start » de en es fr    >> back

Makroökonomie und Gender

by Quelle: EvB - 02.04.2005 16:19

Mascha Madörin

Neue wirtschaftstheoretische und -politische Herausforderungen
 

Mascha Madörin (1)

Makroökonomie und Gender

Ein Grundlagenpapier

Pressekonferenz vom 7. März 2001 zum Thema: "Die Schweizerische Handelspolitik muss die Gleichstellung von Frauen und Männern berücksichtigen"

Organisiert von: Erklärung von Bern, NGO-Koordination Post Beijing Schweiz, Frauenrat für Aussenpolitik

Sowohl in älteren als auch aktuellen wirtschaftstheoretischen Analysen wird die Frage gestellt, welche institutionellen - politischen, kulturellen und sozialen - Rahmenbedingungen Wirtschaftswachstum fördern. So herrschte in den siebziger Jahren in der Mainstream-Ökonomie die Überzeugung vor, dass bedauerlicherweise Diktaturen in Entwicklungsländern für bestimmte Phasen wirtschaftlicher Entwicklung schier unvermeidbar seien. Vorübergehend werden zwar Menschen unterdrückt, aber dafür wird der wirtschaftliche Erfolg der Diktaturen die notwendigen wirtschaftlichen Bedingungen und die entsprechenden sozialen Kräfte hervorbringen, welche später eine Demokratisierung des Landes durchsetzen werden. So lautete damals während der Hoch-Zeiten des Kalten Krieges die krude Dialektik etlicher MainstreamÖkonomen.

Heute glauben ÖkonomInnen anhand statistischer Analysen eine positive Verbindung zwischen Good Governance (guter Regierungsführung) und Wirtschaftswachstum zu finden. Oder mindestens lässt sich die Diktaturthese nicht nachweisen.

Die Formel lautet nun nicht mehr wie früher "Diktatur plus wirtschaftliche Kooperation mit dem Westen führen zu Wirtschaftswachstum und damit zu Entwicklung", sondern "Freihandel und Exportförderung plus Liberalisierung der Finanzmärkte plus Good Governance führen zu Wirtschaftswachstum und damit zu Entwicklung". Falls die Wirtschaft nicht wie erwartet wächst, kann es laut dieser Formel nur an der fehlenden Good Governance (gutes Regieren), am Mangel an freier Marktwirtschaft oder an der fehlenden Öffnung der Grenzen für den Handel und für Kapitalflüsse liegen. So lautet das wirtschaftspolitische Credo nicht nur der mächtigsten Akteure in der Welthandelsorganisation (WTO), sondern auch der offiziellen Aussenwirtschaftspolitik in der Schweiz.

Diese Formel ist gegenwärtig heftig umstritten. Zu den profiliertesten KritikerInnen? gehören heute feministische Ökonominnen und Fachfrauen aus internationalen Frauennetzen.

Drei Ebenen der Kritik

Die neuere feministische Kritik der gängigen Wirtschaftstheorie in Bereichen wie Handels-, Finanz-, Budget-, Geld-, Währungs- und Zinspolitik (der so genannten Makro- und Mesoökonomie) betrifft zwei Ebenen:
.
1) Zum einen bezweifeln feministische Ökonominnen zunehmend die Relevanz und Rationalität der vorherrschenden Wirtschaftstheorie, weil die Geschlechterverhältnisse kein Thema sind. Wie kann, fragen sich beispielsweise Ökonominnen, realitätsgerecht Wirtschaftspolitik betrieben werden, wenn von vornherein der grössere Teil der menschlichen Arbeit - nämlich die unbezahlte - nicht in Betracht gezogen und zudem als beliebig verfügbar und flexibel angenommen wird?

2) Zum andern bezieht sich die Kritik auf die Agenda und die Prioritäten staatlicher Wirtschaftspolitik. Was sind denn eigentlich die wirtschaftspolitischen Fragestellungen, für welche sich Regierungen zu interessieren und Rechenschaft abzulegen haben? Wie kommen dabei die Rechte und eigenständigen Anliegen von Frauen vor, die genau so Bürgerinnen und Einwohnerinnen eines Landes mit gleichen Rechten wie Männer sind?

