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Ermutigung

by Ellen Diederich - 31.03.2006 13:42

Die Hoffnung hat zwei schöne Töchter: Wut und Mut.
Wut darüber, wie die Verhältnisse sind und Mut, sie zu ändern.

 

Ermutigung
RLS 9.3.2006, Berlin

Juli 1975 Die Vereinten Nationen rufen das Jahr und die Dekade der Frau auf.
4.000 Frauen kommen zum ersten Treffen nach Mexiko Stadt.
Juli 1980 Zwischenbilanz in Kopenhagen - 8.000 Frauen kommen
Juli 1985 Abschluss-Konferenz der Dekade in Nairobi - 14.000 Frauen nehmen teil
August 1995 Letzte große Frauenkonferenz der UN in Peking - 42.000 Frauen kommen

Die Dekade der Frau hat Fakten weltweit bekannt gemacht.
Die Zahl 2/3 hat eine fast magische Bedeutung für Frauen bekommen:
Frauen machen weltweit 2/3 aller Arbeit und bekommen dafür 1/10 des Lohnes.
2/3 aller Armen sind Frauen
2/3 aller Analphabeten sind Frauen
Frauen machen 2/3 aller Friedensarbeit in der Welt

Ich nehme die Weltfrauenkonferenzen als Symbol für den weltweiten Aufbruch von Frauen. Etwa 2/3 der Teilnehmerinnen waren, der Realität entsprechend, Frauen mit dunkler Hautfarbe. Diese Frauentreffen waren wirkliche Gipfeltreffen im Unterschied zu den Gipfeltreffen der Männer, bei denen zwei ältere weiße Herren sich trafen. Ich gehöre zu den Frauen, die zornige darüber waren, dass bei diesen Gipfeltreffen keine Frauen und kein Mensch mit dunkler Hautfarbe beteiligt waren. Wir sind zu all diesen Gipfeltreffen gefahren, um die Stimmen der Frauen hörbar zu machen. Bei den Weltfrauenkonferenzen ein völlig anderes Bild: Von der kleinsten Insel, von den höchsten Bergen, aus Millionenstädten und Dörfer kamen Frauen zusammen, um Fakten zu dokumentieren, um zu versuchen, sich einander mitzuteilen, um so zu einer besseren Verständigung zu kommen.

Nairobi 1985 war zur Hochzeit der Frauenbewegung, der Friedensbewegung. Eine Aufbruchstimmung, wie ich sie nie wieder erlebt habe. Nairobi war das egalitärste, politisch brisanteste Treffen, an dem ich je teilgenommen habe. Gleichberechtigung, Entwicklung und Frieden waren die drei großen Themen der Dekade. Als verschiedene westliche Regierungen versuchten, Frieden aus der Konferenz mit der Begründung herauszudrücken, Frieden sei ein zu politisches Thema für Frauen und wir sollten doch bei unseren Themen bleiben, (was immer sie verstanden, was unsere Themen sind), organisierten wir dort einen Ort, an dem Frauen aus so genannten Feindesländern in den Dialog kommen konnten.
Frauen aus der 2/3 Welt stellten in einer großen lebendigen Ausstellung ihre Lösungsvorschläge zur Beseitigung des Hungers, des Ressourcengebrauchs vor. Tage- und nächtelange Debatten, Austausch auf kulturellem Gebiet, Projekte, wie das von Wangari Maathai zur Wiederaufforstung der afrikanischen Wälder - hierfür hat sie vor zwei Jahren den Friedensnobelpreis bekommen, waren auf den Weg gebracht. Die Sandinisten waren in Nicaragua an die Regierung gekommen. Im Ost-West-Konflikt hatte die Friedensbewegung gegenseitig Tore aufgemacht und angefangen, sich in die Verhandlungen einzumischen. Der Kampf um die Festschreibung von Frauenrechten in die Verfassungen der Länder zeigte Erfolge. Es war eine große Möglichkeit, sich Wissen anzueignen, und gemeinsame Pläne für die Zukunft zu machen. Das Treffen war aber auch davon bestimmt, die Realitäten nüchtern zur Kenntnis, aber auch das Recht auf Widerstand in unsere Hände zu nehmen.
Widerstand ist das Geheimnis der Freude,
war ein Satz, den Alice Walker beitrug.
Die Frauenbewegung hat geforscht, dokumentiert, Schleier, die sich Jahrhundert lang über viele Zustände gebreitet hatten, weggezogen. Wie zum Beispiel den Schleier der Privatheit über Gewaltverhältnissen.

