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Endlich wird die Arbeit knapp.
by Anti-Arbeits-Kreis - 10.06.2005 14:46
Eine kurze fiktive Geschichte, die sehr anregend ist, darüber nachzudenken, warum Kapitalismus Arbeit braucht und wir deshalb immer so viel Arbeiten sollen.
Ihr Mann war kein Trinker. Er trank selten Alkohol und wenn dann sehr wenig. Aber als sie heute nach Hause kam, fand sie ihn sturzbetrunken. Er benahm sich wie ein Trinker. Lange lachte er schon und laut. Mitunter holte er Atem und brach abermals in Lachen aus. Wie ein Irrer. Manchmal schien es, als schreie er eigentlich, aber es war Lachen. Das triumphierende Lachen eines fünfunddreißigjährigen Mannes. Er saß ganz allein in der Halle seines Hauses, vor sich drei leere Schnapsflaschen, der vierten hatte er gerade den Hals abgeschlagen. Er schüttete den Inhalt, den er nicht gewohnt war, in sich hinein wie Wasser an einem heißen Tag. Und dann warf er torkelnd eine weitere Reihe Bücher vom Regal und zertrampelte Tonträger, auf denen wissenschaftliche Probleme aufgezeichnet waren. Vorher hatte er bereits die Telewand zertrümmert, den Ultraschallkocher, das drahtlose Telefon und das uralte Gramoradio. Vor dem Haus standen einige Nachbarn. Die rätselhaften Laute bereiteten ihnen Sorge. Die Bauers waren doch sonst so ruhig, und in diesem Viertel, das die Regierung in den sechziger Jahren für Forscher hatte bauen lassen, war es stets still gewesen. Doch die Wände des Hauses waren nur von innen durchsichtig, die Leute sahen nichts. Schließlich hatte Frau Hansen Mut gefaßt. Kaum aber hatte sie die Tür geöffnet, warf er einen Buchstaben der technischen Enzyklopädie nach ihr. Es war ein dickes Buch, es wog mindestens zwei Kilo. Frau Hansen lief in ihre Wohnung, um Frau Bauer telefonisch zu verständigen. Diese war, bevor sie von Frau Hansen verständigt wurde, im biologischen Institut in Spandau. Dort war Frau Bauers beschäftigt, es dauerte also eine Weile, ehe sie eintraf. Fünfzehn Minuten darauf lief ins Haus und schlug den Gaffern die Türe vor der Nase zu. Bauer hörte auf zu lachen. Stille trat ein. Die Nachbarn zerstreuten sich langsam.
»Das nenne ich Dankbarkeit«, regte sich die Hansen auf. »Sagt nicht einmal Dankeschön. Ich stehe da mit meiner Beule und wofür?«
»Stoß mit mir an«, sagte er schon zum wiederholten Male. Sie begriff das alles nicht. »Du mußt einen kippen. Ich kaufe alles ganz neu und hypermodern. Und obendrein auch noch ein Spezialautomobil für die Sonntagsausflüge ans Meer oder in die Tatra und einen Metakrylpelzmantel für dich mit einer ganzen Schmuckkollektion.«
»Aber warum?« Es schien, als wäre er plötzlich nüchtern geworden. Ganz leise, als hätte er überhaupt nicht getrunken, sagte er: »Es ist geglückt. Stell Dir vor Irene, es ist geglückt...!«
»Und deshalb mußt du das Gramoradio vernichten, das wir von der Großmama geerbt haben? So eine teure Antiquität!«
»Ich ertrüge diese Wohnungseinrichtung keinen einzigen Tag mehr. Zehn Jahre lang plage ich mich hier mit meinen Plänen herum, versteh das, ich muß jetzt anders leben, in einer völlig anderen Umgebung. Ich habe gesiegt. Irene, wir haben es geschafft, ich bin jetzt der größte, genialste, begabteste, bemerkenswerteste, originellste, aller... kurz, ich bin der Schöpfer der Zukunft. Das hat Koval nach dem heutigen Versuch selbst gesagt, bitte sehr...« Er schlug sich in die Brust, als hätte er einen Boxkampf gewonnen. »Ich bin der Schöpfer der Zukunft...« Und fiel mit dem Gesicht auf den Schreibtisch. Dabei riß er das letzte Zeichenblatt von der Wand, das er zu vernichten vergessen hatte. Irene wollte ihn in ihrer Verzweiflung ins Schlafzimmer schleppen, doch er war zu schwer. Schließlich bettete sie ihn auf den Fußboden, unter den Kopf legte sie ihm den Grundriß der Kybernetik und die Geschichte der Experimentalphysik. Sie eilte zum Telefon.
»Bitte Professor Koval. Und wo ist er? In der Fabrik?« - Sie begriff überhaupt nichts mehr, sie wußte nur, daß sie mit ihm sprechen, daß sie auf der Stelle zu ihm fahren müsse. Sie holte das Luftrad aus der Garage und fuhr los.
Professor Koval war Direktor des Forschungsinstitutes für Automatisierung. Sie traf ihn im Hauptsaal an, er stand auf einem niedrigen Gerüst, umgeben von einigen AssistentInnen und VertreterInnen des Betriebsrates. Die Maschinen lärmten, sie mußten schreien um sich zu verständigen.
»Ich bin Irene Bauer, Simon Bauers Frau.«
»Ich gratuliere«, lachte Koval. »Nun, was sagen sie dazu?«
»Es ist schrecklich.«
»Was?«
»Ich kann mit ihm nicht mehr leben. Ich will Sie warnen.« Er sah sie verständnislos an. Schnell führte er sie in den Nebenraum. Eine Wand schirmte den Raum gegen den Fabriklärm ab.
»Wovon sprechen Sie denn?« fragte er.
