. Das Programm wurde von der Child Pastorale (National Brazilians Bishops Council) unterstützt und 1991 sogar vom Gesundheitsministerium übernommen.4 Entsprechende Gärten brauchen wenig Bewässerung und kaum Pflege: Maniok, Topinambur, Rote Bete, Afrikanischer Spinat und Löwenzahn werden außerdem kaum gestohlen.

Am schärfsten formulierte eine studierte Pharmazeutin aus Kenia die alte Volksweisheit, der Mensch ist, was er ißt. Nachdem Monica Opole in Cambrigde/England studiert hatte, kam sie in Kenia zu der Überzeugung, daß sie nicht die Dörfler zu beraten habe, sondern besser traditionelles Wissen der Frauen um Anbauweisen und Heilfunktionen von Kräuter und Gemüsen sammeln sollte, das noch reichlich vorhanden sei. Sie gründete ein Zentrum für "indigene" Wissens-Formen. Sie berichtete, daß man in Kenia davon überzeugt sei, daß der Mensch so würde, physisch, psychisch, wie er äße. "Ich bin Unkraut", rief sie, denn sie sei von ihrer Mutter mittels einheimischer Gemüsesorten aufgezogen worden, die heute als "Unkraut" gelten. "Gib Deinem Kind Hamburger und Chips und Du fütterst es mit Gewalt", ist Monica Opole überzeugt, denn Gewalt läge in den Chemikalien, die benutzt werden, um fertig zum Verbrauch bestimmte Lebensmittel industriell herzustellen. Gewalt läge in den Auswirkungen, die die schlechte Qualität dieser Lebensmittel auf die Gesundheit der Kinder habe, und in der Art, mit der kleine Bauern um ihre Existenz gebracht und die Gleichschaltung der Welt durchgesetzt würden.

Die Monokulturen zerstören nicht nur die biologische, sondern vor allem auch die kulturelle Vielfalt, meint die lebhafte, bunt gekleidete Victoria Corpus von den Philippinen. "Unsere Identität als Ureinwohner der Philippinen beziehen wir gerade aus unserer besonderen Ernährungform, Reis und Gemüse, und den damit verbundenen Festen!" In ihrem Bergdorf ist für die alteingesessene Bevölkerung der Zyklus der Feste noch eng mit dem zeitlichen Ablauf von Aussaat bis Ernte auf den Feldern verbunden. "Beim Erntefest danken wir den Göttern und Göttinnen für ihre Hilfe und unser Wissen über Saat und Ackerbau." "Was wir brauchen, um eine sichere Lebensmittelproduktion gewähren zu können", fordert Victoria Corpus, "ist die Unterstützung der kleinen Bauern." Den Frauen geht es um die Verteidigung der Subsistenzwirtschaft, die im Süden anerkanntermaßen vor allem in den Händen von Frauen lag.

Die Canadierin Mary Alice Johnson hat die Konsequenz gezogen. Sie berichtete von ihrer Farm in der Nähe von Vancouver. Nachdem sie 20 Jahre lang überall auf der Welt als Lehrerin für Mathematik und Kommunikation an Schulen und Universitäten gearbeitet hatte, baut sie nun seit sieben Jahren Biogemüse an. Einmal in der Woche, samstags, geht sie mit ihren Grünzeug auf den von ihr mitbegründeten Bio-Markt im eine Autostunde entfernten Victoria. Dienstags kommen die Kunden und holen für sich und Freunde ihre Abo-Kisten mit den Früchten der Saison ab.

Sie betreibt ihre Zehn-Hektar-Farm allein, ihr Mann arbeitet in der Computerbranche. Aber sie hat im Sommer viel Hilfe von Freundinnen und Kundinnen. Jede Menge junger und einiger nicht ganz so junge Frauen kommen zu ihr, um Praktika zu absolvieren und das "organic gardening" und "organic farming" zu lernen, darunter sogar Studentinnen aus Deutschland.