Es gab viele Auseinandersetzungen zwischen den progressiven Kräften der weltweiten Linken und der Frauenbewegung.
1981 schrieben wir, 17 Frauen aus verschiedenen westeuropäischen Ländern, ein Buch mit dem sarkastischen Titel: "Das höchste Glück auf Erden, Frauen in Linken Organisationen", herausgegeben von Ulla Jelpke.

Wohin sind wir gekommen?
Die Armut hat sich nicht verringert, im Gegenteil. Jedes Jahr fallen 200 Millionen Menschen mehr unter die absolute Armutsgrenze. Die konzerngesteuerte Globalisierung hat sich wie ein giftiger Schleim, überall ausgebreitet. Die Produktion wird dort hin verlagert, wo immer die größten Profitmöglichkeiten erwartet werden können.
Selbst Grundbedürfnissen wie Zugang zu Wasser, zur Bildung, zur Gesundheit werden privatisiert.
Elementare Verletzungen der Menschen- und insbesondere der Frauenrechte spielen sich im Zusammenhang der Globalisierungsprozesse ab. Die Globalisierung spielt sich weltweit weitgehend auf dem Rücken der Frauen ab.
Der größte Teil der Arbeiterinnen in den Weltmarktfabriken, in den Freihandelszonen sind Frauen. Körperliche Bestrafungen, Beschimpfungen und sexuelle Belästigungen sind in den Produktionsstätten der Freihandelszonen an der Tagesordnung.
In den Bewegungen gegen die konzerngesteuerte Globalisierung kämpfen wir gegen diese Verhältnisse und sind uns sehr wohl der Verantwortung unseres Landes, das in die Dominanzstrukturen eingebunden ist, bewusst. Feminismus beinhaltet neben vielem anderen in jedem Fall die Analyse der ökonomischen und politischen Strukturen des Kapitalismus, des ungebrochenen Kolonialismus, des militärisch-industriellen Komplexes und seiner Auswirkungen und die der konzerngesteuerten Globalisierung.
"Wenn Gleichheit das Recht auf einen gleichen Anteil an den Profiten einer Wirtschaftstyrannei bedeutet, ist sie mit Emanzipation unvereinbar. Freiheit in einer unfreien Welt ist nichts als ein Freibrief zur Ausbeutung. Lippenbekenntnisse zum Feminismus in den Industriestaaten sind eine geschickte Verschleierung der Vermännlichung der Macht der Verweiblichung der Armut in den Entwicklungsländern."
(Germaine Greer: Die ganze Frau, München 2000, S. 14 f.)

Zur Zeit gibt es 32 Kriege, die vorwiegend für die Interessen an der rücksichtslosen Ausbeutung von Ressourcen zum Vorteil der reichen Länder geführt werden.
2/3 aller Opfer in Kriegen sind Zivilbevölkerung, vorwiegend Frauen und Kinder.
In den Industriestaaten sind Frauen beteiligt am Krieg, wir durften uns die Institutionen der Gewalt erobern, dürfen gleichberechtigt Frauen und Kinder anderer Länder angreifen und töten. Welch ein Fortschritt. Das machen wir natürlich unbeschreiblich weiblich. Einige unserer besten Soldaten tragen Lippenstift, titelte Emma. Wir winken von oben aus den Bombern: Schönen Gruß von der Gleichberechtigung, diese Bombe wurde von einer Frau geworfen. Unten rennen Frauen und Kinder um Ihr Leben.

Wir leben in einer Zeit, in der das Leben auf der Erde, insbesondere für Frauen, durch Gewaltverhältnisse bestimmt ist. Es gibt keinen sicheren Ort. Gewalt ist zu Hause, bei der Arbeit, in unseren Vorstellungen. Gewalt wird über die Medien, Computerspiele, Gewaltpornographie propagiert. Jede Form von Gewalt ist miteinander verbunden. Die Absichten, die Vergewaltigung hervorbringen, haben mit den Absichten zu tun, die Kriege erzeugen und uns an den Rand der globalen Vernichtung gebracht haben. Prostitution, Prostitutionstourismus, Pornographie, Verkauf von Frauen und Kindern aus Asien, aus Osteuropa, aus Afrika in die Bordelle der Westeuropäischen und nordamerikanischen Staaten sind zu einem Riesengeschäft geworden.

Wir haben also jeden nur erdenklichen Grund, uns radikal gegen die Verhältnisse zu wenden und fordernd zu sein.