3) Je mehr Wissen kritische ÖkonomInnen zu Punkt 1 und 2 erarbeiten, desto fragwürdiger erscheint der behauptete Zusammenhang, dass aus Wirtschaftswachstum auch Entwicklung folge. Warum reicht es nicht einfach, von sozialer Gerechtigkeit, sozialen und ökonomischen Menschenrechten oder von Armut oder Reichtum zu reden, wie das soziale Bewegungen und die Linke schon immer getan haben?
Antwort: Wesentliche wirtschaftliche Zusammenhänge können nicht verstanden werden, wenn die unterschiedlichen Arbeits- und Lebenssituationen von Frauen und Männern nicht in Betracht gezogen werden. Gender (Geschlechterverhältnisse, das soziale Geschlecht) muss eine zentrale Kategorie aller ökonomischen Analysen sein, weil die ökonomischen Unterschiede zwischen den Frauen und Männern enorm gross sind: bezüglich der bezahlten und unbezahlten Arbeitszeit, im Zugang zu Einkommen und Vermögen und zu anderen wirtschaftlichen Ressourcen wie Wissen, Information und Technik, Transport, Krediten und Geschäftsbeziehungen, Land und Häuser. Bei einer Wirtschaftsanalyse, bei welchen Geschlechterverhältnisse als analytische Kategorie vorkommen soll, dürfen zwei Punkte keinenfalls fehlen: das Machtgefälle und die ungleichen Tauschverhältnisse zwischen Männern und Frauen in Haushalten und in andern Institutionen der Gesellschaft. Frauen haben nicht dieselben Handlungsspielräume wie Männer und reagieren deshalb nicht notwendigerweise gleich auf ökonomische Anreize oder Krisensituationen wie Männer.

Ein Beispiel für die Asymmetrie

In der Schweiz verfügen Frauen etwa über 27 Prozent des Erwerbseinkommens, Männer über 73 Prozent (1997). Diese asymmetrische Verteilung von Einkommen ist zu etwa drei Vierteln darauf zurückzuführen, dass Frauen viel mehr unbezahlt arbeiten als Männer. Etwa ein Viertel der Ungleichheit ist durch die ungleichen Chancen in der Erwerbsarbeit zu erklären. Werden unter solchen Einkommensverhältnisse beispielsweise progressive Einkommenssteuern gesenkt und staatliche Sozialausgaben gekürzt, dann trifft dies Frauen und Männer in mehreren Hinsichten nicht gleich:

1) Wer verdient, bezahlt Einkommenssteuern und wer viel verdient, bezahlt progressiv mehr Steuern. Werden Einkommenssteuern gesenkt, vergrössert sich der Einkommensvorsprung der Männer gegenüber den Frauen, weil Männer in der Regel weit mehr verdienen als Frauen. Damit vergrössert sich auch der Machtvorsprung der Männer, sei es im Haushalt oder in der Gesellschaft generell.

2) Wenn Sozialausgaben des Staates gestrichen werden, dann steigen oft die Kosten des Haushalts (z.B. Krankenkassengelder, Beiträge für Bildung etc.). Dies gilt auch, wenn anstatt einer Einkommenssteuer Mehrwertsteuern eingeführt werden. Die Produkte und Dienstleistungen, die eingekauft werden, verteuern sich. Dafür, dass das Haushaltsgeld reicht, sind oft Frauen zuständig. Durch die Senkung von Einkommenssteuern und/oder Erhöhung der Haushaltskosten werden die Verhandlungspositionen der Frauen gegenüber den Männern verschlechtert.

3) Eine weitere Ebene asymmetrischer Auswirkungen besteht bei Kürzungen von Sozialausgaben darin, dass Frauen oft die vom Staat gestrichenen sozialen Leistungen durch unbezahlte Arbeit ersetzen müssen. Wenn zum Beispiel die Aufenthaltsdauer in den Spitälern (Krankenhäusern) gekürzt wird, um staatliche Ausgaben für das Gesundheitswesen zu sparen, dann wirkt sich dies vielleicht für hospitalisierte Männer und Frauen ähnlich aus. Sie müssen früher zum Spital raus. Wer aber unterstützt und pflegt Kranke, wenn sie nach Hause kommen?

