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Crossover Summer Camp 2002

by source: indy.de, inforiot - 02.07.2004 19:47

Wir gehen davon aus, dass saemtliche Macht- und Herrschaftsverhaeltnisse aufs engste miteinander verzahnt sind.

Deshalb machen wir u.a. Nation, Patriarchat, Kapitalismus, Heterosexismus, Antisemitismus und Rassismus in ihren Verschraenkungen zum Thema.

Es geht uns dabei darum, neue Widerstandsperspektiven zu eroeffnen.
 

Cottbus
Cottbus


Crossover Summer Camp 3. bis 11. August, Cottbus, BRD
von camperInnen - 07.06.2002 18:35

Das Programm fuer das Camp umfasst politische Aktionen, Performances, Diskussionen, Theorieworkshops, Kuechenarbeit, Tanzen, Musik, Aufraeumen und noch viel mehr.

Ziel des Ganzen ist, Leute aus unterschiedlichen politischen Richtungen zusammenzubringen, Schnittstellen zu finden, neue Buendnisse zu schaffen, an Interventionsformen zu arbeiten und damit neue Impulse fuer eine radikale, emanzipatorische, libertaere, linke, antirassistische, feministische... politische Praxis zu geben.

Wir suchen noch UnterstuetzerInnen und MitstreiterInnen.

Ihr seid herzlich eingeladen !

camping
Selbstdarstellung des Crossover Summer Camp Projekts

Was wir wollen:

Unser Ausgangspunkt ist die Ueberzeugung, dass all die verschiedenen gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhaeltnisse untrennbar miteinander verknuepft sind und sich wechselseitig durchdringen und oft stabilisieren. Daraus wollen wir praktische Konsequenzen ziehen.

Unser Ziel ist es, zum Aufbau einer neuen Konstellation politischer Stroemungen beizutragen. "Neue Konstellation" heisst fuer uns:

Endlich sollen antisexistische Positionen nicht mehr von (Pro-) Feministinnen gegen den passiven oder aktiven Widerstand der Mehrheit durchgekaempft werden muessen, sondern selbstverstaendlich sein; und endlich sollen Maenner aus eigener Initiative pro/feministische Politik machen.

Wir wollen ein Ende der Dominanz der heterosexuellen Kultur in der radikalen Linken, fuer die Schwule unterhaltsame bunte Einsprengsel sind, in der Lesben nahezu unsichtbar und Zwitter und Transgenders hoechstens Objekt wissenschaftlicher Neugierde sind.

Unter dieser neuen Konstellation stellen wir uns ausserdem eine vor, in der migrantische und juedische Leute, people of color? (egal, an welchem Ort aufgewachsen) selbstverstaendlich sind; wo die Umgangsformen und die Sprache der Mehrheitsgesellschaft nicht die Norm sind und weisse AntirassistInnen sich mit ihren eigenen Rassismen praktisch auseinandersetzen und ihre Motivationen transparent machen, statt nur fuer und ueber die sogenannten Unterdrueckten zu sprechen.

Nicht zuletzt wollen wir ein Buendnis, wo Mittelschicht-Sprache und -Umgangsformen nicht die unhinterfragte Norm sind.

Es geht uns nicht darum, eine Gruppe zu idealisieren oder zu daemonisieren, sondern darum, Normen in Frage zu stellen.

Wir glauben nicht, das wir gesellschaftliche Strukturen einfach durch ein paar Verhaltensaenderungen aufloesen koennen. Aber uns ueber Umgangsformen und Sprache bewusst zu werden und daran zu arbeiten ist ein wichtiger erster Schritt. Wir wollen Leute zusammenbringen, die sich selbst UND die aeusseren Bedingungen veraendern wollen; wir wollen nicht nur Machtnetze angreifen, sondern bestehende widerstaendige Netzwerke staerken und neue aufbauen.

