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Thesen zur Entfremdung
by source: pangea.org - 21.11.2005 16:44
Text von 1997 für 2. Encuentro im Spanischen Staat
KÄMPFE GEGEN ENTFREMDUNG AM BEISPIEL EINES FRANKFURTER STADTTEILS
1976 im April zog ich nach Frankfurt. Ich wollte hier leben, weil ich politisch mit anderen zusammen handeln wollte. Der Stadtteil, in dem ich lebte, Bockenheim, war ein altes, gewachsenes Viertel. Die Bevölkerung setzte sich aus ArbeiterInnenfamilien, sowohl ArbeitsmigrantInnen als auch deutsche, Geschäftsleuten, Intellektuellen und StudentInnen zusammen.
Es gab viele alte Häuser, ursprünglich eine ArbeiterInnensiedlung mit wenig Komfort, viele kleine Läden und internationale, v.a. italienische und griechische, aber auch alternativ-linke Kneipen.
Viele Menschen wohnten schon in der 2. oder 3. Generation in der gleichen Wohnung. Die Menschen kannten sich, zum Einkaufen brauchte mensch immer sehr viel Zeit, weil sich immer wieder Leute traf, mit denen ein Schwätzchen gehalten werden konnte.
Im Viertel gab es noch billigen Wohnraum, so daß immer mehr Menschen mit wenig Geld sich in Bockenheim niederließen, vor allem ArbeitsmigrantInnen und StudentInnen, die in Wohngemeinschaften lebten.
In den 70er Jahren war Bockenheim häufig Rückzugsgebiet bei großen militanten Demonstrationen. Hatte mensch es einmal nach Bockenheim geschafft, konnte mensch relativ sicher sein, der Polizei zu entwischen: fast allen BewohnerInnen war eine tiefe Abneigung gegenüber den Staatsorganen gemeinsam.
Wurde mensch verfolgt, öffnete sich manche Tür und mancher Hinterausgang von Kneipen, gleich ob du bekannt warst oder nicht.
Die Bockenheimer Banken waren die ersten, die statt Glas Plastik in ihren Fenstern hatten.
Bis 1981 war Bockenheim stellen- und zeitweise befreites Gebiet.
Natürlich war das den Herrschenden von Politik und Kapital in der Stadt ein Dorn im Auge. Sie waren schon damals auf dem Weg zur europäischen Bankenstadt. Also mußte die Stadt kontrollierbar, sauber und investitionsfreundlich sein.
Seit 1976 gab es Pläne, den Stadtteil Bockenheim zu "sanieren" und seine brisante Mischung von BewohnerInnen zu "entzerren".
Anfang der 80er Jahre wurde das in einem Zangenangriff umgesetzt.
Wo vorher Straßenbahnen entlangratterten, wurde die U-Bahn gebaut. Dadurch stiegen die Mieten, kleine Geschäfte und Kneipen mußten reihenweise schließen, alte Häuser wurden teilweise abgerissen und durch ultramoderne Gebäudekomplexe ersetzt, Hinterhöfe und unbebaute Grünflächen verschwanden. Auch für ärmere StudentInnen und ArbeiterInnenfamilien wurden die Mieten zu hoch, eine nach der anderen schlossen die großen Fabriken ihre Tore und verzogen an den Stadtrand, die Familien der ArbeiterInnen mußten in billigere Gegenden ziehen, Wohngemeinschaften wurden oft nicht mehr akzeptiert,Mietwohnungen wurden nach der Sanierung in Eigentumswohnungen umgewandelt, für normale Menschen nicht mehr bezahlbar. Innerhalb von nur 5 Jahren hatte sich die Athmosphäre im Stadtteil gründlich verändert.
Allerdings ging das nicht ohne Widerstand ab.
Während der 70er Jahre gab es viele große kämpferische Demonstrationen in Frankfurt, vor allem internationalistische und antifaschistische. Aber es gab auch Demonstrationen gegen Mieterhöhungen und gegen die Fahrpreiserhöhungen bei den öffentlichen Verkehrsmitteln, oder Demonstrationen gegen den Abtreibungsparagrafen 218.
