PraktikantInnen-Aktionstag am 1. Aprilby - 01.04.2006 16:31 1. April 2006 Europäischer PraktikantInnen-Aktionstag
In vielen europäischen Ländern hat sich ein PraktikantInnen-Arbeitsmarkt gebildet. Dieser zeichnet sich durch ein extrem hohes Qualifikationsniveau, flexibelste Arbeitszeiten, niedrige Sozialstandards und geringe bis gar keine Entlohnung aus. Das gilt auch für den Journalismus und alle journalismusnahen Berufe. Die Folge: Immer mehr reguläre Arbeitsstellen werden durch PraktikantInnen ersetzt und es werden keine Steuern und Sozialversicherungsbeiträge abgeführt. Um auf die Situation der PraktikantInnen aufmerksam zu machen, organisierten die DGB-Jugend, der Verein Fairwork und die französische Génération Précaire am 1. April zeitgleiche Aktionen in Paris, Brüssel, Berlin und anderen Städten. Die Situation: In Deutschland gibt es den Trend, reguläre Jobs durch Praktika zu ersetzen. Nach Umfragen gab es im Juni 2003 etwa 800.000 PraktikantInnen/Aushilfen in deutschen Unternehmen. Wie viele davon ein „echtes Praktikum" machen, bei dem das Lernen im Vordergrund steht und die PraktikantInnen zusätzlich im Betrieb mitarbeiten, wissen wir nicht genau. Fakt ist, immer mehr Unternehmen stellen immer mehr so genannte „PraktikantInnen“ an und lassen sie un- oder unterbezahlt voll mitarbeiten. Auch HochschulabsolventInnen sehen sich nach ihrem Studium zunehmend genötigt, Praktika zu machen, weil sie sich Kontakte und einen richtigen Job versprechen. Die Unternehmen profitieren im hohen Maße von den hoch qualifizierten, äußerst leistungswilligen und flexiblen MitarbeiterInnen, die sie kaum etwas kosten. Indem sie kein angemessenes Gehalt für die erbrachte Leistung zahlen, nutzen die Unternehmen die schwierige Situation junger BerufseinsteigerInnen aus. Diese bleiben zum Teil jahrelang in prekären Beschäftigungsverhältnissen, wie z.B. Praktika, hängen und erhalten kein existenzsicherndes Einkommen. Indem sie teilweise auf staatliche Leistungen angewiesen sind, zahlt der Staat sogar noch drauf. Und nicht nur die zahlreichen Erfahrungsberichte von Betroffenen belegen diese Entwicklung. Auch die ausgeschriebenen Praktika-Stellen im Vergleich zu echten Jobs verdeutlichen die Situation. Außerdem hat die DGB-Jugend eine Studie zu „Praktika von Hochschulabsolventen“ gemacht: Demnach sagen 50 % der in einer Stichprobe befragten Praktikanten, dass sie eine echte Stelle ersetzt haben und sich ausgebeutet fühlen. Mehr als 30 % klagen über hohen Arbeitsdruck und Überstunden. 40 % geben an, trotz Vollzeitjob keinen Lohn erhalten zu haben. Dank der Arbeit des Vereins fairwork und der DGB-Jugend sowie einer anhaltenden Medienberichterstattung ist die Öffentlichkeit zunehmend sensibilisiert für die Problematik. Das hat auch zur Folge, dass die Betroffenen ihre Situation nicht mehr als persönliches Versagen begreifen, sondern auch die politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen sehen. Der Verein fairwork und die DGB-Jugend fordern eine zeitliche Begrenzung von Praktika sowie eine angemessene Bezahlung. Bei der Ausbeutung von jungen BerufseinsteigerInnen handelt es sich nicht um Einzelschicksale, sondern um ein politisches und gesellschaftliches Problem, das eine ganze Generation junger Menschen betrifft. Die Rechtslage: Eigentlich ist die Rechtslage in Deutschland