»Von Simon. Er ist ein schrecklicher Mensch. Darauf wollte ich aufmerksam machen. Heute hat er sich betrunken und lallt von einer Erfindung.«
»Ihr Mann hat allen Grund zum Feiern. Er hat die Forschungsaufgabe unseres Institutes gelöst. Haben Sie nicht bemerkt, daß die Maschinen hier allein arbeiten?« Er zeigte durch die Glaswand in die Halle. Erst jetzt fiel es ihr auf. Das Rohmaterial wurde verteilt, bearbeitet, appretiert, zu Bestandteilen zusammengesetzt und schließlich zu modernsten Fahrzeugen für sechs Personen zusammenmontiert. »Noch gestern arbeiteten hier etwa dreißig Leute. Ihr Mann hat das vollbracht. Es ist nun nicht mehr nötig, ganze Fabriken neu zu bauen, die automatisch arbeiten. Dank seiner Erfindung können wir jede Werkstätte selbständig machen. Er hat das bedeutendste Problem unserer Zeit gelöst. Begreifen Sie, was das heißt? Bauer ist ein Genie.« Sie schaute noch verzweifelter drein.
»Er ist ein schrecklicher Mensch, Professor, ich warne Sie. Ein Egoist. Das hier wird ihn vollends verderben.«
»Werden Sie sich scheiden lassen?«
»Bitte, keine falschen Vermutungen! Ich habe ihn aus Liebe geheiratet. Ich weiß, daß er klug ist, begabt. Aber er hat mich nur deshalb genommen, weil mein Vater in angesehener Stellung war und weil er so direkt in Ihr Forschungsinstitut eintraten konnte.«
»Anderswo wäre es schade um ihn.«
»Aber anderswo hätte er sich bewähren müssen, ehe er zu Ihnen gekommen währe. Begreifen Sie das? Er denkt immer nur an sich. Was habe ich mit ihm wegen der Möbel herumgestritten! Immer mußte er das Beste von allem haben, immer denkt er nur an Gewinn und Ruhm, für nichts will er ein Opfer bringen, nicht einmal für mich, Professor. Nicht einmal Kinder will er, weil er sich dann einschränken müßte. An seiner Erfindung arbeitete er nur, weil er berühmt werden wollte. Ein Egoist.« Der Professor legte die Stirn in Falten.
»Wissen Sie, ich kann Verleumdungen nicht leiden. Für mich ist ausschlaggebend, wie er sich bei der Arbeit verhält. Er ist mein bester Assistent.«
»Weil er ein Heuchler ist.«
»Auf Wiedersehen«, sagte der Professor und öffnete ihr die Tür. Erst jetzt sah sie sich die Erfindung an. Das ganze sah aus wie ein kleiner Sender. Es stand auf dem Gerüst, verschiedene Lampen blinkten ununterbrochen auf und verloschen wieder. ArbeiterInnen standen um das Ding herum.
»Gibt es damit tatsächlich nie eine Panne? Muß nicht wenigstens eine Person aufpassen?« Der junge Ingenieur wußte nicht recht, was er davon halten sollte.
»Nein, das ist wirklich überflüssig. Es sind Kontrollaparaturen eingebaut. Der Automat erledigt auch die eigenen Reparaturarbeiten selbst. Und sollte ein Problem auftauchen, das er nicht zu lösen vermag, bleibt er stehen und verständigt uns durch einen Spezialmechanismus. Und er entwickelt sich selbständig weiter, er paßt sich selbständig an neue Erfordernisse an. Ein autonomer Automat. Selbständig denkend und handelnd.«
»Das heißt, daß wir nun völlig überflüssig sind«, sagt ein alter Arbeiter in weißem Monteuranzug. »Ich arbeite in dieser Fabrik schon seit fünfzig Jahren. Mit diesen meinen Händen habe ich geholfen sie zu erbauen. Mit der Schaufel! Wißt ihr überhaupt noch, was das ist?«
»Was wird aus uns?« fragt ein zweiter. Koval trat zu ihnen.
»Nur die Ruhe! Überall zerbricht man sich den Kopf darüber. Doch seid nur unbesorgt. In der ersten Zeit wird euch die Fabrik bezahlen, wie bisher. Die Produktion vervielfacht sich doch durch die Einführung der Automaten Eure Gehälter werden jetzt ein unbedeutender Ausgabeposten sein. Und inzwischen könnt ihr euch eine neue Beschäftigung suchen.«
»Aber bald wird man diese Maschinen überall eingeführt haben.«
»Na und? Habt ihr den gar kein Steckenpferd? Ihr könnt studieren oder Sport treiben, Kunst oder ein Handwerk, jeder nach seinem Belieben. Nicht alles auf dieser Welt kann man mit Maschinen herstellen. Und für euch wird eure neue Arbeit gleichzeitig Kurzweil sein.«
»Ich habe kein Steckenpferd«, sagte der alte Arbeiter.
»Und wie wäre es mit einem Aquarium, sehr groß und für interessierte Besucher zugänglich. Oder Fußball? Jeden Sonntag gehst Du zum Matsch. Du kannst als Trainer wirken, vielleicht in der Nachwuchsliga.« Immer noch schüttelte er ungläubig den Kopf. Koval nahm ihn an der Hand und führte ihn aus der Halle. Die anderen folgten. Irene blieb fast allein auf dem Gerüst zurück. Ein Weilchen beobachtete sie, wie die Maschinen arbeiteten, sie sah das Blinken der Lampen dieses seltsamen Koffers, den ihr Mann konstruiert hatte.
»Mir wird davor bange«, sagte sie zum jungen Ingenieur.
»Sie verstehen nicht viel von Technik?«
»Nein, ich arbeite auf der Biologischen. Glauben Sie, daß das eine gute Erfindung ist?«
»Sie meinen, ob sie funktionieren wird? Selbstverständlich. Es ist doch Bauers Konstruktion. Und er ist unsere beste Kraft.« Er sagte das ganz stolz.
»Ich bin Frau Bauer.« Er sah sie mit Hochachtung an.