Elemente neuer wirtschaftstheoretischer Überlegungen

Seit Mitte der neunziger Jahre ist eine Reihe von Forschungsberichten und Artikeln zu geschlechtsspezifischen Auswirkungen von Handelspolitik erschienen, ebenso zu geschlechtsspezifischen Auswirkungen von Direktinvestitionen durch Konzerne in der Dritten Welt oder von Finanzkrisen. Fallbeispiele werden miteinander verglichen und Entwicklungen über Jahre untersucht, neue ökonomische Gedankengänge genauer formuliert und in mathematische Modelle eingebaut. Letztere dienen vor allem dazu, wirtschaftliche Dynamiken genauer zu verstehen.

Wenn auch noch grosse Wissenslücken bestehen, so sind doch in den letzten Jahren viele Fortschritte in Sachen Wirtschafts- und Entwicklungstheorie aus geschlechtsspezifischer Sicht erzielt worden. Dies ist nicht zuletzt auf die enge wissenschaftliche und politische Zusammenarbeit von Frauennetzwerken aus dem Norden und aus dem Süden zurückzuführen und auf die Etablierung der Frauen- respektive der Genderforschung in Universitäten etlicher Länder (nicht der Schweiz!) und in UNO-Organisationen. Es ist inzwischen genügend Fachliteratur vorhanden, dass sich Politiker und Experten in Regierungen und Nichtregierungsorganisationen nicht mehr mit dem Argument herausreden können, man wisse zu wenig (s. Literaturhinweise am Schluss des Textes).

1. Neuere Forschungen zeigen klar, dass die Liberalisierung des Handels, Exportförderung und die Integration von Ländern des Südens in den Weltmarkt asymmetrische und ungleiche Auswirkungen haben - je nach Land, je nach Klassen und sozialer Schicht und vor allem auch je nach Geschlecht.

