Kollektives Arbeiten, Gemeinsame Oekonomieby - 30.04.2005 16:47 Kollektives Arbeiten, Gemeinsame Ökonomie, Konsens, u.a.
Grundsatzpapier 1983 "In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod": http://www.kommune-niederkaufungen.de/kommune/grundsatzpapier.htm
Ergänzungspapier (wird etwa alle 4 Jahre überarbeitet, zuletzt im Herbst 2000 aktualisiert): http://www.kommune-niederkaufungen.de/kommune/erganzungspapier.htm
"Eigentum ist Diebstahl!" Beiträge zum Thema "Gemeinsame Ökonomie": "Avantgardeprojekt oder billige Lösung für sozial Benachteiligte" Elisabeth Voss über 20 Jahre Gemeinsame Ökonomie in der Projekte-Szene "Wenn mein Geld nicht mehr mir gehört..." Simone Buckel, Gemeinsame Ökonomiegruppe Kassel/Hamburg/Berlin "Die Häuser dem Markt entziehen!" Stefan Rost, Freiburger Mietshäuser Syndikat "Ohne Chefin ist alles anders!" Beiträge zum Thema: "Kollektives Arbeiten" "Kollektives arbeiten - eine Geheimwissenschaft?" Wilfried Schwarz, RGW-Büro ("Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe"), Berlin "Wagner Solartechnik - ein Kollektiv, dass "es geschafft" hat!?!" Alois Wilhelm, "Wagner und Co", Marburg Cölbe "Von der Utopie des machtfreien Raumes im Kollektiv" Eva-K. Hack, Autonomes Frauenhaus Kassel "Endlosdiskussion auf hohem Niveau?!?" Beiträge zum Thema "Entscheidungsfindung im Konsens" "Gewaltfreie Kommunikation (nach Marshall Rosenberg) in der Gruppe Kommune Niederkaufungen" Monika Flörchinger, Kommune Niederkaufungen "Konsens in Großgruppen mit über 1000 Menschen" Friedrich Erbacher (x-tausend mal quer!) "Formal alles in Konsensbutter!" Uwe Kurzbein (Kommune Lutter und Kommune Olgashof ) "Eigentum ist Diebstahl!" Podiumsbeiträge zum Thema: Gemeinsame Ökonomie Proudhon wurde 1809 in der französischen Provinz in bäuerlichen Verhältnissen geboren. Berühmtheit erlangte er 1840 mit seinem Werk "Was ist Eigentum?", indem er die These "Eigentum ist Diebstahl!" vertrat. Proudhon unterschied hierbei zwischen "Besitz" und "Eigentum", wobei "Besitz" für Dinge des eigenen Gebrauchs stand. Mit "Eigentum" meinte er dagegen Eigentum an Produktionsmittel, also Kapital, Grundbesitz und Besitz von Maschinen. 1849 gründete Proudhon eine "Volksbank", die kostenlose Kredite vergab und die er als Startpunkt seiner gesellschaftlichen Vorstellungen ansah. Die neue gesellschaftliche Ordnung wollte er ohne Staatsmacht herstellen, die Losung dazu lautete: "Keine Partei mehr, keine Autorität mehr, unbedingte Freiheit des Menschen und des Bürgers!" Proudhon war auch Abgeordneter, er stimmte im Parlament als bekennender Anarchist allerdings gegen alles. Seine Thesen haben die gesamte anarchistische Bewegung bis heute beeinflusst. Manche sehen heute etwa den Zusammenbruch des Realsozialismus1989 auch als späten unbedankten Sieg der Anarchisten, die bereits zu Zeiten der ersten Arbeiterinternationalen davor warnten, dass der Weg des Staatssozialismus für die Menschen keine Befreiung bringen, sondern in Tyrannei und Diktatur enden würde. "Avantgardeprojekt oder billige Lösung für sozial Benachteiligte?" Elisabeth Voss über die letzten 20 Jahre der Gemeinsamen Ökonomie Mein persönlicher Selbstversuch in Sachen gemeinsamer oder alternativer Ökonomie spielte sich in den Jahren 1993 - 1996 in Neustadt an der Weinstraße im Projekt "WESPE" (Werk Selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen) ab. Auch darüber hinaus bewege ich mich schon lange in dieser Szene. Früher habe ich viel für "Contraste" geschrieben (dazu komme ich heute leider nur noch selten), im bundesweiten Theoriearbeitskreis Alternative Ökonomie (TAK AÖ) und im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) in Berlin mitgearbeitet, habe am Kommune-Buch mitgeschrieben und war viele Jahre bei den Kommunetreffen dabei. Selbstverwaltete Strukturen sind ein Teil meiner Herkunft. Ein anderer Teil ist meine langjährige Arbeit bei verschiedenen Beschäftigungsträgern in Berlin, als Projektleiterin und Finanzverantwortliche, wo ich unter anderem versucht habe, für ganz normal Erwerbslose sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeiten zu organisieren. Das fand ich oft ziemlich frustig, weil daraus nur selten richtige Perspektiven entstanden. Mittlerweile arbeite ich beim "NETZ für Selbstverwaltung und Selbstorganisation", einem kleinen, alternativ-ökonomisch ausgerichteten Unternehmensverband für nachhaltiges Wirtschaften und Kooperation, als Projektentwicklerin für Genossenschaften. In einem EU-geförderten Projekt versuchen wir Arbeitsplätze zu schaffen für und mit Leuten, die am Arbeitsmarkt benachteiligt sind, in selbstverwalteten Strukturen. Ich finde es für mich sehr spannend, meine beiden unterschiedlichen biographischen Stränge zusammenzubringen und zu schauen: geht das überhaupt und wie kann so etwas funktionieren? Von daher habe ich mich über die Einladung nach Kaufungen riesig gefreut, weil ich mir auch eine Reflexion erhoffe über das, was ich im Moment mache. Mein Wunsch ist, durch diese Diskussionen persönlich und inhaltlich etwas weiter zu kommen. "Gemeinsame Ökonomie" ist nichts eindeutig Definiertes, es ist ein allgemeiner Begriff. Es gibt vollständige gemeinsame Ökonomie, wie in einzelnen Kommunen, oder auch nur teilweise gemeinsame Ökonomie unterschiedlichen Ausmaßes, wenn z.B. Menschen ihre finanziellen Ressourcen miteinander teilen. Das gemeinsame Eigentum, das gemeinsame Vermögen, oder auch die gemeinsame Kasse, das sind ja ganz unterschiedliche Dinge. Meine eigene Erfahrung in Neustadt war, dass es einen Widerspruch geben kann zwischen dieser praktischen Arbeit im Projekt auf der einen Seite, und auf der anderen den politischen Ansprüchen, mit denen mensch das tut. Du bist irgendwann so drin in den betrieblichen Erfordernissen deines Kollektivs, denn du bist ja dem Markt ausgeliefert. Du mußt am Markt deine Produkte oder Dienstleistungen anbieten, wie andere Betriebe auch. Zusätzlich hast du noch das selbstgemachte Chaos und die Gruppendynamik, so dass ich manchmal die Befürchtung hatte: das Politische kommt da eigentlich zu kurz oder geht manchmal sogar ganz unter. Das was wir uns immer gewünscht haben, mit dieser Art von Arbeit mehr Ressourcen zu schaffen für politische Arbeit, für Solidarität mit anderen, fällt dann oft einfach weg. Das fand ich immer ganz schwierig, obwohl ich mitunter auch gesehen habe, dass es dennoch funktionieren kann. Dann stellt sich mir auch die Klassenfrage. Heute ist das ja so ein altmodischer Begriff, aber gerade weil ihr das so schön politisch definiert habt: "Eigentum ist Diebstahl", dass im Grunde alles Elend dieser Welt auf diese kapitalistische Ökonomie zurückzuführen ist, gerade deshalb möchte ich an dieser Stelle auch einmal die Klassenfrage stellen. Früher schien das ja ganz einfach zu sein: da gab es die bösen Kapitalisten und die guten Arbeiterinnen und Arbeiter. Aber heute verwischt sich das ja vollkommen. Da ist es wichtig noch einmal zu schauen: mit wem und für wen machen wir das denn? Und was bedeutet in diesem Zusammenhang die gemeinsame Ökonomie? Na gut, da gibt es die Multinationalen Konzerne, die - klar - der Klassenfeind sind. ArbeiterInnen gibt es ja immer weniger, selbständige KleinunternehmerInnen würde ich mittlerweile auch zu "uns" zählen, Kollektive sowieso. Es gibt ja viele, die ihre Ich-AG gründen aus der Not heraus, wie auch andere kleine Firmen, die nicht so dem Bild des Klassenfeindes entsprechen. Und mit den Konzernen ist das ja so eine Sache: immer mehr ganz normale Menschen werden gezwungen, jetzt Teil dieser kapitalistischen Maschinerie zu werden und Anteile zu erwerben. Schon um deine Alterssicherung regeln zu können, mußt du irgendwelche Kapitalanlagen machen, die der kapitalistischen Verwertung unterliegen. Nun bist du selber von deinen ökonomischen Interessen her plötzlich auf der Gegenseite. Ich habe den Eindruck, da verwischt sich einiges, was wir jetzt auch hier nicht endgültig klären können. Wichtig ist es jedoch, sich damit einmal politisch auseinander zu setzen und die eigene politische Interessenlage und politische Herkunft im Alltag nicht zu vergessen. Wenn alternative oder gemeinsame Ökonomie eine politische Strategie sein soll, dann stellt sich doch die Frage: wo soll es lang gehen? Was bedeutet es für die AkteurInnen, für die Individuen die darin involviert sind, auch unter Gender Aspekten? Der Umgang mit Geld ist ja sehr stark geschlechtsspezifisch bestimmt, und das ist wichtig mit zu reflektieren. Ich denke, dass sich unter den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die sich ja nun rasant verändern (Globalisierung, Sozialabbau und Neoliberalismus), die Frage nach der gemeinsamen Ökonomie noch einmal neu und ganz anders stellen wird, wenn die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird. Uwe's Zitat: "Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen!" hat mir gut gefallen. Das verschärft sich im Moment, und die Frage sollte lauten: kann gemeinsame Ökonomie praktisches Handeln sein gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt? Wie ist das, wenn angesichts des Abbaus des Sozialstaats immer von der "Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger" gesprochen wird und man ihnen dann alles wegnimmt und sagt: "Hier, nun mach' mal alleine!"