Der volle Geschmack ist ihr wichtig, sie kennt ihn aus ihrer Jugend, als ihre Mutter, eine Bäuerin, ihre Familie mit selbstangebauten Gartenfrüchten ernährte. - Zusammen mit zwanzig anderen Frauen, die in ihrer Gegend ebenfalls das "organic farming" betreiben, hat sie einen Verein zwecks besserer Vermarktung und politischer Arbeit in der Region gegründet. Um den vielfältigen Nachfragen gerecht werden zu können, haben die Frauen sogar einen kleinen Video-Film gedreht: "Outstanding in her Fields - A Video by and about Women in Sustainable Agriculture".5

Wir müssen, so Maria Mies, auf dem Recht auf Mitbestimmung über unsere Lebensmittel, auf Selbsterzeugung unserer Ernährung, oder zumindest unvergiftete und bekömmliche Nahrung bestehen. Was heute in den Regalen der Supermärkte an neuen Mixturen auftaucht, können auch wir im Norden kaum noch beurteilen, da die großen Firmen allein nach der Maßgabe der Vermarktung, respektive Lagerfähigkeit, alles Mögliche hineinmixen, ohne danach zu fragen, ob wir all die vielen Zutaten aus den unterschiedlichsten Chemieküchen überhaupt noch verdauen können. Der Skandal um den Rinderwahnsinn hat uns gezeigt: Nicht die Rindviecher, aber unser Wirtschaftssystem ist "wahnsinnig": Wenn über 80 Prozent der Bundesbürger möchten, daß gentechnisch veränderte Lebensmittel entsprechend gekennzeichnet werden, aber zehn Lebensmittelmulties behaupten, daß das nicht möglich sei, dann ist das System "entgleist". Wir haben ein grundsätzliches Recht zu wissen, woraus unsere Lebensmittel bestehen. Maria Mies forderte dazu auf, sich dem Boykott - etwa von Monsanto-Produkten, wie etwa der Rama-Magarine - anzuschließen, solange solche Firmen nicht bereit sind, den Wünschen der Konsumenten nach Kennzeichnung aller Lebensmittel, die beispielsweise gentechnisch verändertes Soja enthalten, zu entsprechen. Penny van Esterik, vom Global Network for Breast Feeding und Anthropologin an einer kanadischen Universität, erinnert daran, daß der Nestlé-Boykott anläßlich des Imports von Nestlé-Babynahrung in Länder der Dritten Welt immerhin bedingt erfolgreich war.

Am Vortag hatte Michael Hansen von der US-amerikanischen Consumer Organization mir den Weg zum Hunger-Gathering gezeigt. Er war begeistert von der radikal ablehnenden Haltung der Deutschen gegenüber gentechnisch verändertem Essen. In den USA beschränkten sich die Verbraucherverbände darauf, das Recht der Konsumenten auf ausreichende Informationen über die von ihnen verzehrten Lebensmittel einzuklagen. Mit ihrer Forderung nach "labeling", einer Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel haben aber auch sie die große Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. Aber auf dem Women's Day und den NGO-Foren geht es nicht nur um Forderungen an den Staat: ethisch vertretbares Einkaufen wurde von den Rednerinnen gefordert: Einkaufen nicht im Supermarkt, sondern auf alternativen, regionalen Märkten, die noch von Frauen bestimmt sind. Einkaufen in der jeweiligen Region beim nächsten Biobauern und eine entsprechende Änderung der Studienpläne für LandwirtschaftstudentInnen forderte Veronika Bennholdt-Thomsen, derzeit Gastprofessorin an der Universität für Bodenkunde in Wien.