»Wir lassen uns scheiden.«
Tags darauf kam ein Regierungsmitglied aus Berlin, es war wegen des Gutachtens. Die Tragweite der neuen Erfindung war sofort erkannt worden. Vor der Sitzung herrschte überall feierliche Stimmung. Sogar Bauers Feinde waren begeistert. Bedeutete das doch, daß die Hauptaufgabe des Instituts gelöst war. Schon vor acht versammelten sie sich im großen Sitzungssaal. Um acht kam Koval, pünktlich wie immer. Weitere fünf Minuten später trat der Innenminister mit Gefolge ein. Kaffee wurde gereicht, es herrschte gespannte Stille. Nur Bauer war nicht zu sehen.
»Er ist doch sonst immer so pünktlich«, sagte Koval dem Minister zum x-ten Male. »Und er weiß, daß sie kommen. Wir haben ihn in der Nacht angerufen.«
»Seine Frau sagt, daß er schon vor einer Stunde weggefahren ist«, meldete die Sekretärin. Man schaute auf die Uhren; die Minuten verstrichen. Der Minister begann vor Langeweile die Arbeitsplätze durchzusehen. Koval fiel ein, daß er die Auswertung des vergangenen Monat nicht fertig hatte. Ich werde wegen diesem Jungen noch Scherereien bekommen. Er nannte Bauer in Gedanken stets Junge, weil er gleich nach Beendigung des Studiums ins Institut eingetreten war.
Er eilte zum Minister, begann ihm wenigstens das Grundprinzip des Automaten zu erklären. Die Sache wurde peinlich. Die anderen Mitglieder standen an den großen Fenstern und schauten in den Hof. Die Sekretärin telefonierte schon zu fünften Male mit dem Pförtner, er möge Bauer Beine machen.
»Ob er vor lauter Freude gestorben ist?« fragte ein sehr alter Mitarbeiter.
»Dort!« rief jemand. Der Minister erhob sich und begab sich ebenfalls zum Fenster. Koval folgte ihm. Die jungen IngenieurInnen bissen sich in die Lippen.
Bauer schritt ganz gemächlich über den Hof, in der Hand eine dicke Mappe; er hatte einen Sweater an, obwohl doch allen nahegelegt worden war, sich festlich zu kleiden. Er ging sehr langsam, gemütlichen Schrittes, er schien vor sich hin zu pfeifen und die Gegend zu betrachten. Der Pförtner hüpfte um ihn herum, offenkundig erklärte er ihm etwas, er zeigte auf den Hubschrauber neuester Bauart, mit dem der Minister angekommen war. Es war ihm anzumerken, daß er ihn am liebsten auf die Arme genommen und in den Sitzungssaal getragen hätte. Doch Bauer ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Schnell trat der Minister vom Fenster zurück und begab sich auf seinen Platz.
Auch die übrigen setzten sich. Endlich also! Abermals trat feierliche Stille ein. Bauer stand in der Tür.
»Ich grüße Sie«, rief er dem Minister quer durch den Saal zu und winkte ihm gönnerhaft mit der Hand. »Moin moin«, sagte er zu den übrigen. Jetzt war niemandem mehr nach Lachen zumute. Man stand vor einem Rätsel. Er schritt zum Rednerpult, legte seine Mappe vor sich hin, öffnete sie und hob an:
»Ihr wißt alle, was diesem Institut zu konstruieren gelungen ist. Ihr habt es gestern gesehen. Es ist meine Erfindung. Jedem ist klar, welche Bedeutung sie für die Wirtschaft hat. Die Produktivität aller Fabriken wird phantastisch gesteigert werden, bald wird man meine Automaten überall eingeführt haben. Als ich vor zehn Jahren daran zu arbeiten begann, da lachten manche, sie meinten, daß es Unsinn sei. Nun also wurde dieser Unsinn Wirklichkeit.
Die Automatisierung steht vor der Türe. Restlos und vollkommen. Und es ist mein Verdienst, darauf möchte ich hinweisen. Mein Verdienst vor allem. Wir leben in einer Gesellschaft, in der ein jeder nach seiner Leistung entlohnt wird. Ich bin neugierig, wie hoch man meine Leistung bewertet.
Eine Kleinigkeit erlaube ich mir schon jetzt zu fordern. Ich will Vorstand dieses Institutes werden. Ich weiß, ich bin jung, ich werde also viele andere überspringen. Doch ich habe es mir verdient. Und Professor Koval ist schon reif fürs Ausgedinge. Wir wissen alle sehr genau, daß er, was sein Fachwissen betrifft, ins Hintertreffen geraten ist. Koval geht also. Unser Institut muß sich mit neuen Fragen befassen. Wir haben das Automatisierungsproblem der Maschinen gelöst, nun müssen wir unsere Automaten auf breitester Basis koordinieren: die Automaten automatisieren. Wir müssen dafür sorgen, daß sich die Technik selbständig lenkt, beherrscht, daß sie selbständig produziert und ausscheidet, daß die Menschheit durch die Produktion nicht länger belastet wird. Dies wird unsere erste Aufgabe sein. Nach meiner Ernennung werde ich euch die einzelnen Probleme auseinandersetzen. Ich werde mir meine Leute aussuchen. Nicht alle von euch werden hierbleiben.
Was die finanzielle Entlohnung betrifft: Ich will keine Zahlen nennen. Ich bin mir sicher, daß Staat und etliche Unternehmen uns gern finanzieren werden. Sobald alles abgesprochen ist, bin ich gern bereit, meine Erfindung der Öffentlichkeit zu übergeben...«
Er verneigte sich und nahm am Kopfende des Tisches Platz. Der Minister erhob sich nicht einmal.
»Wir kennen das, diesen Rausch des Erfolges. Ihr Erfolg ist tatsächlich sehr groß. Sie haben auch ein Anrecht auf einen tüchtigen Rausch. Ich bin mir aber sicher, daß in der Leitung des Institutes keine Änderung eintreten wird. Professor Koval bleibt auf seinem Posten. Es wird ihnen bezahlt, was sie wollen. Meinetwegen Millionen.« Er lächelte und erhob sich. »Falls sie Ihnen noch etwas zunutze sein werden. Gehen wir«, sagte er zu Koval, wandte sich zur Tür und schlug sie hinter sich zu. Niemand im Saal sprach ein Wort.