eindeutig. PraktikantInnen dürfen laut Bundesarbeitsgericht keine regulären Stellen ersetzen. Ein Praktikum grenzt sich von einem regulären Arbeitsverhältnis dadurch ab, dass die PraktikantInnen nicht in die tägliche Verrichtung der Arbeit fest eingeplant sind, sondern zusätzlich im Betrieb mitlaufen (vgl. Urteil des Bundesarbeitsgerichtes 6 AZR 564/01 BAG vom 13.03.2003). Das Praktikum dient in erster Linie dem Erwerb beruflicher Kenntnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen. Das Lernen steht im Vordergrund und darf nicht von der jeweiligen Arbeitsleistung der PraktikantInnen überlagert werden. Wenn die Arbeitsleistung den Erwerb beruflicher Erkenntnisse überwiegt, haben PraktikantInnen Anspruch auf vollen Lohn (§138 II BGB). Des Weiteren gelten auch für PraktikantInnen ganz normale ArbeitnehmerInnenrechte, wie Urlaubsanspruch und Überstundenausgleich. Leider wissen zu wenige PraktikantInnen davon bzw. nehmen ihre Rechte kaum in Anspruch. Der Verein fairwork: Der Verein fairwork hat sich als Interessenvertretung von PraktikantInnen gegründet, die sich gegen die Ausbeutung durch Praktika zur Wehr setzen. Fairwork hat ein Internet-Forum eingerichtet, wo sich PraktikantInnen austauschen und vernetzen können. Der Verein schreibt ArbeitgeberInnen, die unfaire Praktika inserieren, an und macht unseriöse Angebote öffentlich. Fairwork und DGB-Jugend beraten PraktikantInnen, die sich rückwirkend gegen die Ausbeutung im Praktikum wehren wollen und vor Gericht gehen. Gemeinsam mit der DGB-Jugend organisiert fairwork Podiumsdiskussionen mit ArbeitgeberInnen, PolitikerInnen und PraktikantInnen. www.fairwork-verein.de Die DGB-Jugend: Die DGB-Jugend ist der Dachverband der jungen GewerkschafterInnen in Deutschland. Zur DGB-Jugend gehören ca. 500.000 Mitglieder. Die DGB-Jugend vertritt die Interessen aller jungen ArbeitnehmerInnen (Auszubildende, Studierende sowie PraktikantInnen und BerufseinsteigerInnen). Die DGB-Jugend berät PraktikantInnen in einem Online-Forum auf der Internetseite zu ihren Rechten und bei Problemen im Praktikum. Außerdem können PraktikantInnen in einer öffentlichen Praktikabewertung ihr Unternehmen bewerten. Die DGB-Jugend hat eine erste Studie zur Situation der HochschulabsolventInnen in Praktikaschleifen erstellt. http://www.dgb-jugend.de
http://www.students-at-work.de
Jede/r kämpft für sich allein? Was die Zeit zum Thema gerechter Lohn meint. Gerechter Lohn? http://www.zeit.de/2006/14/Gerechter_Lohn?page=all
Zweite Klasse, bitte einsteigen Eintrag von Robert John, 2. März 2006 http://www.pickings.de
Elisabeth Niejahr beschreibt in der Zeit, wie die Klassengesellschaft zurückkehrt. Aber das Besondere an den neuen Verlierern sei ihre (scheinbare) Unauffälligkeit. In Unternehmen arbeiten Leiharbeiter zusammen mit Festangestellten. Ihre Arbeit ist die gleiche, nur der Verdienst unterscheidet sich. Es sei lange her, dass Gewerkschafter im Arbeitskampf gleichen Lohn für gleiche Arbeit gefordert haben. Kurz umrissen sieht es so aus, dass es immer weniger Vollzeitjobs, dafür immer mehr Leiharbeiter und Kleinselbstständige gibt, die von der Politik mehr und mehr ausgeblendet werden. Elisabeth Niejahr: Kollegen zweiter Klasse Die Zeit, 2. März 2006, Nr. 10: http://www.zeit.de/2006/10/Arbeitsmarkt?page=all
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