Gli Invisibili - Die Unsichtbarenby - 10.06.2005 15:12
Erster Teil
1 Das Kellergeschoss ist ein Gewirr von Gängen erhellt alle zwanzig dreißig Meter von staubigen Neonröhren die an langen brüchigen Kabeln von der nackten Zementdecke hängen die tiefe Risse durchziehen so lang dass ihr Ende nicht zu sehen ist und stellenweise senkt sie sich bläht sich herab wie unter einem ungeheuren Gewicht das von oben auf ihr lastet sie ein- und niederdrückt alle vier fünf Meter stützen sie dicke Balken das Holz ist morsch und modrig der Boden überzogen von einem dünnen Film fauligen Wassers ein widerlich süßer Aasgeruch mischt sich in den Modergeruch da und dort an einer Abzweigung oder einer Kreuzung zweier Gänge kleine Sand- oder Zementhaufen nass und breit getreten liegen gebliebene Schaufeln und anderes rostiges Werkzeug die Luft ist feucht und aus dem Mund kommen kleine Dampfwölkchen wenn man die ekelhafte Luft atmet das unregelmäßige Getrappel des stummen kleinen Zugs vermischt sich mit dem einförmigen Kettengerassel tönt hohl wenn es über die nassen Holzstege geht die Schatten verlängern sich hinter den Füßen wenn sie sich den neonbeleuchteten Stellen nähern verschwinden und erscheinen gleich darauf vorne wieder werden länger die Schritte tasten sich vorwärts man passt auf wohin man den Fuß setzt und auf die Ketten um nicht zu stark nach vorn oder hinten zu zerren und möglichst immer den gleichen Abstand zum Vordermann und Hintermann zu halten und achtet darauf mit der rechten Schulter die glitschig nasse Wand nicht zu streifen und links den waagerecht vorgestreckten MP-Läufen auszuweichen während der kleine Trupp mehrmals nach rechts und links und links und rechts abbiegt bis er völlig die Orientierung verloren hat dann eigen wir eine beklemmend enge halbdunkle Treppe hinauf mit langen Rampen hohen unbequemen Stufen Gezerre an den Ketten das an den Handgelenken schmerzt und am Ende der letzten Treppe das Licht einer kleinen Tür und wir schlüpfen hinaus oben an einer Treppe zu einem riesigen hell erleuchteten Saal voller Leute die sich da unten bewegen plötzlich spüre ich am Bein eine Schnauze die drohend knurrt schwarze weit geöffnete Pupillen große vorstehende Augen zwei lange weiße Zähne verzerrte aufgestülpte rote Lefzen ein gewaltiger großer Hund das schwarz glänzende Fell am lauernd gekrümmten Rücken gesträubt die aufgestellten Ohren unablässig bebend der Karabiniere der ihn an der Leine hält zeigt keine Regung in seinem kugelsicheren Antiterrorismus-Schutzanzug neuesten Stils von der Stelle wo wir sind führt die Treppe steil hinab bis unten in den Saal und von dort ragen ringsum dicke zylindrische metallicgrau gestrichene Eisenstangen auf bis zur Decke der riesige Käfig ist voller Karabinieri in kugelsicheren metallicgrauen Schutzanzügen oben unten an beiden Seiten mit weiteren großen schwarzen nervös knurrenden Hunden einem nach dem anderen nehmen die Karabinieri uns die Ketten ab lösen die Handschellen von den roten schmerzenden Handgelenken das grelle Blitzlichtfeuer der Fotografen schlägt uns ins Gesicht Hunde nein Schakale auch sie verrenken sich bücken sich recken sich auf Zehenspitzen ein hektisches Ballett heben die Arme strecken sie noch höher mit den Jackenärmeln die zu den Ellenbogen hoch rutschen und noch höher wir reiben uns die roten Handgelenke stecken uns Zigaretten an gehen ein bisschen die Treppe rauf und runter winken dem einen oder anderen Angehörigen setzen uns zu zweit oder zu dritt nebeneinander und wechseln ein paar leise Sätze die Fotografen drunten beugen die Knie schnellen mit dem Rumpf nach links und nach rechts wie Schlangenmenschen im Zirkus neigen sich vor zu den Bestien im Käfig versuchen den Kopf durch die Gitterstäbe zu zwängen und die langen Objektive zwischen den Armen und Beinen der Karabinieri durchzuschieben die eine reglose Mauer bilden lassen mit fahrigen Fingern die Kameras auf und nieder tanzen und knipsen schießen grelle Blitze auf die Gesichter im Käfig und dann flammt in einer Ecke ein noch grelleres Licht auf und es beginnt das Surren der Fernsehkameras ich setze mich auf die oberste Treppenstufe und drunten sehe ich die Anwälte mit den lässig um die Schultern geworfenen schwarzen Roben wie sie ruhig miteinander plaudern in kleinen Grüppchen hinter den abgewetzten Holztischen auf der rechten Seite sitzt parallel zum Käfig aufgereiht das Gericht mit dem finsteren und nachdenklichen Vorsitzenden in der Mitte die hohe Rückenlehne überragt ein ganzes Stück seinen Kopf daneben der Beisitzer hingefläzt auf einem zweiten Stuhl mit hoher Lehne und rechts