»Sie sind doch besoffen, Bauer?« fragte Schuba nach einer Weile.
»Gut, dann kriegen sie eben nichts,« fiel Simon plötzlich ein. Er sprang auf, lief hinaus. Das Flugzeug des Ministers flog gerade ab. Koval kam auf ihn zu.
»Ihre Frau hat recht gehabt. Wie war das möglich, Mensch? Wie oft haben sie erklärt, daß ich ein genialer Mathematiker bin? Warum haben sie das getan? Hatten Sie das nötig? Glauben Sie, daß ich sie sonst vom Institut davongejagt hätte? Ich weiß, daß sie etwas können. Aber Sie sind ein Heuchler.«
»Gestern haben Sie mich den Schöpfer der Zukunft genannt.«
Er fuhr nach Hause. Packte seine Koffer. Dabei mußte er über die Scherben von gestern steigen. Er betrachtete sie mit Bedauern, denn im nüchternen Zustand war er recht geizig. Er rief seine Frau mir dem Fernsehtelefon an.
»Ein Heuchler bin ich also? Leb wohl!«
Sie versuchte, ihm die Augen zu öffnen; meinte, daß er sich ändern müsse, so könne es nicht weitergehen, er solle doch einsehen . . . Ärgerlich hängte er ein.
Mit dem Aerobus fuhr er zu seiner früheren Liebe nach Celle. Ihr Vater hatte dort ein schönes Haus mit einem großen Garten. Früher war er Großhändler für Werkzeuge gewesen. Jana war gerade im Garten. Er erkannte sie sofort, obwohl sie sich verändert hatte. Sie war dicker geworden. Bald wußte er auch warum. Im Garten spielten zwei Kinder, die sie beim Vornamen rief. Auch jenen Bauers hatte sie nicht vergessen:
»Simon«, sagte sie, als er zur Gartentür kam. Dann führte sie ihn weiter. Wieder saßen sie wie einst auf der schönen Veranda, von der aus man weit ins Land blicken konnte, und wie einst öffnete sie eine Flasche Burgdorfer Schloßwein.
»Als hätte sich in diesen zehn Jahren gar nichts verändert.«
»Bis auf meine Ehe. Auch ich bin berufstätig. Ich arbeite als Zeichnerin...« Also hatte sie einen Mann und Arbeit und Kinder. Sicher hatte sie nie an ihn gedacht.
»Ich mußte oft an Dich denken.«
»Warum? Du hast doch selbst Deine Wahl getroffen.«
Er erklärte ihr, daß er hatte müssen, er wollte in die Forschung, die Tochter eines Großkaufmannes wäre eine Belastung gewesen. Zumindest damals war das so. Doch ansonsten hätte er sie mehr geliebt als alle anderen.
»Werde wenigstens nicht beleidigend«, sprach sie. »Vor allem Dir selbst gegenüber nicht.« Er verstand sie nicht.
»Du bist anders als früher, Jana. Ich wollte Dir nämlich...ich bin gekommen, um Dich zu fragen, ob Du jetzt, nach Jahren...weißt Du, ich muß jetzt auf nichts mehr Rücksicht nehmen...« sie lachte und lief hinaus, denn ihr Kleinstes hatte zu weinen begonnen.
Er traf auch mit ihrem Vater zusammen. Herr Petersen war noch immer derselbe. Sie tranken zusammen den Wein und plauderten. Jana erschien nicht mehr, Petersen begleitete ihn bis zum Bahnhof. Jana wird es also nicht sein. Zurückkehren konnte er zu niemandem. Er fuhr mit dem Schnellzug nach Berlin, das war bequemer als die überfüllten Aerobusse.
Er wußte nicht, wohin er sollte. Zu seiner Frau wollte er nicht. Eigentlich ist das keine schlechte Idee: Ein Jahr Urlaub machen. Vielleicht am Meer. Das hatte er sich verdient. Und alles in Ruhe überlegen. Ein Jahr Ferien, vielleicht zwei. Nun ja. Er ging in ein Hotel und aß luxuriös zu Mittag. Er hob in der Bank sein Konto ab. Er hatte viel erspart. Auf der Straße sprach er zwei jüngere Frauen an, die sich nach ihm umgedreht hatten. Er bezahlte das Mittagessen für sie und führte sie dann zum Nachmittagstee. Die eine hatte einen silbernen Zahn und die andere redete dummes Zeug. Er ging allein ins Hotel zurück. Er war schon ziemlich betrunken. An der Bar bestellte er französischen Kognak, aber nach dem sechsten hatte er genug. Die Flaschen hinter dem Barpult begannen zu tanzen. Er wird sie offenbar nicht alle leer trinken können, auch wenn er Millionär ist. Sein Kopf dreht sich. Der Kellner mußte ihn ins Zimmer bringen. Am Morgen fuhr er ins Institut. Vielleicht waren die Beratungen zu Ende, vielleicht hatten sie sich entschlossen, seine Bedingungen anzunehmen. Er malte sich aus, wie er alles neu organisieren würde. Wir werden ja sehen. Er ging auf einen Sprung zu Ingenieur Marten, er wußte, daß dieser Griesgram der letzte Patentinhaber am Institut war. Er hatte die Verwertung der Isotope verbessert. Wieviel mochte er dafür bekommen haben?
»Ich weiß es nicht«, sagte Marten und sah ihn so sonderbar an, »ich weiß es wirklich nicht...«
»Willst Du etwa behaupten, daß Du Dich nicht darum gekümmert hast?« Es fiel ihm ein, daß dieser Sonderling nicht einmal ein vorsintflutliches Auto besaß.