Allmählich aber wurden die Demonstrationen, die sich um die Lebensbedingungen drehten, immer weniger. Das hing damit zusammen, daß diejenigen, die in den 60er und 70er Jahren die Bewegung getragen hatten, mehr und mehr in das System integriert wurden, sich etablierten. Ende der 70er Jahre fand eine Art Generationswechsel statt, und damit veränderten sich auch wieder die Inhalte: plötzlich waren die Symptome der Entfremdung Thema. Die Zurichtung der Stadt auf die Interessen des Kapitals, die Sanierung von Stadtteilen nach den Kriterien des Konsums.
Eine wichtige Parole war: "Beton tötet, Wir wollen leben." oder auch "Eigentum ist Diebstahl".
Umgesetzt wurde das in Hausbesetzungen und ständiger Sabotage von Baustellen für Banken, denen ja wunderschöne alte Häuser - Lebens-und Wohnraum, weichen mußten. Das Zusammenleben in den Häusern war meist kollektiv. Das bedeutete: kein Privateigentum, alles gehört allen, keine Privaträume, sondern "Funktionsräume": Arbeits- Schlaf-,Aufenthaltsräume. Die notwendige Arbeit wurde aufgeteilt, mal gingen die einen, mal die anderen arbeiten, alles Geld wurde zusammengelegt und gemeinsam verbraucht.
In Bockenheim hatten wir 2 3-Zimmer-Wohnungen besetzt, in denen insgesamt 17 Menschen lebten. Das war sicher nicht einfach, aber wir haben unsere Vereinzelung radikal durchbrochen.
Gleichzeitig mit der Radikalisierung unseres Alltags fanden noch andere Prozesse statt: wir solidarisierten uns mit allen kämpfenden Menschen, seien es die Gefangenen im Hungerstreik, gleich ob in Deutschland oder Irland, seien es die Menschen in El Salvador oder Palästina. All das lief ohne ideologischen Probleme ab. Große Theoriediskussionen wären auch gar nicht möglich gewesen. Wir waren völlig unterschiedlich. Die StudentInnen und Intellektuellen waren eindeutig stark in der Minderheit. Die Mehrheit bestand aus SchülerInnen, Arbeitslosen, Kleinkriminellen, ehemaligen Heiminsassen.
Im Stadtteil zeigte sich sofort praktische Solidarität: es kamen Leute, die uns halfen, Öffentlichkeit zu schaffen, ein türkischer Gemüsehändler brachte uns jeden Abend sein übriggebliebenes Gemüse vorbei und blieb auf ein Schwätzchen, die beiden alten Leute vom 4.Stock brachten uns ein paar Flaschen Wein "zum Einzug", weil das so üblich ist. Später klopften sie immer an unsere Tür, wenn sie einkaufen gehen wollten, denn oft waren ihre Tüten zu schwer für sie und wir halfen dann, sie nach oben zu bringen, und nicht nur ihnen halfen wir. Viele alte Leute kamen, um von uns geholfen zu bekommen: sei es jetzt der Einkauf, oder aber Hilfe gegen Hausbesitzer und ähnliches (in manchen Häusern waren die Besitzer dazu übergegangen, Wohnungen und vor allem sanitäre Einrichtungen kaputtzuschlagen). Den Alten wurde ständig eingeredet, daß sie in extra dafür gebaute Altenwohnheime ziehen sollen. Die meisten wollten das nicht, hatten Angst davor, niemanden anderes als Alte zu sehen, ihr Leben für beendet zu erklären. Denn Altenheim, das bedeutet nichts anderes als nur noch warten auf den Tod. Wer will das schon. Aber letztendlich sind wir nach 2 Jahren gescheitert: alle Häuser und besetzten Gelände waren bis Ende 1981 geräumt, über 200 Menschen waren obdachlos, unsere Versorgungs- und Lebensstruktur war zusammengebrochen. Die meisten von uns hatten erfahren und begriffen, welch himmelweiter Unterschied zwischen "gemeinsam leben, arbeiten, kämpfen " und isoliertem arbeiten und leben besteht: selbst das Politische wird dann zum Termin, der Zwang ist und blutleer wird. Unsere radikale Einstellung zu Konsum, zu Eigentum, zu Arbeit und zur Kollektivität hat uns gefährlich, nicht mehr berechenbar gemacht. Die Räumung der Häuser und Gelände hat uns zurückgeschickt in den kapitalistischen Verwertungsprozess, allein und ausgeliefert. Viele sind daran gescheitert, haben sich umgebracht oder sind dem Drogenkonsum verfallen.
