Globalisierung aus feministischer Perspektiveby - 08.06.2005 20:23
1. Bridging the Gap - Schwerpunkte bisheriger feministischer Globalisierungsdebatten 2. Globalisierung - die Weiterentwicklung feministischer Analyseperspektiven 3. Was bringt das vorliegende Heft Neues? 1. Bridging the Gap - Schwerpunkte bisheriger feministischer Globalisierungsdebatten Seit dem Zusammenbruch des Realsozialismus und dem Ende der Ost-Westkonfrontation ist allerorten eine Beschleunigung gesellschaftlicher, ökonomischer, politischer und kultureller Transformationen zu diagnostizieren. Das Ende der Systemkonkurrenz verhalf jener Ideologie zu einem hegemonialen Status, die sich unter dem Namen Neoliberalismus von zentralen Ideen des politischen Liberalismus (vgl. Rawls 1998) abgekoppelt hat. Die mit dieser Ideologie einhergehende Liberalisierung der globalen Finanz- und Warenströme einerseits, die politische und militärische Hegemonie der USA sowie die Entstehung eines europäischen Mehrebenensystems andererseits sind zu bestimmenden Momenten europäischer und außereuropäischer Politik geworden. Gemeinsam mit der rasanten Weiterentwicklung von Technologien, die auf eine Komprimierung von Raum und Zeit abzielen, haben diese Entwicklungen die Grundlagen nationaler Politik radikal transformiert und neue Kontexte des Politischen geschaffen. All diese Wandlungsprozesse werden unter den Catch-all-Begriff "Globalisierung" subsumiert, ein ohne Zweifel opakes Konzept, das präzisiert werden will und in diesem Heft auch soll. Frauenpolitisch fallen die Einschätzungen dieser "globalen" Transformationsprozesse ambivalent aus. Gilt es beispielsweise, angesichts der neoliberal verordneten Entgrenzung und Deregulierung des Marktes den (patriarchalen) Sozialstaat frauenpolitisch zu verteidigen? Oder bietet Globalisierung möglicherweise eine Chance, typische Männlichkeitsmuster der westlichen Industriegesellschaften zu entprivilegieren oder gar aufzulösen und damit mehr Geschlechtergerechtigkeit zu ermöglichen? Werden jene Länder und Bevölkerungsgruppen, werden jene Frauen, die im globalen Wettbewerb nicht mithalten können, endgültig "abgekoppelt"? Oder eröffnet globale FrauenMenschenrechtspolitik neue Handlungsoptionen? Diese Fragen kulminieren in der Überlegung, welche Bedeutung Geschlecht unter den Bedingungen von Globalisierung zukommt bzw. ob Geschlecht weiterhin eine strukturbildende Kategorie - wie dies für die Nationalstaaten des 20. Jahrhunderts analysiert wurde - bleiben wird. Feministische WissenschafterInnen haben in den vergangenen Jahren den maskulinistischen Bias der Globalisierungsdebatten hinterfragt und die aktuellen Transformationen geschlechterkritisch "nachgearbeitet" (vgl. u.a. beiträge 1998; Globalisierung und Gender 1998; Jessop 1998; Klingebiel/Randeria 1998; Sassen 1998; Wichterich 1998; Sauer 1999; Leitner/Ostner 2000; Appelt/Weiss 2001). Quintessenz dieser Überlegungen ist es, dass Frauen im weltumspannenden Transformationsprozess zwar in spezifischer Weise betroffen sind, dass sie aber nicht nur "Folgegeschädigte" ökonomischen Raub- und sozialpolitischen Abbaus, nicht nur Opfer und Geopferte - nun im globalen Maßstab - sind. Der Globalisierungsprozess ist nicht automatisch frauendiskriminierend, wohl aber wird Geschlecht mobilisiert, und Frauen wie auch Männer werden als ökonomisch und politisch handelnde Subjekte neu verortet. Die Schwerpunkte der feministischen Globalisierungsdebatten der vergangenen Jahre lagen auf den Auswirkungen des Globalisierungsprozesses auf Frauen - zunächst vor allem in der Dritten Welt. Wie verändert sich die soziale und ökonomische Situation der "globalisierten Frau" - so der eingängige Titel des Bandes von Christa Wichterich (1998)? Die der neoliberalen Politik inhärente Tendenz, Menschen bzw. Personengruppen, die bereits mit Ressourcen ausgestattet sind, systematisch zu privilegieren ("frei für" etwas zu machen) und Menschen, die nicht auf Ressourcen zurückgreifen können, zu marginalisieren ("frei von" jeder Sicherheit bzw. jedem Rückhalt zu machen), treibt die Spaltungen zwischen und innerhalb der reichen wie der armen Gesellschaften voran. Die soziale Dimension von Citizenship