Wer wir sind:

Die Vorbereitungsgruppe des Crossover Sommercamp Projekts hat sich auf der Crossover Conference im Januar diesen Jahres in Bremen neu gegruendet. In unserem Netzwerk sind Leute, die auf der Conference dazu gekommen sind und Leute aus dem "alten" Sommercamp Projekt, die urspruenglich ein anti-sexistisches, anti-rassistisches Sommercamp geplant haben und spaeter die Crossover Conference mitorganisiert haben.

Viele von uns kennen sich aus linksradikalen und feministischen Zusammenhaengen in Deutschland und Polen. Die meisten von uns haben einen deutschen Pass. Momentan sind wir zu 90% FrauenLesben. Wir kommen aus unterschiedlichen politischen Generationen, und auch was unsere soziale Herkunft und aktuelle Klassenlage betrifft gibt es Unterschiede. Unser Zusammenhang ist jedoch ansonsten noch gar nicht so gemischt, wie wir es gerne haetten.

"Crossover" - der neue Name des Projektes:

Auf der conference in Bremen stellten wir fest, dass der ehemalige Name des Projekts ("anti-sexistisches, anti-rassistisches Sommercamp") unseren Vorstellungen nicht gerecht wird, da in ihm nur zwei Herrschaftsverhaeltnisse benannt werden.

"Crossover" bedeutet uebersetzt soviel wie "Kreuzungsstelle" und/oder "Ueberschneidung". Mit diesem Namen wollen wir zum Ausdruck bringen, dass Macht- und Unterdrueckungssysteme (Patriarchat, Kapitalismus...) niemals voneinander getrennt, sondern eng miteinander verbunden sind.

Wir bevorzugen eine positive und inhaltliche Definition davon was wir wollen und eine Beschreibung unserer Strategien anstelle der Ablehnung dessen, was wir nicht wollen (anti-...). Zum Beispiel ziehen wir eine positive Bezugnahme auf Feminismus dem Begriff Antisexismus vor.

Wie wir uns organisieren:

Das alte Projekt traf sich ab August 2000 etwa monatlich an verschiedenen Orten, meistens in Berlin oder Bremen und einmal in Warschau. In dieser neuen Phase des Projektes, in der die Leute im Netzwerk von Spanien bis Polen ueber Europa verstreut sind, stuetzen wir uns verstaerkt auf lokale Treffen und e-Mail-Kommunikation.

Eine separate, koordinierte Organisierung von MigrantInnen bzw. People of color im Rahmen einer gemeinsamen Vernetzung koennen wir uns genauso gut vorstellen wie eine engere Zusammenarbeit.

Dass sich FrauenLesben im Rahmen der Campvorbereitung und auch auf dem Camp separat organisieren koennen, steht fuer uns ebenfalls ausser Frage.

Die Frage des Umgangs miteinander finden wir sehr wichtig und wir wollen definitiv etwas anderes als das politmackerhafte Rumgepose, das wir aus vielen linken Zusammenhaengen so gut kennen. Wobei das nicht die einzige Form von Maennerdominanz ist - beziehungsweise von Dominanz ueberhaupt -, die uns stoert. Wir bilden uns aber nicht ein, "die Loesung" gefunden zu haben, das heisst wir sind offen fuer neue Ideen und Umgangsformen.

Sprache:

Wir sind uns bewusst, dass Sprache Distanzen und Ausschluesse erzeugen kann.

Wir wollen eine fuer moeglichst viele Leute verstehbare Sprache benutzen um Verstaendigungschwierigkeiten und die dadurch entstehenden Wissens- und Machthierarchien zu verhindern. Auch in diesem Sinne ist uns eine Atmosphere wichtig, in der es leicht faellt Fragen zu stellen und Kritik zu aeussern.

Transnationalitaet und Sprache:

Eine von moeglichst vielen verstehbare Sprache bedeutet im Sinne der angestrebten Transnationalitaet des Camps auch, dass hoffentlich viele der Workshops auf englisch stattfinden werden, und dass wir fuer alle vertretenen Sprachen UbersetzterInnen organisieren wollen.

