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Wer Entscheidungen trifft

by Quelle: anschlaege.at feministisches Magazin - 07.01.2005 19:07

Die feministische Ökonomin Mascha Madörin hielt anläßlich der Präsentation des Buches "Frauen und Ökonomie" einen Vortrag in Wien. Bettina Haidinger und Jutta Sommerbauer baten sie zum Gespräch.

In Ihren Arbeiten beschäftigt sich Mascha Madörin seit langem mit Entwicklungsökonomie und dem internationalem Finanzsystem. Durch die rasante Entwicklungsdynamik der Finanzmärkte und die internationalen Proteste bekommen ihre feministischen Analysen verstärkte Aktualität.
 

an.schläge: In den letzten Jahren haben die Proteste gegen Finanzinstitutionen international zugenommen. In Seattle und Prag kam es sogar zum Shutdown der WTO- bzw. IWF/Weltbank-Konferenzen. Welche Formen sollen Proteste annehmen?

Mascha Madörin: Es muß auf verschiedenen Ebenen laufen. Wenn man sich das multilaterale Abkommen über Investitionen (MAI) ansieht, sind solche globalen Protestformen sehr wichtig, um bestimmte Entscheide zu verhindern. Aber welche positiven Entscheide gefällt werden, wie die Definitionsmacht darüber aussieht, ist eine andere Frage. Das ist der schwierige Punkt. Ich habe die Schuldenstreichungsdebatte seit Mitte der 80er Jahre verfolgt, wo es ja bereits totale Streichungsforderungen gab. Dann haben Nord-NGOs die Verhandlungsregie übernommen und good governance-Geschichten durchgesetzt. Süd-NGOs hatten überhaupt nichts mitzureden, was nun good governance sei. Verhinderungspolitik halte ich unter heutigen Bedingungen für sehr wichtig. Aber auch Forderungen für Umstrukturierung. Da fände ich die Tobin-Steuer wichtig. Und daß die Finanzsysteme entschädigungspflichtig werden.
Zum Neoliberalismus stellt sich auch die Frage, was die Alternative dazu ist. Alle Utopien bis in die 70er Jahre sind eigentlich geldlose Utopien gewesen; ich glaube, daß die Zukunft eher die Frage aufwirft: Was heißt es, alternativ mit Geld umzugehen? Wie beinhaltet diese Rechnung Zeit, wie zwischenmenschliche Beziehungen?

Was haben die Proteste in Seattle und Prag Ihrer Meinung nach konkret geleistet?
Ich nenne die Proteste Atmosphärenpolitik, Klimapolitik. Sie versuchen, Einfluß auf das politische Klima zu erlangen - und haben durchaus Einfluß auf das Verhalten von Börsenmärkten. Der Finanzsektor ist extrem empfindlich auf eine diffuse Klimapolitik und dieses Sinnlich-Machen. Daß Regierungen keine solchen großen Konferenzen mehr beherbergen wollen, hat Einfluß in dem Sinn, daß sie wissen "so geht es nicht weiter." Aber mit Widerstand allein ist noch nicht klar, was die Regierungen mit IWF und Weltbank entscheiden sollen. Das ist das Problem der NGOs: In Bezug auf die Forderungen besteht keine Einigkeit. Einige wollen IWF und Weltbank abschaffen, das halte ich für einen Unsinn. Die ganz Moderaten wollen nur bessere good governance. Da herrscht ein Riesenchaos in den Debatten in den internationalen NGO-Netzwerken. Es wird noch sehr viel diskutiert werden müssen.
Für mich gibt es noch eine andere Frage: Sind die Formen des Widerstands, die Frauen wählen, wählen können, die selben wie die von Männern? - Ich behaupte, daß Frauen die Möglichkeiten, die sie qua ihrer sozialen Rolle haben, nicht genügend ausschöpfen. Für mich ist die Geschlechterfrage wichtig - die Wirtschaft ist nicht geschlechtsneutral. Sozialprestige ist stark männlich konnotiert, Erfolg auch. Folglich wären auch die Widerstandsformen, mit denen Frauen was erreichen können, nicht die selben wie bei Männern. Wie wirkt es also, wenn es Frauen tun? Ist es dasselbe, wie wenn Frauen und Männer es zusammen tun?

IWF und Weltbank behaupten heute, daß sie - genau wie ihre GegnerInnen auch - die "Armut bekämpfen" wollen.

Das ist neu. Der große Kampf heute geht um die Definitionsmacht - wie wird das erreicht? In den 80ern hieß es: "Das ist nicht unser Bier. Unser Bier sind Währungsstabilität und Zahlungsbilanz." Daß sie sich auf so eine Debatte einlassen, war vor 15 Jahren undenkbar. Damals hieß es: "Unsere Politik ist die Voraussetzung für Armutsbekämpfung. Vorübergehend kann es sein, daß sich die Armut vergrößert, aber anders ist es nicht möglich."
Aber wenn man sagt, "Eure Politik produziert Armut!" und sie sagen: "Wir wollen aber keine produzieren", dann ist das ein ganz neuer Diskurs. Da hat sich etwas verschoben. Jetzt muß man definieren, was das ist: Armut abschaffen.