und links die Geschworenen Männer und Frauen die Gesichter fast alle hinter großen dunklen Brillen verborgen die grünweißroten Schärpen schräg über den mattfarbenen Pullis bauschigen Blusen mit gestärkten Krägen Anzügen in unterschiedlichen Grautönen grünlichen bläulichen oder gelblichen Krawatten und hinten rechts ein wenig abseits das Podium der Staatsanwaltschaft über den Köpfen der Richter bilden Millionen von Steinchen ein riesiges angestaubtes und verblichenes Mosaik das bis zur Decke reicht und eine wirre Szene darstellt eine wütende Schlacht zur Linken die bösen Mächte verkörpert durch eigentümlich gekrümmte ineinander verschlungene unheimliche Gestalten vorwiegend in Grün und Violett und zur Rechten die guten Mächte engelhaft ätherisch harmonisch in lichtem Blau in der Mitte stoßen sie aufeinander in einer wütenden Schlacht doch die Mächte des Bösen sind schon klar besiegt und treten den Rückzug an verfolgt von den unerbittlichen Mächten des Guten darunter prangt in einem vergoldeten Oval die Gestalt der Justitia mit verbundenen Augen in einer Hand das Schwert in der anderen die Waage und noch weiter unten in erhabenen Lettern die Aufschrift vor dem Gesetz sind alle gleich links hinter der Polizeisperre sind die Holzschranken hinter den Schranken sind die Plätze für das Publikum aber Publikum ist keines da der Zuschauerraum ist so gut wie leer bis auf einige Familienangehörige Mutter Vater Schwester Bruder Kusine Onkel Schwägerin kein Freund kein Genosse weil alle Angst haben weil das Gerichtsgebäude sich von außen wie ein Kriegsschauplatz präsentiert Sperrgitter und Stacheldraht Polizeikordons und Karabinieri eine Absperrung hinter der anderen und Panzerfahrzeuge an den strategisch wichtigen Punkten während andere Panzerfahrzeuge unentwegt das Gerichtsgebäude umkreisen und am Eingang dann Hunde und Metalldetektoren und Leibesvisitationen Verhöre Karteien Drohungen Warnungen Unterstellungen und all das die kleine Tür hinter uns öffnet sich erneut und inmitten eines weiteren Polizeitrupps erscheinen oben an der Treppe die Frauen auch sie in Ketten und Handschellen wir springen alle auf und laufen auf sie zu der Käfig füllt sich mit Begrüßungsrufen Lächeln verschiedenen Parfüms alle haben sie kunterbunte Klamotten an lange Röcke bunte Blusen bunte Halstücher Ringe an den Fingern Halsketten Kettchen Broschen Armbänder Klimperreifen an den Handgelenken große bizarre Ohrringe und Haarspangen das Durcheinander macht die Karabinieri nervös sie brüllen Befehle die Hunde knurren drohend und wieder bricht das Blitzlichtgewitter der Fotografen los die Journalisten kritzeln hektisch in ihren Notizbüchern die wenigen Angehörigen schwenken die Arme rufen Begrüßungen über die Sperre und die Antwort sind weitere Zurufe und Grüße die Karabinieri nehmen einer nach der anderen die Ketten ab und lösen die Handschellen die Mädchen laufen auf uns zu wir laufen auf sie zu auf der Treppe und wir vermischen verflechten umschlingen uns zu einem Mosaik von Umarmungen Liebkosungen Küssen Stimmen das Einzige was uns jetzt interessiert ist miteinander reden zu können über so vieles reden über alles reden endlich reden reden so lange wie möglich und uns anfassen spüren zu können Männer und Frauen alles um uns herum verschwindet der Gerichtssaal die Karabinieri die Fotografen die Hunde die Richter alles jenseits des Gitters ist uns fern existiert nicht Geschenke gehen hin und her Amulette Krimskrams alles was man bis hierher in den Käfig mitnehmen konnte wir tauschen sogar die Kleider Hemden Pullover Halstücher Schals Klingeltöne die vom Richtertisch kommen und der Vorsitzende beginnt mürrisch die lange Liste der Anklagevorwürfe zu verlesen dieser und jener angeklagt und so weiter und so weiter dies und das begangen zu haben dieser und jener angeklagt dies und das begangen zu haben und so weiter und so fort in Tateinheit mit alles hastig runtergeleiert mit eintöniger Stimme dieser und jener angeklagt dies und das begangen zu haben und Pipapo er nuschelt verschluckt in der Eile die Wörter und dies und das und bewaffnete Bande kriminelle Vereinigung und Pipapo man kann ihm gar nicht folgen hastig schließt er und dann kommen die Präliminarien und die Anwälte erheben ohne jede Überzeugung rein formell die üblichen nutzlosen Einwendungen und so wird die Sitzung unterbrochen das Gericht zieht sich zurück um über die Einwendungen der Verteidigung zu entscheiden wenige Minuten und schon sind sie zurück und erneutes Klingeln um zu verkünden dass die Einwendungen der Verteidiger natürlich alle abgelehnt sind und wieder