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Zusammenhalt herstellen
by Org. v. unten - 28.05.2006 17:27
Archis Diskussionsbeitrag auf der Betriebsversammlung der ThyssenKrupp Presta Steertec GmbH am 15. 3. 2006
(Der Lenkungsbau wurde 1995 aus dem Daimler-Werk Düsseldorf ausgegründet in eine 100%ige Tochter und 2002 an Thyssen verkauft. Seit 1995 werden
laufend soziale Standards abgebaut. Große Teile der Düsseldorfer Arbeitsplätze wurde nach Polen und Sachsen-Anhalt verlegt, wo zudem keine Tarifverträge bei den Enkelgesellschaften gelten. Die Aussagen von Thyssen zur Zukunft der Düsseldorfer Lenkungsproduktion und -montage sind vage und lassen die Befürchtungen der Beschäftigten von Massenentlassungen bis Totalstilllegung als nicht abwegig erscheinen.)
Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Zwar habe ich seit 13 Monaten keinen Arbeitsplatz mehr hier - allerdings, wie ihr wisst freiwillig - dennoch bin ich noch 16 Monate lang Werksangehöriger und nehme als solcher, wann immer es geht, zumindest an euren Betriebsversammlungen teil. Besonders in der gegenwärtigen Situation, in der man euch immer noch in völliger Unklarheit über das weitere Vorgehen des Unternehmens lässt, möchte ich mich mit euch und euren Forderungen solidarisieren. Mit großem Respekt habe ich von euren betrieblichen Aktionen der letzten Wochen gehört und wünsche euch, dass sie euch Erfolge bringen. Der Sprecher eurer Geschäftsleitung, Herr Ossenkop,
hat mit seiner gegen euch gerichteten eigenwilligen Wortdefinitionen von
"im Grunde" und "fester Wille" mir möglich gemacht die Ereignisse
der letzten Tage zu beschreiben: "im Grunde" habt ihr in allen drei Schichten voll gearbeitet und ihr habt den festen Willen das auch noch viele, viele Jahre hier weiter zu tun.
Ihr steht hier Plänen von gegen euch gerichteter sozialer Gewalt gegenüber: nie mehr soll es für euch so etwas wie "Sicherheit" geben, weil die Steuerung durch die Renditeerwartungen die ganze Gesellschaft beherrschen soll. So gibt es massenhaften sozialen Abstieg trotz laufend wachsendem Reichtum. Das Leben soll nach diesen Vorstellungen ein soziales Abenteuer werden, und das soll euch dann auch
noch als "normal" erscheinen, wie uns Herr Vith hier eben gepredigt hat.
Man muss sich fragen warum sich Hunderte Millionen Menschen in der
Welt das alles gefallen lassen, dass sie nämlich je mehr Reichtum sie produzieren ein um so unsichereres Leben führen müssen.
Meiner Meinung hat das im wesentlichen drei Gründe:
1. dass viele die Lüge von der Wiedererlangung einer Vollbeschäftigung auf den Leim gehen. Bei der enorm ansteigenden Produktivität wird die Zahl der industriell Beschäftigten immer weiter sinken. Und auch die Verlagerung von Arbeitsplätzen ist kein Nullsummenspiel; vielmehr sinkt die Zahl der Arbeitsplätze bis auf ein einziges Sondersegment innerhalb der Beschäftigungssektoren auch insgesamt.
Der 2. Grund sind die in den Konflikten auftretenden "Vermittlungs-Instanzen", die hinhalten praktizieren und ein hinnehmen fordern. So geht unsere Gewerkschaft seit vielen Jahren mit dem Dogma hausieren, was der Gesetzgeber versaue könne durch Tarifvertrag nicht ausgebügelt werden. Warum denn das?
Der 3. Grund scheint mir die Vereinzelung der Opfer zu sein, die in der ganzen Welt aus ihren sozialen Zusammenhängen gerissen werden, atomisiert bleiben und so schutzlos vor den Unternehmen, Behörden, Administrationen stehen. So scheint es bisher ohne größeren Widerstand möglich zu sein die Einkommen runterzudrücken, die Renten runterzufahren, die Unterstützung der Arbeitslosen seit Jahren tiefer und tiefer zu drücken und die Lebensqualität zunehmend zu zerstören. Dabei greifen die Täter die Würde der Opfer kapitalistischer Wirtschaftspolitik schamlos an, wie zum Beispiel die Kanaille von Minister, die vorige Woche verkündete, die auch von ihm in die Armut getriebenen Rentner könnten doch in den Fußgängerzonen Balalaika spielen um sich ein bisschen dazu zu verdienen. Genau dahin wollen uns die wirtschaftlichen und politischen Eliten haben.