wird abgehalftert - und dies erfolgt im Rahmen einer geschlechtsspezifischen Ressourcenmatrix. Die Durchkapitalisierung der Welt, so die Befunde feministischer Studien (vgl. z.B. Lachenmann 1998; Mohanty 1998; Wick 1998; Yoon 1998), macht Frauen in der Dritten Welt zwar "frei" zum Verkauf ihrer Ware Arbeitskraft, doch die Maßgabe einer Politik der Strukturanpassung und damit verbundene Informalisierungstendenzen verorten Frauen am unteren Ende der globalen hierarchischen Arbeitsteilung. Autonomie und Wohlstand bleiben einem kleinen Teil der Weltgesellschaft vorbehalten. Verordnete Strukturanpassung sieht keine Instrumente zur Herstellung von sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit vor. Die betroffenen Frauen sind in eine Parallelökonomie verwiesen, in der der Mangel vermarktet wird (vgl. den Beitrag von Tabitha Mulyampiti in diesem Heft). Doch auch der Umbau der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und der Geschlechterarrangements in den Industriestaaten wurde im vergangenen Jahrzehnt von feministischen Wissenschafterinnen analysiert (vgl. z.B. Stolz-Willig/Veil 1999; Appelt/Weiss 2001). Auch wenn die Zusammenhänge zwischen Globalisierung und der Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen zu komplex sind, um eindeutig kausal aufeinander rückführbar zu sein, weil der "Strukturwandel des Arbeitsmarkts ... in beträchtlichem Maße seiner eigenen Logik folgt" (Leitner/Ostner 2000, 40), so lassen sich doch zeitgleiche Trends der Flexibilisierung und "Entgrenzung" von Arbeit deutlich machen: Die Erwerbsgesellschaft transformiert ihre Grundlegungen in Hinblick auf globale Märkte. Und es zeichnet sich ab, dass es in diesem Transformationsprozess von Arbeitsmärkten Verliererinnen und Gewinnerinnen gibt (vgl. für die "Gewinnerinnen" McDowell 1997). Doch selbst wenn Frauen durchaus zu den GewinnerInnen dieser Entwicklungen zählen können, verschärft Globalisierung insgesamt die Tendenz zur Vergeschlechtlichung von Arbeitsteilung - auch der internationalen: Je formalisierter eine Arbeit ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass sie ein männliches ("weißes") Reservat bleibt; je informalisierter sie ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie von einer (nicht-"weißen") Reproduktionsarbeiterin erledigt wird. Standortpolitik als "nationale" Antwort auf die globalen ökonomischen "Erfordernisse" hat unmittelbare Folgen für die wohlfahrtsstaatlichen Arrangements. Auch hier muss freilich wieder vorsichtig formuliert werden: Kausalität wäre eine zu schlichte Perspektivierung des Zusammenhangs von Globalisierung und der Restrukturierung von Wohlfahrtsstaaten (vgl. Leitner/Ostner 2000, 40; Ganßmann 2001; Sauer 2001). Auch hier gilt: Der Neuentwurf von Sozialpolitik in westlichen Wohlfahrtsstaaten ist ein Aspekt von Globalisierung (vgl. auch Mechthild Veil in diesem Heft; Deppe 2001). Für dieses bereits "traditionelle" Feld feministischer Forschung liegen inzwischen Untersuchungen vor, die u.a. der Frage nachgehen, in wie weit Globalisierung einen "Angriff" auf Wohlfahrtsstaaten darstellt (so der Titel des Bandes von Appelt/Weiss 2001). Ein weiterer Aspekt feministischer Globalisierungsdebatten ist der globale Frauenhandel (vgl. u.a. Helwes 1998; Hanochi 1998). Die Durchlässigkeit von Grenzen und die größere Mobilität von Menschen hat nationale Prostitutionsmärkte globalisiert. Doch gerade in Bezug auf das Berufsfeld Prostitution muss Globalisierung im Zusammenhang mit nationalstaatlichen und militärischen Interessen bzw. sozialstaatlichen Kalkülen gesehen werden. Erst die Kombination von oft kriminellen Anwerbungsstrategien, erhöhter Mobilität und nationalstaatlicher Abschottung führt zu Informalisierung und Illegalisierung, die Frauen ohne Schutz der Ausbeutung und Gewalt preisgeben. Marginalisierung von Frauen, Gewalt gegen Frauen und Frauenhandel evozieren globale Gegenstrategien, eine reaktive Frauenbewegung also. Darüber hinaus stellt die Frage nach dem Stellenwert und dem Einfluss von Frauen in der internationalen Politik einen weiteren Schwerpunkt der feministischen Globalisierungsliteratur dar: Eröffnen Globalisierung und Internationalisierung, mithin