Kollektives Widerstandslernen organisieren!by - 16.03.2005 16:15 Um kritisches Lernen möglich zu machen muss man die in einer Universität vorgefertigten Denkmuster verlernen, meint Frigga Haug in "Die Unruhe des Denkens nutzen". Wir sollen also Strukturen und Gewohnheiten neu denken - und in diesem Sinne ist "verlernen" nicht als "vergessen" gemeint, sondern als aktiver Prozess. -
Eva Egermann
Die Kommerzialisierung bzw. Ökonomisierung aller Lebensbereiche und speziell der Bildung erleben wir auch in Österreich verstärkt seit der Diskussion um GATS (General Agreement on Trade in Services) und dem neuen Universitätsgesetz. Bei Protesten gegen diese Ökonomisierung der Bildung hat man sich aber bisher hauptsächlich mit dem Versuch begnügt, verschiedene Teile des fordistischen Bildungsmodell zu bewahren und in das neue System zu retten, während ein genereller Diskurs oder eine grundsätzliche Infragestellung der Universität bzw. der Bildungsinstitutionen nicht wirklich stattgefunden hat. Welche Alternativen wären zu einem neoliberalen Bildungssystem denkbar und welche gegenhegemonialen Praxen könnten im Bildungskontext entstehen? Die Kritische Universität von 1968 war beispielsweise der Versuch eine solche Alternative aufzubauen, wobei den Lehrinhalten und -Formen, die man von den Bildungsinstitutionen vorgesetzt bekam, grundsätzlich die Akzeptanz verweigert wurde. Entsprechend wurden nicht nur die Inhalte, sondern auch die Formen der Lehre im Rahmen der Kritischen Universität selbst organisiert. Die raffinierte neoliberale Universitätsreform, die du beschrieben hast, schreitet allerdings unheimlich schnell voran. Ich war etwa ein Semester lang in Kanada und als ich zurückkam, kannte ich meine Universität nicht mehr. Die Leute an der Uni sprachen plötzlich alle anders. Sie sprachen von Leistungsberichten, Profilen, Erfolgen, die gemessen werden könnten, und von Qualitätsmanagement. Ich wusste nie genau, was sie damit meinen. Wenn man diese Entwicklungen aber allgemein betrachtet, wird man immer sehr schnell hilflos, weil man dann versucht, irgendwelche Bestände zu retten, die man eigentlich gar nicht retten wollte. Derzeit gibt es bei uns zum Beispiel diesen Evaluierungsbogen, in dem die Studierenden befragt werden, wie die Lehre aussehen soll. Dabei vermittelt dieser Evaluierungsbogen ein Scheinversprechen: Scheinbar dürfen die Studierenden nun mitbestimmen - eigentlich eine alte Forderung. In diesen Fragebögen findet man allerdings beispielsweise Erhebungen nach dem Motto: „Ist der/die Lehrende auf dem neuesten Stand?“ „Bringt er/sie neue Medien in den Unterricht mit ein?“ Wenn man das beantwortet, so erscheint ein Bild von Lehrenden und Studierenden als Produkte der neoliberalen Reform. Es erscheinen einerseits diese smarten Lehrenden, die immer „E-learning“ machen und „Powerpoint Presentations“, die Englisch sprechen - und andererseits Studierende, die den Anspruch auf Seminare erheben, die wie eine Fernsehshow aufgebaut sind. Das alles sollen die Studierenden nun „mitbestimmen“ und mit Ihren Stimmen würde das dann durchgesetzt werden. Das ist eine raffinierte partizipative Methode, mit der sich die Studierenden selbst ein Bein stellen. Denn, wir können die Universitätsreform die so durchgesetzt werden soll ganz leicht als leistungs- und wirtschaftssorientiert entziffern. Sie legt sämtliche humanistische Bildungsvorstellungen ab. Stattdessen geht es darum, wie man in dieser Gesellschaft am Besten funktioniert. Ich glaube, man muss dagegen alle Punkte dieser Universitätsreform genau hinterfragen und analysieren: „Wie machen sie das?