Aber für alle, die noch leben, bleibt die Sehnsucht im Herzen nach einem prallgefüllten Leben, in dem du die Freiheit schon schnuppern konntest.
Die Alten sind in Altenwohnheime gebracht worden, viele sind bald darauf gestrorben, weil sie die Trennung von ihrem sozialen Umfeld nicht ertragen konnten.
Aber ganz geschaftt haben die Herrschenden die Zerstörung des Stadtteiles noch nicht. Noch gibt es unser Zentrum, das in - allerdings recht engen Grenzen - selbstverwaltet ist und bei der Polizei als Widerstandsnest gilt, und ein besetztes Haus, in dem immerhin 16 Menschen wohnen. Allerdings sind beide Projekte ständig bedroht. (Selbstbestimmte Wohnprojekte gibt es noch mehr in Frankfurt, aber ohne die radikale Zielsetzung: zusammen leben, arbeiten, kämpfen)
T H E S E N Z U R E N T F R E M D U N G
In den neoliberalen Metropolen sind wir alle geprägt von den Bedingungen, die dieses System setzt. Eine davon ist die Entfremdung.
Entfremdung ist einerseits Produkt der kapitalistischen Produktionsbedingungen, andererseits wird sie aber von den Herrschenden zur Zementierung ihrer Herrschaft immer weiter getrieben, mit dem Ziel, reibungslos funktionierende, gut verwertbare (bis in die eigegen Gene hinein) und weitestgehend manipulierbare Wesen zu "produzieren". Bisher ist das, trotz großer Anstrengungen noch nicht vollständig gelungen.
Aber in den Metropolen sind die Folgen der Entfremdung: Entsolidarisierung,, Individualisierung, ja Atomisierung der Gesellschaft deutlich zu spüren. Sichtbar wird das unter anderem auch an der steigenden Selbstmordrate, der explosionsartig ansteigenden Zahl von TherapiepatientInnen und last but not least an dem völlig desolaten und zersplitterten Zustand der radikalen (und nicht nur der) Linken.
Wir denken, daß Frankfurt - Bankenstadt - in diesem Prozeß sehr weit fortgeschritten ist und die Auswirkungen von Entfremdung das ist, womit wir uns Tag für Tag herumzuschlagen haben. Eines der wenigen Dinge, in denen wir wirklich recht große Erfahrungen haben.
Wir gehen davon aus, daß die Globalisierung auch dieses Mittel zur Herrschaftssicherung umfaßt.
Wir haben versucht, einige Thesen zu entwickeln, um begreifen zu können, wie Entfremdung entsteht, wie sie weitergetrieben und benutzt wird.
Was die Entfremdung/Vereinzelung mit den Menschen macht wird in einigen subjektiven Beiträgen dargestellt.
Um das sichtbar zu machen, haben wir außerdem einen Videofilm gedreht.
