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Informelle Migrantinnen- Netzwerke

by Quelle: walled-city - 30.05.2005 18:35

Rosa Maria Jimenez Laux

Zur Ausblendung von Ressourcen und Bedingungen informeller Netzwerke
 


Mit meinem Beitrag möchte ich den Blick auf informelle Migrantinne-Netzwerke lenken. Auf Netzwerke, die in der Migrations- und Frauenforschung kaum Beachtung finden und die auch im Bewußtsein politischer Aktivistinnen selten auftauchen. Ich werde mich auf meine ethnografische Forschung in Spanien zu marokkanischen Migrantinnen beziehen.

Mein Forschungsort, an dem ich im Rahmen meiner Dissertation ethnografisch vor Ort geforscht habe, war Málaga. Diese Stadt ist ein sehr touristischer Ort an der südöstlichen Küste Spaniens. Methodisch habe ich sehr vielfältig gearbeitet. Ich habe mich mit den marokkanischen Frauen auf Spanisch unterhalten, mehr in einem andalusischen Dialekt, mit dem ich selbst aufgewachsen bin. Ich habe in Malaga überwiegend mit "Hausmädchen" gesprochen, war mit ihnen unterwegs und habe sie interviewt. "Hausmädchen" meint Bedienstete, die in spanischen Privathaushalten arbeiten und auch im Haushalt der Arbeitgeberinnen leben. Sie werden in Spanien "internas" genannt.

Feminisierung der Migration in Spanien

In Spanien ist vielen Migrantinnen ein legaler Aufenthalt als Hausmädchen möglich, da die Regierungen Arbeitskontingente an ImmigrantInnen zum größten Teil für Arbeitsplätze in Privathaushalten vergeben. Die große Mehrheit der marokkanischen Frauen arbeitet in Haushalten spanischer Familien, da für sie seit Einführung der Visumpflicht 1991 ein einjähriger Arbeitsvertrag in einem spanischen Privathaushalt meist die einzige Möglichkeit darstellt, eine Einreise nach Europa zu erreichen oder den Aufenthalt in Spanien zu verlängern. Bei den Legalisierungen, die etwa alle zwei Jahre in Spanien stattfinden, können Migranten und Migrantinnen ohne Aufenthaltsstatus, die in der Lage sind nachzuweisen, dass sie seit zwei Jahren in Spanien leben und arbeiten, eine Aufenthaltserlaubnis erhalten. Der Bedarf an Arbeitskräften für Privathaushalte ist hoch und die spanische Regierung ist trotz dem Druck der EU an einer Regulierung der Migrationsströme kaum interessiert. Die Feminisierung der marokkanischen Immigration in Spanien ist deshalb mit der Arbeit in Privathaushalten und der spanischen Einwanderungspolitik verknüpft.

In spanischen Privathaushalten arbeiten auch Marokkanerinnen, die ursprünglich nach Spanien gekommen sind, weil sie hier studieren wollten. Der Bildungswunsch läßt sich häufig deshalb nicht verwirklichen, weil marokkanische Frauen, die nicht aus den oberen Schichten kommen, nicht über die erforderlichen Ressourcen verfügen, um einen Studienplatz zu erhalten: ihre Bildungsabschlüsse werden nicht anerkannt, ihre Verwandten verfügen nicht über die erforderlichen persönliche Kontakte zu Personen, die in marokkanischen Behörden arbeiten.

Marokkanische internas in Spanien

Über internas ist wenig bekannt, da der Zugang zu ihnen als schwierig gilt. Sie können ihren Arbeitsort, den spanischen Privathaushalt, kaum verlassen und wenn sie sich sonntags treffen, sind die meisten sozialen Zentren, in denen Migrantinnen sich treffen können, geschlossen. An einem Tabakstand einer Marokkanerin auf offener Straße lernte ich einige marokkanische Frauen kennen, die als internas arbeiten. Diese internas, die sich sonntags auf öffentlichen Plätzen treffen haben eine große Gemeinsamkeit: ihre Arbeitsbedingungen als internas. Ein weiterer Grund für die große Solidarität unter ihnen liegt auch in der nationalen Zugehörigkeit, die für die marokkanischen Frauen mit der Zugehörigkeit zum Islam und einer Identität als "Araberin" verbunden ist.