Alter und "special needs":

Uns ist eine gemischte Altersstruktur wichtig; das koennte bedeuten, dass wir sowohl "EinsteigerInnenworkshops" anbieten als auch, uns in der Vorbereitung darum bemuehen, einen Ort fuer das Camp zu finden an dem eine Unterbringung fuer Menschen, die aus welchen Gruenden auch immer nicht in Zelten schlafen wollen/koennen, moeglich ist. Am besten waere deshalb ein Tagungshaus mit einer angrenzenden Wiese.

Worum soll es gehen?

Wir streben eine grosse thematische Vielfalt auf dem summercamp an. Fuer uns bedeutet das unter anderem Auseinandersetzungen mit Nation, Patriarchat, Antisemitismus, Heterosexismus, Kapitalismus und Rassismus. Wir finden es wichtig, von Anfang an strukturelle Verknuepfungen zwischen einzelnen Macht- und Herrschaftsverhältnissen herzustellen. Zum Beipiel indem der innere Zusammenhang von Maennlichkeit, Heterosexismus und Weißheit thematisiert wird. Welche der unzähligen möglichen Verbindungen zum Thema werden, haengt ganz entscheidend davon ab, was Ihr einbringt. Was wir unter all diesen Schlagwoertern inhaltlich begreifen, das ist in einem kurzen Text wie diesem einfach nicht darstellbar. Aber wir haben vor, eine Art Reader aus Texten und Thesenpapieren zu erstellen.

Wir wollen keine Sommeruni, aber auch kein reines Aktionscamp, sondern ein Crossover zwischen "Theorie" und "Praxis".

Schliesslich ist unser langfristiges Ziel die Aufhebung der Trennung von Kopf- und Handarbeit.

Wir wollen die Verknuepfung von Theorie und Praxis in allen moeglichen Formen: von Tanz, freiem Schreiben, Wendo/Selbstverteidigung bis zu direkten Aktionen.

Camp Culture ?!?

Wir hoffen, dass das summercamp ein Schauplatz für Performances (z.B. Film, Musik, Artistik), subversive Kultur und kulturelle Subversion wird. Das nicht nur weil´s Spass macht - was als Begruendung ja schon ausreichend waere -, sondern weil wir Kultur als 'politischen' Raum begreifen; einen Raum, in dem die Gesellschaft auf vielgestaltige und zum Teil konflikttraechtige Weise ihre Wissensbestaende, ihre Normen und Werte, ihre Denk- und Empfindungsstrukturen wiederholt und immer wieder erneut herstellt.Ein Teil von radikalem Widerstand ist deshalb selbst in die kulturelle Produktion einzusteigen - auf dass die herrschenden Muster des Sehens, Hörens und Empfindens subversiv unterlaufen werden!

Spaetestens jetzt werden so manche sagen, unser Programm sei definitiv nicht realisierbar. Dieser Einschaetzung geben wir insofern Recht, als wir ueberhaupt nicht davon ausgehen, bereits beim ersten Summercamp alles realisieren zu können, was wir uns vorgenommen haben. Wir gehen davon aus, dass unser Projekt ein langfristiges ist, das langen Atem und viel Hartnaeckigkeit erfordert. Bisher hat es aber auch Spass gemacht.

Was bedeutet Vorbereitungsgruppe?

Stress, harte Arbeit, Service-Leistungen fuer konsumierende TeilnehmerInnen...?

Wir sind keine Workaholics und wollen es auch nicht werden. Das was wir tun soll uns Spass machen. Wir teilen uns die anfallenden Arbeiten nach unseren unterschiedlichen Intressensgebieten und Zeitkapazitaeten auf.