? Wo teilweise unsere Begriffe benutzt werden um Leute in die Armut zu schicken, ganz "eigenverantwortlich". Wo eine gesellschaftliche Neuorientierung stattfindet: was ist gesellschaftliche Verantwortung und was ist private Verantwortung? Zwischen diesen beiden Polen stehen wir mit unseren Kollektiven. Einerseits sind wir privat, andererseits haben wir auch etwas gemeinschaftliches. Es ist eigentlich eine dritte Qualität, hat aber auch ein Missbrauchspotential. Die Stadt Berlin will z.B. Genossenschaften fördern, und das ist erst mal erfreulich. Das darf aber auf keinen Fall dazu führen, dass diejenigen, die aus ihren festen Arbeitsverhältnissen herausgefallen sind, nun vielleicht die gleiche Arbeit für weniger Geld machen, ihre Billiglohnjobs selbst organisieren, in Selbstverwaltung und Selbstverantwortung. Ich denke in dieser Situation müssen wir achtsam sein, wir dürfen uns unsere eigenen Erfahrungen nicht abkaufen lassen. Sind Genossenschaften der Pfahl im Fleisch des Kapitalismus, oder sind sie Befriedungseinrichtungen für Ausgegrenzte und Benachteiligte? Bei uns in Berlin ist das eine brennende Frage. Die Kollektive heute werden ganz andere sein, sie haben eine ganz andere Zusammensetzung, wenn sie von Leuten gegründet werden, die von Verarmung bedroht oder schon betroffen sind. Früher haben wir unsere Kollektive aus einem politischen Anspruch heraus gegründet, uns stand damals die Welt offen. Das war im Grunde eine ganz privilegierte Situation, wir konnten uns nicht vorstellen, keine Perspektiven zu haben. Das ist jedoch für die Jugendlichen von heute ganz normal. Ihnen wird schon in der Schule erzählt, dass sie froh und dankbar sein können, wenn sie überhaupt irgendeinen Job finden werden. So stellt sich für mich dann die Frage: ist Benachteiligung wirklich ein Motor für gemeinsame Ökonomie? Oder ist nicht vielleicht die Selbstverwaltungsfähigkeit ein Privileg? Und weiter: was heißt das, wenn in unserer Gesellschaft die Freiheit durch die Ökonomie bestimmt wird? Was bedeutet das für die Einzelnen, diese Freiheit dann im Kollektiv ein Stück weit aufzugeben? Wir sind in den eigenen Projekten nach innen gleich, aber außen wird es immer ungleicher. Du gehst ja auch nicht für immer in ein Projekt rein. Und was bedeutet es dann für ein Individuum sich in die gemeinsame Ökonomie einzusortieren, mit der Perspektive aber draußen dann doch wieder sehr ungleich zu sein? Und ist nicht die Perspektive der Ungleichheit draußen auch etwas, was in die Projekte reinwirkt? Einfach dadurch, dass Menschen mit der Idee wieder raus zu gehen, sehr unterschiedliche Wege und Perspektiven vor sich sehen. Die Einkommensmöglichkeiten draußen hängen ja ab von Bildung und Herkunft zum Beispiel, das ist ja alles ganz unterschiedlich verteilt, wie auch die Fähigkeit zur Selbstverwaltung und zur Eigeninitiative. Somit dann auch die Frage: Wie müßte gemeinsame Ökonomie gestaltet sein, damit sie das etwas entschärfen kann? Mensch wird das sicherlich nie ganz rausbekommen, aber es könnte einfach mitgedacht werden. Hier in Kaufungen ist das teilweise durch die Ausstiegsregelung mitgedacht worden, dass man Menschen etwas mitgibt, und für die Zeit danach eine Vorsorge betreibt. Ich denke, dass diese Gestaltungsfragen ganz wichtig sind, wobei ich bei der Ungleichheit draußen skeptisch bin, ob ein Projekt das alleine regeln kann, oder ob man da nicht größere Zusammenhänge braucht, um so einen solidarischen Zusammenhang zu schaffen. Was ich noch sagen möchte: ich habe nach diesen Kommunetreffen manchmal ein bisschen Angst gehabt. Da war ja immer eine ganz große Bandbreite von Leuten da. Manche die du dort gesehen hast, wurden älter und liefen sehr abgerissen herum. Die hatten schlechte Zähne und waren ganz offensichtlich arm. Manchmal habe ich mir dann gedacht, was wird aus denen, wenn ihre Gruppe mal kaputt geht? Oder wenn sie einfach nur aus persönlichen Gründen aussteigen? Wo sind eigentlich die Strukturen, die diese Menschen ökonomisch oder sozial auffangen können? Diese Frage halte ich für eine sehr wichtige Frage. In diesem Zusammenhang mit gemeinsamer Ökonomie habe ich noch ein paar Punkte, die ich mit euch diskutieren möchte, wie z.B.: Ist die gemeinsame Ökonomie eine Nischengeschichte? Oder bauen wir unsere eigenen Projekte und gucken auch mal, wie wir zu mehr Kooperationen und Unterstützung untereinander kommen können? Wie kommen wir zu Ideen und Vorstellung wie daraus eine gesamtgesellschaftliche Perspektive werden kann? Und vor allem: kann alternative Ökonomie in der aktuellen gesellschaftlichen Situation eine Perspektive sein im Kampf gegen Sozialabbau, Armut und Ausgrenzung? "Wenn mein Geld nicht mehr mir gehört..." Simone Buckel, Gemeinsame Ökonomiegruppe Kassel/Hamburg/Berlin Ich lebe in Kassel und bin seit drei Jahren in einer Gemeinsamen Ökonomiegruppe. Ich komme aus der Projekte-Szene, obwohl ich selber nie in einer Kommune gelebt habe. Ich war schon in zwei Kommunegründungsgruppen, die sich jedoch beide wieder zerschlagen haben. Aus diesen Gruppen hat sich diese Gemeinsame-Ökonomiegruppe. Die Gruppe an sich gibt es seit fünf Jahren. Zwei Leute, die auf einem Wagenplatz gewohnt haben, haben diese Gruppe begonnen und dann ist eine dritte und eine vierte Person dazugekommen, dann ist eine ausgestiegen und ich bin dazugekommen und dann kamen noch einmal zwei dazu. Das war der erste Schritt der Öffnung, dass schon mal Leute dazukommen können, die nicht auf dem Wagenplatz lebten. Der erste Schritt war also zu sagen: wir können gemeinsame Ökonomie machen, auch wenn wir nicht zusammen wohnen, wenn wir kein gemeinsames Projekt haben. Wir brauchen nicht so einen großen Startschuss, sondern wir können das auch schon im kleinen anfangen. Gemeinsame Ökonomie als Praxis, die wir im Alltag schon einmal anfangen können. Und dann die überlegungen: was heißt das denn, wir machen gemeinsame Ökonomie? Wie gehen wir denn gemeinsam mit Geld um? Was heißt es für das Arbeiten, die Hierarchisierung der Arbeiten, Reproduktionsarbeit versus Lohnarbeit? Das waren so die Anfangsfragen. Was bringt also die gemeinsame Ökonomie, wenn man nicht zusammen wohnt also entsprechend die Arbeiten gar nicht so einfach umverteilen kann, um dann da eine andere Wertigkeit reinzubringen. Gemeinsames Eigentum zu haben und Eigentum umzuverteilen sind wir noch nicht angegangen. Bisher haben wir nur unsere Alltagsökonomie zusammen. Es gibt noch Leute die Privatvermögen haben wie z.B. geerbtes Geld oder so, ein Teil ist auch beim Mietshäusersyndikat angelegt. Das ist immer wieder ein Thema, über das wir reden, das sehr stark mit unseren Perspektiven als Gruppe zusammenhängt. Am Anfang war uns immer klar: das (private) Vermögen brauchen wir gar nicht zu kollektivieren, weil das ist ja für das Projekt, was wir irgendwann einmal starten. Es ist auch gut, dass es da liegt, dann kommen wir auch nicht da dran. Seitdem sich jedoch die Kommunegruppe "zerschlagen" hat, also nicht mehr unsere kollektive Perspektive ist, steht ab und zu die Frage im Raum: was wird eigentlich aus unserer Gemeinsamen-Ökonomiegruppe? Sind wir eine Gruppe mit