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Kritik der politischen Ökonomie. Einführung
by Michael Heinrich - 09.03.2005 12:39
[Den folgenden Text gibt es für 10 Euro als Buch im Buchhandel.]
Michael Heinrich
Kritik der politischen Ökonomie.
Eine Einführung
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Kapitalismus und ”Marxismus”
1.1 Was ist Kapitalismus?
1.2 Die Entstehung der Arbeiterbewegung
1.3 Marx und der ”Marxismus”
2. Der Gegenstand des Marxschen KAPITAL
2.1 Theorie und Geschichte
2.2 Theorie und Kritik
2.3 Dialektik - eine marxistische Wunderwaffe?
3. Wert, Arbeit, Geld
3.1 Gebrauchswert, Tauschwert und Wert
3.2 Ein Beweis der Arbeitswertlehre? (Individuelles Handeln und gesellschaftliche Struktur)
3.3 Abstrakte Arbeit: Realabstraktion und Geltungsverhältnis
3.4 ”Gespenstische” Wertgegenständlichkeit - Produktions- oder Zirkulationstheorie des Werts?
3.5 Wertform und Geldform (Ökonomische Formbestimmungen)
3.6 Geld und Austauschprozess (Handlungen der Warenbesitzer)
3.7 Geldfunktionen, Geldware und das moderne Geldsystem
3.8 Das ”Geheimnis” von Waren- und Geldfetisch
4. Kapital, Mehrwert und Ausbeutung
4.1 Marktwirtschaft und Kapital: Der ”Übergang vom Geld zum Kapital”
4.2 Die ”okkulte Qualität” des Werts: G-W-G’
4.3 Klassenverhältnisse: ”Doppelt freie” Arbeiter
4.4 Der Wert der Ware Arbeitskraft, Mehrwert und Ausbeutung
4.5 Wert der Arbeit – ein ”imaginärer Ausdruck”
5. Der kapitalistische Produktionsprozess
5.1 Konstantes und variables Kapital, Mehrwertrate, Arbeitstag
5.2 Absoluter und relativer Mehrwert, Zwangsgesetze der Konkurrenz
5.3 Methoden der Produktion des relativen Mehrwerts: Kooperation, Teilung der Arbeit, Maschinerie
5.4 Das destruktive Potential kapitalistischer Produktivkraftentwicklung
5.5 Formelle und reelle Subsumtion, Fordismus, produktive und unproduktive Arbeit
5.6 Akkumulation, industrielle Reservearmee, Verelendung
6. Die Zirkulation des Kapitals
6.1 Der Kreislauf des Kapitals. Zirkulationskosten, industrielles Kapital und Kaufmannskapital
6.2 Der Umschlag des Kapitals. Fixes und zirkulierendes Kapital
6.3 Die Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals
7. Profit, Durchschnittsprofit und das ”Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate”
7.1 Kostpreis, Profit, Profitrate – Kategorien und alltägliche Mystifikationen
7.2 Durchschnittsprofit und Produktionspreise
7.3 Das ”Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate” - eine Kritik
8. Zins, Kredit und ”fiktives Kapital”
8.1 Zinstragendes Kapital, Zins und Unternehmergewinn - Vollendung des Kapitalfetischs
8.2 Kreditgeld, Banken und ”fiktives Kapital”
8.3 Das Kreditsystem als Steuerungsinstanz der kapitalistischen Ökonomie
9. Krise
9.1 Zyklus und Krise
9.2 Gibt es bei Marx eine ”Zusammenbruchstheorie”?
10. Der Fetischismus der bürgerlichen Verhältnisse
10.1 Die ”trinitarische Formel”
10.2 Exkurs zum Antisemitismus
11. Staat und Kapital
11.1 Der Staat - ein Instrument der herrschenden Klasse?
11.2 Formbestimmungen des bürgerlichen Staates: Rechtsstaat, Sozialstaat, Demokratie
11.3 Weltmarkt und Imperialismus
12. Kommunismus - Gesellschaft jenseits von Ware, Geld und Staat
Literatur
Vorwort
Protest findet wieder statt. Vielfältige, vor allem ”globalisierungskritische” Protestbewegungen sind in den letzten Jahren entstanden. Die Auseinandersetzungen beim Treffen der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle 1999 oder beim G8-Treffen in Genua 2001 sind bereits zum Symbol für einen neuen Widerstand gegen die Zumutungen des Kapitalismus geworden. Auch jenseits traditionell linker Zirkel wird inzwischen über die destruktiven Konsequenzen eines ”ungezügelten” Kapitalismus diskutiert.
Dass dies nicht selbstverständlich ist, zeigt ein kurzer Blick zurück. Anfang der 90er Jahre, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, sah es so aus, als hätte sich der Kapitalismus weltweit und endgültig als alternativloses Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell durchgesetzt. Zwar hatte es immer schon viele Linke gegeben, die im sowjetischen ”Realsozialismus” nicht die erstrebenswerte Alternative zum Kapitalismus erblickten, doch spielten solche Unterschiede jetzt anscheinend keine Rolle mehr. Eine Gesellschaft jenseits kapitalistischer Marktwirtschaft erschien den meisten Menschen nur noch als eine völlig realitätsferne Utopie. Statt Protest dominierten Anpassung und Resignation.
Gerade die 90er Jahre machten aber deutlich, dass der Kapitalismus auch nach seinem scheinbaren ”Endsieg” weiterhin mit Krisen- und Verelendungsprozessen einherging; und Kosovo, Afghanistan und Irak zeigten, dass Kriege, in welche die entwickelten kapitalistischen Länder nicht nur indirekt, sondern auch ganz direkt verwickelt sind, keineswegs der Vergangenheit angehören. All das wurde von den neuen Bewegungen in unterschiedlichen Formen aufgegriffen und zum Ansatzpunkt von Kritik gemacht. Häufig ging es dabei zunächst nur um punktuellen Protest und systemimmanente Verbesserungen und nicht selten beruhte die Kritik auf einer einfachen moralischen Schwarz-Weiß-Malerei. Im Verlauf der Auseinandersetzungen wurden aber auch immer wieder grundsätzliche Fragen gestellt: nach der Funktionsweise des gegenwärtigen Kapitalismus, nach dem Zusammenhang von Kapitalismus, Staat und Krieg und auch danach, was innerhalb des Kapitalismus überhaupt an Veränderung möglich ist.
Linke Theorie wurde wieder wichtig. Jede auf Veränderung zielende Praxis geht von einem bestimmten Verständnis des Bestehenden aus. Wird z.B. die Einführung einer Tobin-Steuer (d.h. die Besteuerung von Devisengeschäften) als ein entscheidendes Mittel zur ”Zähmung” des ”entfesselten” Kapitalismus gefordert, dann sind damit bestimmte theoretische Konzepte über die Bedeutung von Finanzmärkten, über gezähmten und ungezähmten Kapitalismus unterstellt, ob sie nun ausgesprochen werden oder nicht. Die Frage, wie der gegenwärtige Kapitalismus funktioniert, ist somit keine abstrakt akademische, vielmehr hat die Antwort auf diese Frage unmittelbar praktische Relevanz für jede kapitalismuskritische Bewegung.
Daher ist es nicht verwunderlich, dass in den letzten Jahren auch wieder theoretische Großentwürfe Konjunktur hatten, wie zuletzt ”Empire” von Antonio Negri und Michael Hardt, ”Das Informationszeitalter” von Manuel Castells oder speziell in Deutschland, Robert Kurz ”Schwarzbuch Kapitalismus”. In allen drei, inhaltlich und politisch ganz unterschiedlich ausgerichteten Büchern wird mehr oder weniger stark auf Marxsche Kategorien zurückgegriffen: teils werden sie zur Analyse der gegenwärtigen Entwicklung benutzt, teils werden sie als überholt kritisiert. Offensichtlich kommt man auch heute nicht um das Marxsche ”Kapital” herum, will man sich grundsätzlich mit dem Kapitalismus auseinandersetzen. Allerdings ist den drei genannten Büchern, wenn auch in unterschiedlicher Weise, ein recht oberflächlicher Umgang mit den Marxschen Kategorien gemeinsam, häufig tauchen sie nur als Floskeln auf. Eine Auseinandersetzung mit dem Original ist angebracht, nicht nur um solche Oberflächlichkeiten zu kritisieren, sondern auch weil das vor über 100 Jahren geschriebene ”Kapital” in vieler Hinsicht aktueller ist, als manch großspurig aufgemachtes Werk, das in der Gegenwart verfasst wurde.
Beginnt man das ”Kapital” zu lesen, stößt man auf einige Schwierigkeiten. Gerade am Anfang ist der Text nicht immer ganz einfach zu verstehen. Abschreckend dürfte auch der Umfang der drei Bände wirken. Allerdings sollte man sich bei der Lektüre auf keinen Fall nur mit dem ersten Band begnügen. Da Marx seinen Gegenstand auf verschiedenen, sich wechselseitig voraussetzenden und ergänzenden Abstraktionsstufen darstellt, kann die im ersten Band behandelte Wert- und Mehrwerttheorie erst am Ende des dritten Bandes vollständig begriffen werden. Was man nach der isolierten Lektüre des ersten Bandes zu wissen glaubt, ist nicht nur unvollständig, sondern auch schief.
Nicht ohne weiteres zu verstehen ist auch der Anspruch des ”Kapital”, der in seinem Untertitel zum Ausdruck kommt und den Marx auch zur Charakteristik seines gesamten wissenschaftlichen Projektes benutzte: Kritik der politischen Ökonomie. Als politische Ökonomie wurde im 19. Jahrhundert thematisch ungefähr das bezeichnet, was man heute Volkswirtschaftslehre oder Wirtschaftswissenschaft nennt. Mit der Bezeichnung Kritik der politischen Ökonomie deutet Marx an, dass es ihm nicht allein um eine neue Darstellung der politischen Ökonomie geht, sondern um eine fundamentale Kritik an der gesamten bisherigen Wirtschaftswissenschaft: Es geht Marx um eine «wissenschaftliche Revolution», allerdings um eine in politischer, sozialrevolutionärer Absicht. Trotz all dieser Schwierigkeiten sollte man die Lektüre des ”Kapital” auf sich nehmen. Die folgende Einführung kann diese Lektüre nicht ersetzen; sie soll lediglich eine erste Orientierung bieten. [Fußnote 1: Ein ausführlicher, jedes Kapitel berücksichtigender Kommentar zum ersten Band des ”Kapital” findet sich in Altvater u.a. (1999). Im Unterschied dazu geht es hier nur um den groben Zusammenhang der Marxschen Argumentation, allerdings unter Berücksichtigung von allen drei Bänden des ”Kapital”.]
Dabei sollten sich die Leser und Leserinnen bewusst machen, dass sie ein bestimmtes Vorverständnis davon mitbringen, was Kapital ist, was Krise ist, aber auch worum es in der Marxschen Theorie geht. Dieses Vorverständnis, das sich automatisch durch Schule und Medien, durch Gespräche und Auseinandersetzungen herausbildet, gilt es kritisch zu hinterfragen. Es geht nicht nur darum, sich mit Neuem auseinander zu setzen, auch scheinbar Bekanntes und Selbstverständliches ist zu überprüfen.
Diese Überprüfung sollte bereits mit Kapitel 1 beginnen. Hier wird einerseits ein erster vorläufiger Begriff von Kapitalismus entwickelt, der sich von vielen «alltäglichen» Kapitalismusvorstellungen unterscheidet. Andererseits geht es um die Rolle des Marxismus in der Arbeiterbewegung. Dabei sollte deutlich werden, dass es «den» Marxismus gar nicht gibt. Es war immer umstritten, um was es bei der Marxschen Theorie im Kern eigentlich geht – und zwar nicht nur zwischen ”Marxisten” und ”Marx-Kritikern” sondern auch unter den ”Marxisten” selbst.
Nach dem ebenfalls noch vorbereitenden Kapitel 2, das einer vorläufigen Charakterisierung des Gegenstands des ”Kapital” gewidmet ist, folgen die weiteren Kapitel sehr grob dem Argumentationsgang der drei ”Kapital”-Bände: die Kapitel 3-5 handeln vom Stoff des ersten Bandes, Kapitel 6 vom Stoff des zweiten und Kapitel 7-10 vom Stoff des dritten Bandes.
Eine Untersuchung des Staates, die ähnlich systematisch vorgehen sollte wie seine Analyse der Ökonomie, hatte Marx zwar geplant, er kam aber nie dazu, sie durchzuführen. Im ”Kapital” finden sich lediglich vereinzelte Bemerkungen zum Staat. Kapitalkritik ist aber ohne Staatskritik nicht nur unvollständig, sie lädt zu Missverständnissen geradezu ein. In Kapitel 11 wird es deshalb wenigstens kurz um eine Kritik des Staates gehen. Im abschließenden 12. Kapitel folgt dann eine kurze Auseinandersetzung mit dem, was bei Marx Sozialismus/Kommunismus bedeutet – und was nicht.
Viele Verkürzungen des traditionellen, ”weltanschaulichen” Marxismus (vgl. zu diesem Begriff Kapitel 1.3) wurden insbesondere in den letzten Jahrzehnten kritisiert. Dabei wurde Marx nicht mehr, wie in der traditionellen Perspektive, einfach als der bessere Ökonom aufgefasst, sondern in erster Linie als Kritiker der über den Wert vermittelten und damit ”fetischisierten” Vergesellschaftung. Diese neue Lektüre der ökonomiekritischen Marxschen Texte bildet die Grundlage der vorliegenden Einführung. Mit meiner Darstellung knüpfe ich also an bestimmte Interpretationen der Marxschen Theorie an, während andere verworfen werden. Um aber den Umfang dieser Einführung nicht zu sprengen, musste auf die Auseinandersetzung mit anderen Auffassungen zum größten Teil verzichtet werden. Ausführlich begründe ich meine Sicht der Kritik der politischen Ökonomie in Heinrich (1999), eine Besprechung der wichtigsten Literatur findet sich in Heinrich (1999a).
In Kapitel 3 geht es um die Marxsche Werttheorie. Dieses Kapitel empfehle ich zu einer besonders gründlichen Lektüre, und zwar auch denjenigen, die glauben, die Werttheorie schon zu kennen, und sich nur über darauf aufbauende Themen wie etwa Kredit und Krise informieren wollen. Dieses Kapitel ist nicht nur die Voraussetzung für alles weitere, hier wird die angesprochene ”neue Marx-Lektüre” auch besonders deutlich.
Eine Anmerkung zu geschlechtsspezifischen Schreibweisen: Es ist mir bewusst, dass die deutsche Sprache Frauen ignoriert, indem die männlichen Formen zugleich geschlechtsübergreifend benutzt werden. Als Reaktion wurde das große ”I” eingeführt. Dessen konsequente Anwendung würde gerade beim vorliegenden Thema aber zu einer neuen Ignoranz führen: während es bei ”ArbeiterInnen” seine Berechtigung hat, verdeckt es bei ”KapitalistInnen” oder ”PolitikerInnen”, dass Frauen nur recht selten Kapitalistinnen oder Politikerinnen sind. Ich habe deshalb auf das große ”I” verzichtet, spreche aber häufig von ”Arbeitern und Arbeiterinnen” etc.
Zur Zitierweise: ”Das Kapital” und weitere Marxsche Texte werden nach Marx-Engels-Werke (MEW), Berlin 1956 ff. zitiert, die drei ”Kapital”-Bände sind in MEW 23-25 enthalten. Nicht in MEW enthaltene Texte werden nach der Historisch kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA), Berlin 1975 ff. zitiert.
Bei der Fertigstellung dieser Einführung habe ich vielfältige Unterstützung erfahren. Für die teils mehrmalige kritische Lektüre einzelner Teile des Manuskripts, für intensive Diskussionsrunden und wichtige Anregungen gilt mein ganz besonderer Dank Marcus Bröskamp, Alex Gallas, Jan Hoff, Martin Krzymdzinski, Ines Langmeyer, Henrik Lebuhn, Kolja Lindner, Urs Lindner, Arno Netzbandt, Bodo Niendl, Sabine Nuss, Alexis Petrioli, Thomas Sablowski, Dorothea Schmidt, Anne Steckner und Ingo Stützle.
1. Kapitalismus und ”Marxismus”
1.1 Was ist Kapitalismus?
Die gegenwärtigen Gesellschaften sind von einer Vielzahl von Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnissen durchzogen, die sich in unterschiedlichen Formen zeigen. Wir finden asymmetrische Geschlechterverhältnisse, rassistische Diskriminierungen, enorme Besitzunterschiede mit entsprechenden Unterschieden im gesellschaftlichen Einfluss, antisemitische Stereotypen, Diskriminierung bestimmter sexueller Orientierungen. Über den Zusammenhang dieser Herrschaftsverhältnisse und insbesondere über die Frage, ob eines davon fundamentaler sei als die anderen, wurde schon viel debattiert. Wenn im folgenden ökonomisch begründete Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse im Vordergrund stehen, dann nicht deshalb, weil es die einzig relevanten Herrschaftsverhältnisse wären. Allerdings kann man nicht gleichzeitig von allem reden. In Marx’ Kritik der politischen Ökonomie geht es in erster Linie um die ökonomischen Strukturen der kapitalistischen Gesellschaft, sie stehen in dieser Einführung daher im Mittelpunkt. Doch sollte man sich nicht der Illusion hingeben, dass mit der Analyse der Grundlagen der kapitalistischen Produktionsweise bereits alles Entscheidende über kapitalistische Gesellschaften gesagt wäre.