Selbstorganisation:

Auf dem Camp setzen wir auf die Selbstverantwortung der TeilnehmerInnen. So werden wir uns als "Orga-Gruppe" am zweiten Camp-Tag aufloesen und die Organisation moeglichst aller Aufgabenbereiche in die Haende der TeilnehmerInnen uebergeben. Die dann entstehenden verschiedenen Aufgabengruppen werden wir mit unserem Vorwissen unterstuetzend zur Seite stehen. Zum Gelingen und zu der Gestalt des Campes tragen alle bei.

Beteiligung im Vorfeld:

Da wir mit unseren jetzigen Kapazitaeten nur einen Bruchteil unserer Wuensche und Plaene verwirklichen werden, und ausserdem noch nicht so transnational und transethnisch sind, wie wir gerne waeren, wuenschen wir uns rege transnationale radikale Beteiligung an den Campvorbereitungen! (Es ist nie zu spaet, einzusteigen!)

bis dann

Der Vorbereitungszusammenhang

P.S.

Es gibt eine englischsprachige e-mail Diskussionsliste sowie eine e-mail-Liste fuer alle die generell an Informationen ueber das Projekt interessiert sind.

Die meisten Protokolle der ueberregionalen Treffen des alten Projekts sind auf unserer Website auf deutsch und englisch veroeffentlicht.

LINK 1:

Was meinen wir, wenn wir "linksradikal" sagen? Unser provisorisches statement zum Thema, ein work in progress.

(Hier wird noch gebaut)

LINK 2:

Was meinen wir, wenn wir "Feminismus" sagen? Unser provisorisches statement zum Thema, ein work in progress:

Unser Verständnis von Feminismus geht immer mit einer Herrschaftskritik und einer Kritik der bestehenden Verhältnisse (Kapitalismus, Rassismus..) und Unterdrückungsformen (sei es aufgrund von Hautfarbe, Herkunft, Aussehen, Alter...) einher und ist nicht ohne diese zu denken, da das Patriarchat eine der ältesten Unterdrückungsformen ist. Wir halten die vereinzelte Abschaffung eines Unterdrückungsverhältnisses innerhalb des bestehenden Ganzen weder für möglich noch für sinnvoll.

Es gibt x verschiedene Richtungen von (Pro-)Feminismus. Was den meisten Ansätzen gemein ist, ist das Bestreben, Unterdrückungsverhältnisse zwischen den Geschlechtern aufzuheben.

Die Aufhebung nur einen Unterdrückungsverhältnisses ändert noch lange nicht die Verhältnisse, in denen wir leben.

Der (Pro-) Feminismus auf den wir uns berufen, stellt nicht das eine Geschlecht (Frauen) über das andere (was dann ja nur eine Art Umkehrung der Verhältnisse bedeuten würde) und will auch nicht die Angleichung von Frauen an die sogenannten "männlichen Standards". Nach unserem Verständnis sind die Geschlechterkategorien sozial konstruiert und gehören perspektivisch aufgehoben! Da die patriarchalen Geschlechterkategorien jedoch seit sehr langer Zeit die Lebensrealitäten von Männern und Frauen sind, wird es nicht möglich sein, diese von heute auf morgen aufzuheben. Deshalb sehen wir die strategische Bezugnahme auf Geschlechtsidentitäten (link zu Identitaetspolitiken) in entsprechenden Zusammenhaengen als wichtig an, um die bestehenden sexistischen Strukturen fassen, aufdecken & angreifen zu können.

Radikale Veraenderungen (pro-)feministischer Art, werden nicht stattfinden ohne Gruppen, die Geschlecht thematisieren und dies getrennt geschlechtlich und in gemischten Gruppen tun.