Perspektive, oder sind wir eine "Finanz-Coop", die sich gerade den Alltag ein wenig erleichtert und es deshalb zusammen macht? Da sind die Einschätzungen immer wieder unterschiedlich. Vor so ca. 1,5 Jahren, da hatten wir mal so eine halbe Krise, als klar war: einer zieht weg und geht in eine andere Stadt. Da kam dann die große Frage auf: geht das überhaupt, wenn die Leute auch noch in anderen Städten wohnen? Wir haben dann gesagt, klar, wir probieren das aus und gucken was passiert. Mittlerweile sind das zwei Leute, die in anderen Städten wohnen und es klappt - sicherlich mit Einschränkungen, aber es geht. Eigentlich macht man Gemeinsame Ökonomie als ein politisches Projekt, man hat einen Anspruch dran, man denkt, man ist total widerständig und schlägt - durch Umverteilung - dem System ein Schnippchen. Aber man merkt dann doch sehr schnell, dass man in diesem System gefangen ist und dass man da selber ganz schön drinsteckt und auch ganz schön viel davon übernommen hat. Dadurch, dass man eine gemeinsame Kasse hat ist das auch nicht leichter zu ändern. Angefangen davon, dass wir bisher nur unsere Alltagsökonomie teilen, bis hin zu der Arbeitsebene - wir sind alle so auf einer JobberInnenebene, d.h. Wir sind alle "prekär beschäftigt" und gucken immer von einem Job zum nächsten und schauen, was kommt als nächstes? Wir haben alle keine richtige Sozialversicherung, es gibt niemanden, der Anspruch auf Erwerbslosengeld hätte, sondern alle arbeiten auf Honorarebene. Sozialhilfe ist schwierig zu beantragen, weil die Leute auch etwas Geld auf der Seite haben, oder Eltern im Rücken, die "zuviel" Geld haben oder weil sie noch an der Uni eingeschrieben sind, um ein paar soziale Vorteile zu haben. Wir geben uns also in erster Linie eine Art Existenzsicherung und halten uns den Rücken frei, dass wir nicht jeden Scheißjob annehmen müssen. Wir sind da irgendwie auf der untersten Ebene. Dieses utopische Ding, wenn alle ihr Geld zusammenlegen, reicht es vielleicht aus, so dass zwei Leute nur politische Arbeit machen können und sich erst einmal keinen Kopf machen müssen über Lohn-arbeiten-gehen. Das klappt bei uns ansatzweise aber es ist nicht so die Alltagsrealität. Diese ist eher so, dass wir alle sehr viel malochen gehen und es so ein wenig mehr Sicherheit gibt, dass man nicht schon gleich den nächsten Anschlussjob organisieren muß, bevor man den ersten fertiggemacht hat. Das kann sich durchaus noch einmal ändern, wenn Personen reinkommen, die viel Geld verdienen. Aber bisher ist das noch so eine Armutspraxis. Vielleicht ist es auch so, dass Leute, die dann mal viel Geld verdienen, irgendwann einmal da rausgehen, weil sie vielleicht für sich nicht mehr die Notwendigkeit sehen. Das ist erst einmal überhaupt nicht böse gemeint, dass die Leute dann nicht mehr solidarisch sein würden. Aber es ist auch immer etwas sehr zeitaufwendiges: sich immer zu treffen und sich auszutauschen, diese Zeit muß man sich auch erst einmal nehmen und man braucht auch ein gewisses Interesse dafür so eine Praxis zu haben und zu machen. Letztens hatten wir eine Diskussion über Karriere und gemeinsame Ökonomie, ist das überhaupt vereinbar? Wir wohnen inzwischen in mehreren Städten und müssen uns für die Planung der gemeinsamen Kasse ein Wochenende Zeit einplanen. Das ist bei fünf Leuten schon echt schwierig, ein Wochenende zu finden, wo alle Zeit haben. Und Leute, die Karriere machen, wollen ja total viel Zeit in ihre Arbeit investieren. Gemeinsame Ökonomie ist ja eher so eine politische Praxis, die so eine fünf-Stunden-Woche beinhaltet. Man muß kommunizieren, man muß aufs Konto gucken, man muß jonglieren mit dem Geld, was da ist, man muß immer im Kopf habe, was machen die anderen gerade, wofür wollen die Geld ausgeben, das sind ja ziemlich existentielle Sachen. Und bestimmte Dinge schließen sich dann auch aus z.B. Karriere machen und so... Was wir auch häufig diskutieren ist die Frage: schafft man sich seine eigene Nische oder ist man auf einmal sein eigener Sozialstaat? Am Anfang haben wir Gemeinsame Ökonomie so diskutiert, dass ist das revolutionäre und widerständige. Uns ist dann schon schnell klar geworden, wenn das massenkompatibel wird, wenn die kollektive Verantwortung in die eigene Verantwortung umverteilt wird, wenn die eigene Verantwortung in kleinen Gruppen organisiert wird, man dadurch auch ganz viel Verantwortung von der Gesellschaft wegnimmt.. Ich bin jetzt auch keine Anhängerin des Sozialstaates und das der hochgehalten werden müsse, aber ich finde schon, dass das erst einmal viel Druck wegnehmen kann. Wenn Gemeinsame Ökonomie eine Praxis ist, wenn es immer mehr gemeinsame Ökonomiegruppen gibt, dann puffert das auch erst einmal ganz schön viel ab. Wenn du eine Gemeinsame Ökonomiegruppe im Hintergrund hast, die das mittragen kann, dann gehst du nicht mehr zum Sozialamt. Eine wichtige Frage für uns ist, wie kann man so eine gemeinsame Ökonomie als Praxis, die sich auch vergesellschaftet, so hinbekommen, dass es auch eine gesellschaftliche Selbstorganisierung wird. Und zwar nicht nur im kleinen, in privaten Gruppen, wo es nicht nach außen dringt, sondern auch so etwas wie eine gesellschaftliche Hegemonie angestrebt werden kann. Mir kommen dann auch so Fragen auf, wie: was passiert mit mir selber, wenn ich in so einer gemeinsamen Ökonomiegruppe bin? Was habe ich denn für ein Verhältnis zu Geld? Was habe ich für ein Verhältnis zu Eigentum? Wie schwer fällt es mir, wenn ich Geld geschenkt bekomme nicht zu denken, klar, das ist jetzt meines!? Ich brauche zwar gerade nichts aber die 100 Euro habe ich von meinen Eltern bekommen, dann kaufe ich mir jetzt davon eine Hose oder ein Buch oder so, auch wenn es gerade auf dem Konto brennt. Sicherlich führt das dazu, dass ich das Geld erst einmal einzahle. Aber dieser Prozess ist schon wichtig, zu sehen, dass nur weil es von meinen Eltern kommt, nicht automatisch mein Geld ist, von dem erst mal nur ich mir was kaufen darf. Ich habe den Eindruck, dass dadurch bei mir schon unheimlich viel passiert ist. Es verändert sich aber auch immer wieder und ist vor allem abhängig von der Situation in der man ist. Ich selber schreibe gerade z.B. mein zweites Diplom und habe mir so etwas wie eine Auszeit vom "viel arbeiten" genommen und plötzlich hatten wir ganz wenig Geld auf dem Konto. Da hatte ich dann doch das Gefühl, oh Simone, du mußt dir jetzt doch noch mal schnell einen Job besorgen, drei Wochen keulst du und dann kannst du in Ruhe Diplomarbeit schreiben. Außerdem war ich gerade umgezogen und mußte auch noch Arbeit und Geld in die Renovierung stecken, aber es war wenig Geld auf dem Konto. Und mit jedem Eimer Farbe, den ich gekauft habe, hatte ich ein schlechtes Gewissen: nicht arbeiten und viel Geld ausgeben... Das hat sich dann alles in Wohlgefallen aufgelöst, da wir zwei Monate später auf einmal ganz viel Geld auf dem Konto hatten. Aber es zeigte sich für mich, dass ich ganz schnell wieder in so Mechanismen reinfalle und für mich selber anfange zu rechnen: darf ich oder darf ich nicht? Eine andere Frage ist: was ist mein Bedürfnis? Steht das über oder unter den Bedürfnissen der anderen? Aber eigentlich diskutieren wir über Bedürfnisse sehr wenig. Das wir die in Frage stellen, das passiert bei uns eigentlich nie. Das liegt u.a. daran, dass wir alle miteinander befreundet sind und uns deshalb auch gut kennen. Ich finde die Gemeinsame Ökonomie eine tolle Sache, über die ich sehr viel lernen kann über mich und meine Verstrickung in das System. Meine Frage wäre, wie kann man diese Idee zu einer gesellschaftlichen Praxis ausweiten, die über Selbstorganisierung und Selbstbestimmung einen anderen Zugriff auf gesellschaftlichen Reichtum vorantreiben kann. "Die Häuser dem Markt entziehen!" Stefan Rost über das Freiburger Mietshäuser Syndikat Was ist ein Syndikat? Hier ist es nicht der Name einer Mafia-Organisation, wie wir sie aus amerikanischen Gangsterfilmen kennen. Als wir vor Jahren in Freiburg das Mietshäuser Syndikat in das Handelsregister eintragen lassen wollten, mussten wir belegen, dass der Name nicht unbedingt etwas mit dem organisierten Verbrechen zu tun hat. Andererseits passt organisiertes Verbrechen nicht schlecht