“ Die von dir angesprochene gegenhegemoniale Strategie bestünde schließlich darin, daran zu arbeiten, damit ihre Gleichung nicht aufgeht und die Kette unterbrochen wird. Es gibt kein Wissen, welches nicht mit Klassen und Klassenkämpfen verbunden wäre. Infolge dessen ist ja das, was ich auf der Uni vermitteln möchte, eher die Möglichkeit, sich auf diesem Terrain zurechtzufinden und zu bewegen. Wenn die Studierenden meinen: „Die Uni ist kein Lebensraum mehr. Man möchte das Studium ganz schnell hinter sich bringen“, dann bleibt dennoch die Frage, wie könnte man die Zeit nutzen, um dabei Lust auf Weltaneignung und Widerstand zu wecken. Stellt sich dann nicht eher die Frage, warum man das in einer Institution macht und sich nicht selbst autonom organisiert? Das ist eine nützliche Frage. Man unterläuft dann ja eine Menge Widersprüche, indem man sich eigene Strukturen schafft. Solange ich gelehrt habe, habe ich damit gekämpft, Studierende auszubilden, in dem Bewusstsein, dass sie mit ihrem Studium keine Perspektive haben. Wie macht man das? Wie kriegt man eine Lust am Lernen auch ohne Karriere-Perspektive? Ich denke, man kommt gar nicht darum herum, das ganze als eine Art kollektives „Widerstandslernen“ zu organisieren - oder auch als „gegenhegemoniale Praxis“ zu hegemonialen neoliberalen Bildungsvorstellungen. Diese gegenhegemonialen Praxen orientieren sich gar nicht so sehr an schwierigen, sondern an umwälzenden Gedanken. Der italienische Theoretiker Antonio Gramsci ging davon aus, dass eigentlich jeder Mensch Philosoph ist, da jede/r sich eine Weltanschauung bastelt. Das passiert automatisch. Man muss nicht etwa Hegel lesen und danach ist man Hegelianer. Vielmehr bastelt man sich im Alltag eine Weltanschauung. Und Gramsci meint nun, dass die Anstrengung von allen Menschen darauf gerichtet werden muss, diese Weltsicht so zu gestalten, dass sie die Welt als veränderbar begreifbar macht und sich selbst dabei als Veränderer. Wir sind Mitglieder dieser Gesellschaft, die ohne uns nicht läuft. Das heißt, wir machen diese Gesellschaft und sind auch an ihren Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnissen beteiligt. Sie haben in Berlin die sogenannte Volksuni mitgegründet. Wie kam es dazu und wie hat sich die Volksuni entwickelt? So wie bei Euch (der Manoa Free University Anm.) sollte es eine Art Gegenuniversität sein, aber in gewissem Sinne eine „Universität fürs Volk“. Es gab den Anspruch, dass alle Schichten und auch alle Bewegungen daran beteiligt sind. Die sozialen und politischen Bewegungen selbst waren Mitveranstalter. Es gab verschiedene Ressorts: Feministinnen, Lesben und Schwule, MigrantInnen, Gewerkschaften, KünstlerInnen. Die machten alle ihre eigenen Veranstaltungen. Dementsprechend gab ein richtig dickes Vorlesungsverzeichnis. Die Volksuni war unglaublich erfolgreich - am Anfang kamen etwa 3.000 Leute. Das Modell haben wir aus Schweden übernommen und in Berlin ausgebaut. Die Leute kamen von überall aus der Provinz angereist. Es war für viele wie ein kathartisches Erlebnis, wo man Kraft bekam und dann wieder zurück ging und Dinge neu dachte. Wir haben das 19 Jahre lang gemacht. Einmal im Jahr, zu Pfingsten, 3 Tage lang. Es war unglaublich arbeitsintensiv, so dass man in eine Art Dämmereuphorie gefallen ist. Man kam überhaupt nicht mehr aus dem Diskutieren heraus. Von morgens bis abends, eine Veranstaltung nach der anderen, mit nur einer Viertelstunde Pause. Es war sehr schön und sehr anstrengend. In dem Buch „Die Unruhe des Denkens nutzen“ sprichst du von einem Lernkollektiv, welches notwendig ist, für einen Prozess, in dem „die Unruhe des Denkens“ für Bewegung genutzt werden kann. Inwiefern ist Wissensproduktion und Lernen ein kollektiver Prozess - und wie sieht so ein Lernkollektiv aus? Was man unbedingt hinbekommen muss ist, dass die Menschen nicht gegeneinander, sondern zusammen lernen und darüber hinaus die Lernkollektive zusammenarbeiten. Solche Kollektive sind in unserer Gesellschaft eigentlich fast so etwas wie ein utopischer Anachronismus. Sie funktionieren nämlich dann, wenn die, die aufbrechen, zu einem gemeinsamen Ziel unterwegs sind. Dann, wenn sie ein gemeinsames Projekt haben, funktioniert das Kollektiv. Dann ist es wie fliegen. Nun haben aber die Studierenden in diesen entfremdeten Lernstrukturen üblicherweise kein gemeinsames Projekt. Diese Gesellschaft funktioniert so, dass immer dann, wenn einer gewinnt, einer verliert und immer wenn einer verliert, andere gewinnen. Wenn ihr eine Gegenuni aufbaut, dann ist das