Naomi Klein zu Israel/ Palaestinaby - 03.05.2002 21:59 übersetzung eines artikels von naomi klein zum israel-palästina-konflikt, antisemitismus und dem verhältnis, in dem die GAPO (globale ausserparlamentarische opposition) dazu steht/stehen könnte Naomi Klein zum Israel-Palästina-Konflikt (26.4.2002)
Von Angst genährter alter Hass von Naomi Klein Toronto Globe & Mail, 24.4.02 Aus E-Mail-Berichten habe ich erfahren, dass am letzten Wochenende etwas Neues in Washington geschehen würde. Eine Demonstration gegen die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds traf auf eine Demo gegen den Krieg und eine gegen die israelische Besetzung der palästinensischen Gebiete. Zum Schluss vereinigten sich alle in der größten Solidaritätsdemonstration für Palästina in der US-Geschichte, wie es die OrganisatorInnen nannten, nach Angaben der Polizei nahmen 75.000 Menschen daran teil. Sonntag Nacht habe ich meinen Fernseher eingeschaltet, in der Hoffnung, einen flüchtigen Eindruck von diesem historischen Protest zu erhalten. Stattdessen habe ich etwas anderes zu sehen bekommen: den triumphierenden Jean-Marie Le Pen, der seine neue Position als zweit-beliebtester politischer Führer in Frankreich abfeierte. Seitdem frage ich mich, ob die neue Allianz, die sich auf der Strasse gezeigt hat, auch mit dieser letzten Bedrohung umgehen kann. Als Kritikerin sowohl der israelischen Besatzung als auch der von den Konzernen aufgezwungenen Globalisierung scheint mir, dass die Annäherung, die letztes Wochenende in Washington stattgefunden hat, seit langem überfällig war. Trotz vereinfachenden Etiketten wie `Antiglobalisierung´ setzten sich die handels-bezogenen Proteste der letzten drei Jahre immer mit Selbstbestimmung auseinander: das Recht der Menschen überall, selbst zu entscheiden, wie sie ihre Gesellschaften und Ökonomien am besten organisieren, ob das jetzt die Durchsetzung der Landreform in Brasilien bedeutet, die Herstellung von Medikamenten für alle [generic] gegen AIDS in Indien oder, wirklich, Widerstand gegen eine Besatzungsmacht in Palästina zu leisten. Als Hunderte von Globalisierungs-AktivistInnen anfingen, nach Ramallah zu strömen, um als `menschliche Schilde´ zwischen israelischen Tanks und der palästinensischen Bevölkerung zu agieren, wurde die Theorie, die sich ausserhalb von Handelstreffen entwickelt hatte, in konkrete Aktionen umgesetzt. Der nächste logische Schritt war es, diesen mutigen Geist nach Washington zurückzubringen, wo so viel Nahost-Politik betrieben wird. Aber als ich Le Pen im Fernsehen mit zum Sieg erhobenen Händen strahlen sah, versickerte ein bißchen etwas von meiner Begeisterung. Es gibt keine wie auch immer vorgestellte Verbindung zwischen dem Faschismus in Frankreich und den `Freiheit für Palästina´-DemonstrantInnen in Washington (tatsächlich scheint es, dass die einzigen Menschen, die von den AnhängerInnen von Le Pen mehr gehasst werden als Juden und Jüdinnen, AraberInnen sind). Und in dem Moment mußte ich daran denken, wie ich in der letzten Zeit bei verschiedenen Anlässen erlebt habe, dass die gegen Moslems gerichtete Gewalt verurteilt und Ariel Sharon zu Recht verflucht wurde, aber die Angriffe auf jüdische Synagogen, Friedhöfe und Gemeindezentren nicht einmal erwähnt wurden. Mir kam der Gedanke an die Tatsache, dass ich jedes Mal, wenn ich mich auf aktivistische News-Seiten wie indymedia.org einlogge, die `open publishing´ praktizieren, mit einer Reihe von Theorien einer jüdischen Verschwörung zum 11.9. und Auszügen aus den `Protokollen der Weisen von Zion´ konfrontiert werde. Die Globalisierungsbewegung ist nicht antisemitisch, sie hat sich nur nicht ausreichend mit den Folgen auseinandergesetzt, die das Eintauchen in den Nahost-Konflikt bedeutet. Die meisten Menschen in der Linken wählen einfach eine der Seiten und im Nahen Osten scheint diese Wahl klar zu sein, wo eine Seite unter der Besatzung steht und die andere das US-Militär hinter sich hat. Doch es ist möglich, Israel zu kritisieren und mit Nachdruck das Anwachsen des Antisemitismus zu verurteilen. Und es ist möglich, für die Unabhängigkeit von Palästina einzutreten, ohne eine vereinfachende Zweiteilung in `pro-palästinensisch/anti-Israel´ zu übernehmen, ein Spiegelbild der Gut-gegen-Böse-Gleichungen, die Präsident George W. Bush so gerne hat. Warum sich mit solchen Feinheiten beschäftigen, während noch immer Leichen aus dem Schutt in Jenin gezogen werden? Weil jeder Mensch, dem der Kampf gegen den Faschismus à la Le Pen und gegen die Brutalität à la Sharon ein Anliegen ist, sich mit der Realität des Antisemitismus direkt auseinandersetzen muss. Der Hass auf Juden und Jüdinnen ist ein starkes politisches Instrument in den Händen der Rechten in Europa und Israel. Für Le Pen ist der Antisemitismus ein Glücksfall, der mitgeholfen hat, seine Unterstützung innerhalb einer Woche von 