die De-Nationalisierung von Politik neue politische Beteiligungsmöglichkeiten für Frauen und Frauenbewegungen? Konnte die internationale Frauenbewegung etwa durch die Weltfrauenkonferenzen ein Mehr an Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit erreichen (vgl. den Beitrag von Uta Ruppert in diesem Heft)? Die Realisierung von Mehrebenensystemen im europäischen Kontext, die Herausbildung von "Governance-Strukturen" jenseits des Nationalstaates und die Entstehung neuer internationaler frauenbewegter Akteurinnen bilden neue Handlungskontexte für eine aktive feministische "Globalisierungspolitik" (vgl. u.a. Meyer/Prügl 1999; Holland-Cunz/Ruppert 2000), die durchaus Anlass für frauenpolitische Hoffnung gibt. 2. Globalisierung - die Weiterentwicklung feministischer Analyseperspektiven Die Aufgabe, die sich der Geschlechterforschung nun stellt, ist es, einen feministischen Pfad durch das neoliberale Globalisierungsdickicht zu schlagen und eine geschlechterkritische Sicht auf die Globalisierungsdynamik zu entwerfen, die sowohl die Marginalisierung sichtbar macht als auch die Handlungspotenziale und Handlungsoptionen von Frauen entbergen hilft. Methodologisch ist damit eine Entviktimisierung von Frauen verbunden. Dies bedeutet freilich nicht, naiv davon auszugehen, dass Frauen in der Ära der Globalisierung nicht länger diskriminatorischen maskulinistischen Praxen ausgesetzt wären. Es geht vielmehr um eine handlungsorientierte Überschreibung maskulinistisch-strukturkonservativer Deutungsvarianten globaler Transformationen. Ein solches Konzept will die Geschlechterarrangements in den Blick nehmen, die den Globalisierungsprozess begleiten, abfedern und überhaupt erst ermöglichen. Es sollte dann aber auch Differenzen und Konflikte zwischen Frauen im Zuge der Reformulierung von Gesellschaft, Ökonomie und Politik thematisieren. In einer ersten Annäherung an ein solches Globalisierungskonzept lässt sich sagen, dass die Ablösung des fordistischen Arrangements durch neoliberale Globalisierung ganz sicher keine Transformation jenseits der Geschlechterhierarchie ist, die dann auf Geschlechterverhältnisse bloß einwirkt. Vielmehr ist neoliberale Globalisierung gerade insofern ein immanent vergeschlechtlichter Prozess, als er sich durch eine Nicht-Thematisierung von Geschlechterverhältnissen, auf denen er beruht, auszeichnet. Nicht-Thematisierung von Geschlechterhierarchie, das Unsichtbarmachen geschlechtsspezifischer Lebenswelten, zielt letztlich auf die Zerschlagung der institutionellen Abfederung frauenfördernder Maßnahmen ab und privatisiert das Risiko "Frau zu sein". Globalisierung erfolgt in einem geschlechtlich kodierten gesellschaftlichen Raum und ist gleichzeitig ein politisch hergestellter Prozess sowie eine soziale Praxis, die diese Prämisse verschweigt. Der Begriff des "Diskurses" soll diese Hergestelltheit deutlich machen: Neoliberalismus, Flexibilisierung, Deregulierung, Verschlankung des Staates, Standortsicherung sind nur einige der Codewörter dieses hegemonialen Diskurses. Globalisierung ist also nicht eine bloß ökonomische Entwicklung, sondern ein Set politischer, ökonomischer und kultureller Transformationen, die sich als unaufhaltsam, als unabwendbar präsentieren (Marchand 1996, 597). Globalisierung bildet mithin ein Denk- und Wahrnehmungsmuster, das tief in den Köpfen und Körpern der Menschen verwurzelt ist, das die Welt erklärt und zugleich politische Lösungen präfiguriert. Als Denk- und Wahrnehmungsmuster beeinflusst und bestimmt Globalisierung auch soziale und politische Praxen, in denen Menschen ihre Identitäten und Interessen (re-)produzieren sowie neue Normen und Institutionen ausbilden (Brodie 1994, 52). Wie jeder neue Diskurs desartikuliert und entwertet Globalisierung alte Formationen und konstruiert neue "Notwendigkeiten". Der Globalisierungsdiskurs rahmt die aktuellen Transformationsprozesse in einen ökonomistischen, wettbewerblichen und effizienzbezogenen Horizont. Eben dieser neue Ökonomismus führt zu einer mechanistischen Sicht von Globalisierung, die vergeschlechtlichte Akteure nicht wahrzunehmen vermag. Sind den neoliberalen Theoretikern und Praktikern Ökonomie