Ob wir in einer ”Klassengesellschaft” leben, scheint vor allem in Deutschland umstritten zu sein. Hier ist bereits die Verwendung des Begriffs ”Klasse” verpönt. Während Englands erzreaktionäre Premierministerin Margret Thatcher keine Probleme hatte von der ”working class” zu reden, kommt dieses Wort in Deutschland bereits Sozialdemokraten nur schwer über die Lippen. Hierzulande gibt es nur Arbeitnehmer, Unternehmer, Beamte und vor allem den ”Mittelstand”. Dabei ist die Rede von Klassen keineswegs an sich schon besonders kritisch. Das gilt nicht nur für Vorstellungen von ”sozialer Gerechtigkeit”, die einen Ausgleich zwischen den Klassen suchen, sondern auch für so manche angeblich ”linken” Vorstellungen von bürgerlicher Politik als einer Art Verschwörung der ”herrschenden” Klasse gegen den Rest der Gesellschaft.
Dass eine ”herrschende Klasse” einer ”beherrschten” und ”ausgebeuteten” Klasse gegenübersteht, mag vielleicht für einen konservativen Sozialkundelehrer, der nur ”Bürger” kennt, eine Überraschung sein, viel ausgesagt ist damit jedoch noch nicht. Alle uns bekannten Gesellschaften sind ”Klassengesellschaften”. ”Ausbeutung” bedeutet zunächst einmal nur, dass die beherrschte Klasse nicht nur ihren eigenen Lebensunterhalt produziert, sondern auch den der herrschenden Klasse. Historisch sahen diese Klassen ganz unterschiedlich aus (Sklaven und Sklavinnen standen im antiken Griechenland den Sklavenbesitzern gegenüber, leibeigene Bauern im Mittelalter den Grundherren, und im Kapitalismus stehen sich Bourgeoisie [Besitzbürgertum] und Proletariat [lohnabhängige Arbeiter und Arbeiterinnen] gegenüber). Entscheidend ist wie Klassenherrschaft und Ausbeutung in einer Gesellschaft funktionieren. Und hier unterscheidet sich der Kapitalismus in zweierlei Hinsicht ganz grundlegend von vorkapitalistischen Gesellschaften:
1) In vorkapitalistischen Gesellschaften beruhte die Ausbeutung auf einem persönlichen Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnis: der Sklave war Eigentum seines Herrn, der leibeigene Bauer war an den jeweiligen Grundherren gebunden. Der ”Herr” hatte unmittelbar Gewalt über den ”Knecht”. Gestützt auf diese Gewalt eignete sich der ”Herr” einen Teil des Produktes an, welches der ”Knecht” herstellte. Unter kapitalistischen Verhältnissen gehen die Lohnarbeiter einen Arbeitsvertrag mit den Kapitalisten ein. Die Lohnarbeiter sind formell frei (es gibt keine äußere Gewalt, die sie zum Vertragsabschluß zwingt, eingegangene Verträge können gekündigt werden) und den Kapitalisten formell gleich gestellt (es gibt zwar die faktischen Vorteile eines großen Besitzes, es gibt aber keine ”angeborenen” rechtlichen Privilegien wie in einer Adelsgesellschaft). Ein persönliches Gewaltverhältnis existiert nicht (zumindest in den entwickelten kapitalistischen Ländern nicht als Regel). Für viele Gesellschaftstheoretiker erschien deshalb die bürgerliche Gesellschaft mit ihren freien und gleichen Bürgern als Gegenteil der mittelalterlichen Feudalgesellschaft mit ihren Standesprivilegien und persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen. Und viele Ökonomen bestreiten, dass es so etwas wie Ausbeutung im Kapitalismus (sie reden zumindest in Deutschland lieber von ”Marktwirtschaft”) überhaupt gibt. Hier wirken, so wird behauptet, verschiedene ”Produktionsfaktoren” (Arbeit, Kapital und Boden) zusammen und erhalten dann entsprechende Anteile am Ertrag (Lohn, Profit und Grundrente). Wie sich Herrschaft und Ausbeutung im Kapitalismus aber gerade vermittels der formellen Freiheit und Gleichheit der ”Tauschpartner” realisiert, wird später noch diskutiert werden.
2) In vorkapitalistischen Gesellschaften dient die Ausbeutung der beherrschten Klasse in erster Linie dem Konsum der herrschenden Klasse: deren Mitglieder führen ein luxuriöses Leben, benutzen den angeeigneten Reichtum zur eigenen oder öffentlichen Erbauung (Theateraufführungen im antiken Griechenland, Spiele im alten Rom) oder auch um Kriege zu führen. Die Produktion dient unmittelbar der Bedarfsdeckung: der Deckung des (notwendigerweise) einfachen Bedarfs der beherrschten Klasse und des umfangreichen Luxus- und Kriegsbedarfs der herrschenden Klasse. Nur in Ausnahmefällen wird der von der herrschenden Klasse angeeignete Reichtum dazu verwendet, die Basis der Ausbeutung zu vergrößern (indem z.B. auf Konsum verzichtet wird und stattdessen noch mehr Sklaven gekauft werden, so dass diese einen noch größeren Reichtum produzieren können). Unter kapitalistischen Verhältnissen ist dies aber der typische Fall. Der Gewinn eines kapitalistischen Unternehmens dient nicht in erster Linie dazu, dem Kapitalisten ein angenehmes Leben zu ermöglichen, der Gewinn soll vielmehr erneut investiert werden, damit in Zukunft noch mehr Gewinn gemacht wird. Nicht Bedarfsdeckung, sondern Kapitalverwertung ist der unmittelbare Zweck der Produktion, Bedarfsdeckung und damit auch das angenehme Leben des Kapitalisten ist nur ein Nebenprodukt dieses Prozesses, aber nicht sein Zweck: sind die Gewinne groß genug, dann genügt bereits ein kleiner Teil davon, um das luxuriöse Leben des Kapitalisten zu finanzieren, der größte Teil kann für die ”Akkumulation” (die Vergrößerung des Kapitals) benutzt werden.
Dass der Gewinn nicht in erster Linie dem Konsum des Kapitalisten dient, sondern der beständigen Kapitalverwertung, d.h. der rastlosen Bewegung des immer noch mehr Gewinnens, hört sich vielleicht absurd an. Doch geht es hier nicht um eine individuelle Verrücktheit. Die einzelnen Kapitalisten werden zu dieser Bewegung des rastlosen Gewinnens (beständige Akkumulation, Ausweitung der Produktion, Einführung neuer Techniken etc.) durch die Konkurrenz der anderen Kapitalisten gezwungen: wird nicht akkumuliert, wird nicht der Produktionsapparat ständig modernisiert, droht das eigene Unternehmen von Konkurrenten, die billiger produzieren oder bessere Produkte herstellen, überrollt zu werden. Will sich ein einzelner Kapitalist der ständigen Akkumulation und Innovation entziehen, droht ihm der Bankrott. Er ist deshalb gezwungen mitzumachen, ob er will oder nicht. ”Maßloses Gewinnstreben” ist im Kapitalismus kein moralischer Mangel der Einzelnen, sondern notwendig, um als Kapitalist zu überleben. Wie in den nächsten Abschnitten noch deutlicher werden wird, beruht der Kapitalismus auf einem systemischen Herrschaftsverhältnis, das Zwänge produziert, denen sowohl die Arbeiter und Arbeiterinnen als auch die Kapitalisten unterworfen sind. Daher greift auch eine Kritik zu kurz, die auf das ”maßlose Gewinnstreben” einzelner Kapitalisten, nicht aber auf das kapitalistische System als Ganzes abzielt.
Unter Kapital verstehen wir (vorläufig, später wird es präziser) eine bestimmte Wertsumme, deren Zweck es ist, sich zu ”verwerten”, d.h. Gewinn abzuwerfen. Dabei kann dieser Gewinn auf unterschiedliche Weise erzielt werden. Beim zinstragenden Kapital wird Geld gegen Zins verliehen. Der Zins bildet hier den Gewinn. Beim Handelskapital werden Produkte an einem Ort billig gekauft und an einem anderen Ort (oder zu einer anderen Zeit) teurer verkauft. Die Differenz zwischen Einkaufspreis und Verkaufspreis bildet (abzüglich anfallender Unkosten) den Gewinn. Beim industriellen Kapital wird schließlich der Produktionsprozess selbst kapitalistisch organisiert: Kapital wird zum Kauf von Produktionsmitteln (Maschinen, Rohstoffen) und der Beschäftigung von Arbeitskräften vorgeschossen, so dass ein Produktionsprozess unter der Leitung des Kapitalisten (oder seiner Beauftragten) zustande kommt. Die hergestellten Produkte werden verkauft. Liegt ihr Erlös über den für Produktionsmittel und Löhne aufgewendeten Kosten, dann hat sich das ursprünglich vorgeschossene Kapital nicht nur reproduziert, sondern auch noch einen Gewinn abgeworfen.
Kapital in der eben skizzierten Bedeutung (vor allem als zinstragendes und als Handelskapital, weniger als industrielles Kapital) hat es in praktisch allen Gesellschaften gegeben, die Tausch und Geld kannten, allerdings spielte es meistens nur eine untergeordnete Rolle, während die Produktion für den Bedarf dominierte. Von Kapitalismus kann man erst sprechen, wenn der Handel und vor allem die Produktion überwiegend kapitalistisch (also gewinn- und nicht mehr bedarfsorientiert) betrieben werden. Kapitalismus in diesem Sinne ist eine vorwiegend neuzeitlich-europäische Erscheinung.
Die Wurzeln dieser neuzeitlichen kapitalistischen Entwicklung reichen in Europa bis ins Hochmittelalter zurück. Zunächst wurde der Fernhandel auf kapitalistischer Basis organisiert, wobei die mittelalterlichen ”Kreuzzüge” - groß angelegte Raubkriege - eine wichtige Rolle für die Ausweitung des Handels spielten. Allmählich begannen dann die Kaufleute, die zunächst nur vorgefundene Produkte gekauft und an einem anderen Ort wieder verkauft hatten, die Produktion zu kontrollieren: sie gaben bestimmte Produkte in Auftrag, schossen die Kosten für das Rohmaterial vor und diktierten den Preis, zu dem sie das fertige Produkt abnahmen.
Den richtigen Aufschwung erfuhr die Entwicklung europäischer Kultur und europäischen Kapitals dann im 16. und 17. Jahrhundert. Was in Schulbüchern gerne als ”Zeitalter der Entdeckungen” bezeichnet wird, fasste Marx folgendermaßen zusammen:
”Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingeborenen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Gehege zur Handelsjagd auf Schwarzhäute bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära. (...) Der außerhalb Europa direkt durch Plünderung, Versklavung und Raubmord erbeutete Schatz floss ins Mutterland zurück und verwandelte sich hier in Kapital.” (MEW 23, S.779, 781)
Innerhalb Europas ergriff die kapitalistische Produktion immer weitere Bereiche, es entstanden Manufakturen und Fabriken, und neben den kaufmännischen Kapitalisten etablierten sich schließlich industrielle Kapitalisten, die in immer größeren Produktionsanlagen immer mehr Arbeitskräfte als Lohnarbeiter beschäftigten. Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert entwickelte sich dieser Industriekapitalismus zunächst in England, im 19. Jahrhundert zogen dann Frankreich, Deutschland und die USA nach. Im 20. Jahrhundert kam es zur Durchkapitalisierung fast der gesamten Welt, aber auch zum Versuch einiger Länder wie Russland oder China sich dieser Entwicklung durch den Aufbau eines ”sozialistischen Systems” (vgl. dazu unten Kapitel 12) zu entziehen. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Orientierung Chinas auf marktwirtschaftlich-kapitalistische Strukturen kennt der Kapitalismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts zumindest geographisch keine Grenzen mehr. Zwar ist noch längst nicht die gesamte Welt durchkapitalisiert (wie ein Blick auf große Teile Afrikas zeigt), aber nicht weil der Kapitalismus auf Widerstand stoßen würde, sondern weil die Verwertungsbedingungen unterschiedlich günstig sind und Kapital immer nach den besten Gewinnmöglichkeiten sucht und die weniger günstigen erst einmal links liegen lässt (vgl. zur Einführung in die Entwicklungsgeschichte des Kapitalismus Conert 1998).
1.2 Die Entstehung der Arbeiterbewegung
Voraussetzung für die Entwicklung des Industriekapitalismus war nicht nur die Entstehung von entsprechend großen Vermögen, sondern die ”Freisetzung” von Arbeitskräften: Menschen, die einerseits nicht mehr den feudalen Abhängigkeitsverhältnissen unterlagen, sondern formal frei waren und damit überhaupt erst die Möglichkeit hatten, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, die andererseits aber auch ”frei” von jeder Einkommensquelle waren, die vor allem kein Land besaßen, von dessen Bewirtschaftung sie hätten leben können, so dass sie ihre Arbeitskraft verkaufen mussten, um zu überleben.
Verarmte oder von ihrem Land vertriebene Kleinbauern (die Grundherren verwandelten häufig Ackerland in Weideland, weil das für sie einträglicher war), sowie ruinierte Handwerker und Tagelöhner bildeten den Kern dieses ”Proletariats”, das häufig unter Einsatz brutalster staatlicher Gewalt (Verfolgung von ”Vagabunden” und ”Bettlern”, Einrichtung von ”Arbeitshäusern”) zur permanenten Lohnarbeit gezwungen wurde. Die Entstehung des neuzeitlichen Kapitalismus war kein friedlicher, sondern ein zutiefst gewaltsamer Prozess, über den Marx im ”Kapital” schrieb:
”Wenn das Geld nach Augier [französischer Journalist, M.H.], 'mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kommt', so das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend.” (MEW 23, S. 788)
Unter ungeheuren menschlichen Opfern entwickelte sich in Europa (am frühesten in England) zu Beginn des 19. Jahrhunderts der industrielle Kapitalismus: Arbeitszeiten von bis zu 15, 16 Stunden täglich und Kinderarbeit, zu der bereits Sechs- oder Siebenjährige gezwungen wurden, waren genauso verbreitet wie extrem gesundheitsgefährdende und unfallträchtige Arbeitsbedingungen. Und für all das gab es Löhne, die kaum zum Überleben reichten.
Gegen diese Verhältnisse regte sich von unterschiedlichen Seiten Widerstand. Arbeiter und Arbeiterinnen versuchten höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu erreichen. Die Mittel dazu waren ganz verschieden, sie reichten von Bittschriften über Streiks bis zu militanten Auseinandersetzungen. Streiks wurden häufig gewaltsam durch Einsatz von Polizei und Militär niedergeschlagen, die ersten Gewerkschaften und Arbeitervereine wurden als ”aufrührerische” Vereinigungen verfolgt, ihre Wortführer oft verurteilt. Das ganze 19. Jahrhundert über wurden Kämpfe um die Anerkennung von Gewerkschaften und Streiks als legitimes Mittel der Auseinandersetzung geführt.
Mit der Zeit kritisierten auch aufgeklärte Bürger und selbst einzelne Kapitalisten die elenden Bedingungen, unter denen ein großer Teil des im Laufe der Industrialisierung beständig wachsenden Proletariats vegetierte.
Und schließlich musste auch der Staat feststellen, dass die jungen Männer, die bereits als Kinder in den Fabriken überlangen Arbeitszeiten ausgesetzt waren, kaum noch zum Kriegsdienst taugten. Teils unter dem Druck der stärker werdenden Arbeiterklasse, teils aus Einsicht, dass Kapital und Staat als Arbeitskräfte und Soldaten halbwegs gesunde Menschen benötigen, begann im 19. Jahrhundert die ”Fabrikgesetzgebung”: In einer ganzen Reihe von Gesetzen (wieder zuerst in England) wurde ein minimaler Gesundheitsschutz für die Beschäftigten vorgeschrieben sowie das Mindestalter für Kinderarbeit herauf- und deren maximale tägliche Arbeitszeit herabgesetzt. Schließlich wurde auch die Arbeitszeit für Erwachsene begrenzt. In den meisten Branchen wurde ein Normalarbeitstag von zwölf, später zehn Stunden eingeführt.
Während des 19. Jahrhunderts wurde die Arbeiterbewegung immer stärker, es entstanden Gewerkschaften, Arbeitervereine und schließlich auch Arbeiterparteien. Mit der Ausdehnung des Wahlrechts, das zunächst den Besitzenden (genauer: den besitzenden Männern) vorbehalten war, wurden auch die Parlamentsfraktionen dieser Parteien immer größer. Stets umstritten war das Ziel des Kampfes der Arbeiterbewegung: Sollte es nur um einen reformierten Kapitalismus oder um dessen Abschaffung gehen? Ebenfalls umstritten war, ob Staat und Regierung Gegner sind, die genauso wie das Kapital bekämpft werden müssen, oder ob es sich um mögliche Bündnispartner handelte, die man lediglich von der richtigen Sache überzeugen musste.
Seit den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entstanden eine Fülle von Kapitalismusanalysen, utopischen Sozialismuskonzepten, Reformvorschlägen und strategischen Entwürfen, wie die jeweiligen Ziele am besten zu erreichen seien. In diesen Auseinandersetzungen gewannen Marx und Engels seit der Mitte des Jahrhunderts zunehmend an Einfluss. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, beide waren schon gestorben, dominierte dann der ”Marxismus” innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung. Allerdings ließ sich schon damals fragen, wie viel dieser ”Marxismus” mit der Marxschen Theorie noch zu tun hatte.