Wie machen wir das? Wer sind unsere Verbündeten? Wie ist das mit der Linken?
Zehn Jahre nach Peking, September 2005. Erste Zusammenkunft des "Linken Frauenaufbruchs" im Club Voltaire in Frankfurt.
Wir sind Frauen aus dem gesamten Bundesgebiet, aus verschiedenen Parteien und der autonomen Bewegung. Die Vorstellungsrunde in Frankfurt erinnerte fatal an den Titel des 1981 erschienenen Buches. Nahezu alle Frauen, sie waren aus verschiedenen Organisationen, Parteien sowie aus der autonomen Frauenbewegung, berichteten davon, wie schwer es im Jahr 2005 ist, sich, trotz formaler Bekenntnisse zur Frauenemanzipation, Gehör für Fraueninteressen in den linken Organisationen zu verschaffen.

Als hätten wir keine Erfahrung. Die Debatte um die Zusammenarbeit zwischen linken Parteien und Frauenbewegung wird sehr unhistorisch geführt.
Beim SDS Kongress 1968 gab Helke Sander die Initialzündung zur " Neuen Frauenbewegung" mit ihrer berühmten Rede zur Frauenemanzipation. Die Frauen schmissen Tomaten gegen das Podium. Ulrike Meinhof kommentierte, es müssen wohl noch ganze Güterzüge mit Tomaten verfeuert werden, bevor die Genossen etwas kapieren. Ein Großteil der Frauen verließ den SDS.

Die radikalste unter den Frauenbewegungen und Linken in Europa waren zu der Zeit die in Italien. Die Frauen arbeiteten zunächst nach dem Konzept der doppelten Militanz. Sie kamen aus der Linken, den Gewerkschaften, engagierten sich sowohl in diesen Organisationen als auch in der Frauenbewegung. Die Frauen waren die tragende Kraft der neuen Linken, angezogen von den Parteien neuen Typs. Lotta continua, Portere opereio, der PdUP, der Partito D'Unita proletaria per il communismo, die Partei der proletarischen Einheit, Il Manifesto und andere. Die Frauen erhofften sich von diesen Parteien einen für die Linke neuen Versuch, Zielvorstellungen wie: Überwindung der Arbeitsteilung, Überwindung des Bruchs von Öffentlichem und Privatem, die Bejahung der Intelligenz und Kreativität eines und einer jeden.

Ein Grund für das Scheitern der Black Panthers in den USA war der Konflikt mit den Frauen. Lotta continua, die größte der Linken Parteien, scheiterte an dem Konflikt mit den Frauen. Das Konzept des demokratischen Zentralismus ließ den Interessen der Frauen keinen Spielraum. Die Frauen verließen die Parteien. Der berühmte Brief von 12 Genossinnen aus dem PdUP: "Liebe Genossen, wir verlassen Euch", machte in der Frauenbewegung Furore.

Was also machen wir? Quotieren? "Auf Quotierung können wir uns nicht verlassen, dann landen wir geschlechtergerecht und quotiert im Abgrund", sagten die Frauen in Frankfurt.

Die Aufgabe der Linken Frauen in diesem Kontext ist meiner Meinung nach: Deutlich zu machen, dass Links sein, linke Strategien nicht in einem Land entstehen und/oder gelöst werden, vor allem auch, die historischen Erfahrungen in die Diskussion einzubringen. Keine Entscheidung kann in den Parlamenten unseres Landes getroffen werden, ohne die Frage zu stellen, wie diese Entscheidung sich auswirkt auf die Menschen in den Ländern der 2/3 Welt.

Jede Entscheidung, welche Kleidung wir tragen, welches Essen wir essen, woher unsere Energien kommen, mit welchen kriegerischen Mitteln der Weg zu "unseren" Ressourcen freigekämpft wird, beeinträchtigt das Leben von Frauen der Länder, in denen die Gegenstände produziert werden, oder die Kriege geführt werden.
Von der Linkspartei verlangen wir: Einen wirklichen Dialog mit den Bewegungen zu führen, sie nicht zu instrumentalisieren als so genannte "Bündnispartner".

Wir wollen als Expertinnen anderer Art gehört werden. Expertinnen zur Atomfrage sind die Mütter von Harrisburg, Tschernobyl, von Gorleben, aus dem Umkreis der Atomtestgebiete. Experten sind nicht die Wissenschaftler und Politiker, die uns gerade jetzt wieder erzählen wollen, wie notwendig die Atomkraft ist.
Wir sind die Expertinnen in Fragen der Gewalt, die uns angetan wird. Nicht die "ExpertInnen", die aus dem sicheren Abstand berichten. Wir sind die Expertinnen in Fragen der Erwerbslosigkeit, nicht die ArbeitsmarktpolitikerInnen.