und Markt geschlechtsneutral, so dominiert bei linken Kritikern neoliberaler Globalisierung die funktionalistische Sicht, aktuelle Transformationen im Alltag von Frauen seien schlicht Folgen ökonomischer Globalisierung. Tatsächlich deutet vieles darauf hin, dass Globalisierungsdiskurse ökonomische, soziale, politische und symbolische Räume auf lokaler, nationaler und transnationaler Ebene völlig neu konfigurieren. Das neue Verhältnis von Individuum, Raum und Zeit hat eine Individualisierung bzw. Entkollektivierung zur Folge (Held/McGrew 1993, 263) und lässt mithin neue geschlechtsspezifische Individualisierungs- und Politisierungsformen entstehen. Eine solche Konzeptualisierung eröffnet eine Sicht darauf, wie institutionelle Praxen Geschlechterverhältnisse im globalen Restrukturierungsprozess produzieren, wie aber auch Geschlechteridentitäten, d.h. Konfigurationen von Weiblichkeit und Männlichkeit den globalen Restrukturierungsprozess "vermitteln". Diese Prozesse eröffnen auch die Chance, dass sich neue Geschlechteridentitäten und neue Geschlechterverhältnisse herausbilden, weil Globalisierung - wie alle hegemonialen Diskurse - eine Umbildung des Alltags und die Neuregelung der Zusammenhänge sozialer Erfahrung impliziert. Zwar befinden wir uns derzeit in einer Phase des Übergangs, denn die Transformation der Nachkriegsordnung ist ein unvollendetes Projekt mit ungewissem Ausgang. Doch der "Transitraum" ist nach wie vor durch die vergeschlechtlichte Architektur der Moderne geprägt, und vieles spricht auch in den vorliegenden Beiträgen dafür, dass es sich bei der Globalisierung um ein maskulinistisches Projekt bzw. um eine "phallozentrische(n) Restrukturierung" (Brodie 1994, 48) handelt. Was heißt dies? Globalisierung ist erstens ein Projekt ökonomischer und politischer Eliten, die nach wie vor Männereliten sind. Mit Marianne Marchand (1996, 586) kann man von zwei zeitgleichen geschlechtssegregierten Globalisierungsprozessen sprechen, von einem maskulinistischen Globalisierungsprozess der "high-tech world of global finance, production, and technology" und einem feminisierten Globalisierungsprozess der "menial economy of sexualized, racialized services". Der feminisierte Globalisierungsprozess ist gewissermaßen das "privatisierte Andere" des maskulinisierten. Zweitens beseitigt der Globalisierungsdiskurs die sedimentierte Geschlechterasymmetrie des Keynesianismus bzw. der fordistischen Ordnung nicht prinzipiell, sondern stellt sie - in flexible Module aufgelöst - wieder her. Der ökonomische und politische Restrukturierungsprozess "naturalisiert", d.h. entpolitisiert Geschlechterungleichheit, um sie als Ressource noch effizienter ins Kalkül ziehen zu können. Damit ist jedoch gesichert, dass Geschlechterverhältnisse Herrschaftsverhältnisse bleiben. Drittens ist mit der Aufwertung des Privaten eine Neubestimmung des politischen Raumes, d.h. eine Remaskulinisierung politischer Öffentlichkeit und politischer Institutionen verbunden. Ökonomismus und Vergötzung von Privateigentum, Fetischisierung von Privatinteressen bedeuten jedoch eine drastische Einengung des Gestaltungsspielraums für feministische Politik. Der politische StaatsbürgerInnenstatus, an den in den Nachkriegsjahrzehnten verstärkt soziale Rechte angeknüpft wurden, wird seiner sozialen Komponente wieder entkleidet: Politische StaatsbürgerInnenschaft wird redimensioniert, individualisiert und hängt zunehmend von Faktoren wie Bildung, Einkommen und regionaler Herkunft bzw. Mobilität ab - Ressourcen, die nicht zuletzt entlang einer Geschlechterlinie verteilt sind. Die Politik neoliberaler Restrukturierung kann insofern als eine "politische Revolution" (Brodie 1994, 55) bezeichnet werden, als sie die Koordinaten des Politischen neu bestimmt. Politische Räume werden neu verhandelt, ja ein neuerlicher Kampf um die Grenzen des Politischen ist im Gange. Die derzeitige Debatte um Globalisierung ist Ausdruck einer Krise des sozialen Paradigmas, in dem neue Identitäten entstehen und alte verschwinden bzw. in Frage gestellt werden. Kern der Formulierung eines neuen hegemonialen Paradigmas ist die Grenzverschiebung zwischen öffentlich und privat (vgl. auch