1.3 Marx und der ”Marxismus”
Karl Marx (1818-1883) wurde in Trier geboren. Er stammte aus einer gebildeten kleinbürgerlichen Familie, sein Vater war Rechtsanwalt. In Bonn und Berlin studierte Marx pro forma Jura, setzte sich aber vor allem mit der immer noch dominierenden Philosophie Hegels (1770-1831) und der Junghegelianer (einer radikalen Gruppe von Hegelschülern) auseinander.
1842/43 war Marx Redakteur der ”Rheinischen Zeitung”, die als Organ der liberalen rheinländischen Bourgeoisie oppositionell gegenüber der autoritären preußischen Monarchie (die damals auch das Rheinland beherrschte) eingestellt war. In seinen Artikeln kritisierte Marx die preußische Politik, wobei ihm als Maßstab der Kritik die Hegelsche Auffassung vom ”Wesen” des Staates diente, nämlich Verwirklichung einer über den Klasseninteressen stehenden ”vernünftigen Freiheit” zu sein. Bei seiner publizistischen Tätigkeit kam Marx zunehmend mit ökonomischen Fragen in Berührung, was ihm die Hegelsche Staatsphilosophie dann immer zweifelhafter erscheinen ließ.
Unter dem Einfluss der radikalen Hegel-Kritik Ludwig Feuerbachs (1804-1872) versuchte Marx nun statt von den Hegelschen Abstraktionen vom ”wirklichen Menschen” auszugehen. Dabei entstanden 1844 die zu seinen Lebzeiten nie veröffentlichten ”Ökonomisch-philosophischen Manuskripte”. Hier entwickelte er seine im 20. Jahrhundert außerordentlich bekannt gewordene ”Entfremdungstheorie”. Marx versuchte aufzuzeigen, dass die wirklichen Menschen unter kapitalistischen Verhältnissen von ihrem ”Gattungswesen” – also von dem, was sie vom Tier unterscheidet, dass sie nämlich in ihrer Arbeit ihre Fähigkeiten und Kräfte entwickeln – ”entfremdet” seinen: Als Lohnarbeiter verfügen sie weder über die Produkte ihrer Arbeit, noch kontrollierten sie ihren Arbeitsprozess, beides unterliegt vielmehr der Herrschaft des Kapitalisten. Kommunismus, die Beseitigung des Kapitalismus, wird von Marx daher als Aufhebung der Entfremdung, als Wiederaneignung des menschlichen Gattungswesens durch die wirklichen Menschen aufgefasst.
Bereits während seiner Arbeit für die ”Rheinische Zeitung” hatte Marx Friedrich Engels (1820-1895) kennen gelernt, einen Fabrikantensohn aus Barmen (heute ein Teil von Wuppertal). Von seinen Eltern wurde Engels 1842 zur Vollendung seiner kaufmännischen Ausbildung nach England geschickt und sah dort das Elend des englischen Industrieproletariats. Seit Ende 1844 standen Marx und Engels in engem freundschaftlichen Kontakt, der bis an ihr Lebensende nicht abreißen sollte.
1845 verfassten sie gemeinsam die ”Deutsche Ideologie”, eine (zu ihren Lebzeiten nicht veröffentlichte) Schrift, die nicht nur mit der ”radikalen” junghegelianischen Philosophie, sondern, wie Marx später schrieb, auch ”mit unserem ehemaligen philosophischen Gewissen” (MEW 13, S. 10) abrechnen sollte. Kritisiert wurde hier, ebenso wie in den kurz zuvor von Marx niedergeschriebenen ”Thesen zu Feuerbach”, insbesondere die philosophische Auffassung eines ”menschlichen Wesens” und der ”Entfremdung”. Stattdessen sollen die wirklichen gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen Menschen leben und arbeiten, untersucht werden. In der Folge taucht der Begriff eines menschlichen (Gattungs-)Wesens bei Marx überhaupt nicht mehr auf, und von Entfremdung ist nur noch ganz selten und unbestimmt die Rede. In der Diskussion über Marx ist allerdings heftig umstritten, ob er die Entfremdungstheorie tatsächlich aufgegeben hat oder bloß nicht mehr in den Vordergrund stellte. Beim Streit, ob es einen konzeptionellen Bruch zwischen den Schriften des ”jungen” und denen des ”alten” Marx gibt, geht es vor allem um diese Frage.
Weithin bekannt wurden Marx und Engels durch das 1848, kurz vor Ausbruch der 1848er Revolution, erschienene ”Manifest der kommunistischen Partei”, einer Programmschrift, die sie im Auftrag des ”Bundes der Kommunisten” verfassten, einer kleinen revolutionären Gruppe, die nur kurz existierte. Im ”Kommunistischen Manifest” skizzieren sie sehr knapp und in einer überaus prägnanten Sprache den Aufstieg des Kapitalismus, den immer schärfer hervortretenden Klassengegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat und die Unausweichlichkeit einer proletarischen Revolution. Diese Revolution sollte zu einer kommunistischen, auf der Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln beruhenden Gesellschaft führen.
Nach der Niederschlagung der Revolution von 1848 musste Marx aus Deutschland fliehen. Er übersiedelte nach London, damals das kapitalistische Zentrum schlechthin und damit der beste Ort, um die Entwicklung des Kapitalismus zu studieren. Darüber hinaus konnte er in London auch auf die riesige Bibliothek des British Museum zurückgreifen.
Das ”Kommunistische Manifest” war eher einer genialen Intuition als tief greifender wissenschaftlicher Kenntnis entsprungen (einige Aussagen, wie etwa die behauptete Tendenz einer absoluten Verelendung der Arbeiter, wurden später revidiert). Zwar hatte sich Marx schon in den 1840er Jahren mit ökonomischer Literatur beschäftigt, eine umfassende und vertiefte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der politischen Ökonomie begann aber erst in London. Sie führte ihn Ende der 1850er Jahre zum Projekt einer auf mehrere Bücher angelegten ”Kritik der politischen Ökonomie”, für das ab 1857 eine Reihe von recht umfangreichen Manuskripten entstanden, die aber nicht vollendet und von Marx nicht veröffentlicht wurden (unter anderem die ”Einleitung” von 1857, die ”Grundrisse” von 1857/58 und die ”Theorie über den Mehrwert” von 1861-1863).
Bis zu seinem Lebensende arbeitete Marx an diesem Projekt, konnte aber nur weniges veröffentlichen: 1859 erschien als Auftakt ”Zur Kritik der politischen Ökonomie. Erstes Heft”, eine kleine Schrift über Ware und Geld, die aber nicht fortgesetzt wurde. Stattdessen kam 1867 der erste Band des ”Kapital” heraus, 1872 erschien die überarbeitete zweite Auflage des ersten Bandes. Erst nach Marx Tod wurden 1885 und 1894 die Bände zwei und drei von Friedrich Engels herausgegeben.
Marx beschränkte sich nicht auf die wissenschaftliche Arbeit. 1864 war er maßgeblich an der in London erfolgten Gründung der ”Internationalen Arbeiter-Assoziation” beteiligt, er formulierte sowohl deren ”Inauguraladresse”, die die programmatischen Ideen enthielt, als auch die Statuten. Als Mitglied des Generalrats der Internationale übte er auch in den folgenden Jahren maßgeblichen Einfluss auf deren Politik aus. Nicht zuletzt durch ihre verschiedenen nationalen Sektionen wurde in vielen europäischen Ländern die Gründung von sozialdemokratischen Arbeiterparteien unterstützt. In den 1870er Jahren löste sich die Internationale auf, teils aufgrund interner Streitigkeiten, teils weil sie als zentralistische Organisation neben den einzelnen Parteien überflüssig geworden war.
Für die sozialdemokratischen Parteien bildeten Marx und Engels eine Art ”think tank”: Sie standen in Briefwechsel mit vielen Parteiführern und schrieben Artikel für die sozialdemokratische Presse. Zu den unterschiedlichsten politischen und wissenschaftlichen Fragen wurde um ihre Stellungnahme gebeten. Am größten war ihr Einfluss in der 1869 gegründeten deutschen sozialdemokratischen Partei, die sich besonders schnell entwickelte und gegenüber den anderen Parteien bald eine Vorbildfunktion einnahm.
Für die Sozialdemokratie verfasste Engels eine Reihe von popularisierenden Schriften, insbesondere den so genannten ”Anti-Dühring”. Der ”Anti-Dühring” und vor allem die in viele Sprachen übersetzte Kurzfassung ”Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft” gehörten vor dem Ersten Weltkrieg in der Arbeiterbewegung zu den am meisten gelesenen Schriften. Das ”Kapital” wurde dagegen nur von einer kleinen Minderheit zur Kenntnis genommen. Im ”Anti-Dühring” setzte sich Engels kritisch mit den Auffassungen Eugen Dührings, eines Berliner Privatdozenten, auseinander. Dieser beanspruchte, ein neues, umfassendes System der Philosophie, der politischen Ökonomie und des Sozialismus geschaffen zu haben und fand damit in der deutschen Sozialdemokratie zunehmend Anhänger.
Der Erfolg Dührings beruhte auf dem in der Arbeiterbewegung stärker werdenden Bedürfnis nach ”Weltanschauung”, nach einer Orientierung bietenden umfassenden Welterklärung, die auf alle Fragen eine Antwort liefert. Nachdem die schlimmsten Auswüchse des Frühkapitalismus beseitigt waren und das alltägliche Überleben der Lohnabhängigen einigermaßen gesichert war, entwickelte sich eine spezifisch sozialdemokratische Arbeiterkultur: In den Arbeitervierteln entstanden Arbeitersportvereine, Arbeitergesangsvereine und Arbeiterbildungsvereine. Von der gehobenen bürgerlichen Gesellschaft und der bürgerlichen Kultur weitgehend ausgeschlossen entwickelte sich in der Arbeiterklasse eine parallele Alltags- und Bildungskultur, die sich zwar von ihrem bürgerlichen Gegenüber bewusst absetzen wollte, es aber oft unbewusst kopierte; so wurde am Ende des 19. Jahrhunderts August Bebel, der langjährige SPD-Vorsitzende, ähnlich huldvoll verehrt wie Kaiser Wilhelm II. vom Kleinbürgertum. In diesem Klima entstand das Bedürfnis nach einer umfassenden geistigen Orientierung, die den vorherrschenden bürgerlichen Werten und Weltbildern, in denen die Arbeiterklasse nicht oder nur ganz untergeordnet vorkam, entgegengesetzt werden konnte.
Indem nun Engels Dühring nicht nur kritisierte, sondern ihm auf verschiedenen Gebieten auch die ”richtigen” Positionen eines ”wissenschaftlichen Sozialismus” entgegensetzen wollte, legte er die Grundlagen für einen weltanschaulichen ”Marxismus”, der von der sozialdemokratischen Propaganda dankbar aufgenommen und immer weiter verflacht wurde. Seinen wichtigsten Repräsentanten fand dieser ”Marxismus” in Karl Kautsky (1854-1938), der nach dem Tod von Engels bis zum Ersten Weltkrieg als der führende marxistische Theoretiker galt. Was Ende des 19. Jahrhunderts in der Sozialdemokratie als ”Marxismus” dominierte, bestand aus einer Sammlung von ziemlich schematischen Auffassungen: Ein äußerst simpel gestrickter Materialismus, bürgerliches Fortschrittsdenken, ein paar stark vereinfachte Elemente der Hegelschen Philosophie und Versatzstücke Marxscher Begrifflichkeiten wurden zu einfachen Formeln und Welterklärungen kombiniert. Besonders hervorstechende Merkmale dieses Populärmarxismus waren ein oft kruder Ökonomismus (d.h. Ideologie und Politik werden auf unmittelbare und bewusste Übersetzung ökonomischer Interessen reduziert) sowie ein ausgeprägter historischer Determinismus, der das Ende des Kapitalismus und die proletarische Revolution als naturnotwendig eintretende Ereignisse betrachtet. In der Arbeiterbewegung verbreitet war nicht die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie, sondern dieser ”Weltanschauungsmarxismus”, der vor allem identitätsstiftend wirkte: Er zeigte, wo man als Arbeiter und Sozialist hingehörte, und er erklärte alle Probleme auf denkbar einfache Weise.
Eine Fortsetzung und noch weitere Verflachung dieses weltanschaulichen Marxismus erfolgte dann im Rahmen des ”Marxismus-Leninismus”. Lenin (1870-1924), zu Beginn des 20. Jahrhunderts der einflussreichste Vertreter der russischen Sozialdemokratie, war in seinem Denken ganz in dem gerade skizzierten Weltanschauungsmarxismus verwurzelt. Das überhöhte Selbstverständnis dieses ”Marxismus” spricht Lenin ganz offen aus:
”Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung.” (Lenin 1913, S. 3f.).
Politisch unterstütze Lenin vor 1914 stets das sozialdemokratische Zentrum um Karl Kautsky gegen den von Rosa Luxemburg (1871-1919) repräsentierten linken Flügel. Der Bruch erfolgte erst zu Beginn des Ersten Weltkrieges, als die SPD den von der Regierung geforderten Kriegskrediten zustimmte. Von da an nahm die Spaltung der Arbeiterbewegung ihren Lauf: Einem sozialdemokratischen Flügel, der sich in den nächsten Jahrzehnten sowohl praktisch als auch theoretisch immer weiter von der Marxschen Theorie und dem Ziel einer Überwindung des Kapitalismus entfernte, stand ein kommunistischer Flügel gegenüber, der zwar eine marxistische Phraseologie und eine revolutionäre Rhetorik pflegte, aber vor allem die innen- wie außenpolitischen Wendungen der Sowjetunion (wie etwa später den Hitler-Stalin-Pakt) rechtfertigte.
Nach seinem Tod wurde Lenin vom kommunistischen Flügel der Arbeiterbewegung schnell in einen marxistischen Säulenheiligen verwandelt. Seine meist aus aktuellem Anlass entstandenen polemischen Kampfschriften wurden als höchster Ausdruck ”marxistischer Wissenschaft” geadelt und mit dem bereits vorhandenen ”Marxismus” zu einem dogmatischen System von Philosophie (”Dialektischer Materialismus”), Geschichte (”Historischer Materialismus”) und politischer Ökonomie vereint, dem ”Marxismus-Leninismus”. Auch diese Variante des Weltanschauungsmarxismus diente vor allem der Identitätsbildung und in der Sowjetunion insbesondere dazu, die Herrschaft der Partei zu legitimieren und jede öffentliche Diskussion zu ersticken.
Die heute allgemein verbreiteten Vorstellungen, worum es bei Marx und in der Marxschen Theorie geht – egal ob diese nun positiv oder negativ bewertet wird – beruhen ganz wesentlich auf diesem Weltanschauungsmarxismus. Auch viele Leser und Leserinnen dieser Einführung dürften manche, ihnen ganz selbstverständlich erscheinende Aussage über die Marxsche Theorie aus diesem Weltanschauungsmarxismus schöpfen. Für den Großteil dessen, was im 20. Jahrhundert als ”Marxismus” oder ”Marxismus-Leninismus” firmierte, gilt aber wohl dasselbe, was Marx seinem Schwiegersohn Paul Lafargue äußerte, als dieser ihm vom französischen ”Marxismus” berichtete:
”Wenn das Marxismus ist, dann bin ich kein Marxist.” (MEW 35, S. 388)
Allerdings blieb es nicht bei diesem Weltanschauungsmarxismus. Vor dem Hintergrund der Spaltung der Arbeiterbewegung in einen sozialdemokratischen und einen kommunistischen Flügel sowie der Enttäuschung der revolutionären Hoffnungen nach dem Ersten Weltkrieg entwickelten sich in den 20er und 30er Jahren unterschiedliche (und unterschiedlich weit gehende) Varianten einer ”marxistischen” Kritik am Weltanschauungsmarxismus. Diese neuen Strömungen, die u.a. mit den Namen Karl Korsch, Georg Lukács, Antonio Gramsci (dessen Gefängnishefte aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg publiziert wurden) und der von Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse begründeten ”Frankfurter Schule” verbunden sind, werden im Rückblick häufig unter dem Label ”Westlicher Marxismus” zusammengefasst (vgl. dazu den Band von Diethard Behrens in dieser Reihe [theorie.org]).