Wir müssen Konzepte andere Art gegen Erwerbslosigkeit entwickeln.
In NRW sind wir, Männer und Frauen, dabei, ein Netzwerk von Erwerbsloseninitiativen aufzubauen.
Titel dieser Kampagne ist: "STATT ICH-AG'S - WIR-KOLLEKTIVE"
Wir, Männer und Frauen, werden zusammen "Regionen des Friedens" in diesem Land planen und entwickeln. Das ist der Versuch, die unsere vereinzelten Aktionen gegen, vor allem aber auch für uns zu bündeln. Wir wollen uns der von Evo Morales, dem neuen Präsidenten von Bolivien ausgerufenen Achse des guten anschließen.
Wir wollen voneinander lernen.
Zum Beispiel von den Frauen in Belo Horizonte.
Das ist die viertgrößte Stadt Brasiliens, bis vor neun Jahren gab es dort Hunger, wie in den meisten Großstädten dieser Welt. Heute gehört dort das Recht auf gute Ernährung zum Bürgerstatus, ein Menschenrecht, dass man durch den Bürgerstatus erwirbt. Jedes Kind in den Elendsvierteln erhält vier von der Stadt finanzierte Mahlzeiten am Tag. Die Kalorienzufuhr hat sich verdoppelt. Alle Produkte kommen von ortsansässigen Produzenten bzw. Bauern aus dem Umland. Überall gibt es Volks- Restaurants, wo die Leute zu Niedrigpreisen gutes Essen bekommen.

Die Grundentscheidung heißt: Auch wenn der Markt Menschen ausschließt, die zu arm sind, um Konsumenten zu sein, sind sie trotzdem Bürger. Die Ernährung der Menschen darf nicht durch Marktmechanismen gefährdet sein.

In Belo Horizonte gibt konkrete Umsetzungsschritte: Inzwischen gibt es 25 Verkaufsstätten, wo Bauern ihre guten Produkte für die Hälfte des normalen Preises verkaufen. Die Händler fahren dazu noch jedes Wochenende mit Obst und Gemüse durch die armen Stadtviertel und verkaufen dort. Diese Bauern und Händler erhalten Land und Standorte zu ganz geringen preisen, Außerdem bekommen sie Abnahme Garantien. Durch die Aktion Grüner Korb sind 36 Biobauern direkt mit Krankenhäusern, Restaurants usw. vernetzt. Im Zusammenhang mit der städtischen Umweltbehörde und einem gemeinnützigen Verein sind vier Ökozentren entstanden. Sie züchten Saatgut und Setzlinge für städtische Projekte: Dutzende öffentlicher Grünanlagen, vierzig Schulgärten bauen an und informieren über umweltfreundliche Anbaumethoden. Es gibt Antiwerbekampagnen - viele Leute kommen vom Land und waren gewohnt, Gemüse und Obst zu essen. Durch die Werbung sind sie auf ungesunde Nahrung umgestiegen. Dem arbeiten die Zentren entgegen.
Es waren Frauen, die das angefangen haben. Adriana Adranha sagte: Wir haben den Hunger gesehen, als wir anfingen, wir wissen vom Hunger überall auf der Welt. Was wir nicht wussten, ist, wie leicht es ist, den Hunger zu beseitigen.
Wir müssen aufspüren, wo hat sich bereits etwas geändert? Was können wir voneinander lernen, wie uns vernetzen.

Wir brauchen einen langen Atem, kluge und warmherzige Menschen. Eine von ihnen ist die indische Schriftstellerin und Aktivistin Arundhati Roy. In ihrer Rede beim Weltsozialforum 2003 in Porto Alegre antwortete sie auf die Frage, was wir tun können:

"Wir können unser Gedächtnis schärfen und aus unserer eigenen Geschichte lernen. Wir können der öffentlichen Meinung Ausdruck geben, bis sie zum ohrenbetäubenden Gebrüll wird.... Wir können zeigen, dass die Menschen dieser Welt nicht nur die Wahl zwischen einer bösartigen Mickymaus und wahnsinnigen Mullahs haben. Unsere Strategie darf nicht nur darin bestehen, die neoliberalen Mächte bloßzustellen, wir müssen sie regelrecht belagern, dafür sorgen, dass ihnen die Luft ausgeht. Wir müssen sie beschämen und verspotten. Mit unserer Kunst, unserer Musik, unserer Literatur, unserer Dickköpfigkeit, und unserer Lebenslust, mit unserer Raffinesse und unserer Unermüdlichkeit - und nicht zuletzt damit, dass wir unsere eigenen Geschichten erzählen, Geschichten, die sich von denen unterscheiden, die man uns eintrichtern will. Eine andere Welt ist nicht nur möglich, sie ist bereits im Entstehen.
An stillen Tagen kann ich sie atmen hören."


Ellen Diederich

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