»Nein. Weißt Du, ich brauche dieses Geld eigentlich gar nicht.«
Marten ist nicht nur ein Sonderling, sondern auch ein Trottel. Simon nahm allen Mut zusammen und ging zu Koval. Der sah ihm nicht in die Augen. Er las ihm den Beschluß vor. Prozente wurden ihm angeboten. Die Erfindung würde sich bestimmt auch jenseits der Grenzen durchsetzen. Es dürfte ein hoher Betrag werden. Bauer hielt den Atem an. Er dankte und ging zur Tür. Da fiel ihm noch ein Anliegen ein. Er wollte Urlaub haben.
»Und ihre Erfindung? Ich dachte sie sind wenigstens bezüglich Ihrer Arbeit gewissenhaft.«
»Hat sich denn jemand beklagt? Arbeitet mein Automat etwa nicht korrekt?«
»Doch, doch, aber es wird Sie sicher interessieren, daß zwei Tage nach Ihnen Professor Völdösi aus Budapest auch so ein Patent angemeldet hat.«
»Nur war ich der erste.«
»Richtig. Es ist Ihre Erfindung. Die Zeitungen sind schon voll davon. Die JournalistInnen phantasieren wieder, wie immer. Und Völdösi lädt sie in sein Institut ein. Ich hoffe, Sie fahren hin.«
Den Verkehr zwischen den Hauptstädten besorgten TGVE-Züge. Es war ein bequemes Reisen und dauerte kürzer als die Fahrt vom Institut ins Hotel. Simon kam kaum dazu, die Schlagzeilen der Zeitungen zu überfliegen. Seine Fotografie stand auf den ersten Seiten. Im Grunde hatte Simon ein Riesenglück gehabt. Wenig fehlte, und er hätte sich erschießen können. Armer Völdösi! Ob auch er jahrelang an seiner Erfindung gearbeitet hatte? Warum war er nie zu ihm gekommen? Sicher ein Einzelgänger.
Sie brachten ihn vom Bahnhof direkt in die Fabrik. Die Ungarn erprobten erst ihren Automaten. In dieser Fabrik wurden Uhren erzeugt. Es war ein Miniaturversuch. In einem großen Raum hatte ein winziger Automat den ganzen komplizierten Mechanismus der Herstellung zu besorgen. Anfangs ging alles glatt. Die JournalistInnen überschrien einander, die Arbeiter begannen zu klatschen, Bauer bewunderte dieses Temperament. Aber nach etwa einer Viertelstunde begann der Automat zu signalisieren, daß etwas nicht störungsfrei lief, die Maschinen wiederholten manche Handgriffe immer und immer wieder, die Materialrückstände wuchsen an, das Fließband brachte doppelte und dreifache Gegenstände hervor, so etwas wie siamesische Zwillinge von Armbanduhren. Völdösi lief, den Kopf vorgestreckt, herum, er war dick und hatte ein gerötetes Gesicht, er schnaubte, die Zuschauer verfielen in betretenes Schweigen, nur Simon konnte nicht anders, er mußte lachen. Man sah ihn feindselig an. Völdösi schaltete den Strom ab.
»Es tut mir leid«, sagte er. »Aber Sie haben gesehen, daß zwanzig Uhren ohne den allerkleinsten Fehler hergestellt wurden. Wir sind also auf der richtigen Spur. Ingenieur Bauer hat angeblich schon einen Automaten erfunden, der schon einige Tage lang arbeiten soll. Es wird uns eine Ehre sein, wenn er uns darüber ein Referat hält.«
Er konnte nicht ablehnen. Natürlich behielt er die allerwichtigsten Einzelheiten für sich. Aber weshalb sollte er vor den StudentInnen nicht brillieren? Er war gewöhnt, aus dem Stegreif zu reden. Er entschied sich für einen langen Vortrag. Seine Augen suchten Stützpunkte im Publikum. Die ZuschauerInnen saßen ihm direkt gegenüber. Sein vergrößertes Gesicht wurde hinter ihm auf eine Leinwand projiziert, so daß man jede seiner Gesten verfolgen konnte. Er sprach englisch, fast alle verstanden ihn. Doch Stützpunkte fand er keine. Besser gesagt, nur einen.
Sie saß in der zweiten Reihe am Rand. Sie hatte ein originelles modernes Kleid an, eine Art Wolltunika, der gewagte Ausschnitt ließ den Großteil ihres Busens unverhüllt. Sie war brünett und schön, sie sah Jana ähnlich, Jana in ihrer Jugend, Jana, als er in sie verliebt war, Jana zu der Zeit, als er sie wegen seiner Karriere hatte aufgeben müssen.
»Wer ist dieses Mädchen dort in der zweiten Reihe am Rand?« fragte er Völdösi in der Pause. Der machte ein böses Gesicht.
»So eine Frechheit. Ich lasse sie sofort hinausführen.«
»Warum denn?«
»Zweimal hat sie die Versetzungsprüfung nicht bestanden. Sie erschien total unvorbereitet. Sie glaubt, daß sie mir mit ihrer Mode den Kopf verdrehen kann, in ihrer Freizeit arbeitet sie als Mannequin, sie soll das schönste Mädchen in Ungarn sein. Aber von Physik hat sie bestimmt keine Ahnung. Von Ihrem Vortrag versteht sie kein Wort, dafür gebe ich meinen Hals. Sie ist nur gekommen um Sie zu sehen. Sie ist hergekommen wie in den Zirkus. Sie, Fräulein...«
»Warten Sie«, unterbrach ihn Simon. »Ich möchte mit ihr sprechen.« Völdösi sah ihn verblüfft an. »Wir kennen einander flüchtig«, sagte Simon. So lernte er Olga kennen.
Er beschloß, in Budapest zu bleiben. Erstens lud ihn Völdösi ein, er versprach seine Erfindung zu übernehmen, zweitens hatte er sich in Olga verliebt. Den ersten Grund teilte er Koval mit. Sofort am ersten Abend ging er zur Modenschau. Er stellte fest, daß die attraktivsten und modernsten Modelle aufs Haar genau jenen der sechziger Jahre glichen. Offenbar vermögen sich die Leute nichts wirklich neues auszudenken. Alle Modelle, die Olga vorführte, kaufte er ihr, die Rechnungen schickte er auf die Botschaft. Die erste Seite der heutigen Morgenzeitung aus Prag legte er bei. Niemand rief ihn mehr zurück.