So spielt es für die Nachfrage auf den Märkten und die kommenden Investitionen eine Rolle, wer hauptsächlich über Einkommen und Ersparnisse in Haushalten verfügt, ob Männer oder Frauen. Wie sich Landwirtschaftspolitik durch Exportförderung auswirkt, hängt beispielsweise davon ab, ob Frauen über eigenes Land verfügen. Was passiert eigentlich, wenn der Export von landwirtschaftlichen Gütern in einem Entwicklungsland gefördert und durch die Abwertung der Währung unterstützt werden soll, wie das massenweise durch die Strukturanpassungsprogramme praktiziert wurde? Die wirtschaftstheoretische Standardantwort lautet, dass dadurch die Preise für landwirtschaftliche Exportgüter steigen, weil die Exporte in Dollar bezahlt werden. Die Importe von landwirtschaftlichen Gütern werden dagegen vergleichsweise eurer. Die Stadtbevölkerung wird statt importierter Nahrungsmittel mehr lokale kaufen müssen. Das Preisgefüge im Inland verändert sich zugunsten der landwirtschaftlichen Betriebe, welche Exportprodukte anbauen. In der Theorie sollte dadurch die landwirtschaftliche Exportproduktion steigen und damit die Einkommen landwirtschaftlicher Betriebe erhöht werden. Ein Problem dieser Theorie liegt nun darin, dass zwischen landwirtschaftlichem Betrieb und Export eine Reihe von Zwischenposten geschaltet sind: Die erhöhten Preismargen können auch von Händlern abgeschöpft werden. Dazu kommt, dass landwirtschaftliche Betriebe Saatgüter, Dünger, Energie, Werkzeuge etc brauchen. Diese werden durch die Verteuerung der Importe ebenfalls teurer. Vor allem werden aber landwirtschaftliche Betriebe von Bäuerinnen und Bauern bewirtschaftet. Meist sind Bäuerinnen vor allem zuständig für die Produktion von Lebensmitteln für den lokalen Markt, über deren Ertrag sie verfügen. Die Männer produzieren häufig für den Export. Falls die Einnnahmen aus Exportproduktion für die landwirtschaftlichen Betriebe wirklich steigen, dann werden vor allem die Einnahmen des Bauern steigen, nicht diejenigen der Bäuerinnen. Welches wären die Umstände, die es erlauben würden, dass Bäuerinnen auch Produkte herstellen können, deren Preise steigen? Das hängt davon ab, ob sie Zeit dazu haben und ob sie eigenständig über Land verfügen. Denn auf den Feldern des Mannes für den Export zu produzieren, lohnt sich für sie nicht. Sie verlören einen Teil ihrer ökonomischen Eigenständigkeit. Weiter stellt sich die Frage, ob sie überhaupt über die Zeit verfügen, Neues anzubauen, ohne die Nahrungsmittelproduktion für den lokalen Markt und den Eigengebrauch zu reduzieren. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass der Erfolg von Landwirtschaftspolitik in Entwicklungsländern mindestens zum Teil deshalb ausbleibt oder nur sehr mässig ist, weil kein Unterschied gemacht wird zwischen produzierender Bäuerin mit ihren Interessen und Handlungsmöglichkeiten und produzierendem Bauer mit seinen Interessen und Handlungsmöglichkeiten. Um die Dynamik wirtschaftlicher Vorgänge zu verstehen, muss auch die Dynamik von Geschlechterverhältnissen verstanden werden. Dies gilt nicht nur für die Landwirtschaft in Entwicklungsländern, sondern auch bei uns. Es gilt für alle anderen Wirtschaftsbereiche auch.
Man kann nun fragen und erforschen, wie die Bedingungen für Frauen aussehen müssen, damit wirtschaftspolitische Massnahmen besser greifen und wirklich wirtschaftliche Fortschritte erzielt werden können. Aus neueren Untersuchungen geht klar hervor, dass sowohl eine Erhöhung der staatlichen Ausgaben für die Gesundheit und Bildung von Frauen, als auch die eigenständige Verfügungsgewalt von Bäuerinnen über Land, ihr Zugang zu technischen Erleichterungen ihrer traditionellen Arbeit, ihr Zugang zu Krediten, zu Transportmöglichkeiten und zu anderer Infrastruktur einen wesentlichen Einfluss darauf haben, wie gross die Wachstumseffekte einer bestimmten Wirtschaftspolitik sind.

Widersprüchlicher sind die Forschungsresultate, wenn es um den Zusammenhang zwischen Lohndiskriminierung von Frauen, Exportförderung für die Leichtindustrie (Freizonen für Exportproduktion) und Wirtschaftswachstum geht. Wirkt sich die Einrichtung von Textilunternehmen mit schlecht bezahlten Arbeiterinnen auf die Dauer nicht doch positiv sowohl auf die Wirtschaft des ganzen Landes aus als auch auf die Stellung der Frauen? Wie die Simulation mit mathematischen Modellen und verschiedene Länderanalysen zeigen, gibt es je nach Bedingungen verschiedene tendenziell sowohl positive als auch negative Varianten.

Die Feldforschungen und Modelle zeigen, dass zwischen Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen und zwischen Wirtschafts- und Entwicklungserfolg ein Zusammenhang besteht, der genauso Gegenstand von akribischen wirtschaftstheoretischen Analysen und von Kontroversen sein kann, wie andere vielfach erforschte Zusammenhänge, z.B. diejenige zwischen Investitions- und Sparquote oder zwischen Arbeitslosigkeit und Geld- und Finanzpolitik.