die Schlüsselfrage: Wo ist das gemeinsame Projekt? Ein Ziel, zu dem ihr alle wollt. Es muss ein gemeinsames Projekt geben. Am Besten ist es eines von Gesellschaftsgestaltung. Dann ist es nachhaltig. Gesellschaft kann man auch im Kleinen gestalten. Im Neoliberalismus bilden sich pervertierte Formen dieser kollektiven Prozesse heraus – als wichtige skills für Management und Wirtschaft. Das verdeutlichte etwa kürzlich ein Artikel in der österreichischen Wirtschaftszeitschrift „Trend“. Unter dem Titel „Werden Sie zum Beziehungsbroker“ wurden 10 Tipps für den perfekten „Networker“ gegeben. Es ging darum, wie man strategisch wichtige Netzwerke und Beziehungen aufbaut und damit zum Beziehungshändler für andere wird. Wie können sich emanzipatorische, feministische, kollektive Projekte davon abgrenzen? Dein Beispiel beschreibt anschaulich, was Gramsci eine „passive Revolution“ nennt. Wenn nämlich umkämpfte Positionen - wie zum Beispiel Kollektivität, Selbstbestimmung oder auch nicht hierarchische Netzwerke-, „von oben“ aufgenommen und integriert werden in eine Herrschaftsstrategie. Die entsprechenden Positionen werden jetzt zwar „von oben“ definiert und haben entsprechend auch ihr Gesicht verändert, sind aber dennoch als Inhalte und Formen erkennbar, die einst mit Hoffnung besetzt waren. Die entsprechende Auseinandersetzung müsste sich nun darum drehen, diese Formen so zu besetzen, dass die Schrecklichkeiten, die sie in neoliberalen Unternehmungen bedeuten, ausgeschlossen sind. Wenn zum Beispiel bei Gruppenarbeit mit flachen Hierarchien das Ziel ist, „Wie verdient unsere Gruppe am meisten Geld?“, dann ist die Sache für die einzelnen Mitglieder der Gruppe, die ein wenig schwächer sind, praktisch schon gelaufen. Frauen mit Kindern oder auch Behinderte sind dann völlig abgehängt. Beim rotgrünen Arbeitsmarktreform-Guru Peter Hartz heißt das, „die, die nicht die nötige Grundgeschwindigkeit zum Take off haben“, die sind draußen. Dabei rechnen Hartz, Schröder & Co. mit 10 % „Ausfall“ - und das ist unglaublich zynisch durchdacht. Ihr müsst mal die Frage genau studieren, „Was erwarten sie von funktionierenden Menschen?“ - dann kriegt man auch raus, wie man dagegen arbeiten kann. Wir müssen uns einmischen, in die Auseinandersetzung darum, wer wir sein wollen! Was für Menschen wollen wir sein und wie wollen wir funktionieren? Wollen wir ganz furchtbar viel Geld verdienen? Wollen wir fit, flexibel und fantastisch sein? Und wenn nein, wie wollen wir dann sein? Die Energie, die in die Anpassung an das neoliberale Menschenbild investiert wird, müsste umgelenkt werden in Widerstand - und das geht, wenn man die herrschende Klasse und Ihre Intellektuellen genau studiert. ----- * Frigga Haug wirkte und lehrte als Professorin an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik. Sie ist Mitherausgeberin der Zeitschrift Das Argument, Redakteurin des Historisch-Kritischen Wörterbuchs des Marxismus und Herausgeberin des Historisch-Kritischen Wörterbuchs des Feminismus. Ausstellung "W...WirWissen" Im Rahmen der Manoa Free University findet die Ausstellung mit dem Titel "W...WirWissen" vom 23. März bis 23. April in der Kunsthalle Exnergasse in Wien statt. Das Projekt W...Wir Wissen untersucht kollektive Wissensproduktion im künstlerischen Feld. Bildung und Wissen stehen im Zentrum der heutigen kapitalistischen Produktionsverhältnisse und sehen sich mit ihrer strukturellen wie inhaltlichen Ökonomisierung konfrontiert. W...Wir Wissen sucht nach möglichen Alternativen und präsentiert und vernetzt emanzipative Praktiken der Wissensproduktion und Recherche im Kunstkontext. Das Projekt wird kollektiv organisiert von KünstlerInnen und Studierenden verschiedener Universitäten in Zusammenarbeit mit lokalen sowie internationalen Kollektiven und Studierendenvertretungen. Weitere Informationen entnehmt bitte unserer Website: http://manoafreeuniversity.org/w...wirwissen/
oder dem Online-Dokumentation des Organisationsprozesses unter: http://www.manoafreeuniversity.org/oh_know!
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