Er quartierte sich bei Olga ein. Sie hatte eine weitverzweigte Verwandtschaft. Alle bewirtete er und kleidete sie auch neu ein. Die ungarische Küche ist ausgezeichnet. Manchmal ging er sogar zu Völdösi. Niemand wagte es, ihn irgend etwas zu fragen. Vom Institut kam ein Brief, den lediglich die Sekretärin unterschrieben hatte: wann er die Arbeit anzutreten gedenke. Weiter teilte man ihm mit, daß die Serienherstellung seiner Automaten angelaufen sei. Das interessierte ihn jetzt nicht allzusehr. Olga war ein entzückendes Geschöpf. Die schönste Frau im Lande. Zweimal hatte sie die Mißwahl gewonnen. Sie hatte praxitelische Maße. Mit ihr ließ es sich heroisch verschwenden.
Etwa einen Monat später schickte man ihm Irene nach, damit sie ihn abhole. Sicher hatte man sie zu diesem Schritt drängen müssen. Nun stand sie in Olgas Zimmer, sie konnte sich nirgends hinsetzen, denn Olga hatte einen orientalischen Geschmack, sie hatte alle Sessel aus der Wohnung hinausgeworfen. Er wies auf den Teppich. Irene lehnte ab. Er mußte lachen.
»Bist Du Dir bewußt, was Du tust? In Berlin treffen immer neue Delegationen aus aller Welt ein, sie wollen das Genie kennenlernen, und das Genie schmiert sich hier mit einer Nutte herum...«
Er war beleidigt. Aber sie sagte, sie kenne Olgas Ruf, Simon sei seiner Begabung etwas anderes schuldig.
»Ich mache, was ich will!« Er schrie fast, auch er war aufgebracht. Er wußte, daß Olga im Nebenzimmer lag und zuhörte. Er wollte, daß sie ihn auch weiterhin liebte. Sie war fünfzehn Jahre jünger. »Schließlich habe ich Urlaub genommen, zum ersten Male seit zehn Jahren. Ich habe ihn für alle diese Jahre genommen. Meine Erfindung ermöglicht es der Menschheit, im Paradies zu leben, in einem neuen goldenen Zeitalter. Es ist also mein Recht, als erster in dieses Zeitalter einzugehen.«
Ob sich Simon das Paradies und das Glück denn so vorstelle? Ob er wirklich glaube, daß dies das Ziel der Menschheit sei? – Sie warf einen verächtlichen Blick auf die türkischen Antiquitäten und schnupperte mißtrauisch am Parfum, das vor dem Spiegel stand.
»Du tust mir leid, Simon...« Sie dachte, ihn nicht schwerer beleidigen zu können. Aber Simon war froh, daß sie ging.
Als dann Völdösi endlich mit seiner Hilfe die automatische Produktion aufnehmen konnte, fuhr Simon mit Olga ans Meer. Er lud auch alle Arbeiter der Uhrenfabrik ein, die nun nichts mehr zu tun hatten.
»Das goldene Zeitalter ist für uns angebrochen«, verkündete er immer wieder. »Aurea prima sata est aetas , que vindice nullo«, deklarierte er lateinisch, denn er strich gerne heraus, daß er kein einseitig gebildeter Techniker war wie seine Kollegen. Doch niemand leistete ihm Gesellschaft. Allein fuhr er mit Olga an die See. Jetzt war er auch in Bulgarien ein reicher Mann.
Er glaubte, es wäre das Glück. Das wahre und unverfälschte, zweifach blaue Glück, einmal wie der Himmel und einmal wie das Meer, das Glück in der Villa direkt am Strand, die er gekauft hatte, das Glück des abendlichen Tanzes bei Mondschein und Grillengezirpe mit Olga, die täglich neue, in den besten Salons genähte Kleider trug und die täglich zu neuen Einkäufen auszog, denn sie kaufte gerne ein, sie verstand auszuwählen und zu feilschen, sie hatte all das Zeug gern, sie lehrte ihn die Welt genießen. Die Leute schätzten sie, manchmal kamen sie Reporter besuchen, er sprach mit ihnen auf der Terrasse seiner Villa unter einer Palme im Schaukelstuhl wie ein Millionär, der er gar nicht war. Man erzählte ihm, daß ein gewisser Bong aus Tokio ebenfalls Automaten entdeckt hatte, eine Woche nach Völdösi, und daß sie schneller arbeiteten. Doch auch Bong war zu spät gekommen.
Er stand stets gegen Mittag auf, und während Olga unterwegs war, Einkäufe machen, las er die Zeitung. Die ganze Welt paßte sich seiner Erfindung an. Der Wert der Produkte sank von Tag zu Tag in enormen Schritten. Schließlich führte man die Automaten auch in den Gruben ein, so daß selbst Rohstoffe wesentlich billiger wurden. Arbeit kostete nichts mehr, die letzten kapitalistischen Staaten wie die Schweiz, Andorra und der Jemen mußten zur Planwirtschaft übergehen. Im Grunde war das alles Bauers Werk. Oder war die Zeit einfach reif? Er trank Kaffee, Orangensaft.
Er aß Toast, dann lief er über die eigene Treppe zum eigenen Strand und sprang ins Wasser. Sein Glück sollte freilich nicht lange dauern.