LINK 3:

Was meinen wir, wenn wir "Identitaetspolitik" sagen? Unser provisorisches statement zum Thema, ein work in progress:

So wie es unterschiedliche Identitaetskonstruktionen gibt, gibt es auch unterschiedliche Identitaetspolitiken. Wir unterscheiden deshalb "essentialistische" Identitaetspolitiken, die meist auf den Erhalt von Privilegien oder auf ein Arrangement mit den Verhaeltnissen hinauslaufen, von "strategischen" Identitaetspolitiken, die der Sabotage von Macht- und Herrschaftsverhaeltnissen dienen. Unter "essentialistischen" Identitaetspolitiken verstehen wir Politiken, die die gemeinsame Identitaet auf eine Wesenseigenschaft (Essenz), z.B. ein als natuerlich begriffenes Frau-Sein, zurueckfuehren. Unter "strategischen" Identitaetspolitiken verstehen wir dagegen Politiken, die die gemeinsame Identitaet pragmatisch als eine konstruierte, d.h. hergestellte Realitaet begreifen, wie z.B. viele FrauenLesben-Zusammenhaenge. Wir wollen die komplexen Diskussionen um Identitaetspolitik, aber nicht auf diese Unterscheidung reduzieren.

Auf dem summercamp wollen wir uns nicht zuletzt mit strategischer Identitaetspolitik auseinandersetzen. Und darin vor allem mit der Frage, ob und wie es moeglich ist, trotz unterschiedlicher Erfahrungen politische Buendnisse zu schließen. Das herauszufinden, ist in erster Linie eine soziale Frage. Denn ob es gelingt, die mit Macht- und Herrschaftsverhaeltnissen verbundenen Differenzen im Denken, Koerperlich-Sein, Fuehlen und Handeln zu ueberbruecken, stellt sich erst im Kontakt selbst heraus: Ist es moeglich, einen wirklich respektvollen und gleichberechtigten Umgang miteinander zu etablieren (was nicht zuletzt ein hohes Maß an Sensibilitaet für unterschiedlichste Erfahrungshorizonte, Lebensrealitaeten und Verletzlichkeiten erfordert) oder nicht?


 http://www.summercamp.squat.net/

Reader:  http://www.summercamp.squat.net/reader.english.pdf
 http://www.summercamp.squat.net/reader.german.pdf

Web journal:  http://www.xover.asncottbus.org/

Wir campen uns queer
30.08.2002
Nach zwei Jahren theoretischer Auseinandersetzung und Vorbereitung fand vom 3. bis 11. August in Cottbus das Crossover-Summercamp statt. Vom strömungsübergreifenden Ansatz her sicher das am weitesten gehende der unzähligen Politcamps dieses Sommers. Schließlich ist der Leitsatz der Crossover-Bewegung, dass „all die verschiedenen gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse untrennbar miteinander verknüpft sind und sich wechselseitig durchdringen und oft stabilisieren.“ So stand es im Aufruf für das Camp in Cottbus, so stand es im Aufruf für die vorbereitende crossover-conference in Bremen (Januar 2002) und so war und ist es auf Flyern, in Texten ... immer wieder zu lesen. Als Ziel wird dabei formuliert, „zum Aufbau einer neuen Konstellation politischer Strömungen beizutragen.“ Und das meint vor allem, dass neben den in den drei etablierten Hauptströmungen Antirassismus, Antifaschismus und Antikapitalismus auch antisexistische Positionen einen höheren Stellenwert in linker Debatte und Praxis bekommen sollen, und zwar nicht nur als Lippenbekenntnis. Denn: „Wir wollen ein Ende der Dominanz der heterosexuellen Kultur in der radikalen Linken.“ Soweit der Anspruch. Und was brachten die Tage in Cottbus? Der größte Erfolg ist wohl banalerweise, dass das Camp überhaupt stattgefunden hat. Das ist verglichen mit dem formulierten Eigenanspruch des Camps nicht viel, doch in Zeiten, in denen Machismo und Mackergehabe in der Linken weiterhin unreflektiert und unkritisiert durchgehen, ist das Stattfinden immerhin mit „Immerhin“ zu bewerten.

