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Der Loewe und der Maulwurf

by Quelle: Geschichten des Alten Antonio - 04.11.2005 20:20


Zwischen den Zügen beginnt der Alte Antonio die Geschichte zu spinnen:
 

La Realidad 1996
La Realidad 1996



"Der Löwe ist stark, weil die anderen Tiere schwach sind. Der Löwe frißt das Fleisch der anderen, weil die anderen sich fressen lassen. Der Löwe tötet nicht mit den Krallen oder den Reißzähnen. Der Löwe tötet mit seinem Blick. Erst nähert er sich langsam ... lautlos, denn er hat Wolken in den Pfoten, die seine Laute dämpfen. Dann springt er und versetzt seinem Opfer einen Hieb, der es lähmt, mehr vor Überraschung als wegen der Heftigkeit.
Dann blickt er sie an. Er blickt seine Beute an. So" - der Alte Antonio runzelt die Stirn und nagelt mich mit seinen schwarzen Augen fest. "Das arme Tier, das sterben wird, schaut einfach nur zurück. Es blickt den Löwen an, der es anblickt. Das Tier sieht nicht mehr sich selbst, es sieht das, was der Löwe sieht, es sieht das Bild des Tieres im Blick des Löwen, es sieht, daß es im Blick des Löwen klein und schwach ist.

Das Tier hatte nie darüber nachgedacht, ob es klein und schwach war. Es war einfach ein Tier, weder groß noch klein, weder stark noch schwach. Aber jetzt sieht es in dem Blick, mit dem der Löwe es anstarrt, die eigene Angst. Und indem es sieht, wie es gesehen wird, überzeugt sich das Tier, ganz von allein, daß es klein ist und schwach. Und in der Angst, von der es sieht, daß der Löwe sie sieht, hat es Angst. Und dann sieht das Tier nichts mehr, ihm erstarren die Knochen, so wie wenn uns in den Bergen des Nchts, wenn es kalt ist, das Wasser erwischt. Und dann ergibt sich das Tier einfach so, es gibt sich auf, und der Löwe verschlingt es ohne Mitleid. So tötet der Löwe. Er tötet mit dem Blick. Aber es gibt ein Tier, das sich nicht so verhält, das den Löwen ignoriert, wenn er sich ihm in den Weg stellt, und das so fortfährt, als sei nichts geschehen, und wenn der Löwe es schlägt, antwortet es mit einem Prankenhieb seiner Pfötchen, die klein sind, aber das Blut, das fließt, schmerzt. Und dieses Tier überläßt sich nicht dem Löwen, weil es nicht sieht, daß es angesehen wird - es ist blind. 'Maulwürfe' werden diese Tiere genannt."

Es scheint, als habe der Alte Antonio seine Erzählung beendet. Ich wage ein "Ja, aber...". Der Alte Antonio läßt mich nicht fortfahren, er erzählt die Geschichte weiter, während er eine neue Zigarette dreht. Er tut es langsam, unterbricht immer wieder, um mich anzusehen und zu prüfen, ob ich zuhöre.

"Der Maulwurf wurde blind, weil er, statt nach außen zu sehen, begann, sein Herz zu betrachten. Er ist einfach dabei geblieben, in sich hineinzuschauen. Und niemand weiß, wie der Maulwurf darauf gekommen ist, in sich hineinzuschauen. Und da ist, einfach aus Sturheit, dieser Maulwurf dabei, sein Herz zu betrachten, und dann kümmert er sich nicht um Starke oder Schwache, um Große oder Kleine, denn das Herz ist das Herz, und es wird nicht so gemessen, wie die Dinge und die Tiere gemessen werden.
Und diese Fähigkeit, in sich hineinzublicken, hatten nur die Götter, und deshalb haben die Götter den Maulwurf bestraft und haben ihn nicht mehr nach außen sehen lassen. Außerdem verurteilten sie ihn dazu, unter der Erde zu leben und zu laufen.

Darum lebt der Maulwurf unter der Erde, weil die Götter ihn bestraften. Und dem Maulwurf tat es nicht einmal leid, denn er blickte weiterhin in sich hinein. Und darum hat der Maulwurf keine Angst vor dem Löwen. Und auch jener Mensch hat keine Angst vor dem Löwen, der es vermag, sein Herz zu betrachten.

Denn der Mensch, der es vermag, sein Herz zu betrachten, sieht die Kraft des Löwen nicht. Er sieht die Kraft seines Herzens, und dann blickt er den Löwen an, und der Löwe sieht, daß der Mensch ihn ansieht, und der Löwe sieht in dem Blick des Menschen, daß er nur ein Löwe ist, und der Löwe sieht sich, wie er gesehen wird, und hat Angst und rennt fort."

(...)

Aus dem Kommuniqué der Zapatistas nach den Wahlen, August 1994.

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