Die marokkanischen internas, mit denen ich mich an den Sonntagen traf, sprachen verschiedene Sprachen, hatten unterschiedliche Hautfarben, einige von ihnen waren Berberinnen und ihre Herkunftsorte in Marokko waren verschieden. Alle von ihnen kamen aus großen Städten Marokkos und viele von ihnen waren als Kinder mit ihren Eltern in Marokko vom Land in die Stadt migriert. Außer ihren Arbeitsbedingungen in Spanien haben sie die gewiss bedeutende Gemeinsamkeit der Zugehörigkeit zu den unteren Schichten in Marokko und den damit verbundenen Erfahrungen. Die Mehrheit dieser internas hat nie eine Schule besucht und nur wenige von ihnen lernten in Spanien in Kursen der sozialen Zentren etwas lesen und schreiben. Die meisten dieser Frauen sind ledig oder geschieden und haben zum Teil Kinder, die in Marokko leben. Keine von ihnen trägt in Malaga – zum Teil aber bei Besuchen in Marokko - ein Kopftuch, was auch damit zusammenhängt, dass eine kopftuchtragende Migrantin in Spanien nur schlecht einen Arbeitsplatz findet. Das Alter der internas lag zwischen 21 und 63 Jahren, die meisten von ihnen waren zwischen 30 und 40 Jahren. Viele der internas, die ich traf, hatten monate- oder jahrelang ohne Aufenthaltsgenehmigung in Spanien gelebt.

Am Einwanderungsort leben keine ihrer Familienangehörigen und sie können sich nicht auf familiäre Netzwerke stützen. Für sie bedeuten die Zusammentreffen der internas an ihrem freien Tag einen 'Familienersatz' und ein wichtiges Netzwerk. Meistens erwarten ihre Familienangehörigen in Marokko von ihnen regelmäßige Geldüberweisungen und materielle Güter. Bei diesen "transnationalen Haushalten" sind die marokkanischen Migrantinnen die Familienernährerinnen oder zumindest bessern sie das Familieneinkommen in Marokko auf. Die Familienangehörigen haben in Marokko selbst oft keine oder nur gelegentlich Arbeit und verfügen nicht über die notwendigen Ressourcen, ebenfalls nach Europa auszuwandern. Diese internas konnten daher auch bei ihrer Auswanderung nicht auf die Unterstützung familiäre Netzwerke zurückgreifen. Einige von ihnen kamen mit spanischen Arbeitgeberinnen aus Marokko nach Spanien, andere ließen sich von Marokko aus zunächst von marokkanischen Freundinnen, die bereits in Málaga lebten, an spanische Haushalte vermitteln.

Räumliche und zeitliche Ressourcen informeller Netzwerke der internas
Die Orte, an denen die internas sich sonntags treffen, sind öffentliche Plätze, die zentral gelegen und viel besucht sind. Diese Orte des Netzwerks der internas, sind mit ihren Arbeits- und Lebensbedingungen verknüpft. Eine Beobachtung von mir ist, dass sich für die Hausmädchen der öffentliche und private Raum umkehrt: der spanische Privathaushalt ist ihr Arbeitsort und somit öffentlich, sie sind für ihrer Arbeitgeberinnen jederzeit abrufbereit. Das bißchen Privatheit an ihren freien Sonntagen müssen sie im öffentlichen Raum leben. Sie treffen sich an ihrem freien Tag auf öffentlichen Plätzen:

1. weil sie keine Privatwohnungen haben
2. weil sie froh sind, einmal ihren Arbeits- gleich Wohnort verlassen zu können
3. weil ihre Arbeitgeberinnen ihnen keinen Besuch von Landsfrauen erlauben
4. weil in südlichen Ländern das Treffen auf öffentlichen Plätzen und das Spazierengehen draußen sehr verbreitet ist, auch wegen des Klimas.
5. weil einige von ihnen ins Einwanderungsland kommen und dort niemanden oder nur sehr wenige Personen kennen. Sie wissen, dass sie auf öffentlichen Plätzen andere Landsfrauen treffen können und machen sich auf die Suche nach diesen.

Wenn ich die marokkanischen Frauen danach fragte, wie sie sich kennengelernt haben, berichteten sie mir häufig, dass sie sich entweder über Freundinnen oder einfach auf der Straße - weil die andere auch arabisch aussah oder weil sie auch Marokkanisch sprach - kennenlernten.