Wenn es nun von staatlicher Seite zu einem Abbau von Sozialleistungen kommt, werden diese ins Private gedrängt und mehrheitlich Frauen als unbezahlte Betreuungsarbeit aufgebürdet. Gleichzeitig werden Frauen seit längerem zunehmend in den Arbeitsmarkt integriert, wenn auch an den Rändern. Der "männliche Ernährer" kann immer weniger vorausgesetzt werden. Aufbürdung und Integration - ist das ein Widerspruch?

Im Fordismus und Wohlfahrtsstaat - dem sozialdemokratischen Projekt der Nachkriegszeit im Nordwesten; im Süden gab es ja schon immer Formen des Neoliberalismus! - wurde säuberlich getrennt zwischen dem Ökonomischen, dem Politischen und dem Sozialen; das hat auch die Wirtschaft anerkannt. Neoliberalismus heißt nichts anderes, als das Projekt der ökonomischen Entscheidungen auch auf andere Bereiche auszudehnen. Die linke Wohlfahrtsstaats-Debatte wird so geführt, als ob die unbezahlte Arbeit, die ein großer Teil der Care Economy ist, kein wesentlicher Punkt wäre.
Aus feministischer Sicht können wir aber heute sagen: Es gibt zwei Wirtschaftssektoren, den Sektor der bezahlten und den der unbezahlten Arbeit. In der Schweiz etwa sind 7% dieser Arbeitsstunden ehrenamtliche Arbeit und Nachbarschaftshilfe, also unbezahlte Arbeit außerhalb des Haushalts, und 93% Arbeit im Haushalt.

Der Begriff Care Economy - im Unterschied zur Subsistenzökonomie, wie sie die Bielefelderinnen definiert haben - geht davon aus, daß alle Menschen zeitweilig abhängig sind und die Sorge um diese Menschen ein zentraler Bestandteil des Lebensstandards ist. Care wird zu einem Großteil als unbezahlte Arbeit geleistet - größtenteils von Frauen - und zu einem anderen wichtigen Teil vom Staat - auch vorwiegend von Frauen - und zu einem gewissen Teil in der Privatwirtschaft - ebenfalls von Frauen. Für eine Neoliberalismus-Debatte wäre zu analysieren: Was passiert da in der Care Economy?

Es passiert nämlich etwas Elementares mit dem Lebensstandard von Frauen und Männern. Insofern ist das gar nicht so ein großer Widerspruch: Nach einer EU-Umfrage sind etwa 60% der erwerbstätigen Frauen, die voll- und teilzeitbeschäftigt sind, also nicht in prekären Arbeitsverhältnissen stehen, zu mehr als der Hälfte für die Finanzierung des Haushalts zuständig. Wir müssen den Haushalt, wie auch den Staat und Teile der Privatwirtschaft, als einen Ort der Produktion von Care analysieren. Ich brauche Geld, um überhaupt unbezahlt arbeiten, die Wohnung zahlen und kochen zu können. Ökonomisch gesehen verdiene ich die Betriebskosten, damit ich dann als Hausfrau tätig werden kann.
Ich behaupte, daß das große ökonomische Problem heute ist, daß irre Ressourcen aus der Care Economy abgezogen werden. Konkret: Die Arbeitsbelastung von Frauen steigt, sie arbeiten mehr und werden häufiger erwerbstätig - gleichzeitig müssen sie auch die unbezahlte Arbeit leisten.

 http://www.anschlaege.at/0101text1.html

Mascha Madörin: "Ich behaupte, daß das große ökonomische Problem heute ist, daß irre Ressourcen aus der Care Economy abgezogen werden. Konkret: Die Arbeitsbelastung von Frauen steigt, sie arbeiten mehr und werden häufiger erwerbstätig - gleichzeitig müssen sie auch die unbezahlte Arbeit leisten."

Zum Weiterlesen:
Birge Krondorfer und Carina Mostböck (Hg.): Frauen und Ökonomie. Geld essen Kritik auf. Promedia Verlag 2000, ats 248,-
Isabella Bakker: The Strategic Silence Gender and Economic Policy. Zed Books 1994
Mascha Madörin: Robinson Crusoe. In: Boudry/Kuster/Lorenz: Reproduktionskonten fälschen! Heterosexualität, Arbeit & Zuhause. b_books 2000 (2. Aufl.)

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ADDITIONAL INFORMATION

 

Anschläge Ausgabe Dez. 2000/ Januar 2001
korrigierter link 11.03.2007 15:59


 http://www.anschlaege.at/2006/1200text1.html