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Yang Huanyi

by Quelle: Sueddeutsche Magazin u.a. - 11.12.2004 22:14

Yang Huanyi beherrschte eine Sprache, die kein Mann verstand. Als eine alte Frau ihr diese in jungen Jahren beibrachte, fing ihr Leben erst richtig an, sagte Huanyi, die niemals erfahren hat, wann sie geboren wurde. Sie war ja nur ein Mädchen. Die alte Frau schimpfte über ihre verschnürten Füße, erzählte von arrangierten Ehen und Hausdrachen – in Worten, die Yang Huanyi nie zuvor gehört hatte und sich merkte. Danach kicherten beide herzhaft. Keine Einwohnerin des kleinen, chinesischen Dorfes, in dem die Wände dünn waren wie Pappe, hatte so zu sprechen gewagt. Doch in dieser weltweit einzigen Frauensprache konnten sie sagen, was sie wollten. Die Sprache heißt Nushu, was übersetzt so viel bedeutet wie "weibliche Schrift".
 





etwa 1910 – 20.9.2004

Wer glaubt, der Feminismus sei ein paar Jahrzehnte alt, dem hätte diese Chinesin was erzählt

Vor etwa fünfhundert Jahren, so glauben Forscher, sei diese "allererste Form von Emanzipation" in jener abgelegenen Gegend der chinesischen Provinz Hunan entstanden. Da Frauen nicht lesen und schreiben lernen durften, erfanden sie heimlich eigene Wörter und Schriftzeichen, die sie von Generation zu Generation weitergaben. Erst vor zwanzig Jahren entdeckten Forscher diese Sprache, einige Frauen konnten noch in diesem Geheimcode reden. Die meisten alten, geschriebenen Dokumente waren aber verbrannt worden, niemand wußte sie zu entziffern. Nur Yang Huanyi nickte lächelnd, denn sie kannte ihre Bedeutung.

"Mit dem Schreiben verschwand unser Leid", sagte die alte Yang Huanyi den Wissenschaftlern, die sie in ihrer Hütte besuchten und schrieb mit ihrer Hand, so faltig wie eine Trockenblume, Worte in Nushu auf. So war sie damals als Mädchen nicht mehr allein mit ihren Sorgen. Frauen, die in diese Sprache eingeweiht waren, nannten sie "Schwestern im Schwur". Was sie sich mitteilten, mußte unter ihnen bleiben, manche Frauen waren aus dem Zirkel der Schreiberinnen ausgeschlossen. Die geheime Nachrichtenübertragung erforderte raffinierte Techniken.

Auf einem Papierfächer, den sie notfalls schnell zuklappte, erzählte Yang Huanyi von ihren Sehnsüchten. In Taschentüchern schrieb sie ihren Freundinnen von bösen Ehemännern und gemeinen Schwiegermüttern, faltete sie zusammen und steckte sie ihnen zu. Manchemal waren es aber nur Schönheitstipps wie "Nimm das Wasser der Rose", die sie in den umgeschlagenen Ärmel stickte und diesen dann öffnete. Mit Nushu wehten aber auch Gerüchte so schnell wie der Wind von Haus zu Haus. Oft mußten junge Frauen ihr Heimatdorf verlassen, wenn sie verheiratet wurden, und waren der Willkür des Ehemannes und seiner Familie ausgeliefert. In einem als Hochzeitsgeschenk getarnten Buch schrieb ihnen der Club der frühfeministischen Freundinnen: "Mit uns an deiner Seite wirst du nie verzweifeln."
Die meisten Geschichten in Nushu handeln von unglücklichen Ehen, so auch Yang Huanyis Erzählungen von ihrem ersten Mann, der von einer Schlange gebissen wurde und starb. Uhr zweiter Mann war ein Spieler und brachte alles Geld durch. Die aus 1500 unterschiedlichen Schriftzeichen und zwangzigtausend Wörtern bestehende Sprache kannte aber auch Bosheiten: "Mein Mann sieht so kein und häßlich aus wie eine Ameise."
Männer fanden, Nushu sei "Fliegengekritzel". Sie wurden in Mandarin unterrichtet. Frauen und ihr Nushu erschienen völlig unwichtig. Deshalb konnte eine wie Yang Huanyi auch so gewagte Sticheleien notieren wie "Sogar Tiger sind hin und wieder erregt, aber er..."

"Kaum jemand kann noch Nushu", klagte Yang Huanyi, als sie alt war. Seitdem Frauen aus dem Haus gehen, um zu arbeiten, und sich ihre Männer selbst suchen, werde die Sprache vergessen. Mit dem Tod von Yang Huanyi, die wohl um die 95 Jahre alt wurde, starb im September dieses Jahres auch eine geheimnisvolle Sprache.

Apa, 23. Sept. 2004
Letzte Muttersprachlerin von Nushu gestorben

Es wird angenommen, dass sie sich in Yangs Geburtsort im Bezirk Jiangyong in der Provinz Hunan entwickelt hatte. Das Alter der Verstorbenen war nicht genau bekannt; Einwohnern aus ihrem Wohnort zufolge wurde sie 98 Jahre alt.
Sprachwissenschafter versuchen Nushu zu erhalten, doch niemand beherrscht die Sprache so gut, wie Yang es tat: Als Analphabetin konnte sie das normale Chinesisch nicht lesen und schreiben. Schriftstücke in Nushu sind äußerst selten, da sie traditionell mit den Toten verbrannt oder begraben wurden.

was fehlt
Frauensprache. Mit Yang Huanyi ist die letzte Frau gestorben, die als Muttersprachlerin die 400 Jahre alte Nushu-Sprache beherrschte. Das bedeutet wohl das Ende der weltweit einzigen nur von Frauen gesprochenen Sprache. Nushu war nur in einigen abgelegenen Gegenden Chinas verbreitet. Sprachforscher versuchen, Nushu zu erhalten, doch keine beherrschte sie so gut wie Yang. Es wird vermutet, dass sich Nushu im Bezirk Jiangyong in der Provinz Hunan entwickelte. Das Geheimnis ihres Alters nahm Yang mit ins Grab: Nachbarn schätzten sie auf 98 Jahre.
taz Nr. 7470 vom 24.9.2004, Seite 2, 18 Zeilen (TAZ-Bericht)


New York Times:  http://www.racematters.org/yanghuanyi.htm
Xinhua news agency:  http://www.china.org.cn/english/culture/107963.htm
wikipedia fr:  http://fr.wikipedia.org/wiki/Yang_Huanyi
Unesco:  http://portal.unesco.org/culture/en/ev.php-URL_ID=18571&URL_DO=DO_TOPIC&URL_SECTION=201.html
Keywords: Nushu:  http://keywords.oxus.net/archives/2004/02/29/much-ado-about-nushu-an-invited-post/
Anne E. McLaren: Nushu Narratives:  http://wwwsshe.murdoch.edu.au/intersections/back_issues/nushu2.html
Nushu:  http://www.crystalinks.com/nushu.html

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