Allerdings treffen diejenigen internas, die marokkanische Frauen kennen, die in Privatwohnungen leben, sich auch in Privatwohnungen. Es ist eine typische Entwicklung, dass marokkanische Migrantinnen zunächst als internas arbeiten, und nach einigen Jahren sich gemeinsam mit anderen Migrantinnen eine Wohnung anmieten und als externas arbeiten. Nach meinen Beobachtungen sind es häufig weibliche Familienmitglieder, die der Reihe nach einreisen und sich gemeinsam eine Wohnung anmieten. Manchmal sind es aber auch mehrere befreundete internas, die sich zusammentun und gemeinsam eine Wohnung mieten.

Ressourcen der internas in informellen Netzwerken am Einwanderungsort
Im Folgenden beziehe ich mich auf die Aussagen der internas selbst zu ihren Ressourcen und auf meine Beobachtungen im Zusammensein mit den Frauen. In der Netzwerkforschung gelten vor allem materielle Ressourcen und der Informationsaustausch als Ressourcen. Im Netzwerk der internas stehen aber andere Ressourcen und Verhaltensformen im Vordergrund. Sie haben nur wenig zeitliche Ressourcen für ein Netzwerk, meistens nämlich nur den freien Sonntag. Ihre ökonomischen Ressourcen sind ebenfalls sehr begrenzt, da sie nicht viel verdienen und den hart erarbeiteten Lohn größtenteils nach Marokko schicken. Ökonomische Ressourcen, die im Netzwerk der internas verteilt werden könnten, sind deshalb kaum vorhanden.

Die gemeinsam verbrachte Zeit ist den internas sehr wertvoll, wie sie sich gegenseitig immer wieder mitteilen. Bei ihren Treffen sind sie freudig und ausgelassen und innerhalb des Netzwerks bestehen zwischen einzelnen Migrantinnen enge Freundinnenschaften. Die internas haben unter sich eine intime Zärtlichkeit, wie sie in europäischen Ländern nur unter weiblichen Jugendlichen toleriert wird. Die Anteilnahme, Solidarität und soziale Unterstützung drückt sich darin aus, dass sie sich gegenseitig zuhören, für die andere da sind, so weit es ihnen möglich ist und dass sie gemeinsam Spaß haben. Die Hauptthemen im Netzwerk der internas vom Park sind ihre Arbeitsbedingungen und ihre Beziehungen zu den Arbeitgeberinnen. Sie geben sich gegenseitig bezüglich dem Umgang mit den Arbeitgeberinnen Tipps und tauschen sich aus, und dies stellt unter den internas im Netzwerk eine Ressource dar. Für die internas ist es erleichternd, wenn sie untereinander über ihre negativen Erlebnisse und die schlechte Behandlung am Arbeitsort klagen können. Solidarität als 'Mitleiden' besitzt im Netzwerk der internas deshalb einen großen Stellenwert.

Das sich Wohlfühlen in der Gruppe und das gegenseitige Ausdrücken der Zuneigung unter den internas kann als sozial-kulturelles Kapital im nicht-familiären Netzwerk gesehen werden. Das sich Austauschen über den Arbeitsalltag, über die transnationalen Beziehungen nach Marokko und über ihre Zukunftspläne, der körperlich zärtliche Umgang und Rituale wie die gemeinsamen Spaziergänge und Café-Besuche sind Ressourcen und soziales Kapital, das die internas in diesem Netzwerk suchen und finden. Ich verstehe positive Emotionen als wichtigen Teil des sozialen Kapitals, die zu einer Solidarität in Netzwerken führt. Netzwerkforscher interessieren sich in der Regel nicht für diese Form des sozialen Kapitals und damit auch nicht für Netzwerke, in denen überwiegend diese Ressourcen gegeben und getauscht werden. Diese Netzwerke werden häufig gar nicht als Netzwerke wahrgenommen, sondern lediglich als "Freundinnenkreise" oder "familiäre Zusammenhänge".