Lange Zeit wurden von diesem westlichen Marxismus aber nur die philosophischen und geschichtstheoretischen Grundlagen des traditionellen Marxismus, der ”dialektische” und der ”historische Materialismus”, kritisiert. Dass im Weltanschauungsmarxismus die Kritik der politischen Ökonomie zu einer ”marxistischen politischen Ökonomie” zusammengeschrumpft und die umfassende Bedeutung von ”Kritik” verloren gegangen war, geriet so richtig erst in den 1960er und 1970er Jahren in den Blick. Im Gefolge der Studentenbewegung und der Proteste gegen den US-amerikanischen Krieg in Vietnam gab es seit den 1960er Jahren weltweit einen Aufschwung linker Bewegungen jenseits der sozialdemokratischen oder kommunistischen Parteien der Arbeiterbewegung und erneute Diskussionen über die Marxsche Theorie. Jetzt setzte auch eine tief greifende Diskussion der Marxschen Ökonomiekritik ein. Dabei waren u.a. die Schriften von Louis Althusser und seiner Mitarbeiter (Althusser 1965; Althusser/Balibar 1965) sehr einflussreich. Darüber hinaus beschränkte sich die Diskussion jetzt nicht mehr nur auf das ”Kapital”, es wurden auch weitere ökonomiekritische Schriften wir die ”Grundrisse” mit einbezogen, letztere wurden vor allem durch das Buch von Rosdolsky (1968) populär. Für die (west-)deutsche Diskussion über Aufbau und Theoriestruktur der Marxschen Ökonomiekritik spielten insbesondere die Aufsätze von Backhaus (gesammelt in Backhaus 1997) sowie das Buch von Reichelt (1970) eine zentrale Rolle; sie gaben wichtige Anstöße für die neue Lektüre der ökonomiekritischen Marxschen Schriften, von der oben im Vorwort die Rede war. Im inhaltlichen Kontext dieser ”neuen Marx-Lektüre” steht auch die vorliegende Einführung. [Fußnote 2: Die Bezeichnung ”neue Marx-Lektüre” benutzte zuerst Hans-Georg Backhaus im Vorwort zu seinen Gesammelten Aufsätzen (Backhaus 1997). Einen konzentrierten Überblick über die einzelnen Stufen dieser neuen Marx-Lektüre gibt Elbe (2003). Neue Beiträge dazu sind u.a. Brentel (1989), Behrens (1993a, 1993b), Heinrich (1999), Backhaus (2000), Rakowitz (2000), Milios/Dimoulis/Economakis (2002), Reichelt (2002). Auch Postone (2003) gehört in diesen Zusammenhang.] Die hier nur angedeuteten Differenzen zwischen der ”Kritik der politischen Ökonomie” und einer ”marxistischen politischen Ökonomie” werden im Folgenden deutlicher hervortreten.
2. Der Gegenstand der Kritik der politischen Ökonomie
Im ”Kapital” untersucht Marx die kapitalistische Produktionsweise. Die Frage ist allerdings, in welcher Weise der Kapitalismus hier zum Gegenstand wird: Im Text finden sich sowohl abstrakt-theoretische Untersuchungen zu Geld und Kapital, als auch historische Passagen, etwa zur Herausbildung kapitalistischer Verhältnisse in England. Geht es demnach in erster Linie um die Grundzüge einer allgemeinen Entwicklungsgeschichte des Kapitalismus, oder geht es um eine ganz bestimmte Phase des Kapitalismus, oder handelt es sich um eine abstrakt-theoretische Darstellung der Funktionsweise des Kapitalismus? Allgemeiner gefragt: In welchem Verhältnis stehen theoretische Darstellung und Geschichte innerhalb der Kritik der politischen Ökonomie?
Eine weitere Frage betrifft das Verhältnis der Marxschen Darstellung der kapitalistischen Produktionsweise zur bürgerlichen Wirtschaftstheorie: Präsentiert Marx einfach eine weitere Theorie über die Funktionsweise des Kapitalismus? Besteht die ”Kritik” bei der Kritik der politischen Ökonomie lediglich darin, dass den vorhandenen Theorien an der einen oder anderen Stelle ein Fehler nachgewiesen wird, um dann eine bessere Theorie zu präsentieren? Oder hat ”Kritik” hier einen umfassenderen Anspruch? Allgemeiner formuliert: Was bedeutet ”Kritik” im Rahmen der Kritik der politische Ökonomie?
2.1 Theorie und Geschichte
Bereits Engels legte eine ”historisierende” Lesart der Marxschen Darstellung nahe. In der Rezension der frühen Schrift ”Zur Kritik der politischen Ökonomie. Erstes Heft” von 1859 hatte er geschrieben, die von Marx präsentierte ”logische” Darstellung der Kategorien (logisch meint hier soviel wie begrifflich, theoretisch) sei ”in der Tat nichts anderes als die historische, nur entkleidet der historischen Form und der störenden Zufälligkeiten” (MEW 13, S. 474). Und Karl Kautsky, der 1887 einen populären Abriss des ersten ”Kapital”-Bandes veröffentlicht hatte, schrieb, das ”Kapital” sei ”ein im wesentlichen historisches Werk” (Kautsky 1887, S. XI).
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es dann Allgemeingut unter den führenden Köpfen der Arbeiterbewegung, dass der Kapitalismus in eine Entwicklungsphase eingetreten sei, den ”Imperialismus”. Das Marxsche ”Kapital” wurde als Analyse des ”Konkurrenzkapitalismus” aufgefasst, einer dem Imperialismus vorausgehenden Entwicklungsphase des Kapitalismus. Die Marxsche Untersuchung müsse nun historisch fortgeschrieben und die nächste Phase des Kapitalismus – der Imperialismus – analysiert werden. Hilferding (1910), Luxemburg (1913) und Lenin (1917) machten sich dann in unterschiedlicher Weise an diese Aufgabe.
Auch von heutigen Ökonomen ist häufig zu hören, dass die Marxsche Analyse, wenn sie nicht schon von vornherein abgelehnt wird, allenfalls für das 19. Jahrhundert eine gewisse Gültigkeit habe. Im 20. Jahrhundert hätten sich die ökonomischen Verhältnisse aber so weitgehend verändert, dass man mit der Marxschen Theorie nichts mehr anfangen könne (weshalb man in den meisten volkswirtschaftlichen Fakultäten auch nichts über sie hören kann).
Derart ”historisierende” Lesarten, die auch für viele Einführungen ins Marxsche ”Kapital” typisch sind, steht zumindest das Marxsche Selbstverständnis entgegen. Im Vorwort zum ersten band schreibt Marx über den Gegenstand seiner Untersuchung:
”Was ich in diesem Werk zu erforschen habe, ist die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse. Ihre klassische Stätte ist bis jetzt England. Dies ist der Grund warum es zur Hauptillustration meiner theoretischen Entwicklung dient. (...) An und für sich handelt es sich nicht um den höheren oder niederen Entwicklungsgrad der gesellschaftlichen Antagonismen, welche aus den Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion entspringen. Es handelt sich um diese Gesetze selbst.” (MEW 23, S. 12)
Hier wird deutlich ausgesprochen, dass es Marx weder um die Geschichte noch um eine besondere historische Phase des Kapitalismus geht, sondern um dessen ”theoretische” Analyse: Gegenstand der Untersuchung sind die wesentlichen Bestimmungen des Kapitalismus, das, was bei aller historischen Veränderung gleich bleiben muss, damit wir überhaupt von ”Kapitalismus” sprechen können. Es soll also nicht ein (zeitlich oder örtlich) bestimmter Kapitalismus dargestellt werden, sondern, so Marx am Ende des dritten ”Kapital”-Bandes, ”nur die innere Organisation der kapitalistischen Produktionsweise, sozusagen in ihrem idealen Durchschnitt” (MEW 25, S. 839).
Damit ist zunächst der Anspruch formuliert, den Marx mit seiner Darstellung verbindet. Ob er diesen Anspruch einlöst, ob es ihm tatsächlich gelingt, die kapitalistische Produktionsweise ”in ihrem idealen Durchschnitt” darzustellen, wird noch zu diskutieren sein, wenn wir uns mit den Details dieser Darstellung beschäftigen.
Die angeführten Äußerungen machen jedenfalls den Abstraktionsgrad der Darstellung deutlich: Wenn sich die Analyse auf der Ebene des ”idealen Durchschnitts” der kapitalistischen Produktionsweise bewegt, dann liefert sie überhaupt erst die Kategorien, die einer Untersuchung sowohl einer bestimmten Phase als auch der Geschichte des Kapitalismus zugrunde liegen müssen.
Dass man die Geschichte kennen müsse, um die Gegenwart zu verstehen, hat für die reine Ereignisgeschichte eine gewisse Berechtigung, aber nicht für die Strukturgeschichte einer Gesellschaft. Dort gilt eher das Umgekehrte: Um die Herausbildung einer bestimmten sozialen und ökonomischen Struktur untersuchen zu können, muss ich die fertige Struktur bereits kennen, erst dann weiß ich, nach was ich in der Geschichte überhaupt zu suchen habe. Marx formulierte diesen Gedanken mit Hilfe einer Metapher:
”Die Anatomie des Menschen ist der Schlüssel zur Anatomie des Affen. Die Andeutung auf Höheres in den untergeordneten Tierarten können dagegen nur verstanden werden, wenn das Höhere schon bekannt ist.” (MEW 42, S. 39)
Daher finden sich im ”Kapital” alle ”historischen” Passagen erst nach der (theoretischen) Darstellung der entsprechenden Kategorien und nicht etwa davor: So steht z.B. das berühmte Kapitel über die ”so genannte ursprüngliche Akkumulation”, bei dem es um die Entstehung des ”freien” Lohnarbeiters als Voraussetzung des Kapitalverhältnisses geht, nicht etwa am Anfang, sondern am Ende des ersten ”Kapital”-Bandes. Die historischen Passagen ergänzen die theoretische Darstellung, sie begründen sie aber nicht.
Das ”Kapital” ist zwar in erster Linie ein theoretisches Werk (das den fertig entwickelten Kapitalismus analysiert) und kein historisches Werk (bei dem es um die Herausbildung des Kapitalismus geht), trotzdem ist die Darstellung nicht im selben Sinne ahistorisch wie es große Teile der gegenwärtigen Wirtschaftswissenschaften sind. Diese gehen davon aus, dass es ein allgemeines Problem ”des” Wirtschaftens gibt, das in jeder Gesellschaft existiert (es muss produziert werden, knappe Mittel müssen verteilt werden etc.). Dieses in allen historischen Phasen im Grunde gleiche Problem wird dann auch mit im Wesentlichen denselben Kategorien untersucht (insofern betrachten manche Ökonomen den Faustkeil des Neandertalers auch schon als Kapital). Marx ist sich jedoch darüber im Klaren, dass der Kapitalismus eine besondere historische Produktionsweise ist, die sich von anderen Produktionsweisen wie der antiken Sklavenhaltergesellschaft oder dem mittelalterlichen Feudalismus grundlegend unterscheidet. Insofern beinhaltet jede dieser Produktionsweisen spezifische Verhältnisse, die mit eigenen Kategorien dargestellt werden müssen, die nur für diese Produktionsweise Gültigkeit besitzen. In diesem Sinne sind die Kategorien, welche die kapitalistische Produktionsweise beschreiben, ”historische” und keineswegs überhistorische Kategorien, sie gelten nur für die historische Phase, in welcher der Kapitalismus die herrschende Produktionsweise ist (vgl. dazu Kößler/Wienold 2001, S. 165 ff.).
2.2 Theorie und Kritik
Innerhalb des ”weltanschaulichen” Marxismus, von dem oben die Rede war, galt Marx als der große Ökonom der Arbeiterbewegung, der eine ”marxistische politische Ökonomie” entwickelt habe, die man der ”bürgerlichen Ökonomie” (d.h. den ökonomischen Schulen, die sich positiv auf den Kapitalismus beziehen) entgegensetzen könne: Von Adam Smith (1723-1790) und David Ricardo (1772-1823), den wichtigsten Vertretern der so genannten klassischen politischen Ökonomie, habe Marx die Arbeitswertlehre übernommen, wonach der Wert der Waren durch die zu ihrer Produktion notwendige Arbeitszeit bestimmt wird; im Unterschied zur Klassik habe er aber eine Theorie der Ausbeutung der Arbeitskraft und der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus entwickelt. In dieser Sichtweise gibt es zwischen der klassischen und der marxistischen politischen Ökonomie keinen grundsätzlichen Unterschied der Kategorien, sondern nur der Ergebnisse der Theorie.
Dies ist im Kern auch die Auffassung der modernen Volkswirtschaftslehre: Für sie ist Marx vom Gehalt seiner Theorie her ein Vertreter der klassischen Schule, der lediglich andere Konsequenzen zieht als Smith und Ricardo. Und da für die moderne Volkswirtschaftslehre die Klassik als überholt gilt (die moderne Theorie hat sich von der Bestimmung des Werts durch die Arbeit verabschiedet), meint der heutige Ökonom, er brauche sich mit der Marxschen Theorie nicht mehr ernsthaft zu beschäftigen.
Wie jedoch bereits der Untertitel des ”Kapital” deutlich macht, wollte Marx keine alternative ”Politische Ökonomie” liefern, sondern eine ”Kritik der politischen Ökonomie”. Nun beinhaltet jeder neue wissenschaftliche Ansatz auch Kritik an den bisherigen Theorien, allein schon um seine eigene Existenzberechtigung nachzuweisen. Marx ging es aber um weit mehr als um eine solche Kritik. Er wollte nicht nur einzelne Theorien kritisieren (das geschieht im ”Kapital” natürlich auch), die Marxsche Kritik zielte vielmehr auf die gesamte politische Ökonomie: Er wollte die kategorialen Voraussetzungen einer ganzen Wissenschaft kritisieren. Diesen umfassenden Charakter der Kritik machte er schon Ende der 1850er Jahre in einem Brief an Ferdinand Lassalle deutlich:
”Die Arbeit, um die es sich zunächst handelt, ist Kritik der ökonomischen Kategorien oder, if you like, das System der bürgerlichen Ökonomie kritisch dargestellt. Es ist zugleich Darstellung des Systems und durch die Darstellung Kritik desselben.” (MEW 29, S. 550, Hervorhebung von Marx)
Diese Kategoriekritik beginnt bereits bei der abstraktesten Kategorie der politischen Ökonomie, dem Wert. Marx gesteht der politischen Ökonomie zwar zu, dass sie den ”Inhalt der Wertbestimmung”, also den Zusammenhang von Arbeit und Wert, erfasst habe, die politische Ökonomie habe aber ”niemals auch nur die Frage gestellt, warum dieser Inhalt jene Form annimmt” (MEW 23, S. 95). Marx kritisiert hier nicht in erster Linie die Ergebnisse der politischen Ökonomie, sondern bereits die Art und Weise ihrer Fragestellung, d.h. die Unterscheidung zwischen dem, was die politische Ökonomie überhaupt erklären will, und dem, was sie als so selbstverständlich akzeptiert, dass es gar nicht erklärt werden muss (wie etwa die Warenform der Arbeitsprodukte). So ging Adam Smith, der Stammvater der klassischen politischen Ökonomie, davon aus, dass die Menschen im Unterschied zu den Tieren einen ”Hang zum Tausch” besitzen würden. Demnach wäre es eine der menschlichsten Eigenschaften überhaupt, sich zu sämtlichen Dingen als Waren zu verhalten.
Gesellschaftliche Verhältnisse wie Tausch und Warenproduktion werden innerhalb der politischen Ökonomie ”naturalisiert” und ”verdinglicht”, d.h. gesellschaftliche Verhältnisse werden als quasi-natürliche Verhältnisse, letztlich als Eigenschaft von Dingen aufgefasst (Dinge besitzen nicht erst aufgrund eines gesellschaftliche Zusammenhangs einen Tauschwert, dieser soll ihnen an sich zukommen). Durch diese Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse sieht es so aus, als hätten Dinge die Eigenschaften und die Autonomie von Subjekten.
Derartige Verhältnisse charakterisiert Marx als ”Verrücktheit” (MEW 23, S. 90), er spricht von ”gespenstischer Gegenständlichkeit” (MEW 23, S. 52) oder ”okkulter Qualität” (MEW 23, S. 169). Was dies im Einzelnen bedeutet, wird in den nächsten Kapiteln noch deutlich werden. Im Weltanschauungsmarxismus wie auch in der bürgerlichen Marx-Kritik sind solche Begrifflichkeiten meistens überlesen worden, oder man sah in ihnen bloß stilistische Eigenheiten. Allerdings zielte Marx mit diesen Bezeichnungen auf einen für die Kritik der politischen Ökonomie zentralen Sachverhalt. Die Naturalisierung und Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse ist nämlich keineswegs einem Irrtum einzelner Ökonomen geschuldet, sie ist vielmehr das Resultat eines Bildes, das sich bei den Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft aufgrund ihrer Alltagspraxis ganz von selbst entwickelt. Am Ende des dritten ”Kapital”-Bandes kann Marx daher feststellen, dass die Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft in ”einer verzauberten, verkehrten und auf den Kopf gestellten Welt” (MEW 25, S. 838) leben und dass diese ”Religion des Alltagslebens” (ebd.) nicht nur die Grundlage des Alltagsbewusstseins, sondern auch den Hintergrund für die Kategorien der politischen Ökonomie bildet.
Oben wurde die Frage formuliert, was ”Kritik” innerhalb der Kritik der politischen Ökonomie bedeutet. Darauf lässt sich jetzt die vorläufige Antwort geben: Kritik zielt darauf ab, das theoretische Feld (d.h. die ganz selbstverständlichen Anschauungen und spontan sich ergebenden Vorstellungen) aufzulösen, dem die Kategorien der politischen Ökonomie ihre scheinbare Plausibilität verdanken; die ”Verrücktheit” der politischen Ökonomie soll deutlich werden. Hier treffen sich die Erkenntniskritik (also die Frage, wie ist Erkenntnis möglich) und die Analyse kapitalistischer Produktionsverhältnisse: Keine von beiden ist ohne die andere möglich.
[Fußnote 3: In der Geschichte des weltanschaulichen ”Marxismus” wurde (genauso wie in der bürgerlichen Marx-Kritik) die erkenntniskritische Seite der Marxschen Argumentation meistens vernachlässigt. Erst mit der erneuten Marx-Diskussion der 1960er und 70er Jahre wurde die erkenntniskritische Seite gegen eine ökonomistisch verkürzte Marx-Rezeption (die in Marx immer nur den ”besseren” Ökonomen sehen wollte) in den Vordergrund gestellt.]