Aber da sind wir schon bei der Kritik: Nach Cottbus dürfte klar sein, dass das Konzept der vielen Sommercamps, bei dem sich jede/r den Themenschwerpunkt und die Leute seiner/ihrer Wahl aussuchen kann, gescheitert ist. Die Grenzcamps in Jena (250 Leute) und Hamburg ( ...) sowie das Crossover-Camp in Cottbus (150) zeigen, dass es zwar schön ist, mit 150–250 Leuten im Wesentlichen einer Meinung zu sein, der geforderten und dringend nötigen Auseinandersetzung um Standpunkte dabei aber locker aus dem Weg gegangen werden kann. Wurde nach heftiger Auseinandersetzung auf dem Grenzcamp 2001 in Frankfurt und der crossover-conference in Bremen mit mehr als 500 TeilnehmerInnen noch klar die Fortsetzung der Debatte und Übertragung in eine politische Praxis gefordert, konnte Cottbus diesem Anspruch nicht gerecht werden.

Dementsprechend harmonisch war die Woche in Cottbus. Nicht, dass ich etwas gegen Harmonie hätte, für ein politisches Camp, das sich an der Verknüpfung linker Themen wie z.B. Rassismus messen lassen will, war es dann doch etwas zu ruhig. Und für eine Woche Sommerurlaub hätte sich sicher ein lauschigeres Plätzchen gefunden. Ganz offensichtlich gab es auf dem Camp keinen Konsens darüber, wie man/ frau gegen den rassistischen Alltag vor Ort, zu dem im Übrigen ein Nazi-Überfall auf einen Kubaner am Tag vor der Camperöffnung zählt, vorgehen kann. Zum einen dauerte es fünf Tage, ehe sich überhaupt ein paar Leute zusammenfanden, die eine Aktion gegen den Überfall planten. Da sich die Faschos in Cottbus und Umgebung bevorzugt Tankstellen als Treffpunkt suchen und auch der Überfall auf den Kubaner an einer solchen geschah, war der Aktionsort relativ bald klar. Mit welchen Ansprüchen Leute nach Cottbus gereist waren, zeigte sich dann aber auf einem sieben(!)stündigen Plenum. Da die Mehrheit der TeilnehmerInnen scheinbar in relativ nazi-freien Gegenden wohnt und sich scheinbar auch nicht im Klaren darüber war, dass linke Präsenz in Cottbus auch heißen muss, sich mit den Menschen zu solidarisieren, die jede Woche in Gegenden wie diesen angegriffen werden, war eine wesentliche Devise, die Nazis auf keinen Fall zu provozieren und sich mit der Bullerei gut zu stellen. Schließlich sei es wichtiger, einem Angriff auf das Camp zu entkommen.

Wahrscheinlich haben viele erstmals gemerkt, was es heißt, als Migrant/Linker/Homosexueller usw. täglich in sogenannten "National befreiten Zonen" zu leben Ein ziemlich zynisches Verhalten, schließlich haben die Opfer rassistischer Gewalt meist nicht diese Wahl.

Als dann aber doch die wichtigsten Facts der Aktion an der Nazi-Tanke ausgetauscht wurden, sich eine Mehrheit auf dem Plenum dafür begeistern ließ und der Rest zumindest nicht dagegen stimmen wollte, machte ein Veto das Chaos perfekt. Offensichtlich hatte sich niemand auf dem Plenum mit der Konsequenz eines Vetos auseinandergesetzt und die ModeratorInnen nur danach gefragt „weil das halt so üblich ist.“ Obwohl nach immerhin jetzt schon vierstündigem Plenum die Stimmung immer gereizter wurde und viele sauer waren, versicherten sich alle, dass ein Veto ein Veto ist und die Aktion keinesfalls an dem vorgesehenen Tag (an dem auch das Plenum war) stattfinden darf. Über das offensichtliche Machtinstrument „Veto“ und dem Einfluss einer Person über die Interessen des gesamten Camps wurde nicht diskutiert.