Rassismus am Arbeitsplatz

Die Arbeitgeberinnen kritisieren in ihren rassistischen Äußerungen gegenüber den internas nicht deren Arbeitsleistungen, sondern die Bediensteten als Personen, indem sie negative, ethnische Zuschreibungen ihnen gegenüber aussprechen. Marokkanische Frauen sind in den Augen der spanischen Arbeitgeberinnen unterdrückte Musliminnen aus einem unterentwickelten Land, die dankbar sein müssen dafür, dass sie bei ihnen Arbeit gefunden haben. Marokkanischen Frauen werden aber auch im Sinne des positiven Rassismus Attribute zugeschrieben, die sie als Hausangestellte für die eigene Familie attraktiv machen. Zum Beispiel wird den marokkanischen Frauen generell zugeschrieben, dass sie „warmherzig“ und in der Haushaltsarbeit erfahren sind, und in der Praxis sehen sich betreuungs- und pflegebedürftige SpanierInnen häufig von „familienfreundlichen Ausländerinnen“ gut betreut.

Die Anwesenheit der marokkanischen Migrantinnen und die Bildung der Netzwerke von Hausmädchen sind eine Folge der Nachfrage nach Hausmädchen auf dem spanischen Arbeitsmarkt. Die Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen Menschen und die Haushaltsarbeiten werden häufig an Hausmädchen delegiert, da viele Frauen erwerbstätig arbeiten und ihre männlichen Partner die Haushalts- und Betreuungsarbeiten nicht übernehmen. Haushaltsbedienstete, immer häufiger auch in der Form von Aupairs, werden europaweit als „Lösung“ angesehen für erwerbstätige Mittelschichtsfrauen, die alleinstehend oder vom Geschlechterkampf müde geworden sind. In Spanien kommt hinzu, dass internas, ähnlich wie in Lateinamerika, in den oberen Schichten traditionell zum Prestige gehören und mit der Kolonialgeschichte verknüpft sind. Von der Schicht der Arbeitgeberinnen unabhängig interessiert sich für die Lebenssituation der internas, für ihre Wünsche und Ziele in der Regel kaum jemand.

Der Blick auf informelle Migrantinnen-Netzwerke

Warum nun ist es mir so wichtig, diese informellen Migrantinnen-Netzwerke als Netzwerke zu bezeichnen In der Migrationsforschung ist seit einigen Jahren die Netzwerkforschung in Mode gekommen. Die Transnationalismusforschung stellt eine neuere Richtung in der Migrationsforschung dar, und erst dieser Forschungszweig interessiert sich für transnationale Beziehungen und Netzwerke der MigrantInnen, also ihre Beziehungen über geographische Landesgrenzen hinweg. Es wird davon ausgegangen, dass transnationale Migrantinnen und Migranten in ihrem Alltag immer gleichzeitig in mehrere (national-ethnisch-kulturelle) Gesellschaften eingebettet sind, was eine „Mehrfachzugehörigkeit“ zuläßt. Migrantinnen müssen dann nicht auf ihre Herkunftsland oder ihre Defizite aus Sicht der Angehörigen der Dominanzkultur im Einwanderungsland reduziert werden.

Informelle Migrantinnen-Netzwerke werden häufig nicht als Netzwerke wahrgenommen. Nach meiner Einschätzung sind Gründe hierfür:

1. Das Menschenbild des homo oeconomicus, also einem Menschen, der ausschließlich zweckrational nach ökonomischen Kriterien handelt und dementsprechend seine Netzwerke bildet, läßt viele andere Punkte außer Acht. Dies sind Punkte, die vor allem für Netzwerke der als Frauen sozialisierten Migrantinnen eine Rolle spielen.

2. Häufig werden nur formale Netzwerke von Migranten beforscht, also zum Beispiel Vereine und Institutionen. Der Grund hierfür liegt in dem erschwerten Zugang zu informellen Netzwerken und einem Forschungs-Interesse häufig nur an formalen Netzwerken. Gerade Migrantinnen-Netzwerke sind aber meistens informelle Netzwerke. Auch die Frauen- und Geschlechterforschung zeigt sich hier als eine ausgeprägte Mittelschichtforschung, denn werden Frauen- und Migrantinnen-Netzwerke beforscht, so handelt es sich fast ausschließlich um formale Netzwerke, um Migrantinnen, die sich den Zugang zu formalen Strukturen schaffen können. Es sind jedoch die informellen Migrantinnen-Netzwerke zwischen Marokko und Spanien, die für marokkanische Frauen aus den unteren Schichten eine Migration nach Spanien erst ermöglichen. Und es sind die informellen Netzwerke am Einwanderungsort, die für die Migrantinnen von Bedeutung sind.