Zum Schluß bekomme ich sogar noch ein Plakat UBINING ("Politische Forschung für Entwicklungsalternativen") aus einem der ärmsten Länder der Welt, aus Bangladesh, geschenkt: "Overconsumption of the Rich in the North and in the South must be Controlled to Ensure Food Security for all" (Die - drastisch ausgedrückt - Zuvielfresserei der Reichen des Nordens wie des Südens müsse kontrolliert werden, um Ernährungssicherheit für alle zu garantieren). Das Plakat richtet sich gegen die Behauptung der reichen Länder, daß die Überbevölkerung oder eine zu hohe Geburtenrate des Südens als Hauptursache des Hungers "unter Kontrolle" gebracht werden müsse und Bevölkerungswachstum eine weitere Expansion der umweltschädlichen Intensivlandwirtschaft erzwinge. Nicht die Geburtenrate, so Farida Akhter, Ökonomin aus Bangladesh, ist das Problem, sondern, daß die Paddyfields, die Reis-Anbaugebiete in den großen Fluß-Deltas in Shrimps-Farmen für die Restaurants der Reichen des Nordens verwandelt würden. Für einen Reisanbau der einheimischen Bevölkerung stehen diese Böden dann nicht mehr zur Verfügung. Am Abend zuvor waren wir in einer großen Frauenrunde in einem Restaurant essen und hatten auf Rat des Wirts alle Pasta, Reis und Meeresfrüchte bestellt. Letztere bestanden zu unserer Verblüffung auch in Italien schon teilweise aus solch ferngereisten Garnelen. Farida versuchte daraufhin am nächsten Abend schlicht Reis ohne alles zu bestellen: dem Wirt war das kaum beizubringen...

Das riesige, relativ neue, architektonisch nur Macht repräsentierende und daher erschlagend wirkende FAO-Hauptquartier liegt am Circus Maximus, der mit seinen immensen Ausmaßen an die öde Machtpolitik des römischen Imperiums erinnert. "Brot und Spiele" galten damals als Maximen kluger Staatsführer, mittels derer sie das von den Staatsgeschäften ausgeschlossene Volk still zu halten suchten. Soll, fragt man sich, die FAO-Politik heute ähnliche Verfahrensweisen legitimieren?

Für Roberto Savio, einen sich konventionell gebenden Ökonomen aus Argentinien, kann die derzeitige Politik das Ende der Demokratie(n) bedeuten. Wenn 4 Prozent der Weltbevölkerung 40 Prozent der Weltproduktion kontrollieren, wie heute bereits der Fall, sei es mit der Demokratie vorbei. Eine neue Politik kann, so Vandana Shiva im Anschluß an Maria Mies' Diagnose unseres Tagungsorts als typische "Investitionsruine", allein aus den Ruinen erfolgen. Ich denke an die Schlachthofruine des "Hunger-Gatherings": "Re-Ruralisierung" unseres Bewußtseins und unserer Lebensweise lautete dort die Forderung. Daß das "urban bias", die arrogante Dominanz der Städte, schließlich nicht nur das Land erstickt, sondern auch den Städtern im Wortsinn "am Leibe flickt", wird uns langsam klar.

Fußnoten

1) Die offiziellen FAO-Delegierten, Regierungschefs aus dem "Süden", Minister aus dem "Norden", Parlamentarier und Experten, die in Rom de facto nichts zu tun hatten, sich angesichts der vorgefertigten Reden und der schon vorliegenden Abschlußpapiere langweilten, zeigte sich am Freitag. Sie zollten begeistert Fidel Castro Beifall, der der einzige war, dem es gelang, in den vollständig fertig präparierten FAO-Papieren einen Satz zu ändern. Gegen den Willen der USA setzte Castro durch, daß Nahrung nicht als politische oder ökonomische Waffe benutzt werden darf.

2) Konsequenterweise unterstützte der dänische Landwirtschaftsminister die Herausgabe einer Frauenzeitung während des Summits, der "Food Summit Watch" ("A Publication of the Women's Feature Service"), die - gemacht von Frauen aus aller "Herren Länder" - aus Frauensicht die wichtigsten Reden und Treffen aus dem Summit und bei den NGOs beschrieb und kommentierte.

3) Allein die Organisation der evangelischen Kirche, "Brot für die Welt", unterstützte auf Maria Mies' Bitte hin den "Women's Day on Food", indem sie für zwei der Rednerinnen die Reisekosten übernahm.

4) Clara Terko Tabaki Brandao, Rubens Brandao, Alternative Nourishment - A Nutritional Education Programm based on Regional Solution and simple Technology, Rom November 1996 (Adresse der Autoren: SQS 106, Bloco C, Apto 605, 70345-030 Brasilia, DF, Brasil)

5) den man über die Media Network Society, 666 Herald Street, Victoria B.C. V8W 1S7, Canada, bestellen kann.

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