Marx beabsichtigte mit dem ”Kapital” aber nicht nur eine Kritik bürgerlicher Wissenschaft und bürgerlichen Bewusstseins, sondern auch eine Kritik der bürgerlichen Gesellschaftsverhältnisse. In einem Brief bezeichnete er – nicht gerade bescheiden – sein Werk als ”das furchtbarste Missile [Geschoss, M.H.], das den Bürgern (Grundeigentümer eingeschlossen) noch an den Kopf geschleudert worden ist” (MEW 31, S. 541).
Dazu will Marx die mit der kapitalistischen Entwicklung notwendigerweise verbundenen menschlichen und sozialen Kosten aufzeigen. Er versucht nachzuweisen: ”innerhalb des kapitalistischen Systems vollziehen sich alle Methoden zur Steigerung der Produktivkraft der Arbeit auf Kosten des individuellen Arbeiters; alle Mittel zur Entwicklung der Produktion schlagen um in Beherrschungs- und Exploitationsmittel des Produzenten.” (MEW 23, S. 674). Oder wie er es an einer anderen Stelle formulierte:
Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kommunikation des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.” (MEW 23, S. 529 f.)
Mit diesen Aussagen ist keine moralische Kritik beabsichtigt. Marx wirft dem Kapitalismus (oder gar dem einzelnen Kapitalisten) nicht vor, irgendwelche ewigen Normen der Gerechtigkeit zu verletzen. Er will vielmehr auf die Konstatierung eines Sachverhaltes hinaus: Dem Kapitalismus immanent ist ein zutiefst destruktives Potenzial, das immer wieder von neuem aktiviert wird (vgl. unten Kapitel 5 und 9). Aufgrund seiner Funktionsweise muss der Kapitalismus immer wieder die elementaren Lebensinteressen der Arbeiter und Arbeiterinnen verletzen. Innerhalb des Kapitalismus lassen sich diese elementaren Lebensinteressen nur begrenzt und temporär schützen, grundsätzlich verändern lässt sich die Lage daher nur, wenn der Kapitalismus abgeschafft wird.
Gegen die Zumutungen des Kapitalismus führt Marx nicht ein moralisches ”Recht” auf ein unversehrtes Leben oder etwas Ähnliches ins Feld. Stattdessen hat er die Hoffnung, dass mit der wachsenden Einsicht in die destruktive Natur des kapitalistischen Systems (die ohne jede Anrufung einer Moral konstatiert werden kann) die Arbeiterklasse den Kampf gegen dieses System aufnimmt – nicht aus Gründen der Moral, sondern des eigenen Interesses, allerdings nicht eines Interesses, das innerhalb des Kapitalismus nach einer besseren Position sucht, sondern des Interesses an einem guten und sicheren Leben, das nur jenseits des Kapitalismus zu realisieren ist.
2.3 Dialektik – eine marxistische Wunderwaffe?
Wann immer von der Marxschen Theorie die Rede ist, fällt irgendwann das Stichwort ”Dialektik” (oder auch: dialektische Entwicklung, dialektische Methode, dialektische Darstellung), und meistens wird nicht besonders genau erklärt, was damit gemeint ist. Vor allem in den Debatten des ”Parteimarxismus” warfen sich die jeweiligen Opponenten häufig eine ”undialektische Auffassung” des gerade umstrittenen Themas vor. Auch heute ist in marxistischen Zirkeln gern davon die Rede, dass eine Sache zu einer anderen in einem ”dialektischen Verhältnis” stehe, womit anscheinend alles geklärt ist. Und zuweilen erhält man bei kritischen Nachfragen den oberlehrerhaften Verweis, dies oder jenes müsse man ”dialektisch sehen”. Hier sollte man sich nicht einschüchtern lassen, sondern die jeweiligen Oberlehrer immer wieder mit der Frage nerven, was unter ”Dialektik” genau verstanden wird und wie ”dialektische” Sichtweise denn nun aussehe. Nicht selten wird sich dann die hochtrabende Rede von Dialektik auf den simplen Sachverhalt reduzieren, dass alles irgendwie voneinander abhängt und miteinander in Wechselwirkung steht und dass das Ganze eben recht kompliziert ist – was in den meisten Fällen zwar stimmt, aber noch nicht viel aussagt.
Ist von Dialektik in einem weniger oberflächlichen Sinne die Rede, dann lassen sich sehr grob zwei verschiedene Verwendungsarten dieses Begriffs unterscheiden. Zum einen gilt Dialektik im Anschluss an Engels’ oben schon erwähnten ”Anti-Dühring” als ”Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens” (MEW 20, S. 132). Dialektische Entwicklung verlaufe nicht gleichmäßig und linear, vielmehr handle es sich um eine ”Bewegung in Widersprüchen”. Für diese Bewegung gelte insbesondere der ”Umschlag von Quantität in Qualität” und die ”Negation der Negation”. [Fußnote 4: Umschlag von Quantität in Qualität: eine Größe nimmt quantitativ zu bis sich schließlich die Qualität ändert. Erhitzt man Wasser, dann nimmt zunächst seine Temperatur zu, es bleibt aber flüssig, bis es bei 100 Grad Celsius schließlich verdampft. Negation der Negation: in der folgt der Negation des ursprünglichen Zustands eine weitere Negation. Ein Samenkorn wächst zur Pflanze heran, die Pflanze ist die ”Negation” des Samenkorns; trägt die Pflanze Früchte hinterlässt vermehrten Samen, so ist dies die Negation der Pflanze, wir haben daher eine ”Negation der Negation”; diese führt aber nicht zum Ausgangspunkt zurück, sondern reproduziert ihn auf höherer Ebene – der Samen hat sich vermehrt.] Während sich Engels darüber im Klaren war, dass mit derartig allgemeinen Aussagen an den einzelnen Prozessen noch gar nichts erkannt ist [Fußnote 5: So schreibt Engels ebenfalls im ”Anti-Dühring”: ”Es versteht sich von selbst, dass ich über den besonderen Entwicklungsprozess, den z.B. das Gerstenkorn von der Keimung bis zum Absterben der fruchttragenden Pflanze durchmacht, gar nichts sage, wenn ich sage, es ist Negation der Negation.” (MEW 20, S. 131)], war dies im Rahmen des ”Weltanschauungsmarxismus” alles andere als klar; dort betrachtete man ”Dialektik”, verstanden als allgemeine Lehre von der Entwicklung, häufig als eine Art Wunderwaffe, mit der man alles und jedes erklären konnte.
Die zweite Weise, in der von Dialektik die Rede ist, bezieht sich auf eine Form der Darstellung in der Kritik der politischen Ökonomie. Marx spricht verschiedentlich von seiner ”dialektischen Methode”, wobei er auch die Leistung Hegels würdigt, für dessen Philosophie Dialektik eine zentrale Rolle gespielt hat. Allerdings sei bei Hegel die Dialektik ”mystifiziert” gewesen, seine (Marx’) Dialektik sei daher nicht dieselbe wie die Hegelsche (MEW 23, S. 27 f.). Bedeutung erlangt diese Methode bei der ”dialektischen Darstellung” der Kategorien. Damit ist gemeint, dass im Fortgang der Darstellung die einzelnen Kategorien auseinander entwickelt werden sollen: Sie werden nicht einfach nach- und nebeneinander präsentiert, es soll vielmehr ihre innere Beziehung (inwiefern macht eine Kategorie eine andere notwendig) deutlich werden. Der Aufbau der Darstellung ist für Marx daher keine Frage der Didaktik, sondern hat selbst eine entscheidende inhaltliche Bedeutung.
Diese dialektische Darstellung verdankt sich aber keineswegs der ”Anwendung” einer fertig vorliegenden ”dialektischen Methode” auf den Stoff der politischen Ökonomie. Eine solche ”Anwendung” beabsichtigte Ferdinand Lassalle, was Marx in einem Brief an Engels zu der Äußerung veranlasste:
”Er wird zu seinem Schaden kennen lernen, dass es ein ganz andres Ding ist, durch Kritik eine Wissenschaft erst auf den Punkt zu bringen, um sie dialektisch darstellen zu können, oder ein abstraktes, fertiges System der Logik auf Ahnungen eben eines solchen Systems anzuwenden.” (MEW 29, S. 275)
Die Voraussetzung dialektischer Darstellung ist nicht die Anwendung einer Methode (eine Vorstellung, die auch im Weltanschauungsmarxismus weit verbreitet ist), sondern die Kategoriekritik, von der im vorigen Abschnitt die Rede war. Und diese Kategoriekritik setzt eine sehr genaue und detaillierte Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Stoff, auf den sich die Kategorien beziehen, voraus.
Eine genaue Diskussion von Marx’ ”dialektischer Darstellung” ist daher nur möglich, wenn man bereits etwas über die dargestellten Kategorien weiß: Bevor man sich nicht mit der von Marx gelieferten Darstellung beschäftigt hat, kann man nicht über deren ”dialektischen” Charakter oder gar über das Verhältnis von Marxscher zu Hegelscher Dialektik reden. Auch die häufig benutzte Charakterisierung der Marxschen Darstellung als ”Aufstieg vom Abstrakten zum Konkreten” wird denjenigen, die gerade erst mit der Lektüre des ”Kapital” beginnen, wenig sagen. Vor allem ist die tatsächliche Darstellungsstruktur des ”Kapital” erheblich komplexer, als diese frühe, aus der ”Einleitung” von 1857 stammende Formel vermuten lässt.
Im ”Kapital” spricht Marx außer im Vor- und Nachwort äußerst selten explizit über Dialektik. Er praktiziert eine dialektische Darstellung, ohne aber deshalb von seinen Lesern und Leserinnen zu verlangen, sich vor der Lektüre seines Buches mit Dialektik zu beschäftigen. Was an dieser Darstellung ”dialektisch” ist, lässt sich eigentlich erst im Nachhinein sagen. Daher wird dieser Einführung auch kein Abschnitt über Dialektik vorausgeschickt.
3. Wert, Arbeit, Geld
3.1 Gebrauchswert, Tauschwert und Wert
Marx will im ”Kapital” zwar die kapitalistische Produktionsweise untersuchen, doch beginnt seine Analyse nicht sofort mit Kapital. In den ersten drei Kapiteln ist zunächst nur von Waren und Geld die Rede, explizit ums Kapital geht es erst im vierten Kapitel. Im Rahmen der oben erwähnten ”historisierenden” Lesart wurden die ersten drei Kapitel daher als abstrakte Beschreibung einer vorkapitalistischen ”einfachen Warenproduktion” aufgefasst. Aber schon die ersten beiden Sätze des ersten Kapitels machen klar, dass es nicht um vorkapitalistische Verhältnisse geht:
”Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung‘, die einzelne Ware als eine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware.” (MEW 23, S. 49)
Marx weist hier auf ein Spezifikum kapitalistischer Gesellschaften hin: In ihnen – und nur in ihnen – ist ”Ware” die typische Gestalt des Reichtums. Waren (d.h. vorläufig für uns: für den Tausch bestimmte Güter) gibt es auch in anderen Gesellschaften, aber nur in kapitalistischen Gesellschaften wird der überwiegende Teil der Güter zu Waren. In den feudalen Gesellschaften des frühen Mittelalters wurde nur ein geringer Teil der Güter getauscht; die Warenform war eher die Ausnahme als die Regel. Der überwiegende Teil der Güter bestand aus landwirtschaftlichen Produkten und diese wurden entweder zum eigenen Verbrauch hergestellt oder an die Grundherren (Fürsten, Kirche) abgeliefert, also nicht getauscht. Erst im Kapitalismus wird der Tausch umfassend und damit auch die Warenform der Güter. Erst im Kapitalismus nimmt daher der Reichtum die Form einer ”Warensammlung” an und erst jetzt wird die einzelne Ware zur ”Elementarform” des Reichtums. Diese Ware, die Ware in kapitalistischen Gesellschaften, will Marx analysieren.
Als Ware bezeichnet man nur etwas, das getauscht wird, was also außer seinem Gebrauchswert auch noch einen Tauschwert hat. Der Gebrauchswert einer Sache ist nichts anderes als seine Nützlichkeit, der Gebrauchswert z.B. eines Stuhls besteht darin, dass man darauf sitzen kann. Der Gebrauchswert ist unabhängig davon, ob die Sache getauscht wird oder nicht.
Tausche ich nun den Stuhl z.B. gegen zwei Leintücher, dann ist der Tauschwert dieses Stuhls – zwei Leintücher. Tausche ich den Stuhl gegen 100 Eier, dann sind 100 Eier der Tauschwert des Stuhls. Wenn ich den Stuhl überhaupt nicht tausche, sondern nur benutze, dann hat er auch keinen Tauschwert, er ist dann auch nicht Ware, sondern einfach nur Gebrauchswert, ein Stuhl, auf dem man mehr oder weniger bequem sitzen kann.
Ware zu sein, also außer dem Gebrauchswert auch noch Tauschwert zu besitzen, ist keine ”natürliche” Eigenschaft der Dinge, sondern eine ”gesellschaftliche”: Nur in Gesellschaften, wo Dinge getauscht werden, besitzen sie Tauschwert, nur da sind sie Ware. Marx bemerkt dazu: ”Gebrauchswerte bilden den stofflichen Inhalt des Reichtums, welches immer seine gesellschaftliche Form sei.” (MEW 23, S. 50)
Damit sind wir bei einer überaus wichtigen Unterscheidung angelangt. Der ”stoffliche Inhalt” einer Sache (ihre ”Naturalform”) wird von ihrer ”gesellschaftlichen Form” (zuweilen spricht Marx auch von ”ökonomischer Formbestimmung”) unterschieden. Die ”Naturalform” des Stuhls ist einfach seine stoffliche Beschaffenheit (ob er z.B. aus Holz oder aus Metall ist), mit ”gesellschaftlicher Form” ist dagegen gemeint, dass der Stuhl ”Ware” ist, ein Ding, das getauscht wird und damit einen ”Tauschwert” besitzt. Dass der Stuhl Ware ist, liegt nicht an ihm selbst als Ding, sondern an der Gesellschaft, in der dieses Ding existiert.
Vereinzelte Tauschakte kommen in allen uns bekannten Gesellschaftsformen vor. Dass aber fast alles getauscht wird, ist ein Spezifikum kapitalistischer Gesellschaften. Dies hat Konsequenzen für die quantitativen Tauschrelationen. Beim Tausch als vereinzeltem Phänomen kann es die unterschiedlichsten quantitativen Tauschverhältnisse geben: Ich kann den Stuhl einmal gegen zwei Leintücher, einmal gegen drei eintauschen etc. Ist der Tausch aber die normale Form, in der Güter übertragen werden, müssen die einzelnen Tauschrelationen in gewisser Weise zueinander ”passen”: Im Beispiel weiter oben tauschte ich einen Stuhl gegen zwei Leintücher oder gegen 100 Eier. Wenn dies der Fall ist, dann müssen sich auch 100 Eier gegen 2 Leintücher tauschen. Warum? Wäre dies nicht der Fall, würden sich z.B. 100 Eier nur gegen ein Leintuch tauschen, dann könnte ich allein durch eine geschickte Reihenfolge der Tauschakte ständig Gewinn machen: Ich tausche ein Leintuch gegen 100 Eier, dann 100 Eier gegen einen Stuhl, dann einen Stuhl gegen 2 Leintücher. Durch bloßen Tausch hätte ich meinen Bestand an Leintüchern verdoppelt, durch entsprechend viele Tauschakte könnte ich meinen Reichtum immer weiter steigern. Allerdings wäre dies nur so lange möglich, wie ich Tauschpartner finde, die bereit sind, die umgekehrten Tauschakte zu vollziehen. Nach kurzer Zeit würden die übrigen Marktteilnehmer meine gewinnträchtige Kette nachvollziehen wollen, dagegen gäbe es niemanden mehr, der in entgegengesetzter Richtung tauschen wollte. Stabil können nur Tauschverhältnisse sein, die ausschließen, dass Gewinne bzw. Verluste allein durch eine bestimmte Reihenfolge der Tauschakte entstehen.
Für kapitalistische Gesellschaften, in denen Tausch der Normalfall ist, können wir daher folgern: Die verschiedenen Tauschwerte derselben Ware müssen auch füreinander Tauschwerte bilden. Wenn sich ein Stuhl einerseits gegen zwei Leintücher, andererseits gegen 100 Eier tauscht, dann müssen sich auch zwei Leintücher gegen 100 Eier tauschen.
Wenn nun eine solche Regelmäßigkeit im Tausch vorhanden ist (und sogar vorhanden sein muss, damit der Tausch reibungslos funktioniert), dann drängt sich die Frage auf, was denn ein Stuhl, zwei Leintücher und 100 Eier gemeinsam haben. Die durch unser Alltagswissen nahe gelegt Antwort ist: diese drei Dinge haben ”denselben Wert”. Durch Erfahrung im Tauschen haben wir von vielen Dingen eine recht genaue Einschätzung ihres Wertes. Weicht das, was wir im Tausch für sie geben müssen, einmal von dieser Einschätzung ab, dann folgern wir, dass die Sache gerade ”billig” oder ”teuer” ist. Die Frage ist aber nun, was macht diesen ”Wert” aus, und daran gleich anschließend, wie bestimmt sich die jeweilige Größe des Werts.