3. Speziell für die Hausmädchen ist festzustellen, dass der Privathaushalt für die Forschung ein Tabu ist. Forschungen zu Bediensteten in Privathaushalten sind in Deutschland erst in den letzten Jahren am Entstehen.

4. Die angebliche Geschlechtsneutralität der Migrationsforschung, die sich bei genauem Hinsehen dann häufig als eine Geschlechtsblindheit darstellt. Auch hier wird oft noch vom neutralen männlichen Subjekt ausgegangen.

5. Es liegt auch an den quantitativen Methoden, mit denen in der Forschung überwiegend gearbeitet wird. Wenn ich nur mit Variablen und Fragebögen arbeite, kann ich nicht herausfinden, was für die Migrantinnen selbst Ressourcen und Netzwerke sind, was sie in Netzwerken suchen und finden und wie sie Netzwerke entwickeln. Nur durch ein offenes und genaues Hinsehen und Hinhören, kann ich erfahren, was für die Migrantinnen selbst überhaupt Ressourcen sind, ohne vorab als Forscherin schon zu definieren, was Ressourcen sein sollen. Vieles ist auch nur in den Netzwerken vor Ort erfahr- und beobachtbar.

Bedingungen für Migrantinnen-Netzwerke: Informalität als Strategie und Problem

Die Informalität selbst ist eine Strategie der Vernetzung für die marokkanischen Migrantinnen. Sie nutzen auf der einen Seite die spanische Einwanderungspolitik, weil die spanische Regierung Arbeitskontingente, also Arbeits- und Aufenthaltserlaubnisse vor allem für Privathaushalte vergibt. Andrerseits unterwandern marokkanische Frauen auch die spanische Gesetzgebung, da sie sich untereinander helfen, auch ohne Aufenthaltsgenehmigung in Spanien zu leben, zum Beispiel, wenn sie nach einem Jahr ausläuft. Diese Informalität ist gleichzeitig eine Notwendigkeit und ein Problem der Netzwerke. Die Auswanderungspolitik Marokkos und die Einwanderungspolitik Spaniens erlauben den Frauen häufig keine formalen Netzwerke, da sie keine Aufenthaltsgenehmigung haben. Informelle Netzwerke bedeuten keine offiziellen Anlauf- und Beratungsstellen und kein öffentliches Einfordern von Rechten.

Lebenssituation der internas aus ihrer Sicht

Wie schätzen die internas selbst ihre Lage in Spanien ein Diese Frage ist schwierig zu beantworten, da die Einschätzungen der internas über ihre eigenen Lebens- und Arbeitssituationen widersprüchlich sind. Auf der einen Seite machen sie sich bei ihren Zusammentreffen 'Luft', weshalb vor allem Klagen über ihre Arbeitssituation im Raum stehen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie ihre Situation durchweg negativ einschätzen.

Die Erfahrung, dass sie mit ihrer Arbeit in Europa ihre zurückgebliebenen Familienangehörigen in Marokko ernähren können, erfüllt sie mit Stolz und ihr Ansehen innerhalb ihrer Familie steigt. Auf der anderen Seite ist die ökonomische Abhängigkeit ihrer Familienangehörigen von ihnen in Form eines transnationalen Haushalts eine immense Belastung, die dazu führt, dass sie sich dazu gezwungen sehen, trotz ihrer schlechten Arbeitsbedingungen an ihrem Arbeitsort und in Spanien zu bleiben. So sind sie auf der einen Seite froh, als interna in Spanien zu arbeiten, da sie in Marokko keine oder eine nur schlechter bezahlte Arbeit finden würden. Auf der anderen Seite leiden sie unter ihrer Lebenssituation und klagen häufig über Heimweh nach ihrer Familie und ihrem Herkunftsland. Diese starken Widersprüche können der Grund dafür sein, dass ich nie eine interna allgemein sagen hörte: "Es geht mir schlecht oder gut in Spanien." Die negativen Arbeitsbedingungen sind immer gleichzeitig mit der Notwendigkeit eines Einkommens verknüpft.