zum Titel dieses Podiums zur gemeinsamen Ökonomie: "Eigentum ist Diebstahl." Wenn wir uns dieses Motto anschauen, stellen wir fest, dass es bei Kommunen und anderen Kollektiven mit gemeinsamer Ökonomie irgendwie maßgebend ist, aber nur für den Innenbereich der Gemeinschaft: Persönliches Eigentum von Kollektivmitgliedern am Haus oder Produktionsmitteln gibt es nicht, jedoch nach außen hin, zum "Rest" der Gesellschaft, ist das materielle Vermögen der Gemeinschaft scharf als Eigentum abgegrenzt; als Kollektiveigentum zwar, aber doch als Eigentum. Keine Kommune, die nicht auf ihren Eigentumstiteln bestehen würde. Das war auch nicht anders vor rund 20 Jahren bei unserem ersten Hausprojekt Grether (West) in Freiburg, wo Jahre später das Konzept des Mietshäuser Syndikates entwickelt wurde. Das Grether war damals ein ganz gewöhnliches selbstorganisiertes Hausprojekt: Ein ehemaliges Fabrikgebäude wurden nach und nach mit Räumen für Wohnungen, das "Strandcafé", einen Gebrauchtwarenhandel und die Stadtzeitung ausgebaut. Alle waren Mieter und für das Kollektiveigentum an Grundstück und Gebäude hatten wir einen eingetragenen Verein gegründet. In der Satzung waren Grundprinzipien wie Selbstorganisation und Autonomie festgelegt. Durch die Zweckbestimmung in der Satzung glaubten wir auch, das Haus für immer dem Markt entzogen zu haben. 1. Grundüberlegung: Kapitalneutralisierung – aber richtig! In den ersten Jahren haben wir uns keine Gedanken darüber gemacht, wie es weiter geht, wenn das Projekt einmal fertig ist. Erst gegen Ende der Bauphase entstand ein Interesse an ketzerischen Fragen, angeregt durch vereinzelte Vorkommnisse bei anderen Hausprojekten: Könnte nicht eine zukünftige Nutzergeneration auf die Idee kommen, die ganze Hütte zu versilbern? Wenn sich die Zeiten sich geändert haben und mit ihnen die Ziele? Wenn dann die Erste-Sahne-Lage der Immobilie am Rande der Freiburger Innenstadt ins Bewusstsein rückt klar wird, dass ein Verkauf nach Abzug der Restschulden Millionenerlöse bringen würde, oder wahlweise wertvolle Eigentumswohnungen? Dem steht zwar die Satzung des Hausbesitz-Vereins entgegen, aber - kann nicht jede Satzung mit einer qualifizierten Mehrheit geändert werden? Die Vorstellung, dass irgendeine zufällige Nutzergeneration das Licht ausmacht und sich denkt: "Prima, dass die vor uns sich so selbstlos um unsere Altersversorgung gekümmert haben" gefiel uns nicht so gut. Unser Konzept, dass das Haus niemandem persönlich gehört, sondern dauerhaft von den jeweiligen BewohnerInnen und Betrieben als günstiger Mietraum genützt werden kann, wäre dann gescheitert. Erst nach Jahren der Recherche über Rechtsformen stießen wir auf ein Buch ("Auf fremden Pfaden" von Michael Neuling), das auf diese Deformation von genossenschaftlichen Projekten eingeht und gleichzeitig einen praktikablen Lösungsansatz für unser Problem vorschlägt: Da ein Kollektiv prinzipiell die Satzung für den Rechtsträger des Gemeinschaftseigentums ändern kann, sollte eine zweite, externe Organisation einbezogen werden. Diese "Kontrollorganisation" bekommt ein Vetorecht in Grundlagenfragen eingeräumt, z.B. wenn das Haus verkauft oder die Satzung geändert werden soll. In allen anderen Fragen des Projektes soll die Autonomie des Hauskollektivs nicht eingeschränkt werden, d.h.: über Finanzierung, Baupläne, Nutzung, Geschäftsführung usw. entscheidet allein der Verein der MieterInnen, nach dem Motto: "Die Häuser denen, die darin wohnen". Mit anderen Worten: Das Recht, das Haus wieder zu vermarkten oder die Satzung zu ändern, wird der alleinigen Autonomie der HausbewohnerInnen entzogen. Eine Veränderung des Status quo in diesen Punkten ist damit nicht ausgeschlossen, aber nur möglich, wenn beide Organisationen zustimmen. Was bedeutet das für den Rechtsträger des Eigentums? Unser Wunschkandidat war bis dahin die eingetragene Genossenschaft. Doch es stellte sich heraus, dass sie ungeeignet für die Einbeziehung einer externen Kontrollorganisation mit Vetorecht in Grundlagenfragen ist. Eine derartige Konstruktion mit "fremder" Einflussnahme schließt das Genossenschaftsgesetz aus; danach ist die e.G. prinzipiell auf sich selbst bezogen. Der Autor unseres Buches hatte die verschiedenen Rechtsformen durchgecheckt und festgestellt, dass sich ausgerechnet mit der erzkapitalistischen GmbH das skizzierte Kontrollmodell hervorragend verwirklichen lässt: Das Haus gehört einer Haus-GmbH, die aus genau zwei Gesellschaftern besteht. Diese Gesellschafter sind keine natürlichen Personen, sondern juristische Personen: Erstens der Hausverein der MieterInnen, der das Haus verwaltet in Selbstorganisation; zweitens die Kontrollorganisation, die wir Mietshäuser Syndikat genannt haben, mit ihrer Kontroll- oder Wächterfunktion. Da sie erst auf den Plan treten muss, wenn etwas ganz grundsätzlich schief läuft und sonst nichts zu tun hat, könnte sie auch als "Schläferorganisation" bezeichnet werden. Nach dieser Konstruktion liegen die meisten Eigentumsrechte definitiv beim Hauskollektiv, wie bei den üblichen genossenschaftlichen Hausprojekten. Im Gegensatz dazu werden aber die Mitglieder des Syndikates in den genannten Grundlagenfragen bei der Ausübung der Eigentumsrechte mit einbezogen. Es drängte sich dann auf, dass nicht jedes Hausprojekt, das dieses GmbH-Modell übernimmt, seine eigene Kontrollorganisation gründen muss: Das Mietshäuser Syndikat kann diese Aufgabe für viele Häuser übernehmen. Im Laufe der letzten 10 Jahre haben nach und nach eine Reihe von Hausprojekten das Organisationskonzept übernommen und das Syndikat als Kontrollorganisation in ihre Hausbesitz-GmbH eingebaut; oder andersherum gesehen, sich dem Syndikat angeschlossen. Mittlerweile gibt es 20 Projekte und Projektinitiativen, die inzwischen auch in anderen Städten als in Freiburg angesiedelt sind. Davon sind zur Zeit 14 Projekte erworben und 6 Initiativen in der Umsetzungsphase. Quasi als Nebenwirkung des GmbH-Modells ist über das Syndikat ist eine dauerhafte organisatorische Vernetzung von Projekten untereinander entstanden. 2. Grundüberlegung: Solidarfondsprinzip Mit diesem Organisationskonzept konnten wir auch eine andere Idee umsetzen, die uns damals überhaupt erst auf unsere überlegungen zur richtigen Kapitalneutralisierung gestoßen hat: Wenn man sich mit Hausprojekten beschäftigt, stellt man fest, am Anfang ist es am schwierigsten. Das kennt sicher jeder, der schon mal ein Hausprojekt gründen wollte. Man muß vor allem Riesenmengen an Kohle an Land ziehen. In Freiburg sind Häuser extrem teuer, woanders oft billiger, vor allem im Osten; aber da gibt es auch weniger Kohle, das macht die Sache nicht einfacher. Wenn dann aber erst die schwierige Anfangshürde fürs Hausprojekt gemeistert ist, entspannt sich die finanzielle Situation allmählich. Nach und nach werden die immensen Kredite für den Hauskauf und Ausbau abbezahlt, das Haus wird im Laufe der Jahre und Jahrzehnte entschuldet. Wir stellten uns damals die Frage, was machen wir dann mit dem wirtschaftlichen Spielraum, der in unserem Hausprojekt entsteht? Beziehen wir uns nur auf uns selbst, und senken z.B. die Mieten? Andererseits wollen wir doch, dass viele Menschen ihre Häuser in Selbstorganisation übernehmen. Könnten wir dann nicht diesen wirtschaftlichen Spielraum zur Unterstützung neuer Hausprojekte einsetzen und die überschüsse an diese Initiativen weggeben, damit die Hürden niedriger werden? Wir könnten auch einen Solidarfonds gründen, in den wir und andere entschuldete Projekte einzahlen und der die Verteilung der Solidarbeiträge übernimmt. Es gibt eigentlich keinen Grund, warum die Idee einer gemeinsamen Ökonomie an den eigenen Grundstücksgrenzen oder beim eigenen Kollektiv enden muss. Wir entschieden uns damals, einen Solidarfonds zu gründen. Das Solidarfondsprinzip im Mietshausbereich ist keine neue Idee. Sie wurde in der Wohngenossenschaftsbewegung der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts vom Berliner Baustadtrat und Bauhausarchitekten Martin Wagner formuliert. Wir hatten das Prinzip zwar auch entdeckt, mussten aber erstaunt feststellen, dass wir gar nicht die ersten waren. Den Solidarfonds des Mietshäuser Syndikates gibt es seit rund 