Eisenstein 1997, 142f.): Der Markt expandiert, öffentlich-staatliche Räume schrumpfen und werden bis zur Unkenntlichkeit privatisiert bzw. dereguliert, während Familie und Privatheit zugleich entgrenzt werden. Auf diesen Grenzverschiebungen - allesamt zentrale geschlechtsspezifische Institutionen der Moderne - ruht nun die geschlechtsspezifische Grammatik des derzeitigen Restrukturierungsprozesses auf. Zu den wichtigsten Grundlagen des fordistischen Regulationsregimes bzw. des keynesianischen Wohlfahrtsstaates zählten Normalitätsannahmen über Arbeitsverhältnisse und Familien. Beiden waren normalisierende Geschlechterannahmen immanent, die männliche Praxen privilegierten: Jenes Familienmitglied, das lebenslang und kontinuierlich vollerwerbstätig ist und mithin einen höheren Familienlohn erwirtschaftet - das männliche Familienmitglied -, wird von Reproduktionsarbeiten befreit. Das reproduktiv arbeitende, in der Regel weibliche Familienmitglied bleibt ökonomisch abhängig; Frauenerwerbstätigkeit wird als zeitweilige Zuarbeit konzipiert. Beide "konstitutiven Normalitätsannahmen" des Fordismus waren bereits durch den Wohlfahrtsstaat der siebziger und achtziger Jahre modifiziert und "brüchig" geworden (Butterwegge 1997, 38). Heute werden sie grundlegend rekonfiguriert. Damit erodiert aber eine der wichtigsten Voraussetzungen des europäischen Wohlfahrtsstaatsmodells, nämlich die lebenslange, kontinuierliche (männliche) Erwerbsarbeit, die institutionell und gestützt auf Geschlechterideologie von reproduktiven Arbeiten entbunden ist. Das geschützte Segment männlicher Vollerwerbstätigkeit wird ebenso entgrenzt wie die festgefügten Familien- und Reproduktionsarbeitsverhältnisse. Deshalb erscheint das Vexierbild aktuellen Wandels als "Feminisierung" der Erwerbsarbeit im dreifachen Sinn: "Feminisierung" meint erstens die steigende Zahl erwerbstätiger Frauen. Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik der siebziger und frühen achtziger Jahre schufen Voraussetzungen für die Zunahme weiblicher Erwerbsarbeit und sie machten Erwerbstätigkeit zum selbstverständlichen Bestandteil des weiblichen Lebenszusammenhangs. "Feminisierung" bedeutet zweitens eine Prekarisierung und Informalisierung von Arbeitsverhältnissen, also die Zunahme diskontinuierlicher Erwerbskarrieren, ungeschützter Arbeitsverhältnisse, nicht-existenzsichernder Teilzeitarbeit und befristeter Arbeitsverträge (vgl. für Österreich Tálos 2000, 27). "Feminisierung" von Erwerbsarbeit bedeutet drittens eine Absenkung des Lohnniveaus auf das von Frauenarbeit - also von "Zuarbeit". Die gleichzeitige Tendenz zur Lohnspreizung führte freilich dazu, dass sich die Schere zwischen Durchschnittslöhnen von Männern und Frauen in den vergangenen Jahren in den Industrieländern kaum geschlossen hat, ja in Österreich ist der Einkommensunterschied bei durchschnittlich 31 Prozent zementiert (Schlager 1999, 55). Frauen werden zur "Dritten Welt in der Dritten Welt und in der Ersten Welt"; sie zählen überall zu den Billigarbeiterinnen (Eisenstein 1997, 147). Schlecht ausgebildete Frauen und MigrantInnen werden in einem miserabel entlohnten und unsicheren Erwerbsarbeitssegment ghettoisiert, während gleichzeitig gut ausgebildete Frauen in weltmarktgängige, hochqualifizierte und hochdotierte Jobs, wenn auch durch eine gläserne Decke gebremst, Eingang finden. Als Fazit lässt sich festhalten, dass der formale und der informelle Arbeitsmarkt sich längst miteinander verschränken: Die formelle Ökonomie braucht zunehmend die informelle. Die Folge ist eine "Umverteilung" von Arbeit in dem Sinne, dass immer mehr Arbeit immer billiger verrichtet wird und dass immer weniger Menschen ein gesichertes Leben durch formelle Erwerbsarbeit führen können. Mit diesen Transformationen geraten auch überkommene Geschlechteridentitäten und das stabilisierende zweigeschlechtliche System ins Wanken. Neue Differenzierungs- und Politisierungsstrategien werden entworfen und relevant: Ökonomische, soziale und Klassenunterschiede zwischen Frauen werden sichtbarer, und die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung wird kulturell und ethnisch überlagert. Männlichkeit kann sich nicht