Wir müssen den Plänen zur Zerstörung unserer sozialen
Zusammenhänge als Arbeiter in der Fabrik, im Büro und als Arbeitslose etwas entgegensetzen: unsere Erfahrung hat uns immer wieder gezeigt wie wichtig der Halt ist, den sich die Kolleginnen und Kollegen in Konflikten geben, wie wichtig die Abstimmung miteinander ist z. B. bei den Ablösegesprächen bis hin zur Urlaubsplanung in den Arbeitsgruppen und dass gegenseitige Hilfe und Solidarität Probleme lösen kann, ja, dass man auch hier bei uns Erfolge erzielen kann wenn man sich gemeinsam selbstbewusst wehrt. Diese Erfahrungen sollten Grundlagen für ein Modell werden gegen die Auflösung unserer sozialen Zusammenhänge; damit nicht Hunderte von uns in Armut und Depression zu Hause bei Hartz IV schmachten.
Egal wie es jetzt hier weitergehen wird, wir sollten uns nicht auseinandersprengen lassen, sondern organisiert uns weiterhin gemeinsam treffen, den Austausch unserer
Erfahrungen mit Ämtern und Behörden pflegen, Warnungen weitergeben, Tips und Tricks sammeln, Rat von Sozialinitiativen einholen und auch gemeinsam das Internet nutzen. Denn zusammen sind wir nicht wehrlos gegen unsoziale Arbeitgebermaßnahmen und gegen die Zumutungen und Willkür von Behörden, Ämtern und Bürokratien. Zusammen bleiben wir ein zu beachtender Faktor gegen die ewigen Hinhaltetaktiken und falschen Versprechungen der Politiker. Zählen könnt ihr nur auf euch selbst - das dürfte doch wohl eine wichtige Erkenntnis der letzten Jahre sein. Und dazu bedarf es aller, die z. T. seit vielen Jahrzehnten hier zusammen gearbeitet haben und manchen Erfolg gemeinsam erreicht haben.
Jetzt, da die Würfel noch nicht gefallen sind Treffen und Diskussionen in den Kostenstellen und in den Pausen nötig. Wie kann man sich in und für die nächsten Jahre gegenseitig unterstützen oder sollen hunderte Vereinzelte in Dritteweltverhältnisse stürzen?
Die traditionelle Arbeiterbewegung ist zentralisiert, hierarchisch, autoritär und betriebszentriert. Damit ist heute wenig geholfen, wo in allen Sphären Angriffe von allen Seiten kommen. Eure eigenen Erfahrungen, euer Wissen, euer Schöpfertum, das ihr oft für das Unternehmen vergeudet habt und für höhere Renditen, das müsst ihr jetzt für euch selber nutzen. Und warum sollen wir dann später nicht einmal ein Buch darüber gemeinsam herausgeben, wo wir unsere Erfolge aber auch Misslungenes darstellen, damit auch andere etwas davon haben.
Jetzt müsste diskutiert werden, wie der Zusammenhalt in dieser unsicheren Welt hergestellt werden kann. Lasst keinen allein!
Das eine Aufgabe, die weit über das hinausgeht, was ein Betriebsrat auch mit größter Anstrengung auf die Beine stellen kann. Gemeinsames Handeln kann man nicht delegieren.
Wenn es gelingt das Auseinanderhauen dieser Belegschaft in Beschäftigte zu schlechteren Bedingungen, welche, die ganz woanders arbeiten müssen, Arbeitslose und Ein-Euro-Jobber, auf diese Weise zu verhindern, so ist das positiv für andere in der gleichen Situation.
Es ist auch positiv nach innen in der Belegschaft, weil ein Gegenmodell zum "Jeder-gegen-Jeden" und "Jeder-ohne-den-Anderen" ausprobiert wird.
Und es wäre auch positiv für jeden Einzelnen, da er das Unrecht und die Verletzung seiner Würde, die auch die Familien vor unlösbare Probleme stellte, gemeinsam zurückweisen und schwierigste Situationen mit seit langem vertrauten Menschen bearbeiten kann.
So meine Empfehlung.