10 Jahren. Durch die feste Vernetzung zwischen den Projekten, die durch die GmbH-Beteiligungen des Syndikats entstanden ist, sind damit auch Transferleitungen installiert worden, auf denen die Solidarbeiträge der bestehenden Projekte zu den neuen Initiativen fließen können. Allerdings ist die Summe der Beträge, die momentan den Solidartransfer ausmachen, eher gering, da es im Syndikat ganz überwiegend relativ neue Projekte mit Finanzbedarf statt mit überschüssen gibt. Aber jedes Projekt zahlt je nach Vermögen einen geringen oder hohen Solidarbeitrag in den Fonds. Das Konzept ist auf die Zukunft und die Utopie ausgerichtet: Bei entschuldeten Häusern, d.h. ohne Zinslast für Kredite, bräuchten die MieterInnen nur etwa 30% der normalen Mietkosten für das eigene Haus aufbringen – also ein riesiger Spielraum für günstige Mieten und die solidarische Mitfinanzierung neuer Projekte. Solidartransfer und die eingetragene Genossenschaft: Auch hier stellte sich heraus, dass die e.G. dafür völlig ungeeignet ist. überschüsse der einen Hausgenossenschaft dürfen nicht zu einer anderen, neuen Genossenschaft transferiert werden. Das sind Vorschriften des Genossenschaftsgesetzes, die auf dem Grundsatz beruhen: "Jede Mark den Genossen!" (derselben Genossenschaft), während das GmbH-Gesetz paradoxerweise die unternehmerische Freiheit zum Solidartransfer zulässt. 3. Grundüberlegung: Wohnraum für alle? Es bleibt die Frage: Wann hört das Syndikat auf, offen für neue Projekte zu sein? Was ist genug? Soll es riesig anwachsen oder soll es sich besser irgendwann auf einen noch überschaubaren Kreis von Projekten konzentrieren, quasi als geschlossene Gesellschaft? Sind die jetzigen 20 Projekte genug, oder können es hundert sein? - Für uns gibt es eigentlich keinen Grund, irgendwann zu einer neuen Projektinitiative zu sagen, ihr bleibt draußen, weil wir uns jetzt lieber begrenzen wollen. So ist in der Satzung des Mietshäuser Syndikats das universalistische Prinzip formuliert: "Menschenwürdiger Wohnraum, das Dach über dem Kopf, für alle." Das Syndikat wird zwar größer, aber es wird nichts aufgebläht, sondern es lagern sich Projekte als weitere selbständige Einheiten an. Es ist eine extrem dezentrale Organisationsstruktur. Es ist eine Frage der Zeit, wann sich z.B. in Frankfurt oder Berlin eigene Syndikate bilden. Dann können die GmbH-Beteiligungen, die das Freiburger Syndikat hält, an die Syndikate vor Ort abgetreten werden. Zum Schluss noch eine kleiner Hinweis, speziell für die älteren: Das Syndikat ist eine Organisation, wo immer wieder neue Menschen und Initiativen ankommen und sagen: Wir wollen ein Projekt gründen und mitmachen. Die Vermittlung von know-how ("Wie gründe ich mein Hausprojekt?") ist ausgesprochen erwünscht, niemand will unbedingt das Rad neu erfinden. Hier schlägt die Stunde für uns ältere - unsere Beratung und Projekterfahrung wird ausdrücklich nachgefragt. Hier winkt ein Ausweg aus manch quälenden Konflikten in Projekten, die in die Jahre gekommen sind: Die älteren sitzen drauf, die neuen brauchen Platz und wollen änderungen, die alten verdrehen die Augen und stöhnen: Wir wollen nicht immer wieder die gleichen Diskussionen führen! Als Aktivist beim Syndikat kann ich meine Rolle als Berater bei neuen Hausprojekten doch erheblich entspannter angehen. Es ist zwar keine reine Beratertätigkeit, denn das Syndikat ist richtig an der neuen Haus-GmbH beteiligt, d.h. die Verwirklichung des Hausprojektes ist tatsächlich unser aller Angelegenheit. Auf der anderen Seite können wir keine Direktiven geben und eingreifen, weil das Syndikat kein Stimmrecht hat. Und die Leute vom Hausprojekt holen sich unsere Ratschläge nur, wenn sie es für nötig halten. Dann aber werden wir gern gehört, können unsere Erfahrung und Geschichten erzählen, das ist für uns ganz schön, weil wir ja auch einiges von der Welt kennen. Ein Syndikat ist ein so gesehen auch ein ganz passables Altenteil. Ganz zum Schluss noch ein Gedanke zum Motto des Podiums: "Eigentum ist Diebstahl!", das ja vom alten Anarchisten Proudhon stammt. Die Hausprojekte des Syndikats sind Eigentum, und die Hauseigentümerinnen haben sogar die erzkapitalistische Rechtsform der GmbH. Zwar mit Vereinen als Gesellschaftern, die ideelle Zielsetzungen haben, aber Eigentum ist Eigentum. Ich halte es in dieser Frage lieber mit Berthold Brecht, der vor langer Zeit klarstellte: "Was ist schon ein Bankeinbruch gegen die Gründung einer Bank?" Wir vom Syndikat gründen zwar keine Banken, aber lauter nette GmbH’s, die wir genau nach unseren Vorstellungen als abstrakte Hauseigentümerinnen designed haben. Deshalb möchte ich die Frage nach dem Eigentum der Haus-GmbHs entspannter betrachten: Wenn Eigentum Diebstahl ist, dann ist das Syndikat das "selbstorganisierte Verbrechen". "Ohne Chefin ist alles anders!" Podiumsbeiträge zum Thema: "Kollektives Arbeiten" Kollektiv: "Eine Arbeits-, Produktions-, Ertrags- oder Lebensgemeinschaft, deren Mitglieder auf genossenschaftlicher Ebene gemeinsam einem Ziel zustreben. Sprachgebrauch der kommunistischen Staaten, ungefähr vergleichbar westlichen Bezeichnung "Team"." Brigade: "In kommunistischen Ländern ein aus mehreren Arbeitern bestehendes Kollektiv. Ein Kollektiv, das aus produktionstechnischen Gesichtspunkten zusammengestellt wird. Leiter der Brigade ist der Brigadier, der zu möglichst hohen Arbeitsleistungen anhalten soll und je nach Höhe der Arbeitsleistungen seiner Brigade einen prozentualen Aufschlag auf seien Lohn bekommt." (Quelle: http://www.wissen.de)
"Kollektives arbeiten - eine Geheimwissenschaft?" Wilfried Schwarz, RGW-Büro ("Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe"), Berlin Das Thema "Kollektives Arbeiten" hat eine lange Tradition leidenschaftlicher Auseinandersetzungen. Als ich überlegt habe was in der Entstehungszeit des Grundsatzpapieres bei uns diskutiert wurde, da kamen mir eine Menge Fragestellungen auf. Ich habe mal drei rausgesucht, die etwas beleuchten sollen, was damals Thema war: Eine heiße Diskussion war zum Thema "Für wen arbeiten wir eigentlich im Kollektiv? Wer sind unsere Kunden?" Da war z.B. die Frage im Taxikollektiv, ob wir tatsächlich den Manager der Deutschen Bank vom Flughafen Tegel zu seiner Kundenzentrale fahren. Es gab die andere Frage im Bäckerkollektiv ob der Bulle, der mir vorher die Rübe eingehauen hat, von mir ein Vollkornbrot bekommt oder ob der überhaupt Anspruch eine vollwertige Ernährung hat. Oder ob ich auf einer SPD-Wahlparty die PG (Parteigenossen) gut bezahlt bediene oder ob ich das nicht mache. Das war so ein heißer Bereich. Das andere war die berühmte "Staatskohle-Diskussion", also die Frage, nimmt man als autonomes Kollektiv staatliche Zuschüsse vom Staat an, ABM-Stellen wurden damals heiß diskutiert. Zuschüsse und staatliche Förderungen, hat man da einen Anspruch drauf oder ist das nicht der Pakt mit dem Teufel? Wie wirkt sich das auf unsere Autonomie des Kollektiv aus? Ist das schon der Anfang der kapitalistischen Infektionskrankheit, die sich dann immer weiter ausbreitet? Der dritte Bereich war eine lebhafte Auseinandersetzung zwischen "Kommune" und Kollektivbetrieben". Die Kommune haben den Kollektivbetrieben damals vorgeworfen das sei alles nur so eine halbe Sache mit dem kollektiven Arbeiten, das ziele ja nur auf die Arbeitsorganisation ab und beziehe den Lebensalltag nicht mit ein, nicht den ganzen Menschen. Und die, die das kollektive Arbeiten an sich für den besseren Weg hielten, haben den Kommune-Leuten dann vorgeworfen, das wäre doch ein sehr hohes Ausleseprinzip durch den engen Bezugsrahmen. Es wäre eine elitäre und Innenwelt bezogene Lebensweise, die sich nicht verallgemeinern ließe und an der nur wenige teilnehmen würden. Durch die Vermengung von Emotionalität und Arbeit, dass da die notwendige Klarheit der Analyse fehlen würde. Das waren drei Punkte einer Liste, die man endlos fortführen könnte. In den letzten 25 Jahren, kann man sagen, dass alle die Argumente, die da gefallen sind, sich alle irgendwie als richtig und auch falsch zugleich erwiesen haben. Wenn man sich das heute betrachtet denkt man vielleicht: "Meine Güte, darüber haben wir damals geredet" Aber irgendwie finde ich diese