mehr vornehmlich über Vollerwerbstätigkeit bestimmen, Weiblichkeit nicht mehr allein aus der Zuständigkeit für die Reproduktion. Geschlechtergrenzen definieren sich in den verschränkten Ökonomien des globalen Neoliberalismus weniger über die Trennung zwischen bezahlter Erwerbs- und unbezahlter Familienarbeit als über formale, gut bezahlte und informalisierte, schlecht bezahlte und ungeschützte Arbeit. Die Feminisierung von Erwerbsarbeit ist also Teil einer widersprüchlichen Neubestimmung des Verhältnisses von produktiver und reproduktiver Arbeit. Der androzentrische Charakter der Globalisierung liegt mithin darin begründet, dass Frauen zwar zunehmend prekär in den Arbeitsmarkt integriert werden, Erwerbsarbeit also "hausfrauisiert" wird, das "Hausfrauendasein" aber keine gleichzeitige Aufwertung - man könnte sagen "Maskulinisierung" - erfährt. Die neue Normalität ist also eine Refamiliarisierung "ohne" die klassische Kernfamilie, eine Reprivatisierung "ohne" Privatheit, weil einst familiarisierte Personen, i.e. Frauen, aus der Familie entlassen werden, entfamiliarisierte Personen, i.e. Männer, aber keinen Weg in die Familie finden können. Handlungschancen von Frauen und Frauenbewegungen in diesen Transformationen abzuschätzen, heißt nun nicht zuletzt, die strukturellen Bedingungen des politischen Raumes zu vermessen. Diese skizzierte Revolutionierung muss nicht automatisch die Konditionen für feministische Politik verschlechtern, sie muss nicht automatisch politische Handlungsräume verschließen und politische Öffentlichkeit maskulinisieren, sie birgt möglicherweise neue Chancen für Frauen und für Geschlechterpolitik. Mit Bob Connell ist davon auszugehen, dass die Dynamik der Geschlechterordnung durch Krisen in der Legitimierung patriarchaler Strukturen, durch Krisen im System der Arbeitsteilung aufgrund der Integration von Frauen in den Erwerbsbereich sowie durch Krisen in der sozialen Organisation von Sexualität entsteht, aus denen sich dann jedoch auch neue politische Möglichkeiten entwickeln (Connell 1990, 532ff.). Die derzeitige Krise der Erwerbsgesellschaft öffnet möglicherweise Räume für neue politische Identitäten und Praxen jenseits der Erwerbsgesellschaft (Jenson 1994, 4) und somit potentiellen politischen Handlungsspielraum für Frauen. Frauenpolitik muss sich freilich als aktiver Faktor im globalen Wandel erst definieren. Wir haben es also nicht mit dem Ende oder dem Niedergang der Frauenbewegung zu tun, sondern mit einer radikalen Transformation ihres Handlungskontextes, deren Parameter noch nicht wirklich deutlich sind. Ute Gerhard (1999) hat dies mit dem Begriff der "Atempause" deutlich zu machen versucht. Frauenpolitik sollte nicht übersehen, dass es gerade Teil des Globalisierungsdiskurses ist, existierende politische resp. frauenpolitische Zusammenhänge, Widerstände und Widerständigkeiten zu negieren und zu desartikulieren. Diese Neuvermessung des politischen Raumes heißt freilich nicht, dass weibliche politische Praxen verschwinden, nein: Sie werden diskursiv zum Verschwinden gebracht. Nach wie vor aber ist der weibliche Alltag Quelle des Widerspruchs und des Widersprechens. Davon können Frauenbewegungen des Südens ein lautes Lied singen. Frauenbewegung und Frauenpolitik des Nordens sind vielleicht aus der heilen Welt des Keynesianismus gefallen - aber nicht aus der Welt des Politischen. Feministische Handlungsperspektive könnte es sein, diese widersprüchlichen weiblichen Praxen sichtbar zu machen und zu politisieren. Dies ist nach wie vor ein Weg zu mehr Demokratie. 