Wichtig ist mir zum Schluss noch zu sagen, dass es mir nicht darum geht, informelle Frauen- und Migrantinnen-Netzwerke zu idealisieren. Mir geht es darum, darauf aufmerksam zu machen, dass diese Migrantinnen-Netzwerke existieren und dass sie eine sehr große Rolle spielen bei den Migrationswegen und Einwanderungsprozessen der Frauen. Und dass diese informellen Migrantinnen-Netzwerke von der Migrationsforschung und der Frauen- und Geschlechterforschung meist ignoriert werden. Auf der praktischen Ebene gibt es einen bundesdeutschen Zusammenschluß von Migrations-, Arbeitsmarkt- und Haushaltswissenschafts-Forscherinnen, der sich mit der Situation von Haushaltsbediensteten und einer möglichen Verbesserung ihrer Situation beschäftigt. Im Februar 2004 werden in Berlin bei einem „runden Tisch“ dem „Sachverständigenrat für Zuwanderung und Integration“ (Vorsitzende: Rita Süßmuth) Forschungsergebnisse zum Thema der Feminisierung der Migration und der Situation von Migrantinnen vorgetragen.

Viele marokkanische Frauen in Spanien sprechen schon etwas Spanisch, wenn sie aus Marokko auswandern, weil durch die ehemalige Kolonialmacht Spanien die Sprache dort heute auch noch verbreitet ist, vor allem in Nordmarokko. Viele von ihnen, die aus dem südlichen Marokko kommen, sprechen Französisch, weil dort Frankreich die Kolonialmacht war.

Rosa Maria Jiménez Laux, Pädagogin und Soziologin, 2002 Promotion über "Soziales Kapital in transnationalen Netzwerken marokkanischer Hausmädchen in Spanien", seit 2003: wiss. Mitarbeiterin am Berufsbildungsinstitut Arbeit und Technik (biat) der Universität Flensburg.


Weitere Literatur:

Faist, Thomas, Hg. (2000): Transstaatliche Räume. Politik, Wirtschaft und Kultur in und zwischen Deutschland und der Türkei. Bielefeld
Jiménez Laux, Rosa Maria (2001): Soziales Kapital und Geschlecht auf dem internationalen Arbeitsmarkt. Migrationsbiographien marokkanischer Hausmädchen in Spanien. In: sozialer sinn. Zeitschrift für hermeneutische Sozialforschung. Nr. 3 Herbst 2001. Leverkusen: Leske u. Budrich, 435-458
Jiménez Laux Rosa Maria (2003). Methodische Vielfalt in der Migrationsforschung (2003) In: Badawia, Tarek; Hummrich, Merle (Hg.). Wider die Ethnisierung einer Generation. Beiträge zur qualitativen Migrationsforschung. Frankfurt/M.: IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation. 111-129
Jiménez Laux, Rosa Maria (2004): Ethnizität, Geschlecht und Schicht in Migrationsprozessen: marokkanische Hausmädchen in spanischen Privathaushalten. In: Tagungsband »Arbeitsmigration. WanderarbeiterInnen auf dem Weltmarkt für Arbeitskraft«. Institut für Regional- und Migrationsforschung und Heinrich-Böll-Stiftung. Studienzentrum Karl-Marx-Haus Trier. 3./4.07.2003
Jiménez Laux, Rosa Maria (2004): Frauen in transnationalen Räumen: Der Blick auf informelle Migrantinnen-Netzwerke. In: Tagungsband "netzwerke.formen.wissen. Vernetzungs- und Abgrenzungsdynamiken der Frauen- und Geschlechterforschung". Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung. Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen.27.-29.11.2003
Lutz, Helma (2000): Geschlecht, Ethnizität, Profession. Die neue Dienstmädchenfrage im Zeitalter der Globalisierung. Interkulturelle studien (iks), 1. Münster
Mecheril, Paul (2003): Prekäre Verhältnisse. Über natio-ethno-kulturelle (Mehrfach)Zugehörigkeit. Waxmann-Verlag

Text vom Workshop:
Networking – Mentoring - KongressHopping
Frauennetzwerkbildung in Europa
stattgefunden am 6. und 7. Dezember 2003 in Bremen
 http://www.walled-city.org/tiki-index.php?page=Feminist+Space

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