Allerdings zeigte schon derselbe Abend, wie ernst das Camp die auf dem eigenen Plenum verabschiedeten Beschlüsse nahm. Auf eine Anfrage der Antifa aus dem 30 Kilometer entfernten Guben nach einer Tankstellenbesetzung, dem Treffpunkt der örtlichen Nazis, folgten genau die 70 Leute, die sich zuvor auf dem Plenum für eine Tanken-Aktion in Cottbus ausgesprochen hatten. Schließlich hatte es auf dem Plenum ja nicht explizit ein Veto gegen eine Aktion in Guben gegeben. So schnell kann man/ frau die eigenen Entscheidungsstrukturen umgehen und damit der Lächerlichkeit preisgeben. Letztlich war die Aktion in Guben aber als Ventil für das Klima auf dem Camp wichtig, zu viel Frust hatte sich zuvor angesammelt und es ist schon erstaunlich, wie schnell sich durch ein halbwegs erfolgreiches gemeinsames Auftreten das Zusammengehörigkeitsgefühl wieder kitten lässt.

Und die Aktion war wichtig für den Umgang mit der Bullerei: Kamen diese bis dato jeden Morgen überfreundlich auf das Camp und wollten sogar mit einem Zivi-Wagen über das Camp fahren, um „den Leuten hier ein Gefühl von Sicherheit zu geben“, waren an dem Tag nach Guben klar, dass sich auf der Wiese am Rand von Cottbus kein Pfandfinderlager mit Hippies befindet, sondern dass es um die Vermittlung von Inhalten geht, was natürlich eine Kritik an der gesellschaftlichen Exekutive einschließt. Schlimm nur, dass das erst am drittletzten Tag gelang, wie überhaupt zu konstatieren ist, dass die Mehrheit der CampbesucherInnen erstaunlich unerfahren und ängstlich im Umgang mit der Bullerei war. So reichte die Vermutung, dass sich nach 15 Minuten Aktion in Guben die Cottbusser Bullerei auf die Beine macht, um Hals über Kopf abzuhauen und Gubener Antifa-Kids zurückzulassen, denen klar war, dass sie noch am selben Abend Prügel zu erwarten hatten. Der Anteil von 75 % weiblich konstruierten Menschen kann dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Vielmehr war der Umgang mit der Bullerei auf dem Camp lange Zeit kein Thema und so wurde auch nicht darüber nachgedacht, wie die Vermittlung von antirepressivem Verhalten in einem Workshop o.ä. aussehen kann.

Doch das Camp war nicht nur zum Meckern, wie das bisher Geschriebene auch nicht verstanden werden soll. Schließlich ging es ja den VorbereiterInnen um Selbstreflexion und das Aufbrechen von Geschlechterkonstruktionen. Und das bisher Beschriebene zeigt ja nur, dass selbst die dekonstruktivistischen Teile der linken immer wieder in Rollenverhalten verfallen und sich Strukturen bedienen, die sie eigentlich abschaffen wollen. So könnte auch das Auftreten von so etwas wie „positivem Sexismus“ interpretiert werden. Dieser Begriff ist dem des „positiven Rassismus“ angelehnt, wonach Menschen in bestimmte Verhaltensmuster gedrängt werden, die angeblich kulturell begründet und für positiv erachtet werden, wie der Döner-Türke oder der gut kochende Chinese. In der Linken führte das vor allem in antirassistischen Kreisen dazu, dass nicht mehr zwischen „Arschloch“ und „Nicht-Arschloch“ unterschieden wurde, sondern die Bewertung von Verhalten mit der Hautfarbe zwischen gut und schlecht variierte. Ich weiß nicht, ob man diese Begrifflichkeit auf Sexismus und sexualisiertes Verhalten übertragen kann, finde aber schon, dass Verhalten nicht-hetero-sexueller Menschen ebenso kritisiert gehört wie das von Heteros oder –as. Und wenn es auf dem Camp um den Abbau von Dominanzstrukturen gehen soll, muss es auch um diese Strukturen in sexuellen oder sonstigen Beziehungen gehen. Nur gibt es scheinbar den Konsens, gleichgeschlechtliche Paare deswegen nicht zu kritisieren, während ohne Zweifel (und völlig richtig) ein Mann vom Camp fliegt, der sich seiner Freundin gegenüber ähnlich dominant verhält wie es vor allem bei Lesben-Paaren zu beobachten war. Da klaffen Anspruch und Wirklichkeit noch weit auseinander.