3. Was bringt das vorliegende Heft Neues? Der Fokus des vorliegenden ÖZP-Heftes liegt auf Handlungsperspektiven von Frauen - sowohl auf der internationalen als auch auf der nationalstaatlichen Ebene in der Ersten wie in der Dritten Welt. Darüber hinaus legt die oben entworfene theoretische Perspektive auch nahe, nicht allein Frauen, sondern Geschlechterverhältnisse in den Blick zu nehmen. In diesem Sinne theoretisiert Eva Kreisky Weltwirtschaft als Kampffeld. Hierbei thematisiert sie den Zusammenhang zwischen globalem Wirtschaftsdenken und globalisierten Männlichkeiten und fragt nach der Reformulierung des Maskulinismus im Globalisierungsprozess. Vor dem Hintergrund des "Globalisierungsdrucks" auf die europäischen Wohlfahrtsstaaten vergleicht Mechthild Veil die deutsche Rentenreform 2001 mit der gegenwärtigen Rentenpolitik in Frankreich. Hierbei wird deutlich, dass der Umbau der Wohlfahrtsstaaten in Abhängigkeit von den jeweiligen Genderkonzepten und der jeweiligen strukturellen Konzeption der Alterssicherungssysteme länderspezifisch unterschiedlich verläuft. Veil vertritt die These, dass sich in der gegenwärtigen Rentenreform in Deutschland neoliberale Diskurse stärker umsetzen als in Frankreich. Diese größere Resistenz gegenüber einem neoliberalen Umbau führt Veil auf den ausgeprägten Familiarismus in Frankreich zurück. Was Globalisierung für Frauen afrikanischer Großstädte und hier wiederum für einen Großteil von Frauen in diesen Städten bedeutet, thematisiert Tabitha Mulyampiti. Globalisierung erreicht afrikanische Länder in Form von so genannten Strukturanpassungsprogrammen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds. Die Austeritätspolitik wird in der Regel mit zunehmender Armut insbesondere in den urbanen Zentren bezahlt. Ohne die informelle Arbeit von Frauen könnten die Menschen etwa in den Ballungszentren Ugandas nicht überleben. Was für die Industriestaaten gesagt wurde, gilt für die afrikanischen Ballungszentren noch in einem ganz anderen Ausmaß: Die informelle Arbeit von Frauen - als Straßenhändlerinnen, Kinder- und Hausmädchen sowie Prostituierte - ermöglicht erst das Überleben der Familien, da Männerarbeitsplätze, d.h. formelle Lohnarbeit, knapp sind. Der Beitrag von Claudia von Braunmühl macht auf die Wanderung von gleichstellungspolitischen Konzepten am Beispiel des Gender Mainstreaming-Konzepts aufmerksam. Deutlich wird dabei nicht zuletzt die "Unbewusstheit" im Umgang mit Begriffen in den feministischen Debatten des Nordens: Die Entstehung des Gender Mainstreaming-Konzepts in der entwicklungspolitischen Debatte wird in der euphorischen Rezeption in Westeuropa viel zu wenig wahrgenommen. Dies führt aber zu einer begrenzten Perzeption der bereits vorliegenden Erfahrungen mit dem Konzept in den Ländern des Südens, zu einer reduzierten Ausschöpfung der Chancen und möglicherweise auch nur zu einer begrenzten Durchsetzungsfähigkeit des "globalen" Konzepts. Der Text von Uta Ruppert schätzt die Handlungsperspektiven von internationalen Frauenbewegungen in globalen Räumen ein. Im Anschluss an umfassende eigene Vorarbeiten kommt auch sie zum Ergebnis, dass ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen einer rein ökonomisch verstandenen Globalisierung und der Internationalisierung von Frauenbewegungspolitik das Potenzial von internationalen Frauenbewegungen falsch bewertet. Sie arbeitet demgegenüber heraus: Frauenbewegungen besitzen eine genuin globale Grundorientierung und sind mithin aktive Wegbereiterinnen aktueller Globalisierungsprozesse. Die Charakterisierung als "ambivalentes Spannungsverhältnis" ist wohl treffend für die Erfolge internationaler Frauenbewegungspolitik, insbesondere im Bereich der Frauen-Menschenrechte, aber auch für die nach wie vor prekären und unsicheren Handlungsoptionen von Frauen im internationalen Raum. In welche Richtung sollte feministische Forschung nun weiterdenken? Bislang zwar oft konstatiert, aber noch zu wenig berücksichtigt wurden die Differenzen zwischen Frauen - nicht nur zwischen der Ersten und der Dritten Welt, sondern auch die Differenzen zwischen Frauen in westlichen Industrieländern bzw. in den Ländern der Dritten Welt. Hier müsste es darum gehen, die Frage nach den Gewinnerinnen und Verliererinnen des Globalisierungsprozesses prägnanter zu stellen und die Polarisierung zwischen Frauen im Globalisierungsprozess deutlicher zu machen. Trotz zahlreicher Forschungen und Publikationen ist auch die Bedeutung der Globalisierung für die Geschlechterverhältnisse in Osteuropa bzw. in den Ländern des einstigen Staatssozialismus nach wie vor ein Forschungsdesideratum. Erst zaghaft entstehen Forschungszusammenhänge, die beispielsweise "westliche" und osteuropäische Forscherinnen diese Themen gemeinsam erarbeiten lassen. Die Frage nach "global