Zunächst tauchten neue Leute auf. Jetzt, da in allen Betrieben Automaten die Arbeit verrichteten, kamen viele auf die gleiche Idee wie Simon. Sie ließen sich hier in der Umgebung nieder. Bald war der Strand übervölkert, und es war ausgeschlossen, die Leute davonzujagen, denn wenn sie auch weder so viel Geld hatten wie Bauer noch so große Verdienste um die Verwirklichung des neuen Zeitalters, hatten sie doch die gleichen Rechte. Olga blieb nun oft zu Hause, sie klagte über Kopfweh und wollte nicht ausgehen. In der Stadt entstanden neue Geschäfte, es wurden Verteilungsstellen für die wichtigsten Konsumgüter errichtet, man konnte die Waren hier umsonst bekommen. Bald besaßen alle Frauen elegante Kleider aus gutem Material, und manche nähten sich alles selbst zu Hause, sie machten das besser als die örtlichen Schneider. Olga war viel allein und quälte Simon, denn das war jetzt ihr einziges Vergnügen. Er mußte sie pflegen, mehrmals am Tag, mußte er den Arzt zu ihr rufen, sie hatte Angst, ihr Herz würde zu schlagen aufhören, dann wieder, es würde zu schnell schlagen, kurz, sie langweilte sich. Sie langweilte sich wie der Adel in der Zeit vor der französischen Revolution, es langweilte sie, im Paradies zu leben, besonders, da es nun allen offenstand. Sie wollte, daß er nach Berlin fahre, damit er feststelle, wie groß sein Vermögen sei, und dann sollten sie anderswohin übersiedeln, wo sie wieder allein wären, wo das Glück nur ihnen gehören würde. Er überlegte es sich lange, er wollte nicht zurückkehren. Doch als sie begann, junge Männer zu Abendparties einzuladen, als sie sich Nacht für Nacht mit ihnen betrank und ihm ihre Gäste nicht einmal vorstellte, entschloß er sich doch dazu. Er wollte noch ein letztes Mal mit Koval reden, er wollte endgültig Klarheit über seine Erfindung und seine Ansprüche schaffen.
Als sich sein Schnellzug Berlin näherte war ihm nichts mehr vertraut, denn um die Stadt herum waren ausgedehnte neue Viertel entstanden. Beim Bau von Häusern verzichtete man noch immer teilweise auf de Automaten, denn ein jedeR wollte sich sein Haus nach eigenem Geschmack herrichten. Vom Bahnhof fuhr er mit einem automatischen Taxi in die Stadt. Er staunte, wie schnell sich seine Erfindung auch im Verkehrswesen durchgesetzt hatte. Er sprach mit irgendeiner Zentrale, die sich aus dem Lautsprecher über dem Lenkrad meldete, er nannte die Adresse seines Rechtsanwaltes, und er Wagen setzte sich ohne den geringsten Ruck in Bewegung.
»Sie sind der reichste Mann auf Erden, das steht fest. Rockefeller ist ein armer Schlucker gegen Sie, nebenbei Rockefeller ist tatsächlich verarmt. Ihre Automaten sind im Grunde der einzige Artikel, der nach wie vor irgendeinen Wert hat. Sie haben ein ungeheures Vermögen. Was werden Sie damit anfangen?« Der Advokat lachte. Er war vom Kopf bis zum Fuß modern eingekleidet, alles stammte aus den neuen Verteilungsstellen für Konsumgüter, also lebte auch er schon gratis.
»Das wird sich zeigen«, sagte Simon entschlossen. »Ich werde mir etwas einfallen lassen.«
Unterwegs zum Institut sah er die neuen Speisehallen, wo man umsonst Essen konnte, denn die Leute, die aus der Industrie ausgeschieden waren, hatten sich auf die Landwirtschaft gestürzt, und mit Hilfe der Maschinen, von denen es genügend gab, erhöhten sie die Produktivität binnen eines Jahres um ein Vielfaches, so daß die Lager überfüllt waren und die überflüssigen Lebensmittel verschenkt werden mußten. Sein Wagen wich den Hauptplätzen aus, er sah, daß dort große Menschenmassen herumsaßen, es sah wie eine Demonstration aus, aber sie waren ganz still und hörten sich Fachvorträge an. Mathematikkurse auf dem Strausberger Platz, Kurse über Elementarphysik auf dem Alexanderplatz, ein Kurs über Kybernetik unter der Marienkirche.
Der Platz am Marx-Engels-Forum war frei.
Im Institut empfing ihn die Sekretärin.
»Professor Koval ist in Indonesien. Ich bin nicht mehr seine Sekretärin. Ich vertrete ihn. Was wünschen Sie?« Sie sprach amtlich und war kurz angebunden. Das Institut war erweitert worden. Mindestens acht neue Gebäude waren entstanden. »Ihre ehemalige Stelle ist bereits neu besetzt. Wenn Sie hier unterkommen wollen, müssen Sie ein Gesuch einreichen. Täglich melden sich bei uns hunderte Bewerber. Völdösi hat mit Bong Ihren autonomen Automaten noch vervollkommnet, er arbeitet jetzt schneller und präziser. Wenn Sie irgendwelche neuen Vorschläge haben, wenden Sie sich an die Kommission für Beurteilung von Erfindungen. Aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß sie mindestens einen Monat warten werden müssen. Seit der Abschaffung der Arbeit ist es unser meistbeschäftigtes Amt. Nicht einmal unser Künstlerzirkel und unser Sportclub haben eine frei Stelle.«
»Ich will keinem Zirkel beitreten«, sagte er und ging. Die Arbeitszeit war minimal. Die meiste Zeit erbrachten die Angestellten in Zirkeln und Vereinen. Vor dem Institut sah er eine Menge Leute auf dem Sportplatz, sie übten Weitsprung, und als er am Pförtnerhaus vorüberging, hörte er die Worte von Hamlets Vater. Er hätte schwören können, die Stimme des Dozenten Schuba zu erkennen. Bestimmt ist er als Schauspieler ebenso schlecht wie als Physiker. Dies war kein Leben nach Simons Geschmack, immer mit den anderen auf einem Haufen zusammen hocken, in permanenter Begeisterung. Er ging am teuersten Geschäft in der Friedrichstraße vorbei und überlegte, was er Olga mitbringen könnte. Es gab doch bestimmt Sachen, die ihren Wert bewahrt hatten. Ursprünglich hatte er ein Schloß kaufen wollen oder eine Basis am Südpol, doch alle diese Immobilien waren öffentliches Eigentum. Er entschloß sich für Gold.