Care Economy

2. Wer aus der Sicht der Frauen Wirtschaftspolitik betreiben will, kommt nicht um die Kategorie "Care economy" herum In den gängigen Wachstums-, Wohlstands- und Entwicklungstheorien wird implizit angenommen, s müsse zuerst Reichtum in der so genannten Wirtschaft produziert werden und dieser hänge wesentlich von technischem Fortschritt ab. Die soziale Ungleichheit und soziale Krisen seien letztlich eine Frage, wie der produzierte Reichtum verteilt werde. Aus feministischer Sicht ist dies insofern eine irreführende Vorstellung, zum einen, weil auch in Haushalten Reichtum produziert und nicht einfach konsumiert wird und zum andern weil auch das Soziale "produziert" werden muss. Dabei geht es um die so genannte "Care economy", welche die tägliche Versorgung und Ernährung von Menschen beinhaltet, wie auch die Aufrechterhaltung grundlegender persönlicher Beziehungsnetze, das Aufziehen von Kindern und die Pflege von Menschen, die Sorge um andere. Der grösste Teil dieser Tätigkeiten ist immer noch unbezahlt. Es gibt auch eine "Care economy" in Wirtschaft und Staat. Dazu gehören Gaststätten und private psychotherapeutische Praxen oder Spitäler, Kinderkrippen oder Sozialzentren. Eine intakte, allen zugängliche "Care economy" macht einen wesentlichen Teil der Wohlfahrt von Menschen aus. Der überwiegende Teil von Frauen sind nicht nur weit mehr als Männer in der bezahlten und unbezahlten "Care economy" tätig, Frauen haben auch die ökonomische Rolle des "last resort". Wenn nichts mehr klappt, dann wird im Rahmen von Familien und Freundschaftsnetzen auf die Frauen zurückgegriffen.

Die bezahlte und unbezahlte "Care economy" ist ein riesiger Wirtschaftssektor, der in der Schweiz bedeutend mehr als die Hälfte des gesamten - bezahlten und unbezahlten - Arbeitsvolumens umfassen dürfte. Laut dem Bericht der UNDP (UNO- Entwicklungsorganisation) zur menschlichen Entwicklung von 1999 bewirkt der wachsende Wettbewerb durch Liberalisierungspolitik beispielsweise, dass die Ressourcen, insbesondere die Zeitressourcen, für die Care economy knapper werden. Dies passiert auf verschiedenen Wegen:

- weil Frauen (und Männer) mehr Zeit für die Erwerbsarbeit aufwenden, wird die Zeit
für die unbezahlte Arbeit in der "Care economy" verknappt;
- durch Streichung von Sozialausgaben des Staates (staatliche "Care economy);
- Wettbewerbsdruck und Kostensenkung bewirken die Verschlechterung des privatwirtschaftlichen Angebots im Bereich der Care economy.

Damit sind auch wichtige ökonomische Tätigkeiten, die für die Wohlfahrt von Menschen wichtig sind, in Frage gestellt. Die Arbeitszeit, welche für die unbezahlte "Care economy" in Familien, informellen Netzen und in zivilgesellschaftlichen Organisationen aufgewendet wird, wird in den Wohlfahrts- und Wachstumstheorien in der Regel nicht in Betracht gezogen. Dies ist zum einen unhaltbar, weil damit wesentliche wirtschaftliche Realitäten von Frauen ausgeblendet werden. Zum anderen sind die Dimensionen der unbezahlten Sektoren der Wirtschaft derart gross, dass ihr Ausklammern aus wirtschaftstheoretischen Analysen und Modellen die Aussagekraft von Wachstum- und Entwicklungstheorien in Frage stellt. Eine der Forderungen von Ökonominnen besteht nun darin, dass auch die Auswirkungen wirtschaftspolitischer Massnahmen auf die "Care economy" in Betracht gezogen werden müssen. Die Dynamik wirtschaftlicher Entwicklungen kann ohne Einbezug der "Care economy" nicht verstanden werden.

3. Die bisherige Wirtschaft- und insbesondere die Wohlfahrtstheorie schwankt ziemlich beliebig zwischen zwei Sichten der Menschen hin und her: zwischen einer rein instrumentellen, wo Menschen als Arbeitskräfte und damit als Produktionsfaktoren gesehen werden, und zwischen der Sicht von Menschen, deren Wohlfahrt letztlich das Ziel des Wirtschaftens und vor allem staatlicher Wirtschaftspolitik sein sollte.