governance", aber auch nach einem "global contract" wurde von verschiedenen Seiten "angedacht" (Gruppe von Lissabon 1997; Commission on Global Governance 1999; Holland-Cunz/Ruppert 2000). Im Zusammenhang mit dem feministischen Anspruch, Globalität - im Sinn von globaler Gültigkeit von Geschlechtergerechtigkeit - herzustellen, aber auch im Zusammenhang mit dem Postulat, feministische Handlungsperspektiven weiterzuentwickeln, würde sich hier ein intensiver feministischer Diskurs lohnen. Auch die Reflexion der sich immer rascher verändernden Paradigmen feministischer Politik bedarf weiterer Analysen. So drängt sich etwa die Frage auf, ob der "Staatsfeminismus" am Ende ist und ob der neoliberale Umbau der westlichen Industriegesellschaften das Ende institutioneller Frauenpolitik bedeutet. Auch der Frauenbewegung droht die Gefahr, "privatisiert" und "vermarktlicht" zu werden: Sie wird auf "Selbsthilfestrategien" zurückgeworfen und einstige Befreiungsstrategien werden ganz selektiv in Vermarktung umgewandelt, etwa in Form von Körperpolitik und neuen "individualisierten" Körper- bzw. Gesundheitsdiskursen. Wenn Zillah Eisenstein konstatiert: "Feminism is redefined as an individualized consumer self-help market; and the politics surrounding the struggle for equality drops out of the bottom" (Eisenstein 1997, 151), so ist dies so lange nur die eine Hälfte der Geschichte, als Feministinnen sich die Definition ihrer Lebenszusammenhänge nicht enteignen lassen und feministische Aktivistinnen kollektive Gegenstrategien entwerfen, verteidigen, weiterentwickeln und neu erfinden. Außerhalb des Schwerpunkts beschäftigt sich Gary S. Schaal mit der Rolle der Verfassungsgerichte im Prozess der europäischen Integration. Hierbei konstatiert er die integrative Wirkung, die von Verfassungen und Verfassungsgerichten ausgeht. Ausgehend von den Defiziten einzelner Integrationsmodelle präsentiert der Autor ein alternatives Modell, das Integration als gesellschaftliche Selbstbeobachtung begreift, und überprüft dies diskursanalytisch anhand von Entscheidungen eines Verfassungsgerichts. In einem abschließenden Kommentar äußert sich Alfred J. Noll zum gescheiterten Versuch des Landeshauptmannes von Kärnten, Dr. Jörg Haider, den Innsbrucker Politologen Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka wegen übler Nachrede gerichtlich verurteilen zu lassen. LITERATURVERZEICHNIS -Appelt, Erna/Alexandra Weiss (Hg.) (2001). Globalisierung und der Angriff auf die europäischen Wohlfahrtsstaaten, Argument Sonderband Neue Folge 279, Hamburg/Berlin. -beiträge (1998). global - lokal - postsozial. Beiträge zur feministischen theorie und praxis, (47/48). -Brodie, Janine (1994). Shifting Boundaries: Gender and the Politics of Restructuring, in: -Bakker, Isabella (ed.): The Strategic Silence. Gender and Economic Policy, London, 46-60. -Butterwegge, Christoph (1997). Globalisierung und die Refeudalisierung der Sozialpolitik, in: spw. Zeitschrift für Sozialistische Politik und Wirtschaft, (96), 38-41. -Commission on Global Governance (1999). 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AUTORINNEN Erna APPELT, A.o.Univ.Prof. Dr., seit 1989 Universitätsassistentin am Insitut für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck, 1995 Habilitation, 1997 Gastprofessorin am Department of Political Science, Unversity of New Orleans, seit 1998 A.o.Univ.Prof. am Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck. Kontaktadresse: Institut für Politikwissenschaft, Universitätsstraße 15, 6020 Innsbruck; e-mail: erna.appelt at uibk.ac.at Birgit SAUER, A.o.Univ.Prof. Dr., 1993 bis 1994 Gastprofessorin am German Department der Kon-Kuk Universität in Seoul/Korea, 1994 Gastprofessur an der Universität Klagenfurt, seit 1996 Universitätsassistentin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien, Habilitation 2000, seit 2001 A.o.Univ.Pof. am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Kontaktadresse: Institut für Politikwissenschaft, Währingerstraße 17, 1090 Wien; e-mail: birgit.sauer at univie.ac.at ÖZP - Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft http://www.oezp.at/
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