Themen auch heute noch hoch aktuell. Im Kern stand meiner Meinung nach immer die Frage: "Was will ich mit meinem Kollektiv oder mit meiner kollektiven Arbeit erreichen?" Und das ist immer eine höchst persönliche Frage gewesen. Eine Frage der ganz individuellen Motivation: "Was will ich mit meinem kollektiven Arbeiten einbringen?" Und weil es so einen höchst persönlichen Antrieb gibt, gibt es auch sehr verschiedene Sachen, die Menschen mit kollektiver Arbeit verbunden haben, die motiviert haben, Experimente in diesem Bereich zu machen. Und weil es so viele unterschiedliche Absichten gab, haben die sich natürlich auch massig widersprochen., und sind dann auch entsprechende persönliche Konsequenzen daraus gezogen worden. Es gibt eine ganze Reihe von Leuten, die alles mögliche auf der Welt machen würden aber nicht wieder in einem Kollektiv arbeiten wollen, für die "Kollektiv" sozusagen "verbrannte Erde" ist. Es gibt eine Reihe von Betrieben, die sich dahingehend umgebaut haben, nicht mehr soziale, das gemeinschaftliche in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Arbeitsplatz- und Einkommenssicherung als Ausrichtung sich vorzunehmen. Es gibt sehr viele Leute, die ihre sich im Kollektiv erworbenen Talente auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich verkauft haben, weil diese stressgestärkten und konfliktbewährten Menschen mit ihrer ganzheitlichen Betrachtungsweise eine Schulung und Ausbildung haben, die seines gleichen sucht. Und dann gibt es immer noch Leute, die sich mit diesem Thema beschäftigen, die am Thema dranbleiben und auch nicht locker lassen wollen. Bei aller Unterschiedlichkeit der Reaktion und der Handlungsweisen, gab es eine Gemeinsamkeit: das war die Hoffnung darauf, dass allein schon durch die Andersartigkeit der Herangehensweise der kollektiven Produktionsweise, dieses sich schon automatisch auf unsere Umgebung auswirken wird. Das unsere Existenz, dass es eine andere Arbeitsweise gibt, schon hinreichend demonstriert, es geht besser, schöner, leichter, lustiger und freundlicher, und dass wir selber allein weil wir unsere Dinge tun wie wir sie tun schon den lebendigen Beweis antreten, dass der Kapitalismus doch eigentlich schon mehr oder weniger kurz vor dem Abkippen steht, sozusagen kurz vor dem Scheitern ist. Ich kann sagen, dass ich mit einer Hoffnung selten so gescheiter bin in meinem Leben, weil diese Ausstrahlungskraft, auf die ich so gehofft hatte nicht eingetreten ist. Im Nachhinein habe ich den Eindruck, dass dies mehr so unsere eigenen Durchhalteparolen waren, die mühsamen kollektiven Pfade weiterzulaufen, sich zu sagen: "Wenn ich mich nur genug anstrenge, dann wirkt das schon!" Und ganz im Gegenteil, nicht nur, dass dies kaum einen Realitätsbezug hatte, sondern ehe ich mich versah, verlief die Transformation vom Kollektiven Arbeiten in eine vollkommen andere Richtung. Ich sah dann plötzlich "hierarchiearme Gruppenproduktion" in einem Automobilwerk von Volvo in Malmö viel besser organisiert. Ich sah, dass "Eigenverantwortlichkeit" und "Selbstorganisation", unsere Begriffe, mit denen wir groß geworden sind, in jeder besseren Stellenanzeige zu lesen waren und durften als Bildungsmodul im Prinzip in keiner Managerschulung mehr fehlen. Der "Blaue Engel" als ökozeichen blickt dir inzwischen auf jeder Dose Grüne Bohnen bei Aldi entgegen. Und wenn ich dachte, na gut, wir haben ja wenigstens noch einen politischen Anspruch bei kollektiver Arbeit, dann werde ich inzwischen auch morgens beim Frühstück auf der Rückseite der Kelloggs-Packung eines besseren belehrt, wo draufsteht, dass die Firma Kelloggs inzwischen wunderbare Gesundheitszentren in Tansania errichtet. Immerhin nicht in El Salvador oder Nicaragua, kann man ja zum Trost noch sagen! Die Begriffe und Qualitätsnormen, die für mich als Linken noch mit dem Kollektiven Arbeiten verbunden sind, waren also Stück für Stück nicht mehr mein Markenzeichen. Außer dem Spruch: "Im Kollektiv geht alles schief!", den habe ich noch nirgendwo anders gefunden. Den haben wir noch, den können wir noch behalten. Aber alles andere... Ein kleines Beispiel dafür: vor genau zwei Monaten schlage ich morgens die Zeitung auf und sehe auf der ersten Seite einen kleinen Hinweis auf eine Veranstaltung mit dem Namen: "Freiheit wagen - Fesseln sprengen!" Ich war völlig entsetzt, dass so etwas in einer normalen Zeitung steht und vor allem, dass ich davon nichts wusste! Aber, als ich dann weiterblätterte und dann plötzlich bei der Wirtschaftsseite landete, merkte ich, dass es kein Zufall war, dass ich davon nichts wusste. Es stellte sich dann heraus, unter dem Titel "Freiheit wagen - Fesseln sprengen!" fand ein Bundeskongress des Bundesverbandes der deutschen Industrie statt, veranstaltet im Haus der deutschen Wirtschaft, mit Gastrednerin Angelika Merkel. Also, dass ist kein Etikettenschwindel mehr, sondern man kann sagen, die Operation ist vollständig gelungen - so kann man sich täuschen! Auf der andern Seite erlebe ich in den vielen Jahren, dass es immer wieder eine große Anzahl von Projekten gibt, von selbstorganisierten Versuchen, von solidarischen Alltagsstrukturen, sei es in Betrieben, sei es in sozialen Projekten, in Kommune oder Hausgemeinschaften, Initiativen politischer oder kultureller Herkunft, die durchaus immer wieder an antikapitalistischer Betriebsideologie festhalten, die also nicht die Marktfähigkeit als ihr wesentliches Ziel auserkoren haben. Es gibt immer wieder neue, eine auch immer größer werdende Zahl von Initiativen, die eine Solidarökonomie praktizieren, eine durchaus große Zahl von Projekten mit einer radikalen Alltagspraxis, die sich deutlich von kapitalistischer Werte und Warenproduktion unterscheidet - zumindest im Versuchen. Nun stellt sich die Frage: "Wo tauchen diese noch auf, wo sind sie zu besichtigen? Wo werden diese Versuche nach außen sichtbar? Wo schlägt sich dieses Zusammenspiel von kollektiven Zusammenhängen, selbstverwalteter und gleichberechtigter kollektiver Arbeit und der Gesamtgesellschaft nieder?" Da kann man nun einfach sagen, dass die mit Sicherheit überhaupt nicht mehr sichtbar bzw. viel zu wenig sichtbar sind. Und dass eigentlich bei der zunehmenden Entsolidarisierung und Individualisierung in der Gesellschaft es durch diese Andersartigkeit noch nie so leicht war, diese darzustellen; es also keiner großen Kunst bedarf , diese unterschiedliche Herangehensweise darzustellen. Also deutlich zu machen, dass kollektive Gruppenprozesse allemal stärker, bewusster und sozialer sind als es Kleinfamilie, Zweierbeziehung und soziale Nachbarschaft es je sein könnten. Dazu kommt noch, dass es eine Reihe von kollektiven Versuchen gibt - das ist nicht nur hier in Niederkaufungen so - die eine respektable, große betriebliche Ressource geschaffen haben, und das auch oft in einem relativ stabilen Rahmen. Das hat sich auch in den letzten 20 bis 25 Jahren sehr verändert. Somit komme ich zu meiner ersten Behauptung: Mein Eindruck ist, dass wir unsere kollektive Arbeit mehr als Geheimwissenschaft betreiben, und die Ressourcen, die wir haben, eigentlich nur für den ökonomischen überlebenskampf einsetzen. Und das liegt daran, dass wir unseren eigenen Kollektiv- und Sozialstrukturen meiner Meinung nach keine große gesellschaftliche Bedeutung mehr beimessen. Wir glauben nicht mehr an die Zugkraft und wir glauben auch nicht mehr, dass unsere Erfahrungen aus unseren Prozessen irgendeine gesellschaftliche Notwendigkeit besitzen. Und wenn wir selber davon nicht mehr überzeugt sind, dann nimmt es uns auch niemand anderes ab. Wir machen meiner Ansicht nach viel zu sehr kollektive Arbeit - kollektive Strukturbildung dagegen benutzen wir nur noch für den Hausgebrauch und das auch noch mit sehr viel Larmoyanz. Es ist uns einfach zu wenig wert - oder uns nicht mehr wert - das wir unsere Erfahrungen offensiv in gesellschaftliche Prozesse einbinden. Meine zweite Behauptung ist: wenn wir dies nicht tun, uns also nicht gesellschaftlich beteiligen, dann wird - oder bleibt - kollektive Arbeit eine der vielen Spielarten kapitalistischer Waren- und Dienstleistungsproduktion. Wenn wir das, was wir in den letzten 20 Jahre mit Blut Schweiß und Tränen und