Die freie Wirtschaft des Robinson Crusoeby - 07.01.2005 19:50 (...)
Es gibt aber in der linken Utopietradition noch einen anderen problematischen Aspekt, der bis heute nachwirkt. Die frühsozialistischen Saint-SimonistInnen stellten sich Anfang des neunzehnten Jahrhunderts die gesellschaftliche Erneuerung ausgehend von einem aus Mann und Frau gebildeten gesellschaftlichen Individuum vor. Der Dualismus der Geschlechter – die gegenseitige Ergänzung des männlichen Intellekts mit dem weiblichen Gefühl – findet sich laut Fraisse von Anfang an im Zentrum dieser Utopie: «Die Frau war zugleich eine Erlösergestalt, die notwendige Vermittlerfigur auf dem Weg in eine neue Welt.» Genau dies hat die Frankfurter Schule aufgegriffen und problematisiert, etwa Theodor Adorno und Max Horkheimer in der «Dialektik der Aufklärung». Die Frau ist die Figur der Utopie, weil sie die verborgene Seite der modernen Welt darstellt, heisst es dort. Eine andere, ähnliche Kritik des modernen Dualismus – allerdings mit andern politischen Schlussfolgerungen – haben verschiedene Exponentinnen der Neuen Frauenbewegung entwickelt: Die «weibliche Natur» steht bei ihnen für das, was der Männergesellschaft fehlt. Diese Feministinnen verfolgen nicht mehr ein von Frauen und Männern gemeinsam getragenes antikapitalistisches Projekt, sondern, wie Fraisse schreibt, sie suchen nach einem «Entwurf zur Subversion» im Bestreben, zu «den verlorenen oder verborgenen Werten zurückzukehren – und diese weibliche Subversion sollte das Glück für alle bedeuten». Solche Utopien finden sich heute in so verschiedenen Bereichen wie im Ökofeminismus oder in Managementtheorien wieder. Sie sind, je nach Lesart, mehr oder weniger dualistisch: Ist das, was der Männergesellschaft fehlt, wirklich weiblich? Oder sind es eher die als «Weibliches» naturalisierten Eigenschaften und Tätigkeiten, die Frauen zugeordnet beziehungsweise von Frauen erwartet werden? Fehlt der Männergesellschaft das abgewertete und verdrängte «Weibliche»? Oder eignet sie es sich im Gegenteil durch die Kontrolle über die Frauen an? Grundsätzlich birgt das Denken in besonderen weiblichen Werten ein Problem: Der Weg zur Trümmerfrauenrolle ist sehr kurz. Denn je mehr Mängel die Geld- und Warenwirtschaft produziert, desto grösser werden die Erwartungen und Hoffnungen an die Frauen, auch wenn es ihnen die ökonomischen und politischen Voraussetzungen verunmöglichen, diesen Erwartungen zu entsprechen. Die Utopiefalle Was heisst das nun in Bezug auf die Wirtschaftstheorie? Pierre Bourdieu brachte die Problematik dualistischer Theorieansätze, wie sie den oben genannten Utopien eigen ist, auf den Punkt: «Der wirtschaftswissenschaftliche Kapitalbegriff reduziert die Gesamtheit der gesellschaftlichen Austauschverhältnisse auf den blossen Warenaustausch, der (...) vom (ökonomischen) Eigennutz geleitet ist. Damit erklärt die Wirtschaftstheorie implizit alle anderen Formen sozialen Austausches zu nicht-ökonomischen, uneigennützigen Beziehungen. (....) Wie aber jedermann weiss, haben auch scheinbar unverkäufliche Dinge ihren Preis. Sie lassen sich nur deshalb so schwer in Geld umsetzen, weil sie mit der Absicht einer ausdrücklichen Verneinung des Ökonomischen hergestellt werden.»3 Für diese «Verneinung» waren schon immer die Frauen zuständig. Aus feministischer Sicht – und das ist ein wesentlicher Unterschied zur traditionell linken – ist es wegen der sozialen Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen zentral, Austausch-, Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse auch ausserhalb des direkten kapitalistischen Warenaustausches zu identifizieren: in Familien, in öffentlichen Institutionen, im Non-Profit-Sektor, in Bewegungen und informellen Gruppen. Ökonominnen geraten jedoch in einen Zwiespalt, wenn sie die kritische ökonomische Analyse auf Bereiche ausdehnen, die als Lebenswelt gelten, als Orte der Solidarität – im Gegensatz zur männerdominierten Egomanie und zur rüden Welt des Kapitalismus. Es ist schwierig, Ökonomie aus Frauensicht zu betreiben und sich der Erwartung zu entziehen, die gesamte antikapitalistische Analyse sowie die Zukunftshoffnungen auf eine (von Frauen) veränderte Welt gleich mitzuliefern. Denn dieser Anspruch ist implizit im antibürgerlichen utopischen Denken inbegriffen – eine Falle, der nicht so leicht zu entkommen ist. So wie der Rekurs der neoklassischen Markttheoretiker auf die Robinsongeschichte, so sind auch die kritischen Utopien der Moderne geprägt von einem abstrakten Menschenbild. Feministinnen können diesen Dualismus nur durchbrechen, wenn sie die vielfältigen Lebenssituationen und Interessenslagen von Frauen als Ausgangspunkt ihrer ökonomischen Analyse nehmen. Insofern gibt es nicht eine einzige feministische Ökonomie, sondern vielfältige ökonomische Analysen und Kontroversen von feministisch engagierten Frauen verschiedener Herkunft. Vielleicht, so schreibt die Chefredaktorin der Fachzeitschrift «Feminist Economics»4, Diana Strassmann, werden «neue Theorien entstehen, sogar solche, die wir uns heute nicht einmal vorstellen können». 3 Bourdieu, Pierre (1992) Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital – Soziales Kapital, in: P. Bourdieu, Die verborgenen Mechanismen der Macht, Hamburg: VSA, S. 49-79. 4 Diana Strassmann (1995), Editorial in der ersten Nummer von Feminist Economics Vol. 1,1995. |