E N T F R E M D U N G
ZEIT: "Durch die Unterordnung des Menschen unter die Maschine entsteht der Zustand, daß die Menschen gegenüber der Arbeit verschwinden, daß der Pendel der Uhr der genaue Messer für das Verhältnis der Leistungen zweier Arbeiter geworden, wie er es für die Schnelligkeit zweier Lokomotiven ist. So muß es nicht mehr heißen, daß eine (Arbeits-) Stunde eines Menschen gleichkommt einer Stunde eines anderen Menschen, sondern daß vielmehr ein Mensch während einer Stunde so viel wert ist wie ein anderer Mensch während einer Stunde. Die Zeit ist alles, der Mensch ist nichts mehr, er ist höchstens noch die Verkörperung der Zeit. ..." Karl Marx, Elend der Philosophie, S.27
"Die Zeit verliert ihren qualitativen, veränderlichen, flußartigen Charakter: sie erstarrt zu einem genau umgrenzten, quantitativ meßbaren, von quantitativ meßbaren "Dingen" (den verdinglichten, mechanisch objektivierten, von der menschlichen Gesamtpersönlichkeit genau abgetrennten "Leistungen" des Arbeiters erfüllten Kontinuum: zu einem Raum." Lukasz, Geschichte und Klassenbewußtsein: Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats, S. 101
WARE: Im Kapitalismus/Neoliberalismus beeinflußt der Warenverkehr und seine strukturellen Folgen das ganze äußere wie innere Leben der Gesellschaft.
Früher wurden Waren produziert, die einen Gebrauchswert hatten. Der Überschuß konnte getauscht werden und bekam einen Tauschwert. Die Menschen stellten ein Produkt her, das sie brauchten.
Heute funktioniert die Wirtschaft anders. Die Dinge, die zum Leben gebraucht werden, werden gekauft, und zwar mit dem Geld, das die Menschen durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft und ihrer Zeit (Lebenszeit) bekommen.. Waren werden nicht mehr hauptsächlich nach ihrem Gebrauchswert produziert,ihr Wert bestimmt sich nach dem Marktwert. Und dieser Marktwert hat weniger mit dem Gebrauch der Waren als mit ihrem Konsum zu tun. Es werden Bedürfnisse geweckt, die dann befriedigt werden. Z.B. brrauchen wir Schuhe. Aber die Werbung sagt, daß es nicht irgendwelche Schuhe sein sollen, sondern Schuhe, die "schön" sind, und schön ist, was die Werbung sagt. Wer du bist bestimmt sich darüber, was du hast, wie du aussiehst, wie du dich kleidest, und nicht mehr darüber, wie du bist, wie du dich verhälst.
Der Wert der Menschen wird also u.a. nach dem Äußeren festgestellt, nach dem Schein. Die Menschen verkaufen ihre Arbeitskraft, sehen sich selbst als Ware, die auf dem "Arbeitsmarkt" angeboten wird. Manche verkaufen ihr Wissen, manche ihre Fähigkeit zu denken, manche ihre Körperkraft, ihre Hände, ihre Rücken, manche ihr Lächeln, manche ihre Körper, manche ihre Freundlichkeit oder ihre Sensibilität. Die Menschen werden in besser und schlechter verkäufliche Teile aufgeteilt. Aber sie sehen sich auch selbst unter diesem Blickwinkel. Der Mensch selbst ist die Ware für deren Verkauf er das Geld bekommt, das er/sie braucht, um die Dinge zu kaufen, die sie/er für das Überleben braucht.
Eine Ware ist ein Ding, ein Gegenstand.
Wenn ein Mensch aber sich selber nach seinem Marktwert von Kaufen und Verkaufen sieht: wie sollte mensch dann andere Menschen oder auch die Natur nicht als Waren, Dinge, Gegenstände, die den Marktgesetzen unterworfen sind, sehen?
DER ATOMISIERTE, VON SICH SELBST ENTFREMDETE MENSCH:
"Mit der modernen 'psychologischen' Zerlegung des Arbeitsprozesses (Taylor-System) ragt diese rationelle Mechanisierung bis in die 'Seele' des Arbeiters hinein: selbst seine psychologischen Eigenschaften werden von seiner Gesamtpersönlichkeit abgetrennt, ihr gegenüber objektiviert, um in rationelle Spezialsysteme eingefügt und hier auf den kalkulatorischen Begriff gebracht werden zu können" Lukasz, ebenda, S.99
Die menschliche Subjektivität wird nur als mögliche Fehlerquelle wahrgenommen.