10% auf 17% zu heben. Für Ariel Sharon ist die Angst vor dem Antisemitismus, sowohl wirklich als auch vorgestellt, eine Waffe. Sharon spricht gerne davon, dass er sich den Terroristen entgegenstellt, um zu zeigen, dass er keine Angst hat. In Wirklichkeit ist seine Politik von Angst getrieben. Sein großes Talent ist, dass er die Tiefen der Angst von Juden und Jüdinnen vor einem anderen Holocaust völlig versteht. Er versteht es, Parallelen zwischen den Ängsten der Juden und Jüdinnen vor dem Antisemitismus und der Furcht der AmerikanerInnen vor dem Terrorismus zu ziehen. Und er ist Experte darin, all das für seine politischen Ziele zu nutzen. Die wichtigste und geläufigste Angst, auf die sich Sharon bezieht und die ihm erlaubt, alle aggressiven Aktionen als Verteidigung darzustellen, ist diejenige, dass Israels Nachbarländer die Juden und Jüdinnen ins Meer treiben wollen. Sharon bedient sich auch der Angst von Juden und Jüdinnen in der Diaspora, schließlich dazu getrieben zu werden, einen sicheren Zufluchtsort in Israel suchen zu müssen. Diese Angst bringt Millionen von Juden und Jüdinnen überall auf der Welt dazu, von denen viele von der israelischen Aggression angewidert sind, den Mund zu halten und ihre Schecks zu schicken, eine Anzahlung für zukünftiges Asyl. Die Gleichung ist simpel: Je angstvoller Juden und Jüdinnen sind, desto mächtiger ist Sharon. Gewählt mit einer Plattform von `Frieden durch Sicherheit´ konnte seine Regierung kaum die Freude über den bestimmenden Einfluss von Le Pen verbergen und rief sofort Juden und Jüdinnen in Frankreich dazu auf, die Koffer zu packen und ins gelobte Land zu kommen. Für Sharon ist die Angst der Juden und Jüdinnen eine Garantie dafür, dass seine Macht nicht kontrolliert wird, indem sie ihm die Straflosigkeit verspricht, die er braucht, um das Unfaßbare zu tun: Truppen in das Erziehungsministerium der palästinensischen Behörden zu schicken, um Akten zu stehlen und zu zerstören; Kinder lebend in ihren Häusern zu begraben; Krankenwagen davon abzuhalten, zu den Sterbenden zu gelangen. Juden und Jüdinnen außerhalb von Israel befinden sich jetzt in einem angezogenen Schraubstock: Das Vorgehen der Regierung des Landes, von dem sie angenommen hatten, dass es ihre Sicherheit in der Zukunft garantieren würde, bringt ihnen jetzt weniger Sicherheit. Sharon verwischt wohlüberlegt die Unterschiede zwischen den Begriffen `Jude/Jüdin´ und `Israeli´ und behauptet, dass er nicht für israelische Gebiete sondern für das Überleben des jüdischen Volkes kämpfe. Und wenn der Antisemitismus zumindest teilweise als Ergebnis dieses Vorgehens ansteigt, ist es wieder Sharon, der einmal mehr in der Stellung ist, die politischen Gewinnanteile einzusammeln. Und es funktioniert. Die meisten Juden und Jüdinnen sind derartig verängstigt, dass sie jetzt bereit sind, zur Verteidigung der israelischen Politik alles zu tun. Wie etwa in der Synagoge in meiner Nachbarschaft, wo die bescheidene Fassade mit verdächtigen Brandspuren schwer verunstaltet wurde: auf dem Schild am Tor steht nicht `Danke für gar nichts, Sharon.´, sondern `Unterstützt Israel ... jetzt mehr denn je.´ Es gibt einen Ausweg. Nichts wird den Antisemitismus auslöschen, aber Juden und Jüdinnen außerhalb wie innerhalb von Israel könnten ein wenig sicherer sein, wenn es eine Kampagne gäbe, die den Unterschied zwischen verschiedenartigen Positionen von Juden und Jüdinnen und dem Vorgehen des israelischen Staates aufzeigt. An dieser Stelle kann eine internationale Bewegung eine bedeutende Rolle spielen. Es werden bereits Allianzen zwischen GlobalisierungsaktivistInnen und israelischen `refuseniks´ - Soldaten, die ihren Pflichtdienst in den besetzten Gebieten verweigern - geschlossen. Und am eindruckvollsten waren Bilder der Proteste vom Samstag, auf denen Rabbis gemeinsam mit PalästinenserInnen auf der Strasse waren. Doch es muss mehr gemacht werden. Es ist einfach für AktivistInnen, die für soziale Gerechtigkeit kämpfen, sich gegenseitig zu erzählen, dass Antisemitismus ein Kampf sei, den sie nicht führen müssen, weil Juden und Jüdinnen solch machtvolle VerteidigerInnen in Washington und Jerusalem hätten. Das ist ein tödlicher Irrtum. Genau weil Antisemitismus von Leuten wie Sharon benutzt wird, muss der Kampf dagegen wieder eingefordert werden. Wenn Antisemitismus nicht mehr länger als Angelegenheit der Juden und Jüdinnen betrachtet wird, um die sich die israelische und die zionistische Lobby kümmert, verliert Sharon seine effektivste Waffe bei der unhaltbaren und immer brutaler werdenden Besatzung. Und als weiterer Pluspunkt schrumpfen Leute wie Jean-Marie Le Pen mit jedem Kleinerwerden des Hasses gegen Juden und Jüdinnen gleich mit. http://austria.indymedia.org/print.php3?article_id=10075
english: http://www.commondreams.org/views02/0424-01.htm
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