Einige feministische WirtschaftstheoretikerInnen schlagen nun vor, dass eine Wirtschaftstheorie und -politik entwickelt werden sollte, welche als Ausgangspunkt Menschenrechte hat. Das geht, was die Menschenrechte der Frauen anbelangt, weit über die Forderung hinaus, dass die Geschlechterverhältnisse Teil wirtschaftstheoretischer Analysen sein müssen, damit Wirtschaftspolitik überhaupt einigermassen realistisch sein kann. Es geht um eine neue Agenda der Wirtschaftspolitik: Es geht dabei beispielsweise um die Frage, welche ökonomischen Massnahmen und Rahmenbedingungen die Rechte von Frauen fördern und die soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Gleichstellung von Frauen und Männern ermöglichen.

Regierungen müssen dazu verpflichtet werden, dass sie über die Wirksamkeit und Effizienz ihrer Wirtschaftspolitik bezüglich der Realisierung von Menschenrechten, insbesondere der Rechte der Frauen Rechenschaft ablegen. Ebenso muss Gleichstellungspolitik integraler Teil wirtschaftspolitischer Überlegungen werden - auch bei der Handelspolitik. Es geht also heute nicht "nur" darum, dass Regierungen Menschenrechte nicht verletzen dürfen. Sie sollen eine Wirtschaftspolitik betreiben müssen, welche die Durchsetzung von Menschenrechten fördert und nicht beispielsweise die Diskriminierung von Frauen und die ökonomische Ungleichheit zwischen Männern und Frauen noch vergrössert.

4. Die bisherige Wirtschaftstheorie zieht in ihren Optimierungs- und Effizienzrechnungen nicht in Betracht, dass es irreversible Katastrophen geben kann: Hungerepidemien, irreparable gesundheitliche Schäden, Perspektivenlosigkeit von Jugendlichen oder die Zerrüttung ganzer Gesellschaften. Die Schocktherapien, welche verschiedenen Ländern des Südens und Ostens in den letzten Jahren von internationalen Organisationen, unterstützt von mächtigen westlichen Ländern und ihren Hofökonomen verordnet wurden, haben sich als Verhungerungs- und gesellschaftliche Zerrüttungsprogramme für die ärmeren Teile der Bevölkerung erwiesen.

Verhungerte werden nicht mehr lebendig, auch wenn es wirtschaftlich wieder aufwärts geht; mafiöse Wirtschaftsstrukturen verschwinden nicht einfach, wenn die Staaten wieder mehr Geld haben, um Rechtstaatlichkeit überhaupt durchsetzen und Staatsangestellten existenzssichernde Löhne bezahlen zu können. Auch die Verbreitung von Gewalt, Hass gegenüber Minderheiten und sexueller Ausbeutung von Frauen und Mädchen in sozialen und wirtschaftlichen Krisensituation sind, wenn sie sich durchgesetzt haben, schwer wieder los zu werden, auch wenn das Bruttoinlandprodukt steigt. Die Zerstörbarkeit von Gesellschaften und Gemeinschaften, die Verletzlichkeit von Menschen darf in der Wirtschaftspolitik nicht ignoriert werden - auch in der Aussenwirtschaftspolitik nicht.

Da, wie schon erwähnt, Frauen die ökonomische Funktion des "last resort" haben, sind sie es, die schlussendlich für Menschen in Not aufkommen und die grösste Bürde wirtschaftlicher und sozialer Krisen tragen. Je kurzfristiger und krisenanfälliger die Entscheidungslogiken der Wirtschaftssysteme sind, desto prekärer sind sie für Frauen. Es muss klare Prioritäten geben:

Wirtschaftspolitische Prinzipien wie Freihandel, freier Kapitalverkehr oder die Rückzahlung von Schulden dürfen nun mal nicht so wichtig sein, wie Existenzrechte von Menschen. Frauen haben genug davon, als Trümmerfrauen wirtschaftspolitischer Fehlentscheide und Entwicklungsträgerinnen von Projekten dienen zu müssen.

Eine Denkhilfe in drei Punkten

Die indische Ökonomin Gita Sen nennt drei Fragestellungen, welche für wirtschaftspolitische Überlegungen aus feministischer und wohlstandsökonomischer Sicht wichtig sind:
- Wie wirken sich geplante Massnahmen auf den Lebensstandard von Männern und Frauen, von Jungen und Mädchen aus?
- Wie wirken sie sich auf die "Care economy" aus?
- Wie wirken sie sich auf die Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen aus?
Dies sind Fragen, welche in Bezug auf alle wirtschaftspolitischen Entscheide relevant sein
sollten.