Die Zerlegung in verkäufliche Einzelteile macht es immer schwerer, ein Bewußtsein von sich selbst als ganze Menschen zu bekommen. In unserer Gesellschaft scheint es der größte Kampf der Menschen zu sein, sich als Ganzes zu begreifen. Ganze Religionen werden in den letzten Jahren erfunden, um das zu erreichen, die Psychotherapie lebt hervorragend davon.
Das Diktat der Zeit, unter dem wir uns ducken, die Warenbeziehungen, die wir eingehen, und unsere Atomisierung und Vereinzelung sind Resultate der kapitalistischen Produktionsbedingungen, unter denen wir "leben". Nun haben aber die Herrschenden natürlich erkannt, wie sehr ihrer Herrschaft diese entfremdeten Menschen nützen (obwohl sie selber so entfremdet sind, daß sie oft nur noch als Unmenschen erkennbar sind).
Deshalb schaffen sie immer schärfere Bedingungen, um kollektive Entwicklungen, selbstbewußte Menschen und ein Leben in menschlicher Würde unmöglich werden zu lassen. Sie vermarkten selbst die Träume und Sehnsüchte der Menschen hier.
Auch dazu haben wir 3 Thesen aufgestellt.
DER DIEBSTAHL DER GESCHICHTE:
Die herrschende bürgerliche Geschichtsschreibung will tendenziell jede kollektive Erinnerung an Widerstand und Kämpfe der unterdrückten Menschen denunzieren und vergessen machen.
Aber ein Mensch, dem das Wissen von vergangenen Kämpfen, Siegen und Niederlagen nicht zugänglich ist, ist wie ein vom Anker losgerissenes Boot, treibt orientierungslos dahin..
Wenn die Erinnerung an die Möglichkeit, sich gemeinsam und organisiert zu wehren, sich als Menschen von Unterdrückungsverhältnissen zu befreien, verloren geht, dann bleibt als einzige die herrschende bürgerliche Ideologie,, die statt Befreiung, Kollektivität, Würde, Wärme, Solidarität, Gastfreundschaft, Offenheit nur die Unterwerfung unter die ökonomischen Notwendigkeiten predigt. "Hast Du was, bist du was". Wer etwas in dieser Gesellschaft sein will, muß also haben. Hast du nichts, bleibt dir nur die individuelle Wut anstatt Klassenhaß, die völlige Vereinsamung statt Kollektivität, Konsum statt Wärme.
Es soll der geschichtslose, einsame unterdrückte Mensch entstehen, der sich dem herrschenden System wehrlos ausgeliefert fühlt, der/die ganz alleine sehen muß, wie sie/er durchkommt. Es gäbe dann kein Klassenbewußtsein, kein Wir der Unterdrückten mehr. Aber dafür wird ein anderes Wir-Gefühl angeboten: das Wir des Nationalismus, des Rassismus, des Patriarchats, der Mode, des Reichtums.
DIE ARCHITEKTUR, BZW. STADTPLANUNG ALS WEITERER SCHRITT ZUR VEREINZELUNG
Das Bild z.B. der Stadt Frankfurt hat mit den Bedürfnissen ihrer Bewohner nichts mehr zu tun. Sie orientiert sich ausschließlich an den Bedürfnissen der Wirtschaft. Banken und Büros werden gebaut aber billigen Wohnraum gibt es kaum mehr. 80% der Kinder kommen mit Bronchial-oder Hautkrankheiten zur Welt. Die Luftverschmutzung und die Verseuchung der Böden sind unerträglich.
In den letzten 20 Jahren hat sich die Zurichtung der Stadt nach Kapitalinteressen immer weiter beschleunigt. Gewachsene Stadtteile werden saniert, die BewohnerInnen auseinandergerissen. Für alte Menschen werden "Seniorenheime" gebaut, Altenknäste, in denen die Alten unter sich sind, niemandem "zur Last" fallen (und eventuell vom Arbeiten abhalten). Die Alten pssen nicht mehr, sind nicht verwertbar, nicht schnell, schön oder reich, können nicht mehr genug konsumieren.