Lange vor Marx haben sich Ökonomen bereits mit dieser Frage beschäftigt und sind dabei auf zwei grundsätzlich verschiedene Antworten gekommen. Die eine Antwort lautet: der Wert einer Sache ist durch ihre Nützlichkeit bestimmt. Für etwas, das einen großen Nutzen für mich hat, bin ich bereit, viel zu geben, was dagegen wenig nützlich ist, will ich gar nicht, oder ich gebe nur wenig dafür. Diese ”Nutzentheorie des Werts” steht jedoch vor einem großen Problem, das bereits Adam Smith auf den Punkt brachte: Wasser hat einen sehr hohen Nutzen, ohne Wasser könnten wir nicht leben, sein Wert ist jedoch gering. Im Vergleich zu Wasser ist der Nutzen seines Diamanten verschwindend gering, sein Wert aber riesig. Smith zog daraus den Schluss, dass es nicht der Nutzen sein könne, der den Wert der Dinge bestimmt. Als wertbestimmend sah Smith die Menge der Arbeit an, die man benötigt, um sich eine Sache zu verschaffen – dies ist die zweite grundsätzliche Antwort auf die Frage, wovon der Wert abhängt.
Diese ”Arbeitswerttheorie” war zu Marx Zeiten die gängige Auffassung innerhalb der politischen Ökonomie. [Fußnote 6: Heute dominiert in der Volkswirtschaftslehre wieder eine Variante der Nutzentheorie des Werts, die ”Grenznutzentheorie”.] Übertragen auf unser obiges Beispiel besagt sie: Ein Stuhl, zwei Leintücher und 100 Eier haben denselben Wert, weil zu ihrer Herstellung gleich viel Arbeit erforderlich ist.
Zwei Einwände gegen diese Arbeitswerttheorie liegen auf der Hand. Zum einen werden auch Nicht-Arbeitsprodukte (z.B. unbearbeiteter Boden) getauscht, zum anderen gibt es bestimmte Arbeitsprodukte (wie z.B. Kunstwerke), deren Tauschwert völlig unabhängig von der zu ihrer Produktion verausgabten Arbeitszeit ist.
Zum ersten Punkt ist anzumerken, dass die Arbeitswerttheorie in der Tat nur den Wert von Arbeitsprodukten erklärt. Nicht-Arbeitsprodukte besitzen keinen ”Wert”. Werden sie getauscht, haben sie einen Tauschwert, und dieser muss dann gesondert erklärt werden.
Zum zweiten Punkt: Ein Kunstwerk ist zwar ein Arbeitsprodukt, im Unterschied zu normalen Waren handelt es sich aber um ein Unikat, etwas, das nur einmal vorkommt. Der Preis, den ein Käufer dafür zu zahlen bereit ist, ist ein Liebhaberpreis, der mit der Arbeitsverausgabung des Künstlers nicht das Geringste zu tun hat. Die meisten Produkte einer Volkswirtschaft sind aber keine solche Unikate, sondern massenhaft hergestellte Produkte, und deren Wert soll erklärt werden.
Den Wert der Waren sieht auch Marx in der Waren produzierenden Arbeit begründet. Als Vergegenständlichung ”gleicher menschlicher Arbeit” seien die Waren Werte. Die Größe des Werts sei durch ”das Quantum der in ihm enthaltenen ‚wertbildenden Substanz‘, der Arbeit” bestimmt (MEW 23, S. 53).
Wertbildend, so Marx weiter, ist nun aber nicht die vom einzelnen Produzenten individuell verausgabte Arbeitszeit (dann würde der Stuhl des langsamen Tischlers einen höheren Wert besitzen als der identische Stuhl des schnellen Tischlers), sondern nur die ”gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit”, d.h. diejenige Arbeitszeit, die notwendig ist, ”um irgendeinen Gebrauchswert mit den vorhandenen gesellschaftlich-normalen Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität der Arbeit darzustellen” (MEW 23, S. 53).
Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zur Produktion eines bestimmten Gebrauchswertes bleibt aber nicht ständig gleich. Steigt die Produktivkraft der Arbeit, können also in derselben Zeitspanne mehr Produkte hergestellt werden, dann hat die zur Produktion des einzelnen Produktes gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit abgenommen und seine Wertgröße sinkt. Sinkt dagegen die Produktivkraft der Arbeit, dann nimmt die zur Produktion erforderliche gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zu, die Wertgröße des einzelnen Produktes steigt. Dies kann z.B. die Folge von Naturbedingungen sein: Verhagelt es die Ernte, dann hat dieselbe Arbeitsmenge einen geringeren Ertrag gebracht, zur Produktion der einzelnen Frucht war mehr Arbeit erforderlich, ihr Wert steigt.
Gibt es Tausch, dann wird Arbeitsteilung unterstellt – ich tausche nur das ein, was ich nicht selbst produziere. Arbeitsteilung ist Voraussetzung von Tausch, aber Tausch ist nicht die Voraussetzung von Arbeitsteilung, was ein Blick in jede Fabrik verrät: dort finden wir eine hoch arbeitsteilige Produktion, deren Produkte aber keineswegs untereinander getauscht werden.
Wenn bisher von ”Ware” die Rede war, konnte der Eindruck entstehen, dass damit stets materielle Dinge gemeint sind, Dinge, die ausgetauscht werden. Relevant ist in der Tat der Tausch, aber nicht, dass es sich dabei um Dinge handelt. Auch Dienstleistungen können ausgetauscht und damit zu Waren werden. Der Unterschied zwischen einem materiellen Produkt und einer ”immateriellen” Dienstleistung besteht lediglich in einem unterschiedlichen zeitlichen Verhältnis von Produktion und Konsum: Das materielle Produkt wird zuerst produziert und anschließend konsumiert (ein Brötchen sollte man am selben Tag konsumieren, ein Auto kann auch einige Wochen oder Monate beim Hersteller verbringen, bevor ich es benutze), bei einer Dienstleistung (egal ob es sich um eine Taxifahrt, eine Massage oder um eine Theateraufführung handelt) fällt der Produktionsakt mit dem Konsumtionsakt unmittelbar zusammen (während der Taxifahrer die Ortsveränderung produziert, konsumiere ich sie). Zwischen materiellen Dingen und Dienstleitungen besteht nur ein stofflicher Unterschied; ob es sich um Waren handelt, betrifft aber ihre gesellschaftliche Form, und die ist davon abhängig, ob die Dinge und Dienstleistungen ausgetauscht werden oder nicht. Damit erledigt sich auch das schon häufig geäußerte Argument, dass allein schon mit dem ”Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft” oder in einer ”linken” Variante etwa bei Hardt/Negri – dem Übergang von der ”materiellen” zur ”immateriellen” Produktion – die Marxsche Werttheorie überholt sei.
Was bisher zur Werttheorie referiert wurde stellte Marx im Wesentlichen auf den ersten sieben (von insgesamt fünfzig) Seiten des ersten Kapitels des ”Kapital” dar. Für viele Marxisten und die meisten Marx-Kritiker ist dies bereits der Kern der Marxschen Werttheorie (die Ware ist Gebrauchswert und Wert, der Wert ist Vergegenständlichung menschlicher Arbeit, die Wertgröße hängt von der zur Produktion der Ware benötigten ”gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit” ab – Letzteres wird häufig als ”Wertgesetz” bezeichnet). Wäre dies tatsächlich schon alles, dann würde die Marxsche Werttheorie nicht sehr weit über die klassische politische Ökonomie hinausgehen. Dass sich die zentralen werttheoretischen Einsichten von Marx gerade nicht auf diese simplen Aussagen beschränken, dass das entscheidend Wichtige an der Marxschen Werttheorie jenseits des bisher skizzierten liegt, soll der Rest dieses Kapitels deutlich machen.
3.2 Ein Beweis der Arbeitswerttheorie?
(Individuelles Handeln und gesellschaftliche Struktur)
Mit der Frage des Unterschieds zwischen der Marxschen und der klassischen Werttheorie hängt auch eine weitere Frage zusammen, nämlich die, ob Marx die Arbeitswertlehre ”bewiesen” habe, d.h. ob er zweifelsfrei nachgewiesen habe, dass Arbeit und nichts anderes dem Warenwert zugrunde liegt. In der Literatur über Marx wurde diese Frage schon häufig diskutiert. Wie wir aber gleich sehen werden, war Marx an einem solchen ”Beweis” überhaupt nicht interessiert.
Adam Smith hatte die Bestimmung des Warenwertes durch Arbeit mit dem Argument ”bewiesen”, dass Arbeit Mühe verursacht und dass wir den Wert eines Dinges danach schätzen, wie viel Mühe es kostet, uns dieses Ding zu verschaffen. Wert wird hier unmittelbar auf rationale Überlegungen der einzelnen Individuen zurückgeführt. Ganz ähnlich argumentiert auch die moderne neoklassische Ökonomie, wenn sie von nutzenmaximierenden Individuen ausgeht und Austauschverhältnisse aus deren Nutzenschätzungen begründet. Klassik und Neoklassik setzen beide ganz selbstverständlich bei den einzelnen Individuen und deren scheinbar allgemein menschlichen Handlungsstrategien an und versuchen, von ihnen aus, den gesellschaftlichen Zusammenhang zu erklären. Dabei müssen sie dann einen guten Teil derjenigen Gesellschaftlichkeit, die sie erklären wollen, in die Individuen hineinprojizieren: So macht etwa Adam Smith, wie oben schon erwähnt, den ”Hang zum Tausch” zu der Eigenschaft, die den Menschen vom Tier unterscheidet, und dann ist es natürlich nicht schwer, aus der Rationalität dieses Menschen (nämlich des Warenbesitzers) die Strukturen einer auf Warentausch beruhenden Ökonomie abzuleiten und diese Strukturen zu allgemein menschlichen zu erklären.
Für Marx waren dagegen nicht die Überlegungen der Individuen fundamental, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen die Individuen jeweils stehen. Zugespitzt formulierte er in den Grundrissen:
”Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zueinander stehen.” (MEW 42, S. 189)
Diese Verhältnisse geben eine bestimmte Rationalität vor, an die sich die Einzelnen halten müssen, wenn sie innerhalb dieser Verhältnisse bestehen wollen. Handeln sie dann entsprechend dieser Rationalität, werden durch ihr Handeln auch wieder die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Verhältnisse reproduziert.
Machen wir uns diesen Zusammenhang an einem nahe liegenden Beispiel klar. In einer Gesellschaft, die auf Warentausch beruht, muss jede und jeder der Logik des Tausches folgen, wenn er oder sie überleben will. Es ist nicht einfach Resultat meines ”Nutzen maximierenden” Verhaltens, wenn ich die eigene Ware teuer verkaufen und die fremde Ware billig einkaufen will, es bleibt mir gar nichts anderes übrig (wenn ich nicht gerade so reich bin, dass mich die Tauschrelationen nicht mehr interessieren müssen). Und da ich keine Alternative sehe, empfinde ich mein Verhalten vielleicht sogar selbst als ”natürlich”. Verhält sich die Menschheit in der angegebenen Weise, dann reproduzieren sich die auf Warentausch beruhenden gesellschaftlichen Verhältnisse und damit auch der Zwang für jeden Einzelnen, sich erneut so zu verhalten.
Die Werttheorie begründet Marx daher nicht mit den Überlegungen der Tauschenden. Entgegen einem häufigen Missverständnis ist seine These nicht, die Werte der Waren entsprechend den zu ihrer Produktion notwendigen Arbeitszeiten, weil die Tauschenden dies so wollten. Ganz im Gegenteil, Marx hält fest, dass die Menschen im Tausch gerade nicht wissen, was sie da eigentlich tun (vgl. MEW 23, S. 88).
Mit der Werttheorie will Marx eine bestimmte gesellschaftliche Struktur aufdecken, der die Individuen folgen müssen, egal was sie dabei denken (vgl. dazu auch Kapitel 3.6 und 3.8). Bereits Marx’ Fragestellung ist daher eine ganz andere als die der Klassik oder Neoklassik: Adam Smith schaute sich im Prinzip einen einzelnen Austauschakt an und fragte, wie sich hier die Austauschrelation bestimmen lässt. Marx sieht dagegen das einzelne Austauschverhältnis als Teil eines bestimmten gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs – eines Gesamtzusammenhangs, bei dem die Reproduktion der Gesellschaft über den Tausch vermittelt ist – und fragt nun, was dies für die von der gesamten Gesellschaft verausgabte Arbeit bedeutet. Wie er in einem Brief an seinen Freund Ludwig Kugelmann deutlich machte, geht es ihm dabei überhaupt nicht um einen ”Beweis” der Arbeitswertlehre:
”Das Geschwatz über die Notwendigkeit, den Wertbegriff zu beweisen, beruht nur auf vollständigster Unwissenheit, sowohl über die Sache, um die es sich handelt, als die Methode der Wissenschaft. Dass jede Nation verrecken würde, die, ich will nicht sagen ein Jahr, sondern für ein paar Wochen die Arbeit einstellte, weiß jedes Kind. Ebenso weiß es, dass die den verschiedenen Bedürfnismassen entsprechenden Massen von Produkten verschiedene und quantitativ bestimmte Massen der gesellschaftlichen Gesamtarbeit erheischen. Dass diese Notwendigkeit der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit in bestimmten Proportionen durchaus nicht durch die bestimmte Form der gesellschaftlichen Produktion aufgehoben, sondern nur ihre Erscheinungsform ändern kann, ist self-evident. (...) Und die Form, worin sich diese proportionelle Verteilung der Arbeit durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht, ist eben der Tauschwert dieser Produkte.” (MEW 32, S. 522 f.)
Wird unter den Bedingungen der Warenproduktion die Verteilung der privat verausgabten Arbeit auf die einzelnen Produktionszweige über den Wert der Waren vermittelt (eine bewusste Steuerung oder eine traditionell vorgegebene Verteilung existieren ja nicht), dann ist die interessante Frage, wie dies überhaupt möglich ist, oder allgemeiner ausgedrückt: wie die privat verausgabte Arbeit zum Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit wird. Die Werttheorie soll also nicht ”beweisen”, dass das einzelne Austauschverhältnis durch die zur Produktion benötigten Arbeitsmengen bestimmt ist. [Fußnote 7: Im dritten Band des ”Kapital” zeigt Marx dann sogar, dass die tatsächlichen Austauschverhältnisse den bei der Produktion aufgewendeten Arbeitsmengen keineswegs entsprechen (vgl. unten Kapitel 7.2).] Sie soll vielmehr den spezifisch gesellschaftlichen Charakter Waren produzierender Arbeit erklären – und dies leistet Marx vor allem jenseits der ersten sieben Seiten des ”Kapital”, von denen oben die Rede war und die der traditionelle Marxismus wie auch viele Marx-Kritiker für das Wichtigste der Marxschen Werttheorie halten.
3.3 Abstrakte Arbeit: Realabstraktion und Geltungsverhältnis
Um zu verstehen, was es mit dem spezifisch gesellschaftlichen Charakter Waren produzierender Arbeit auf sich hat, müssen wir uns mit der Unterscheidung von ”konkreter” und ”abstrakter” Arbeit auseinandersetzen. In den meisten Darstellungen der Marxschen Werttheorie wird diese Unterscheidung zwar kurz genannt, aber in ihrer Tragweite häufig nicht erfasst. Dabei hatte Marx selbst auf ihre grundlegende Bedeutung hingewiesen:
”Diese zwieschlächtige Natur der in der Ware enthaltenen Arbeit ist zuerst von mir kritisch nachgewiesen worden. Da dieser Punkt der Springpunkt ist, um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht, soll er hier näher beleuchtet werden.” (MEW 23, S. 56)
Worum geht es? Wenn Ware etwas Doppeltes ist, Gebrauchswert und Wert, dann muss auch die Waren produzierende Arbeit einen Doppelcharakter besitzen, es ist die Arbeit, die nicht nur Gebrauchswert, sondern auch Wert produziert (wichtig: nicht jede Arbeit besitzt einen Doppelcharakter, sondern nur Waren produzierende Arbeit).
Die qualitativ verschiedenen ”konkreten Arbeiten” produzieren qualitativ verschiedene Gebrauchswerte: Tischlerarbeit produziert einen Stuhl, Leinweberarbeit produziert ein Leintuch etc. Wenn wir ”eine Arbeit lernen”, lernen wir die Besonderheiten einer konkreten Tätigkeit, wenn wir eine Person arbeiten sehen, dann sehen wir sie eine konkrete Arbeit ausführen.
Wert wird aber nicht von einer bestimmten konkreten Arbeit gebildet, oder durch einen bestimmten Aspekt der konkreten Arbeit. Jede Arbeit, deren Produkt (das auch eine Dienstleistung sein kann) getauscht wird, produziert Wert. Als Werte sind die Waren qualitativ gleich, daher müssen auch die verschiedenen Arbeiten, die Werte produzieren, als qualitativ gleiche menschliche Arbeit gelten. Tischlerarbeit produziert nicht als Tischlerarbeit Wert (als Tischlerarbeit produziert sie einen Stuhl), sondern sie produziert Wert als menschliche Arbeit, deren Produkt mit dem Produkt von anderer menschlicher Arbeit getauscht wird. Tischlerarbeit produziert Wert also gerade in Abstraktion von ihrer konkreten Gestalt als Tischlerarbeit, Marx spricht daher von Wert produzierender Arbeit als ”abstrakter Arbeit”.