Unsere Forderungen

Es widerspricht demokratischen Prinzipien und gleichstellungspolitischen Zielsetzungen, wenn sich Regierungen nicht bemüssigt fühlen, wirtschaftspolitische Kriterien, welche wichtig sind für Frauen, in ihrer wirtschaftspolitischen Entscheidungsfindung zu berücksichtigen und den Erfolg und die Richtigkeit ihres Tuns (auch) daran zu messen.

Die viel beschworene und nicht praktizierte Kohärenz zwischen schweizerischer Entwicklungspolitik und Aussenwirtschaftspolitik hängt zudem nicht zuletzt davon ab, ob die oben beschriebenen Zusammenhänge zwischen Geschlechterverhältnissen und Wirtschaftspolitik Eingang finden in aussenwirtschaftspolitische Überlegungen unserer Regierung. Deshalb ist es inakzeptabel, wenn die Produktion von Know How in der Wirtschaftspolitik, der öffentlich finanziert wird, obige Fragestellungen und Erkenntnisse ignoriert. Und deshalb fordern wir:
1. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) soll dazu verpflichtet werden, sich mit der Frage zu befassen, welche Bedingungen bezüglich der Stellung der Frauen gegeben sein müssen, damit die Freihandelspolitik des seco überhaupt die behaupteten positiven entwicklungspolitischen Auswirkungen haben kann.

2. Das seco soll in Zusammenarbeit mit der Deza zwei wichtige Partnerländer der Entwicklungshilfe auswählen und eine Untersuchung finanzieren, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Handelspolitik und Geschlechterverhältnissen befassen und die Auswirkungen von Handelsliberalisierung auf die von Gita Sen gestellten Fragestellungen untersucht. Als ersten Schritt schlagen wir die Auswahl zweier Länder vor:
- von einem Land mit überwiegend landwirtschaftlicher Produktion (wie z.B. Moçambique).
- von einem Land, das eine Verarbeitungsindustrie mit vielen Frauenarbeitsplätzen hat (wie z.B. Bangladesch oder Südafrika).
Dazu sollen auch Fachfrauen mit dem entsprechenden Know How aus dem Ausland beigezogen werden.

3. Es braucht Finanzen für die Forschung zum Thema "Handel und Gender", für die Verbreitung entsprechender wissenschaftlicher Information und für die Ausbildung und für fachliche Spezialisierungen.

4. Wir schlagen die Schaffung eines periodisch erscheinenden, öffentlich zugänglichen Informationsbulletins vor, das über nationale und internationale Forschung in Sachen Gender und Handelspolitik berichtet und deren Resultate kurz zusammenfasst.



1 Mascha Madörin arbeitet als Ökonomin freischaffend zu feministischer Ökonomie und Teilzeit bei der Aktion Finanzplatz Schweiz-Dritte Welt; sie ist Mitglied von FrAu (Frauenrat für Aussenpolitik) und der FemCo.

Literaturempfehlung:

Hervorragende Zusammenfassungen und Beispiele der neueren Fachdebatten zu Makroökonomie und Gender befinden sich in der Zeitschrift "World Development" vom November 1995 und Juli 2000 und in der seit 1995 dreimal jährlich erscheinenden Fachzeitschrift "Feminist Economics". Die Zusammenfassung eines öffentlichen Seminars zu Markoökonomie und Gender Ende Oktober 1997 in Bern organisiert hat, befindet sich in: Olympe. Feministische Arbeitsheft zur Politik Heft 9/1998 mit dem Schwerpunktthema: Einfluss nehmen auf Makroökonomie.

Die drei Fragestellungen von Gita Sen finden sich in ihrem Artikel "Gender Mainstreaming in Finance Ministries" (World Development Vol.28 No7/2000 p.1379-1390).


>> ADD EXTRA INFORMATION

ADDITIONAL INFORMATION