Also werden sie weggepackt. Alte Häuser werden saniert (nachdem die Alten endlich ihre Wohnungen verlassen haben) und als Eigentumswohnungen verkauft. Wer sich das oder die hohen Mieten nicht leisten kann, muß gehen. Meist in die am meisten verdreckten Stadtteile, ohne Grün, ohne Platz für die Kinder. Die über Jahre gewachsenen Strukturen werden zerrissen, die Menschen sind anonym. Ein weiterer Schritt zur Vereinzelung. Allerdings ist die Kaputtsanierung von Stadtteilen nicht nur ein Tribut an die kapitalistische Umstrukturierung. Das geschieht auch zur "präventiven Aufstandsbekämpfung, nachzulesen in zahlreichen von der Stadt Frankfurt in Auftrag gegebenen sozio-psychologischen Studien.. Als "soziale Brennpunkte" identifizierte Stadtteile, die sich dadurch auszeichnen, daß z.B. Alte, MigrantInnen, StudentInnen, kinderreiche Familien, ArbeiterInnen in dem selben Stadtteil wohnen, werden schnellstmöglich "entflochten", d.h. die BewohnerInnen sortiert und in die jeweils dafür vorgesehehen Ghettos verbracht.
Für Frauen, die nicht arbeiten gehen, sondern sich um den Haushalt und die Kinder kümmern, ist die Situation völlig unerträglich: in einer in der Regel zu kleinen Wohnung in einem anonymen Hochhaus, ist für sie die Kommunikation mit anderen Menschen oder der Aufbau von echten Freundschaften und Beziehungen fas unmöglich geworden.
Das gleiche gilt für Menschen, die nicht am Arbeitsprozess teilnehmen: Arbeitslose, SozialhilfeempfängerInnen, Alte und Kranke.
ARBEIT: Gleichzeitig mit der Umstrukturierung der Stadt findet in Frankfurt eine Umstrukturierung auf dem Arbeitsmarkt statt. In Deutschland gab es 3 Faktoren zur Absicherung der Arbeitenden: Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung. Alle 3 Versicherungen werden von den Arbeitenden und von den Arbeitgebern zu gleichen Teilen bezahlt. Dieses System geht zum Teil auf Arbeitskämpfe, zum Teil aber auch auf die Konkurrenz zwischen der kapitalistischen BRD und der realsozialistischen DDR zurück. Seit der sog. Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten wird dieses System zurückgenommen. Die derzeitigen Arbeitskämpfe in Deutschland richten sich hauptsächlich gegen die Rücknahme der Zahlung von Krankengeld bei Krankheit der Arbeitenden.
Die Absicherung der arbeitenden Menschen wird aber nicht nur auf diesem Sektor zurückgenommen. 2 weitere Maßnahmen der Umstrukturierung werden seit über 10 Jahren deutlich sichtbar:
Industriebetriebe werden abgebaut. Dafür schießen immer mehr und immer größere Bankenhochhäuser aus dem Boden. Immer mehr Büroraum wird gebaut - klar auf Kosten von Wohnraum. In dieser Stadt wird sehr viel Geld verdient bei den Banken und Versicherungen, mit Dienstleistungen jeder Art und in der Werbebranche. Kleine Handwerksbetriebe können kaum existieren und gehen in Konkurs, mittlere Handwerksbetriebe und Industriebetriebe stellen häufig keine ArbeiterInnen mehr ein , sondern SubunternehmerInnen. Das heißt, daß keine Sozialabgaben mehr gezahlt werden müssen, sondern die ArbeiterInnen selbst als KleinstunternehmerInnen auftreten, die sozial in keiner Weise abgesichert sind.
Ein Bereich der Dienstleistungen sind die Zeitarbeitsfirmen. Sie vermieten an Betriebe quasi SaisonarbeiterInnen.