Abstrakte Arbeit ist demnach keine besondere Art der Arbeitsverausgabung, etwa eintönige Fließbandarbeit im Unterschied zu handwerklich gehaltvoller Tischlerarbeit. [Fußnote 8: Ein solches Verständnis von abstrakter Arbeit wird von Robert Kurz zumindest nahe gelegt, wenn er z.B. in einem Glossar zum Begriff abstrakte Arbeit anführt, dass Menschen ”abstrakte Arbeitskraft” (ein Begriff, den er nicht weiter erklärt) verausgaben und ”im höchsten Grade gegenseitiger Gleichgültigkeit und Entfremdung” zusammenarbeiten (Kurz 1991, S. 273). Bei abstrakter Arbeit geht es aber überhaupt nicht darum, in welcher Weise Menschen zusammenarbeiten, sondern darum, als was ihre Arbeit gesellschaftlich gilt: als wertbildend. Eine kurze Einführung zum Begriff abstrakte Arbeit, die sich kritisch mit häufig anzutreffenden Verkürzungen auseinandersetzt, findet sich bei Reitter (2002).] Als Gebrauchswert bildende Arbeit ist monotone Fließbandarbeit genauso konkrete Arbeit wie Tischlerarbeit. Wert bildend ist Fließbandarbeit (ebenso wie Tischlerarbeit) nur als gleiche menschliche Arbeit, also in Abstraktion von ihrem konkreten Charakter, oder kurz: Wert bildend ist Fließbandarbeit ebenso wie Tischlerarbeit nur als abstrakte Arbeit.
Als ”Kristalle” (MEW 23, S. 52) der abstrakten Arbeit sind die Waren ”Werte”. Marx bezeichnet abstrakte Arbeit daher auch als ”wertbildende Substanz” oder kurz als ”Wertsubstanz”.
Die Rede von Wertsubstanz wurde häufig quasi-stofflich, ”substanzialistisch” verstanden: Der Arbeiter oder die Arbeiterin habe ein bestimmtes Quantum abstrakter Arbeit verausgabt und dieses Quantum stecke jetzt als Wertsubstanz in der einzelnen Ware und mache das einzelne Ding zu einem Wertgegenstand. Dass es sich nicht ganz so einfach verhält, sollte bereits daran deutlich werden, dass Marx die Wertgegenständlichkeit als eine ”gespenstige Gegenständlichkeit” (MEW 23, S. 52) bezeichnete, im Überarbeitungsmanuskript zur ersten Auflage (”Ergänzungen und Veränderungen zum ersten Band des ‚Kapital‘”) ist sogar von einer ”rein phantastischen Gegenständlichkeit” die Rede (MEGA II.6, S. 32). Würde die ”substanzialistische” Auffassung zutreffen, wäre aber nicht einzusehen, was an der Wertgegenständlichkeit ”gespenstisch” oder ”phantastisch” sein soll.
Wir müssen uns noch genauer mit der abstrakten Arbeit auseinander setzen. Abstrakte Arbeit ist nicht sichtbar, sichtbar ist immer nur eine bestimmte konkrete Arbeit. Genauso wenig ist ”Baum” sichtbar, sehen kann ich immer nur ein konkretes Gewächs. Bei abstrakter Arbeit handelt es sich zwar um eine Abstraktion wie bei ”Baum”, allerdings um eine ganz andere Art von Abstraktion. Normalerweise werden Abstraktionen im menschlichen Denken gebildet. Wir beziehen uns auf die Gemeinsamkeit der individuellen Exemplare und bilden dann einen abstrakten Gattungsbegriff (wie z.B. ”Baum”). Bei abstrakter Arbeit handelt es sich aber nicht um eine solche ”Denkabstraktion”, sondern um eine ”Realabstraktion”, d.h. um eine Abstraktion, die im wirklichen Verhalten der Menschen vollzogen wird, unabhängig davon, ob sie dies wissen oder nicht.
Im Tausch wird vom Gebrauchswert der Waren abstrahiert, die Waren werden als Werte gleichgesetzt (der einzelne Käufer kauft natürlich nur, weil er an diesem Gebrauchswert interessiert ist, bzw. er unterlässt den Tausch, wenn er diesen Gebrauchswert nicht will; kommt es aber zum Tausch, dann werden die Waren als Werte gleichgesetzt). Erst indem die Waren als Werte gleichgesetzt werden, wird faktisch von der Besonderheit der sie produzierenden Arbeit abstrahiert, diese gilt jetzt nur als wertbildende ”abstrakte” Arbeit. Die Abstraktion findet also real statt, unabhängig davon, was sich die beteiligten Warenbesitzer dabei denken.
Dieser Punkt wird von Marx nicht immer ganz deutlich gemacht. So spricht er von abstrakter Arbeit auch als ”Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn” (MEW 23, S. 61). Die Reduktion der verschiedenen Arbeiten auf Arbeit im physiologischen Sinn ist nun gerade eine reine Denkabstraktion, der im Übrigen jede Arbeit unterworfen werden kann, gleichgültig ob sie Ware produziert oder nicht. Darüber hinaus wird mit dieser Formulierung nahe gelegt, dass abstrakte Arbeit eine ganz ungesellschaftliche, sozusagen natürliche Grundlage habe, was dann entsprechend ”naturalistische” Interpretationen abstrakter Arbeit provozierte. [Fußnote 9: So etwa wenn Wolfgang Fritz Haug in seiner ”Vorlesung zur Einführung ins ‚Kapital‘” feststellt, Marx habe abstrakte Arbeit auf eine ”Naturbasis” zurückgeführt (Haug 1989, S. 121). Dass es sich bei Marx hier (und an anderen Stellen) um mehr als um eine unglückliche Formulierung handelt, habe ich in Heinrich (1999) zu zeigen versucht: Wir finden in Marx’ Kritik der politischen Ökonomie zwar einerseits eine wissenschaftliche Revolution, einen Bruch mit dem theoretischen Feld der klassischen politischen Ökonomie, andererseits haften seiner Argumentation aber immer wieder Überreste der eigentlich überwundenen Auffassung an. Auf solchen Ambivalenzen der Marxschen Argumentation kann im Rahmen einer Einführung aber nur am Rande eingegangen werden.] An anderen Stellen äußert sich Marx jedoch recht eindeutig zur nicht-naturalistischen Grundlage abstrakter Arbeit. So heißt es im Überarbeitungsmanuskript zur ersten Auflage:
”Die Reduktion der verschiedenen konkreten Privatarbeiten auf dieses Abstraktum gleicher menschlicher Arbeit vollzieht sich nur durch den Austausch, welcher Produkte verschiedener Arbeiten tatsächlich einander gleichsetzt.” (MEGA II.6, S. 41)
[Fußnote 10: Dieser zentrale Satz wurde dann auch in die französische Übersetzung aufgenommen (MEGA II.7, S. 55), d.h. in die letzte Ausgabe des ”Kapital”, die Marx noch selbst kontrolliert hat.]
Demnach ist es also erst der Tausch, der die Abstraktion vollzieht, die abstrakter Arbeit zugrunde liegt (unabhängig davon, ob sich die tauschenden Personen über diese Abstraktion im Klaren sind oder nicht). Dann kann sich abstrakte Arbeit aber auch nicht einfach durch Arbeitsstunden messen lassen: Jede mit der Uhr gemessene Arbeitsstunde ist eine Stunde einer ganz bestimmten konkreten Arbeit, verausgabt von einem bestimmten Individuum (und unabhängig davon, ob das Produkt der Arbeit getauscht wird oder nicht). Abstrakte Arbeit kann dagegen überhaupt nicht ”verausgabt” werden. Abstrakte Arbeit ist ein im Tausch konstituiertes Geltungsverhältnis: Im Tausch gilt die verausgabte konkrete Arbeit als ein bestimmtes Quantum Wert bildender Gesamtarbeit.
Diese Geltung der privat verausgabten konkreten Arbeit als ein bestimmtes Quantum Wert bildender abstrakter Arbeit schließt drei verschiedene ”Reduktionen” ein:
(1) Individuell verausgabte Arbeitszeit wird auf gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit reduziert. Als Wert bildend zählt nur die Arbeit, die unter durchschnittlichen Bedingungen zur Produktion eines Gebrauchswerts notwendig ist. Wie groß die durchschnittliche Produktivität aber ist, hängt nicht vom einzelnen Produzenten ab, sondern von der Gesamtheit der Produzenten eines Gebrauchswerts. Dieser Durchschnitt ändert sich beständig, sichtbar wird er erst im Austausch; erst jetzt erfährt der einzelne Produzent, inwieweit seine individuell verausgabte Arbeitszeit der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit entspricht.
(2) Im traditionellen Marxismus wurde eine technologisch bestimmte ”gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit” meistens als die einzige Determinante Wert bildender Arbeit aufgefasst. Ob den produzierten Gebrauchswerten auch eine entsprechende zahlungsfähige Nachfrage gegenübersteht, schien für ihre Wertbestimmung keine Rolle zu spielen. Allerdings erinnerte Marx auch daran, dass man, um Ware zu produzieren, nicht einfach nur Gebrauchswert, ”sondern Gebrauchswert für andere, gesellschaftlichen Gebrauchswert” produzieren muss (MEW 23, S. 55). Wurde insgesamt von einem Gebrauchswert z.B. dem Leintuch über den in der Gesellschaft vorhandenen (zahlungsfähigen) Bedarf hinaus produziert, dann heißt das, ”dass ein zu großer Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit in der Form der Leinweberei verausgabt wurde. Die Wirkung ist dieselbe, als hätte jeder einzelne Leinweber mehr als die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit auf sein individuelles Produkt verwandt” (MEW 23, S. 122).
Wertbildend ist nur diejenige Arbeitszeit, die sowohl unter den durchschnittlich vorhandenen Produktionsbedingungen verausgabt wurde, als auch zur Befriedigung des zahlungsfähigen gesellschaftlichen Bedarfs notwendig ist. Inwiefern die privat verausgabte Arbeit zur Deckung des Bedarfs tatsächlich notwendig war, hängt einerseits von der Größe dieses Bedarfs ab, andererseits vom Produktionsumfang der anderen Produzenten – beides wird erst im Tausch sichtbar.
(3) Die einzelnen Arbeitsverausgabungen unterscheiden sich nicht nur in ihrem konkreten Charakter (als Tischlerarbeit, als Schneiderarbeit etc.), sie unterscheiden sich auch hinsichtlich der Qualifikation der dafür benötigten Arbeitskraft. ”Einfache Durchschnittsarbeit” ist ”Verausgabung einfacher Arbeitskraft, die im Durchschnitt jeder gewöhnliche Mensch” besitzt (MEW 23, S. 59). Was als Qualifikation der einfachen Arbeitskraft gilt und ob etwa Lesen und Schreiben oder Computerkenntnisse dazugehören, wechselt in den einzelnen Ländern und Kulturepochen, steht aber in einem bestimmten Land zu einer bestimmten Zeit fest. Die Arbeit höher qualifizierter Arbeitskraft ist ”komplizierte” Arbeit. Sie gilt in höherem Maß wertbildend als einfache Durchschnittsarbeit. In welchem Ausmaß eine bestimmte Menge komplizierter Arbeit mehr Wert bildet als dieselbe Menge einfacher Arbeit wird auch wieder erst im Tausch sichtbar. Für das quantitative Verhältnis spielt allerdings nicht nur die von Marx betonte Qualifikation der Arbeitskraft eine Rolle (vgl. MEW 23, S. 211 f.); entscheidend sind auch gesellschaftliche Hierarchisierungsprozesse, die sich z.B. darin niederschlagen können, dass ”Frauenberufe” einen geringeren Status als ”Männerberufe” haben, wodurch wiederum beeinflusst wird, welche Tätigkeiten als ”einfach” oder ”kompliziert” gelten.
Inwieweit die privat verausgabte, individuelle Arbeit als Wert bildende abstrakte Arbeit gilt, ist das Resultat dieser drei im Tausch gleichzeitig erfolgenden Reduktionen.
3.4 ”Gespenstige Gegenständlichkeit” –
Produktions- oder Zirkulationstheorie des Werts?
Wertgegenständlichkeit besitzen die Waren nicht als Vergegenständlichung von konkreter Arbeit, sondern als Vergegenständlichung abstrakter Arbeit. Wenn aber, wie eben skizziert, abstrakte Arbeit ein nur im Tausch existierendes gesellschaftliches Geltungsverhältnis ist (privat verausgabte Arbeit gilt als wertbildende, abstrakte Arbeit), dann existiert auch die Wertgegenständlichkeit der Waren erst im Tausch. Mehr noch: Wertgegenständlichkeit ist überhaupt keine Eigenschaft, die ein Ding einzeln, für sich besitzen kann. Die Wertsubstanz, die diese Gegenständlichkeit begründet, kommt den Waren nicht einzeln zu, sondern nur gemeinsam im Austausch.
Am deutlichsten hält Marx dies in seinem Überarbeitungsmanuskript zur ersten Auflage (”Ergänzungen ...”) fest. Dort heißt es, würden Rock und Leinwand getauscht, dann würden sie auf ”Vergegenständlichung menschlicher Arbeit schlechthin reduziert”. Dabei dürfe aber nicht vergessen werden,
”dass keines für sich solche Wertgegenständlichkeit ist, sondern dass sie solches nur sind, soweit das ihnen gemeinsame Gegenständlichkeit ist. Außerhalb ihrer Beziehung auf einander – der Beziehung worin sie gleich gelten – besitzen weder Rock noch Leinwand Wertgegenständlichkeit oder ihre Gegenständlichkeit als Gallerten menschlicher Arbeit schlechthin” (MEGA II.6, S. 30).
Das hat dann zur Konsequenz: ”Ein Arbeitsprodukt, für sich isoliert betrachtet, ist also nicht Wert, so wenig wie es Ware ist. Es wird nur Wert in seiner Einheit mit anderem Arbeitsprodukt” (MEGA II.6, S. 31).
Damit kommen wir auch dem ”gespenstigen” Charakter der Wertgegenständlichkeit näher, von der Marx am Anfang des ”Kapital” sprach (MEW 23, S. 52). Die Wertsubstanz ist zwei Waren nicht in derselben Weise gemeinsam wie beispielsweise ein Feuerwehrauto und ein Apfel die Farbe rot gemeinsam haben (jedes für sich ist rot und wenn sie nebeneinander stehen, stellen wir fest: Die haben ja etwas Gemeinsames). Wertsubstanz und damit auch Wertgegenständlichkeit kommt den Dingen hingegen nur zu, wenn sie sich im Austausch auf einander beziehen. Also etwa so, als wären Feuerwehrauto und Apfel nur dann rot, wenn sie tatsächlich nebeneinander vorhanden sind, während sie in ihrer Vereinzelung (das Feuerwehrauto in der Feuerwache, der Apfel am Baum) keine Farbe hätten.
Normalerweise kommen gegenständliche Eigenschaften den Dingen als solchen zu, unabhängig von ihren Beziehungen zu anderen Dingen. Eigenschaften, die nur innerhalb von bestimmten Beziehungen vorhanden sind, betrachten wir gerade nicht als gegenständliche, dem einzelnen Ding zukommende Eigenschaft, sondern als Verhältnis. Wird Soldat A von Feldwebel B herumkommandiert, dann ist A Untergebener, B Vorgesetzter. Die Eigenschaften Untergebener bzw. Vorgesetzter zu sein, resultieren aus dem spezifischen Verhältnis von A und B innerhalb einer militärischen Hierarchie, kommen ihnen aber nicht als Personen außerhalb dieser Hierarchie zu.
Bei der Wertgegenständlichkeit scheint nun aber eine Eigenschaft, die nur innerhalb einer Beziehung existiert, eine gegenständliche Eigenschaft der Dinge zu sein, die ihnen auch außerhalb dieser Beziehung zukommt. Suchen wir außerhalb der Tauschbeziehung nach dieser Gegenständlichkeit, dann wissen wir nicht, wo wir sie fassen sollen; Wertgegenständlichkeit ist eine in durchaus wörtlichem Sinne ”gespenstige” Gegenständlichkeit.
Diesem Schein, Wertgegenständlichkeit sei eine Eigenschaft der einzelnen Ware, ist auch ein großer Teil des traditionellen Marxismus aufgesessen. Die Wertsubstanz wurde ”substanzialistisch” als Eigenschaft einer einzelnen Ware aufgefasst. Damit galt auch die Wertgröße als Eigenschaft der einzelnen Ware und man glaubte, sie sei, unabhängig vom Tausch, allein durch die bei der Produktion der Ware verausgabte Menge gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit bestimmt. Auffassungen, die dagegen die Bedeutung des Tausches herausstellten, wurde der Vorwurf gemacht, ein ”Zirkulationstheorie des Werts” zu vertreten, also gerade an der angeblich unwesentlichen Seite anzusetzen.
[Fußnote 11: Diesen Vorwurf machte mir auch Norbert Trenkle, neben Robert Kurz einer der wichtigsten Vertreter der Gruppe Krisis (Trenkle 1998, vgl. dazu Heinrich 1999b). Dies ist umso bemerkenswerter, da sich die Gruppe Krisis stets als Kritikerin des von ihr so genannten ”Arbeiterbewegungsmarxismus” (womit etwas Ähnliches wie der oben skizzierte Weltanschauungsmarxismus gemeint ist) präsentiert. Allerdings bleibt sie nicht nur an dieser Stelle im Denken des kritisierten ”Arbeiterbewegungsmarxismus” befangen (vgl. unten Kapitel 9.2).]
Allerdings verdankt sich bereits die Frage, ob Wert und Wertgröße in der Produktions- oder der Zirkulationssphäre (d.h. der Sphäre von Kauf und Verkauf) bestimmt werden, einer fatalen Verkürzung. Der Wert ”entsteht” nicht irgendwo und ist dann ”da”. Bei einem Brötchen lässt sich (auch wenn die Antwort eindeutig ist) die Frage wenigstens noch stellen, wo es entstanden ist, ob in der Backstube oder beim Verkauf auf der Ladentheke. Der Wert ist aber nicht ein Ding wie ein Brötchen, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis, das als dingliche Eigenschaft erscheint. Das gesellschaftliche Verhältnis, das sich in Wert und Wertgröße ausdrückt, konstituiert sich gerade in Produktion und Zirkulation, so dass die ”Entweder-oder-Frage” keinen Sinn hat.