unendlicher Mühe an Wissen und Können aufgebaut haben, nur dafür einsetzen, um unsere Marktfähigkeit herzustellen, und nicht auch einsetzen in politische Aktivität, also zu Verfügung stellen für politische und soziale Kämpfe, ist dies eine große Vergeudung. Wir haben das große Organisationsgeschick, haben die Fähigkeit, das große Chaos zu bewältigen, die Logistik, die Räume, die Buchführung, den großen Reichtum an Erfahrungen, Wissen und Können, was bei der politischen und sozialen Arbeit eigentlich völlig fehlt. Dieses dort nicht einzusetzen, nicht zur Verfügung zu stellen, halte ich für eine sehr große Vergeudung. Nun komme ich zu meiner dritten Behauptung, dass selbst wenn ich mir sage: "Na gut, dann wird halt vergeudet." denke ich, dass wir für die Weiterentwicklung unserer kollektiven sozialen Wirtschafts- und Produktionsprozesse auf eine lebendige Wechselwirkung mit der uns umgebenden sozialen nachbarschaftlichen politischen und kulturellen Bewegung angewiesen sind. Wir werden unsere kollektiven Arbeits- und Sozialstrukturen nur dann weiterentwickeln, wenn wir uns in einen ständigen Reibungs- und Auseinandersetzungsprozess begeben. Ob ich es nun für politisch richtig halte die vorhandenen Ressourcen dafür einzusetzen oder nicht, das kann man dahingestellt lassen, aber auf der anderen Seite müssen wir es tun, weil wir sonst immer mehr zu Enklaven werden, immer absonderlicher werden und keine Verbindungen mehr haben. Somit schließt sich mein Vortrag und ich bin wieder am Anfang. Ich denke es bleibt eine ganz persönliche Entscheidung, wofür die selbstgeschaffenen Ressourcen eingesetzt werden. Es ist kein Naturgesetz, dass sie nur dafür eingesetzt werden um das eigene ökonomische überleben zu sichern. In jedem Betrieb und in jedem kleinen Betrieb sind diese Ressourcen vorhanden und können im Dialog mit politischen und gesellschaftlichen Aktivitäten eingesetzt werden. Es ist auch kein Naturgesetz, dass in Zeiten einer schwierigen Ökonomie nur jeder an sich selber denkt. Das war's, Dankeschön! ...zum Schluss noch zwei provokante Thesen, eine ist aus der Bibel: "Was nützt es dem Menschen, wenn er alle Güter der Welt besitzt und an seiner Seele Schaden leidet?" Und das zweite ist ein Zitat eines unserer Geschäftsführer: "Der Mammon sagt er sei ein schnöder - doch ohne ihn ist's noch viel öder!" ("Wagner Solartechnik - ein Kollektiv, dass "es geschafft" hat!?!", Alois Wilhelm, "Wagner und Co", Marburg Cölbe) "Von der Utopie des machtfreien Raumes im Kollektiv" Eva-K. Hack, Autonomes Frauenhaus Kassel Das Projekt, von dem ich berichten werde, das autonome Frauenhaus Kassel, ist nicht im wirtschaftlichen, sondern im sogenannten Non-Profit-Bereich angesiedelt. Bisher noch, weil auch im Frauen-Projekte-Bereich die Umstellung auf eine marktwirtschaftliche Ausrichtung in vollem Gange ist (u.a. durch den Abschluss von Leistungsverträgen und Qualitätssicherung). Mittlerweile gibt es in der Bundesrepublik Frauenhäuser, die nicht mehr als Verein organisiert sind, sondern "Frauen helfen Frauen GmbH" heißen. Doch noch verorten sich autonome Frauenhäuser im Non-Profit-Bereich. Ich möchte etwas zur Ideengeschichte und den Prinzipien der Frauenhäuser erzählen und darüber, wie Mitarbeiterinnen des Frauenhauses in Kassel ihre Arbeit strukturieren und organisieren. Spannend wäre auch zu schauen, wie sich diese kollektiven Strukturen auf den Alltag der BewohnerInnen, der Frauen und Kinder im Frauenhaus, auswirkt, aber das soll nicht Thema dieses Beitrags sein. Vielleicht können wir heute Nachmittag darüber diskutieren. Worauf ich näher eingehen möchte, sind zwei miteinander verflochtene neuralgische Punkte unserer Arbeitsstrukturen: 1. Was heißt eigentlich selbstbestimmtes Arbeiten? Und 2. die Auseinandersetzung um Macht und Hierarchie. Zur Ideengeschichte gilt es zunächst einmal festzuhalten, dass die autonomen Frauenhäuser der Bundesrepublik Projekte der Frauen- und Lesbenbewegung der 70er Jahre sind. Den meisten der Feministinnen "der ersten Stunde" ging es zunächst nicht um eine "Gleichberechtigung" und "Gleichstellung" mit Männern. Es ging ihnen nicht um die Partizipation in einem hierarchisch-strukturierten System. Ihr politisches Ziel war ein grundsätzlicher Systemwechsel. Die Schlüsselbegriffe des Feminismus der 70er Jahre waren: Frauenbefreiung, Befreiung von Unterdrückung, Freiheit von Sexismus und Gewalt, die Abschaffung des kapitalistischen Patriarchats und damit letztendlich ein Ende der Ausbeutung von Mensch und Natur. Aus dieser radikal-feministischen Position heraus entstand auch die Idee der Gründung von Frauenhäusern. Sie wurde von der Erkenntnis getragen, dass jede Frau irgendwann in ihrem Leben einmal Opfer von patriarchaler Gewalt ist. Der Aufbau autonomer Orte, an denen Frauen Schutz finden konnten und die ihnen zugleich die Möglichkeit boten, andere Lebens- und Wohnformen auszuprobieren, wurde als konkrete, politische Antwort auf eine Bandbreite einzelner Unterdrückungssysteme verstanden, die vom einzelnen Täter bis zum patriarchalen Staatssystem reichen. Entsprechend wurde ausdrücklich eine Organisationsform gewählt, die jenseits der staatlichen oder halbstaatlichen Heimfürsorge stand. In den autonomen Frauenhäusern, die oft gegen den hartnäckigen Widerstand von Städten, Gemeinden und anderen GeldgeberInnen eingerichtet wurden, sollte es keine Aufteilung in sogenannte "Sozialarbeiterinnen" auf der einen und sogenannte "Fälle" auf der anderen Seite geben. Der Organisation wurden basisdemokratische und solidarische Prinzipien zugrundegelegt. Ziel war es, ein herrschafts- und machtfreies Zusammenleben und Zusammenarbeiten sowohl für die BewohnerInnen als auch für die Mitarbeiterinnen zu erproben. Es sollte ein Stück gesellschaftliche Utopie gelebt werden - oder andersherum: In der Organisation unserer Arbeit sollte die Kritik an den bestehenden Verhältnissen bereits sichtbar werden. Wie andere alternative Betriebe haben auch die autonomen Frauenhäuser als Organisationsprinzipien das Plenum, die Vollversammlung aller Mitarbeiterinnen, und als Abstimmungsform das Konsensprinzip gewählt. Die Arbeit und die Finanzen sollten für alle transparent sein. Die Trennung zwischen Kopf- und Handarbeit sollte aufgehoben werden und die Arbeitsbereiche rotieren. Die Bezahlung sollte unabhängig von Tätigkeit oder Qualifikation erfolgen. Auch sollte ehemalige BewohnerInnen die Möglichkeit der weiteren Mitarbeit offen stehen. Zertifizierte Qualifikationen sollten nicht ausschlaggebendes Kriterium der Mitarbeit sein. Im Frauenhaus Kassel arbeiten wir bis heute mit vielen dieser Prinzipien. Die Mitarbeiterinnen anderer Frauenhäuser haben sich im Gefolge der Professionalisierung von einigen dieser Grundsätze verabschiedet. Sie haben Geschäftsführerinnen eingesetzt oder auf betriebliches Management gesetzt. Die Entwicklung verlief ähnlich wie in anderen alternativen Bereichen. Auch forcierten einige Frauenhäuser im vorauseilendem Gehorsam die Qualitätssicherungsdebatte. Die Motivation für solche Veränderungen der Arbeitsstrukturen lag in der Unzufriedenheit mit umständlichen, letztlich nicht "effektiven" Arbeitsabläufen. Die Hoffnung wurde dabei meist in etablierte oder staatlich unterstützte Verfahrensweise gesetzt, die wahrscheinlich von allen irgendwie anders gedeutet wurden. Der Effekt dieser unter den Schlagworten Professionalisierung der Arbeit und Qualitätssicherung vorgenommenen Veränderungen war jedoch die zunehmende Verleugnung der eigenen Betroffenheit (der Mitarbeiterinnen) und die Hierarchisierung des Verhältnis zu den BewohnerInnen. Diese wurden nicht mehr länger als Expertinnen des eigenen Lebens, ihrer Gewaltgeschichten und -erfahrungen angesehen. Zu den Expertinnen für die Situation der BewohnerInnen wurden im Laufe der Jahre die Frauenhausmitarbeiterinnen mit zweiter und dritter Zusatzausbildung. Allerdings spielte bei der Entscheidung für solche strukturellen Veränderungen häufig auch der Druck von außen, von TrägerInnen und/oder GeldgeberInnen und SponsorInnen, eine wichtige Rolle. Die Erfahrungen, die wir mit der Auswirkungen dieses Drucks gemacht haben, sind sehr unterschiedlich. Manchmal führte er zu einer internen