Ein anderer Bereich sind Kurierunternehmen, die fast ausschließlich auf SubunternehmerInnenbasis arbeiten. Die FahrerInnen, gleich ob sie mit dem Fahrrad, dem Motorrad oder mit dem Auto fahren, transportieren Schriftstücke oder Waren mit dem eigegen Fahrzeug und müssen der Zentrale für die Vermittlung Geld bezahlen. Den Rest des Geldes müssen sie wie ein Unternehmer versteuern, Krankenkasse und Altersversorgung werden aus eigener Tasche bezahlt. Übrig bleibt ein Hungerlohn.
Fast alle diese Menschen arbeiten alleine und in Konkurrenz zueinander.
Was das für die Einzelnen bedeutet ist klar: gleich ob LeiharbeiterInnen oder SubunternehmerInnen beide können nicht streiken, werden im Gegenteil als StreikbrecherInnen eingesetzt, oft ohne es überhaupt zu wissen . Ein gemeinsames, solidarisches Verhalten in Kämpfen ist so gut wie ausgeschlossen.
Vereinzelung und Entfremdung haben sich auch hier durchgesetzt.
Die dritte große Gruppe der Dienstleister sind Putzkolonnen, aber auch SozialarbeiterInnen, Streetworker usw,, die in der Regel die Folgen der Entfremdung und die Folgen der (Jugend)- arbeitslosigkeit bei Jugendlichen und Kindern umzugehen haben: Alkoholismus, Drogenkonsum, soziale Gleichgültigkeit, Beziehungsunfähigkeit.
Und die 4. Gruppe sind die mittlerweile armeestarken privaten Wach- und Sicherheitsdienste, die in immer größer werdender Zahl gegen sozial Schwache eingesetzt werden. Aus der Innenstadt werden Bettler, Obdachlose, Punks usw. vertrieben, um den Konsumenten auf den "Konsumrennbahnen" nicht die Lust am Kaufen zu vermiesen. In den öffentlichen Verkehrsmitteln werden 100e von Kontrolleuren aus diesen Firmen eingesetzt, die SchwarzfahrerInnen erwischen sollen. Falls es ausländische Leute sind, die noch dazu arm aussehen, dann werden sie mit Sicherheit gedemütigt und in meisten Fällen der Polizei übergeben. Für Arbeitssuchende ohne Ausbildung ist z.Z. der einzige Job, der angeboten wird, dieser Wach- und Sicherheitsdienst. Diese Leute sind bewaffnet, viele haben Hunde. Sie werden konsequent gegen die Armen und gegen mögliche "Störer" eingesetzt.
Unter diesen Bedingungen werden ArbeiterInnen, die noch eine Arbeit mit traditionellem Arbeitsvertrag haben oft als privilegiert angesehen. Das stimmt sicherliuch auch teilweise. Allerdings muß hierbei bedacht werden, daß durch die Rationalisierung (d.h. Technisierung am Arbeitsplatz und Reduzierung der Belegschaften auf ein Minimum) während der letzten 10-20 Jahre sich die Arbeitsbedingungen stark verschärft haben.
Wie aus solchen Bedingungen ein gemeinsames Bewußtsein von Unterdrückung und Ausbeutung erreicht werden soll, ist uns ein Rätsel.
KOMMUNIKATION
Die Menschen hier sind durch die Durchdringung der Gesellschaft von kapitalistischen Verwertungsinteresse von sich selbst und anderen entfremdet, halten Warenbeziehungen für die tatsächlichen Beziehungen, sind durch den Diebstahl der Geschichte von ihren Wurzeln abgeschnitten, im Arbeits- und Wohnbereich sind die Menschen in der Regel alleine.
Ein hervorragender Ausgangspunkt für Manipulation. Dafür eignen sich die visuellen Medien, Fernsehen und Computer ganz besonders gut. Durch die Vereinzelung werden die Informationen und das vermittelte Gesellschaftsbild nicht mehr überprüfbar. Anstatt mit anderen Menschen zu reden über Sorgen, Nöte, Wut, Freude, Sehnsüchte, Träume, "kommunizieren" wir mit dem Bildschirm, der uns dann eine Welt vorstellt, die mit den individuellen Wahrnehmungen nicht mehr viel zu tun hat. Die herrschende Ideologie wird über 1000 Mosaiksteinchen als einzi denkbare festgeklopft.