Er suchte den kostbarsten modernen Schmuck aus, den es gab, tatsächlich luxuriöse Sachen. Zwei Verkäuferinnen bedienten, die eine versiert, die andere schön, und sie schämten sich fast, als er bezahlen wollte.
»Warum?«, fragte er. »Verschenkt Ihr am Ende auch schon Schmuck?« Die ältere Verkäuferin nahm ihn an der Hand, zog einen Vorhang zur Seite und zeigte ihm die Werkstatt. Auf engstem Raum drängten sich dort etwa zwanzig Menschen.
»Sie kommen von überall zu uns. Ehemalige TischlerInnen, SchweißerInnen und FeinmechanikerInnen. Die Goldschmiedekunst kommt ihnen wie das gelobte Handwerk vor. Sie sind versorgt. Sie arbeiten hier umsonst. Und wie schön! Ihren Schmuck hat eine ehemalige Arbeiterin aus der Appretur hergestellt. Gold haben wir, soviel wir wollen. Es ist ein billiges Metall.«
Er begriff. Forschung, Handwerk, Kunst, Juristerei und Sport, das waren jetzt die wichtigsten Beschäftigungszweige. Und die Menschen waren froh, daß sie in diesen Berufen arbeiten durften, denn die Langeweile und die vermeidliche Nutzlosigkeit ist das größte Übel auf Erden. Vor der Französischen Revolution war dem so gewesen, in der Villa unten am Meer, und nun auch hier, mitten in der Stadt, die mit Konsumgütern überschwemmt war. Selbst Verkaufen wird zum Vergnügen, wenn man oder frau nur sechs Stunden pro Woche verkaufen muß; dann freut man sich auf seine Arbeit, denn man freut sich auf neue Gesichter, auf neue Menschen und Begegnungen.
Als er zum Flugplatz zurückkehrte, schrien die Zeitungsausträger um ihn herum die neueste Nachricht in die Welt. Aus Gewohnheit kaufte er eine Zeitung. Er sah die Schlagzeilen und mußte eine Weile die Augen schließen. DAS GELD ABGESCHAFFT! Sein Bankkonto war verfallen! Das Geld war abgeschafft. Er selbst war ein gewöhnlicher Mensch geworden; der letzte Nichtstuer.
Er fuhr zurück zur Villa am Meer. Man sagte ihm, Olga habe ihn verlassen. Sie war mit einem jungen Modeschöpfer durchgebrannt. Nun führten die beiden Individualmode vor. Dieser Kerl propagierte Kleidung mit künstlerischem Niveau: er versuchte, für jedeN einzelneN eine Kleidung zu entwerfen, die zu seinem Charakter und seiner Erscheinung paßt, er hatte großen Erfolg, obwohl er für den Strand römische Togen vorschlug und für Nürnberg eine leichte, durchscheinende Rüstung. Er hatte Erfolg, weil er eigenwillig und originell war. Kein Automat würde ihn jemals ersetzen. Und Olga liebte erfolgreiche Männer.
Einige Tage lang betrank sich Bauer mit einem anderen ebenso frustrierten, aber schon alten Mann. Erst nach einer Woche wagte der alte Anton Henkel sein Anliegen vorzutragen.
»Stoppe das alles, Simon. Laß uns umkehren! Du hast doch dieses Luder erfunden, du kannst sie auch vernichten.«
Bauer lachte auf:
»Nein, es gibt leider kein zurück.«
Auch er hatte schon begriffen, daß er eine Erfindung gegen sich selbst gemacht hatte. Er entkorkte wieder eine Kognakflasche. Henkel erzählte, er hätte sich lange behauptet; als man mit den neuen Industrieprodukten keinen Schleichhandel mehr treiben konnte, hätte er es mit Spitzen versucht, dann mit Antiquitäten und schließlich mit Bildern. Doch in der Stadt wurden auch Massenkurse für MalerInnen abgehalten, von Bildern verstand jetzt jedeR Dahergelaufene mehr als Henkel. In Potsdam waren innerhalb weniger Monate zwanzig neue Maler aus dem Boden geschossen, von denen einer angeblich wirklich Talent hatte.
»Das Ende der Welt ist gekommen«, grölte Henkel betrunken. »Das Ende der Welt ist gekommen. Das Geld hat man abgeschafft! Man hat sich gegen die menschliche Natur versündigt.«
Noch am selben Abend beging er Selbstmord. Nicht er allein. Viele Leute vermochten plötzlich den langen Urlaub am Meer nicht zu ertragen. Simon begriff, wovor Irene ihn hatte warnen wollen. Er sah, daß das goldene Zeitalter von jedem seinen Tribut forderte. Egoismus war jetzt eine tödliche Krankheit geworden.
Lange schon konnte er in Berlin keine Stelle bekommen. Arbeit war nun kostbar. In Kovals Institut wagte er sich nun nicht mehr. Irene leitete das biologische Institut in Spandau, man hatte ihr dafür ein paar überflüssig gewordene Fabrikhallen frei gemacht. Dort konnte er endlich im Institut für physikalisch-chemische Forschung unterkommen.
»Ich bin froh, daß Du zurückgekehrt bist«, begrüßte sie ihn.
»Warum?«
Vielleicht verzeiht sie mir. Ein bißchen tat er sich immer noch leid, aber er wollte nicht so enden wie Henkel.
»Du hast Deinen Weg, Deinen Sinn in dieser neuen Welt gefunden.«
Sie führte ihn ins Laboratorium. Der Abteilungsleiter trug ihn ein.
»Bauer? Simon Bauer? Das ist interessant. Sie heißen wie der Erfinder der Automaten. Was mag aus diesem Menschen geworden sein?«
Er sagte es ihm nicht.