Die Wertgröße ist zwar vor dem Tausch noch nicht bestimmt, sie entsteht aber auch nicht zufällig im Tausch. Sie ist das Resultat der im letzten Abschnitt skizzierten dreifachen Reduktion von privat verausgabter, individueller Arbeit auf abstrakte Arbeit. Die Wertgröße einer Ware ist nicht einfach ein Verhältnis zwischen der individuellen Arbeit des Produzenten und dem Produkt (darauf läuft die ”substanzialistische” Auffassung des Werts letztlich hinaus), sondern ein Verhältnis zwischen der individuellen Arbeit des Produzenten und der gesellschaftlichen Gesamtarbeit. Der Tausch produziert nicht etwa den Wert, er vermittelt vielmehr dieses Verhältnis zur gesellschaftlichen Gesamtarbeit. Allerdings kann diese Vermittlung in einer auf Privatproduktion beruhenden Gesellschaft nur im Tausch und nirgendwo sonst geschehen.
[Fußnote 12: Als Beleg dafür, dass auch Marx den Wert bereits durch die Produktion und vor dem Tausch festgelegt sieht, wird gerne seine Äußerung zitiert ”dass nicht der Austausch die Wertgröße der Ware, sondern umgekehrt die Wertgröße der Ware ihre Austauschverhältnisse reguliert” (MEW 23, S. 78). Dabei wird übersehen, dass es in diesem Satz um ein Regulationsverhältnis und nicht um ein Zeitverhältnis (erst ist der Wert da, dann wird ausgetauscht) geht. Was den zeitlichen Zusammenhang angeht, argumentiert Marx eindeutig: ”Erst innerhalb ihres Austauschs erhalten die Arbeitsprodukte eine von ihrer sinnlich verschiedenen Gebrauchsgegenständlichkeit getrennte, gesellschaftliche Wertgegenständlichkeit” (MEW 23, S. 87, Hervorhebung M.H.). Für die Warenproduzenten spielt die Wertgegenständlichkeit aber die entscheidende Rolle, deshalb kommt für sie ”der Wertcharakter der Sachen also schon bei ihrer Produktion selbst in Betracht” (ebd., Hervorhebung M.H.). Dass der Wert ”in Betracht” kommt, der künftige Wert von den Produzenten geschätzt wird, ist aber etwas ganz anderes als dass der Wert schon existiert.]
Vor dem Tausch können die Wertgrößen lediglich mehr oder weniger gut abgeschätzt werden. Diese Schätzung ist auch dafür verantwortlich, ob ein Warenproduzent eine bestimmt Produktion aufnimmt oder nicht. Nur ist die Schätzung des Werts einer Ware noch lange nicht mit der Existenz dieses Wertes identisch, was schon mancher Produzent schmerzlich erfahren musste.
Nach den vorangegangenen Überlegungen sollte klar sein, dass die Marxsche Rede von der Wertsubstanz nicht ”substanzialistisch” zu verstehen ist, in dem Sinne, dass eine Substanz im einzelnen Ding vorhanden wäre. Die Wertgegenständlichkeit ist an der einzelnen Ware gerade nicht zu fassen. Erst im Tausch erhält der Wert eine gegenständliche Wertform, daher die Wichtigkeit der ”Wertformanalyse” [Fußnote 13: Die Analyse der Wertform findet im ”Kapital” im umfangreichen dritten Unterabschnitt des ersten Kapitels statt.] für die Marxsche Werttheorie.
Umgekehrt wissen die substanzialistischen Auffassungen der Marxschen Werttheorie mit der Wertformanalyse nicht viel anzufangen: Für sie sind mit der simplen Aussage, dass der Warenwert von der zur Produktion der Ware gesellschaftlich notwendigen Arbeit abhängt, die Probleme der Werttheorie bereits gelöst.
3.5 Wertform und Geld (Ökonomische Formbestimmungen)
Mit der Wertformanalyse beansprucht Marx etwas zu leisten, das in der bürgerlichen Ökonomie keinerlei Entsprechung hat. Einleitend schreibt er:
”Jedermann weiß, auch wenn er sonst nichts weiß, dass die Waren eine mit den bunten Naturalformen ihrer Gebrauchswerte höchst frappant kontrastierende, gemeinsame Wertform besitzen – die Geldform. Hier gilt es jedoch zu leisten, was von der bürgerlichen Ökonomie nicht einmal versucht ward, nämlich die Genesis dieser Geldform nachzuweisen” (MEW 23, S. 62).
Häufig wurden diese Sätze so verstanden, als wolle Marx auf einem hohen Abstraktionsniveau die historische Entstehung des Geldes ausgehend vom einfachen Produktentausch nachzeichnen. In diesem Fall wäre seine Abgrenzung gegenüber der bürgerlichen Ökonomie, etwas zu leisten, was diese nicht einmal versucht habe, aber völlig übertrieben. Denn auch schon zu Marx Zeiten gehörten solche abstrakt-historischen Skizzen zum Standardrepertoire der Ökonomen.
[Fußnote 14: Auch viele ”Kapital”-Einführungen verstehen die Wertformanalyse in einer solchen abstrakt-historischen Weise und verfehlen damit den Kern des Marschen Arguments. So stellt etwa Haug (1989, S. 151) den ”wirklichen historischen Entwicklungen” die Wertformanalyse gegenüber, die ”das Entwicklungsgesetz der Wertform in laboratoriumshafter Reinkultur herauspräpariert”, und bezieht sich dann auch zustimmend auf Engels’ Formel, das Logische (die begriffliche Entwicklung) sei nur das von störenden Zufälligkeiten gereinigte Historische (vgl. zur Problematik der engelsschen Lesart oben, Kapitel 2.1). Unter anderem über diesen Punkt fand zwischen Haug und mir eine Auseinandersetzung in der Zeitschrift Argument statt, vgl. Haug (2003a, b), Heinrich (2003; 2004).]
Erinnern wir uns jedoch daran, dass Marx bereits mit dem ersten Satz des ”Kapital” deutlich machte, dass er keine vorkapitalistische Ware, sondern Ware im Kapitalismus analysieren will (vgl. oben den Anfang von Kapitel 3.1). Daraus wird klar, dass er mit ”Genesis” (= Entstehung) jetzt kaum eine historische Entstehung des Geldes meinen wird, sondern ein begriffliches Entwicklungsverhältnis: Es geht ihm nicht um die historische Herausbildung des Geldes (auch nicht in einem ganz abstrakten Sinn), sondern um die begriffliche Rekonstruktion des Zusammenhangs zwischen der ”einfachen Wertform” (eine Ware drückt ihren Wert in einer anderen Ware aus) und der ”Geldform” – ein Zusammenhang innerhalb des gegenwärtigen Kapitalismus. Allgemeiner gesprochen geht es um die Frage, ob Geld in einer Waren produzierenden Gesellschaft bloß ein praktisches Hilfsmittel ist (auf das man im Grunde auch verzichten könnte) oder ob Geld tatsächlich notwendig ist.
Diese Frage war zu Marx Zeiten nicht nur von wissenschaftlichem Interesse. Verschiedene sozialistische Strömungen strebten als Alternative zum Kapitalismus eine Gesellschaft an, in der es zwar weiterhin private Warenproduktion geben sollte, das Geld aber abgeschafft und durch bloße Anrechtsscheine oder ”Stundenzettel”, auf denen die eigene Arbeitsleistung vermerkt wäre, ersetzt werden sollte. Der Nachweis, dass sich Warenproduktion und Geld nicht trennen lassen, sollte auch der Kritik solcher Strömungen dienen.
Bei seiner Analyse des Geldes geht Marx in drei Schritten vor. (1) Zunächst wird formanalytisch (d.h. in Absehung von den Warenbesitzern werden Formbestimmungen analysiert) die allgemeine Äquivalentform (bzw. die Geldform) als für den Wert notwendige Wertform entwickelt. (2) Danach geht es um die Handlungen der Warenbesitzer: Wirkliches Geld, das den Bestimmungen der allgemeinen Äquivalentform entsprechen muss, entsteht erst aufgrund dieser Handlungen. (3) Und schließlich werden die verschiedenen Funktionen entwickelt, die das Geld innerhalb der ”einfachen Zirkulation” (d.h. der Zirkulation von Ware und Geld in Absehung von Kapital) annimmt.
Die bürgerliche Ökonomie beginnt ihre Behandlung des Geldes üblicherweise mit der Aufzählung verschiedener Geldfunktionen. Dass es Geld überhaupt gibt, wird damit begründet, dass es ohne Geld doch recht schwer sei, den Austausch zu organisieren, d.h. die Begründung erfolgt auf der Handlungsebene der Warenbesitzer. Formanalytische Überlegungen über den Zusammenhang von Wert und Wertform finden sich bei der bürgerlichen Ökonomie an keiner einzigen Stelle und dieser Zusammenhang ist genau die ”Genesis”, von der Marx im oben angeführten Zitat gesprochen hat.
Allerdings haben auch viele Marxisten Probleme mit dem Verständnis der Marxschen Analyse. Substanzialistische Interpretationen legen in der Regel das Schwergewicht ähnlich der bürgerlichen Ökonomie auf die Geldfunktionen und können mit der begrifflichen Entwicklung von Geldform und Geld nicht viel anfangen. Aber auch nicht-substanzialistische Interpretationen ignorieren oft die Unterschiede zwischen den ersten beiden Schritten (begriffliche Entwicklung der Geldform, begriffliche Entwicklung des Geldes). Mit dem ersten Schritt werden wir uns in diesem Unterabschnitt beschäftigen, mit den Schritten zwei und drei in den beiden nächsten Unterabschnitten.
Marx beginnt die Wertformanalyse mit der Untersuchung der ”einfachen, einzelnen oder zufälligen Wertform”. Das ist der Wertausdruck einer Ware in einer zweiten:
x Ware A ist y Ware B wert
oder das berühmte Marxsche Beispiel:
20 Ellen Leinwand sind ein Rock wert.
Der Wert der Leinwand soll ausgedrückt werden, der Rock dient als Mittel zum Ausdruck des Werts der Leinwand. Die beiden Waren spielen in dem Wertausdruck also ganz verschiedene Rollen, die Marx mit unterschiedlichen Begriffen belegt. Der Wert der ersten Ware (Leinwand) wird als ”relativer Wert” (d.h. durch Bezug auf etwas anderes) ausgedrückt; sie befindet sich in relativer Wertform. Die zweite Ware (Rock) dient als ”Äquivalent” für den Wert der ersten Ware; sie befindet sich in Äquivalentform.
Im einfachen Wertausdruck kann nur der Wert jeweils einer Ware ausgedrückt werden: nur der Wert der Leinwand wird ausgedrückt – als eine bestimmte Menge Rock. Der Wert von Rock wird dagegen nicht ausgedrückt. Allerdings schließt der Wertausdruck ”20 Ellen Leinwand sind ein Rock wert” auch die Rückbeziehung ”ein Rock sind 20 Ellen Leinwand wert” ein. Jetzt befinden sich Rock in relativer Wertform und Leinwand in Äquivalentform.
Am einzelnen Gebrauchswert ist der Wert nicht zu fassen, eine gegenständliche Form erhält er erst im Wertausdruck: Die Ware, die sich in Äquivalentform befindet (Ware B), gilt jetzt als die Verkörperung des Werts der Ware, die sich in relativer Wertform befindet (Ware A). Isoliert betrachtet ist die zweite Ware aber genauso ein Gebrauchswert wie die erste Ware. Innerhalb des Wertausdrucks spielt die zweite Ware, die sich in Äquivalentform befindet, aber eine spezifische Rolle. Sie gilt nicht nur als bestimmter Gebrauchswert, sondern ihre Gebrauchswertgestalt gilt zugleich als unmittelbare Verkörperung von Wert: ”Im Wertverhältnis, worin Rock das Äquivalent der Leinwand bildet, gilt also die Rockform als Wertform.” (MEW 23, S. 66)
Nur weil der Wert die Form eines Rockes annimmt, erhält der Wert der Leinwand eine gegenständliche Form, ihr Wert wird fassbar, sichtbar, messbar – als eine bestimmte Menge Rock. Marx fasst dieses Ergebnis folgendermaßen zusammen: ”Der in der Ware eingehüllte innere Gegensatz von Gebrauchswert und Wert wird also dargestellt durch einen äußeren Gegensatz, d.h. durch das Verhältnis zweier Waren, worin die eine Ware, deren Wert ausgedrückt werden soll, unmittelbar nur als Gebrauchswert, die andere hingegen, worin Wert ausgedrückt wird, unmittelbar nur als Tauschwert gilt.” (MEW 23, S. 75 f.)
Wert ist etwas rein Gesellschaftliches, er drückt die gleiche Gültigkeit zweier ganz verschiedener Arbeiten aus, also ein bestimmtes gesellschaftliches Verhältnis. Dieses gesellschaftliche Verhältnis erhält in der Äquivalentform die Gestalt eines Dinges, in unserem Beispiel scheint Wert unmittelbar identisch mit Rock zu sein. Rock gilt zwar als Verkörperung von Wert, aber eben nur innerhalb des Wertausdrucks. Dass der Rock innerhalb des Wertausdrucks andere Eigenschaften hat als außerhalb, ist beim Rock noch durchsichtig, beim Geld ist dies jedoch nicht mehr so ohne weiteres der Fall.
Die einfache Wertform drückt zwar den Wert der Ware A gegenständlich aus, macht ihn fassbar und messbar, sie ist aber trotzdem noch unzulänglich, denn sie setzt die Ware A nur zu einer einzigen Ware, der Ware B, in Beziehung, aber noch längst nicht zu allen anderen Waren.
Betrachten wir nun das Wertverhältnis der Ware A (hier der Leinwand) zu allen übrigen Waren, dann erhalten wir die ”totale und entfaltete Wertform”:
20 Ellen Leinwand sind ein Rock wert,
20 Ellen Leinwand sind 10 Pfd. Tee wert,
20 Ellen Leinwand sind 40 Pfd. Kaffee wert etc.
Der Wert der Leinwand ist jetzt auf die gesamte Warenwelt bezogen (und nicht nur auf eine einzelne Ware) und zugleich wird deutlich, dass der Warenwert gleichgültig ist gegen die besondere Form des Gebrauchswertes, in der er erscheint: als Verkörperung des Wertes der Leinwand kann Rock dienen, aber auch Tee, Kaffee etc. Der Wert der Leinwand bleibt gleich, ob in Rock oder Kaffee dargestellt. Damit wird auch klar, dass das quantitative Austauschverhältnis keineswegs zufällig ist, was man der einfachen Wertform noch nicht ansehen konnte.
Allerdings bleibt auch die entfaltete Wertform noch unzulänglich: der Wertausdruck der Ware A ist unfertig und schließt nie ab. Außerdem sind die Wertausdrücke ganz verschiedenartig, wir haben viele besondere Äquivalentformen, die sich wechselseitig ausschließen.
Die totale Wertform ist nichts anderes als eine Reihe von einfachen Wertformen. Jede einzelne dieser einfachen Wertformen enthält aber auch ihre Umkehrung. Kehren wir die Reihe der einfachen Wertformen um, erhalten wir die ”allgemeine Wertform”:
Ein Rock ist 20 Ellen Leinwand wert.
10 Pfd. Tee sind 20 Ellen Leinwand wert.
40 Pfd. Kaffee sind 20 Ellen Leinwand wert.
Der Wert der Waren ist jetzt einfach und einheitlich ausgedrückt, weil eine einzige Ware, das ”allgemeine Äquivalent”, als Wertausdruck für alle anderen dient. Damit leistet diese Form etwas ganz Entscheidendes:
”Als Leinwandgleiches ist der Wert jeder Ware jetzt nicht nur von ihrem eigenen Gebrauchswert unterschieden, sondern von allem Gebrauchswert, und eben dadurch als das ihr mit allen Waren Gemeinsame ausgedrückt. Erst diese Form bezieht daher wirklich die Waren aufeinander als Werte.” (MEW 23, S. 80, Hervorhebung M.H.)
Die Wertgegenständlichkeit ist keine der einzelnen Ware zukommende Eigenschaft, sondern ist gesellschaftlichen Charakters, weil sie die Beziehung der einzelnen Ware (bzw. der sie produzierenden individuellen Arbeit) zur gesamten Warenwelt (bzw. zur gesellschaftlichen Gesamtarbeit) ausdrückt. Der Wert macht deshalb nicht nur überhaupt eine gegenständliche Wertform notwendig, er macht eine Wertform notwendig, die diesen gesellschaftlichen Charakter ausdrückt, und dies gelingt erst mit der allgemeinen Wertform.
Die spezifische Gesellschaftlichkeit der allgemeinen Wertform zeigt sich auch noch in einer weiteren Eigenschaft, welche die allgemeine Wertform gleichermaßen von der einfachen wie von der entfalteten Wertform unterscheidet. Bei diesen beiden Wertformen ”ist es sozusagen das Privatgeschäft der einzelnen Ware sich eine Wertform zu geben”. Anders jetzt:
”Die allgemeine Wertform entsteht dagegen nur als gemeinsames Werk der Warenwelt. Eine Ware gewinnt nur allgemeinen Wer