Wenn du daran zugrunde gehst, es nicht mehr aushälst: dein Problem, deine Schuld.
Aber auf die Dauer ist die Konfrontation zwischen der offiziell dargestellten Scheinrealität und der subjektiven Wahrnehmung unausweichlich. Aber weil niemand da ist, der/die die subjektive Wahrnehmung bestätigen kann/will, wird eher die subjektive Wahrnehmung infrage gestellt, als die Scheinrealität. Auf die Dauer kann das niemand verkraften Schwerste psychische Konflikte sind die Folge: Alkohol- und Drogenkonsum, Aggression, Psychosen, Selbstmorde.
Abgesehen davon halten wir die Bezeichnung "Kommunikationsmedien" für einen sehr schlechten Witz, sind sie doch eher tödlich für eine zwischenmenschliche Kommunikation. Viele, die ihre freie Zeit vor dem Fernseapparat oder dem Computer verbringen, können sich garnicht mehr mitteilen, sind kommunikationsunfähig geworden.
RESÜMEE:
1. Wir haben versucht aufzuzeigen, daß die Entfremdung einer befreiten, menschlichen Gesellschaft, wie wir sie wollen, antagonistisch entgegensteht.
2. Die Entfremdung ist eine der Ursachen für den kaum entwickelten Widerstand in den Metropolen.
3. Durch die Entfremdung in der Gesellschaft werden auch die Gegner der Befreiung immer anonymer, es wird immer schwerer, Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen zu durchschauen.
4. Im Gegensatz zu den Herrschenden, die es schaffen ihre Unterdrückungs- und Ausbeutungsstruktur und die passende Ideologie weltweit durchzusetzen, haben wir in den Metropolen noch keinen Weg gefunden, um diesen Verhältnissen, insbesondere der Auswirkung der Entfremdung auf die Einzelnen und die Gesellschaft etwas entgegenzusetzen.
BEMERKUNGEN ZU DIESEM BEITRAG:
Wir reichen diesen Beitrag als inhaltlichen Beitrag ARBEITSGRUPPE ENTFREMDUNG ein.
Allerdings sind wir auch gerne bereit, statt einer Arbeitsgruppe eine Abendveranstaltung zu machen.
Wir würden das gerne davon abhängig machen, ob es ein Interesse an dieser Arbeitsgruppe gibt.
Wir wollen die Arbeitsgruppe nicht als theoretisch-abstrakte, sondern wünschen uns zu hören, wie in anderen Ländern mit diesem Problem umgegangen wird und ob und wie wir eventuell gemeinsam eine Strategie entwickeln können, die dieser unmenschlichen und entmenschlichenden Entwicklung etwas entgegensetzt.
GEGEN DEN NEOLIBERALISMUS, FšR DIE MENSCHLICHKEIT
MIT HERZ UND VERSTAND UND HÄNDEN UND FÜSSEN
KO-GRUPPE W.I.R.
ZUSAMMENFASSUNG DES GESAMTEN BEITRAGES
1: Thesen zu Entfremdung/Grundlagen und Bedingungen:
ZEIT / WARE / DER ENTFREMDETE, ATOMISIERTE MENSCH / ARCHITEKTUR + STADTPLANUNG / ARBEIT / KOMMUNIKATION .
Berichte von einzelnen Menschen über ihre Erfahrungen mit Entfremdung.
Bericht einer Migrantin / Jugend und Drogen
Versuche von Kämpfen gegen Entfremdung: eine subjektive Darstellung
Videofilm über die entfremdete Stadt Frankfurt
Der Knast ist der Gipfel der Entfremdung: : das 24-Punkte-Programm des Dr. Edgar Schein und ein Brief aus dem Toten Trakt in Köln Ossendorf
AG ENTFREMDUNG, angeboten von der Gruppe W.I.R., Frankfurt/Main