Dass solches Verhalten nicht öffentlich diskutiert wurde, lag u.a. auch an der wiederholten Selbstbestätigung, wie harmonisch das Camp doch sei und an einer Art selbstauferlegtem Tabu, die Harmonie nicht zu brechen. Dabei geht es gar nicht darum, das Definitionsrecht der Frau von sexistischem Verhalten und alle damit verbundenen Rechte zur Überwindung patriarchaler Strukturen in Frage zu stellen. Über die Notwendigkeit dieser Rechte dürfte in emanzipativen Kreisen ohnehin keine Diskussion bestehen. Nur geht die Umsetzung an der Sache vorbei, wenn dieses Recht in einem Klima der Unsicherheit und Angst durchgesetzt wird. Ein Beispiel: Am vorletzten Camptag wurde ein Mann kurz nach seiner Anreisewegen eines sexistischen Übergriffes aus der Vergangenheit vom Camp geworfen. Als Gremien, die diesen Rauswurf durchsetzten, hatten sich schon vorher eine Männer- und eine Frauen-Lesben-Gruppe gebildet. Als dieser Vorfall auf dem Abschlussplenum dargestellt wurde, gab es keine Nachfragen, was eine Moderatorin zu dem Schluss kommen ließ, das Camp komme seinem Anspruch in anti-sexistischem Verhalten sehr nahe, auf anderen Camps wäre so ein Rauswurf schließlich nicht so ohne weitere und möglicherweise verletzende Nachfragen durchgegangen. Nur hatte sie dabei übersehen, dass es im Plenum schon ein gesteigertes Interesse an den Details gab, was auch die nach Plenumsende beginnende Diskussion in Kleingruppen bewies. Was die Leute am Fragen hinderte war einzig die Angst vor einem Fettnäpfchen und der folgenden Anpisse.

Was bleibt von Cottbus ist also die Einsicht, dass auch die Crossover-Bewegung nach so hoffnungsvollen letzten zwölf Monaten immer wieder in die eigenen Widersprüche verfällt. Das ist nicht verwunderlich in einer Linken, die am Beispiel Israel deutlich macht, dass es oft vielmehr um eigene Profilierung und Machterhalt geht als um die Analyse und Überwindung von Machtverhältnissen. Zuversichtlich stimmt, dass es in Cottbus tatsächlich Ansätze einer strömungsübergreifenden und dekonstruktivistischen Praxis gibt, was die letztlich dann doch durchgeführte Tanken-Besetzung in Cottbus beweist oder eine Aktion zum Thema Geschlechternormierung, Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexismus und Schönheitsideal, bei der in den Modekaufhäusern „Kleidungsstücke jeweils von der einen in die andere Abteilung getragen wurden, um auf die Normierung von Menschen durch geschlechtspezifische Kleidung aufmerksam zu machen. Desweiteren haben sich die AktivistInnen entgegen der herrschenden Geschlechts- und Kleiderordnung in den Geschäften umgezogen und für einige Verwirrung gesorgt,“ wie es in der Pressemitteilung vom Camp heißt.

Ob es eine Zukunft für Crossover gibt und wie diese aussieht, ist zurzeit schwer zu sagen. Das Interesse vor allem von jungen Leuten hat die conference in Bremen und mit Abstrichen auch das Camp gezeigt, dass viele „politikerfahrene“ Alt-Linke das Thema noch immer als Kinderkram abtun, allerdings auch.

do.di

(Inforiot) Dieser Text wurde von einigen TeilnehmerInnen des Crossover Summercamps aus Leipzig geschrieben.

Quelle: do.di
 http://de.indymedia.org//2002/08/28505.shtml

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