Solidarisierung, manchmal war jedoch auch das Gegenteil der Fall. Während unserer Auseinandersetzungen mit der Stadt Kassel Anfang der neunziger Jahre, die der Arbeiterwohlfahrt die Trägerschaft über das Kasseler Frauenhaus übertragen wollte, haben wir beispielsweise auch intern heftigen Streit darüber bekommen, auf welche Konzessionen wir uns einlassen sollten. Die politische Idee der Frauenhaus-Gründerinnen der 70er Jahre, "machtfreie Räume" zu schaffen, ließ sich also in der Frauenhausarbeit nicht so einfach in die Praxis umsetzen. Auch die autonomen Frauenhäuser erwiesen sich nicht als die Räume ‚jenseits’ der bestehenden Machtverhältnisse, die wir uns erhofft hatten. Und die hierarchisierenden Strukturen werden nicht nur durch erzwungene Zugeständnisse an die GeldgeberInnen in das Projekt hineingetragen, sie werden auch durch die Mitarbeiterinnen selbst – bewusst oder unbewusst - gestützt bzw. mit produziert. Das betrifft neben dem Verhältnis zwischen den BewohnerInnen und Mitarbeiterinnen auch die Arbeitsstrukturen der Mitarbeiterinnen und ihr Verhältnis untereinander. Das Frauenhaus Kassel bietet Platz für ca. 40 Frauen und Kinder, die zwischen einer Stunde und drei Jahren bei uns bleiben. Wir sind zehn Mitarbeiterinnen mit lediglich vier Personalstellen. So können nicht alle eine Stelle oder ein Honorar bekommen. Durch die Kürzungen der Bundesregierung im Sozialbereich hat sich die ohnehin schlechte finanzielle Situation sowohl der BewohnerInnen als auch der Mitarbeiterinnen aller bundesdeutschen Frauenhäuser in den letzten Jahren zusätzlich verschlechtert. Von den 32 hessischen Frauenhäusern werden zum 1. Januar 2004 acht Frauenhäuser ohne Landeszuschüsse auskommen müssen. Schließungen sind nicht ausgeschlossen. In den anderen Bundesländern ist das nicht anders, z.B. werden die Mittel für Frauenhäuser in NRW, Berlin und Hamburg um 30% gekürzt. Die Mitarbeiterinnen des Kasseler Frauenhaus sind eine sehr heterogene Gruppe. Wir setzen uns zusammen aus Lesben und Heteras, ehemalige Bewohnerinnen, Frauen mit Migrationerfahrungen, Studentinnen, Sozialarbeiterinnen und Frauen mit ganz anderen Qualifikationen. Es gibt Frauen, die schon seit der Gründung vor 25 Jahren dort arbeiten, andere steigen für die Zeit ihres Studienpraktikums in das Projekt ein. Ihr könnt euch vorstellen, dass diese Konstellation eine Menge Konflikt-, aber auch eine Menge Produktivpotential in sich birgt. Für wiederkehrende Konflikte haben wir keine Standardlösungen, sondern setzen uns in den konkreten Situationen immer wieder aufs Neue in einer mehr oder weniger zufriedenstellenden Art und Weise mit den Problemen auseinander. Möglicherweise ist unsere politische Ausrichtung zugleich die Ursache dafür, dass sich der Mythos erstaunlich hartnäckig hält, wir würden kontrollfrei in einem machtfreien Raum arbeiten. Zwar verläuft das Kontrollsystem bei uns im Gegensatz zu anderen hierarchisch aufgebauten Betrieben nicht nur von oben nach unten, das bedeutet jedoch nicht, dass es keines gäbe: Die Kontrolle findet bei uns von rechts nach links, von unten nach oben und von oben nach unten statt. Viele Frauen, vor allem wenn sie bis zum Einstieg in das Projekt noch keine Erfahrungen mit selbstverwalteter Arbeit und/oder Lohnarbeit haben, beginnen ihre Mitarbeit mit völlig anderen Erwartungen. Obwohl wir alle aus Verhältnissen kommen, die hierarchisch strukturiert sind: aus der Familie, Kindergarten, Kirche, Schule etc., kommen viele mit der Vorstellung in das Frauenhaus hier nun tatsächlich auf einen machtfreien Raum zu treffen. Die Auseinandersetzungen über Macht und Hierarchie bilden entsprechend ein Konfliktfeld, das in relativ regelmäßigen Abständen unter den Mitarbeiterinnen wieder auftaucht. In diesen Auseinandersetzungen zeigt sich immer wieder, wie schwierig es ist, die gewohnten Denkmuster zu verschieben. So zum Beispiel, wenn Frauen, die über die Differenzen in den Positionen der Mitarbeiterinnen enttäuscht sind, sich selbst und anderen feste hierarchisierte Positionen zuschreiben - überspitzt gesagt, eine Spaltung in Mächtige und Ohnmächtige vornehmen. Damit uns unsere eigenen politischen Ideen nicht zur Falle werden, erscheint es sinnvoll, die Vorstellung, die wir uns von dem, was Macht ausmacht, und in welcher Weise wir selbst sie möglicherweise stützen, grundsätzlich zu durchdenken. Anderenfalls zementieren wir möglicherweise ungewollt die kritisierten Strukturen eher als sie zu bewegen oder aufzulösen. Nach unseren Erfahrungen ist es nicht möglich einen Raum zu schaffen, in dem Hierarchie und Macht keine Rolle mehr spielen. Wir können lediglich versuchen die Auseinandersetzungen über dieses Thema offen zu führen und die Machtverhältnisse innerhalb unseres Projekts so zu gestalten, dass die Positionen der Einzelnen innerhalb der Machtstrukturen immer wieder aufgebrochen werden und sich nicht verfestigen. Dafür eignet sich unsere Organisationsform, z.B. die Rotation in den einzelnen Arbeitsbereichen, sehr gut. Dennoch lässt sich nicht ausschließen, dass es Unterschiede in der Positionen der einzelnen Mitarbeiterinnen gibt. Diese ergeben sich allein schon aus der Dauer und die Intensität der Mitarbeit, der Lebens- und Arbeitserfahrung und der Persönlichkeit - nur sind durchaus Verschiebungen innerhalb dieser Positionierungen möglich. Ein weiterer zentraler Konflikt, der wiederum deutlich macht, wie sehr gesellschaftlich hegemonialen Denkmuster auch die Frauenhausarbeit durchdringen, ist die bundesweit und in jedem einzelnen Frauenhaus geführte Rassismusdebatte. Migrantische Mitarbeiterinnen/Schwarze Frauen fordern seit langem ihre weißen Kolleginnen immer wieder auf, sich mit ihrem eigenen Rassismus auseinander zusetzen und eine Stellenquotierung von 60 % Migrantinnen/women of colour und 40 % weiße deutsche Frauen einzuführen. Diese Quotierungsdiskussion führte zu sehr emotional geführten Auseinandersetzungen innerhalb einzelner Frauenhausprojekte, sowie der bundesweiten Frauenhausbewegung. Aus unterschiedlichen Gründen wurde die Forderung dieser Quotierung von der Mehrheit der Frauenhäuser zurückgewiesen. Die Diskussion über Rassismus wird jedoch im Kasseler wie auch in vielen anderen Frauenhäusern weitergeführt. Trotz all unserer Konflikte denke ich, dass die Organisationsform unseres Projekts ein gangbarer Weg in Richtung einer Veränderung etablierter Macht- und Herrschaftsverhältnisse sein kann, da sie im Gegensatz zu hierarchisch strukturierten Organisationsmodellen die beschriebenen Auseinandersetzungen und damit das Aufbrechen etablierter Machtverhältnisse überhaupt erst ermöglicht. Und ich denke, dass sich einige der Ideen der Gründerinnen durchaus verwirklichen ließen. So bietet das Projekt BewohnerInnen und Mitarbeiterinnen einen Freiraum, in dem sie ihre eigenen Fähigkeiten erweitern können, der nach wie vor in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen fehlt. Es ist ein politisch-emanzipatorisches Projekt, das als solches nach außen tritt, und es ist ein Raum, in dem sich ein soziales Netz und freundschaftliche Beziehungen entwickeln können. "Endlosdiskussion auf hohem Niveau?!?" Podiumsbeiträge zum Thema "Entscheidungsfindung im Konsens" "... Wir wollen, dass Entscheidungen möglich sind, die jede Meinung berücksichtigt und somit von allen getragen werden können: Entscheidungen nach dem Konsensprinzip. Es sollen Kompromisse/Lösungen gefunden werden, aber nicht in dem Sinne, dass Positionen verwässert werden, und hinterher keineR eine Lösung richtig trägt, sondern indem eine integrierende Synthese der Positionen gesucht wird. Das verlangt viel vom einzelnen. Man muß sich neben seinen eigenen Standpunkt stellen können, den anderen zuhören können und ihn im wesentlichen verstehen wollen und können. Wir gehen hier davon aus, dass wir in einer Gemeinschaft leben, in der jedeR Einzelne hinter einen gemeinsamen Utopie steht, die verwirklicht werden soll. über die Wege dahin kann es unterschiedliche Meinungen geben, aber um unser Ziel auch erreichen zu können, ist es geradezu Voraussetzung, dass jeder Schritt von allen gleichermaßen getragen werden kann. ...." Aus dem Grundsatzpapier der Kommune Niederkaufungen, 1983. |