Klingeln und die Verhandlung wird eröffnet der Vorsitzende Richter erklärt die Verhandlung für eröffnet 2 Der vereinbarte Tag war gekommen und in aller Frühe bevor die Schultore öffneten hatten wir ein großes Plakat angeklebt das die Versammlung ankündigte und alle aufforderte an der Versammlung teilzunehmen wir nehmen ohne zu fragen stand groß darauf und Gelso hatte noch druntergeschrieben und zwar alles was wir brauchen Rektor Mastino kommt wie immer als Erster und liest das Plakat bläst die Backen auf und blickt uns grimmig an fixiert uns einen nach dem anderen als wolle er sagen ich nehme es zur Kenntnis aber wartet nur ich werd's euch geben dann kommen die Lehrer lesen kommentarlos schauen uns nur an wie lauter Verrückte ein paar Minuten später kommt ein Trupp Schuldiener heraus denen hatte Mastino befohlen die Plakate zu zerreißen Der mutigste Schuldiener der zugleich auch der dümmste war hebt einen Arm um das Plakat abzureißen aber Cocco stellt sich wütend vor ihn mit erhobenen Armen in seinem langen schwarzen Mantel mit purpurrotem Futter und lässt einen Schrei los der Pedell hält erschrocken inne und derweil kommen auch wir näher die Schuldiener wissen nicht was tun schauen zu Mastino hinauf der sie vom Fenster des Rektorats aus beobachtet doch am Ende beschließen sie wieder rein zugehen weil ihnen klar ist dass es eine Schlägerei gibt wenn sie weitermachen die ersten Schüler die eintrudeln haben die Szene gesehen beginnen mit uns zu diskutieren und gehen nicht rein und nach und nach wird die Gruppe größer Mastino hält es für angebracht persönlich einzugreifen und tritt in die Vorhalle hinaus um zu zeigen dass er auch da ist und fängt an auf und ab zu gehen Mir kam es vor wie der Fabrikherr der vor der Fabrik auf und ab spaziert in diesen Geschichten die ich über die ersten Arbeiterkämpfe die ersten Streiks gelesen hatte die gleiche Einschüchterungsmethode und wirklich kriegen die Schüler Angst der eine oder andere sagt er will reingehen tausend Ausreden fallen ihnen obwohl wir uns jede Mühe geben ihnen klar zu machen dass wenn wir alle draußen bleiben Mastino uns nichts anhaben kann alle kann er uns nicht feuern aber da ist zu viel Unschlüssigkeit und zu viel Angst und ein erstes Grüppchen geht mit gesenkten Köpfen hinein und das ist wie ein allgemeines Signal auch die anderen stürzen hinein und innerhalb von Minuten sind fast alle drinnen nur an die zwanzig bleiben draußen und wir sechs und auch Mastino geht wieder rein und grinst zufrieden wir machen lange Gesichter Maiva ist ganz fertig aber Cocco lässt nicht locker gehen wir rein und machen sie trotzdem mit denen die da sind sagt er wir müssen sie trotzdem machen jetzt haben wir ohnehin nichts mehr zu verlieren ruft er und so überreden wir die anderen die Versammlung trotzdem zu machen wir gehen alle zusammen hinein und setzen uns in ein leeres Klassenzimmer im Erdgeschoss eine Minute sind wir drin und haben noch kein Wort gesagt da kommt Mastino und brüllt was wollt ihr hier du da und du und du ihr seid alle relegiert hinauf mit euch ins Rektorat einer nach dem anderen und dann geht er wieder und lässt die Tür offen Scilla gibt der Tür einen Tritt und verbarrikadiert sie wir schieben zwei Bänke davor verharren einen Augenblick stumm wir müssen was tun blicken uns in die Augen aber wissen nicht was tun kommen uns vor wie in der Falle dann ein Geistesblitz und ich habe die Seite aus einer Broschüre vor Augen die ich diesen Sommer gelesen hatte über die Kampfformen in den Fabriken und all das Zeug ich habe die Seite genau vor Augen mit der fett gedruckten Überschrift Demonstrationszug durch die Fabrik und ich sage Demo durch die Fabrik einen Demonstrationszug durch die Schule müssen wir machen was sagen die andern dazu ja eine Demo in der Schule wir gehen in alle Klassen und holen alle raus probieren wir es wenigstens wir fangen bei der ersten an und machen sie alle durch alle sind einverstanden wir gehen auf den Gang hinaus und machen einen kleinen Demonstrationszug und kommen vor das erste Klassenzimmer der Unterricht hat schon begonnen wir platzen hinein treten alle schweigend ins Klassenzimmer der Lehrer ein notorischer Liebediener von Mastino kriegt einen Mordsschreck und tut keinen Muckser sämtliche Schüler drehen sich zur Tür Valeriana ist resolut wenn sie spricht selbstsicher nervös aber bestimmt sie hat eine laute Stimme und spricht klar und deutlich der Rektor hat uns alle relegiert sagt sie weil wir ohne seine Genehmigung eine Versammlung machen wollten alle haben es gewusst ihr habt es auch alle gewusst dass wir vorhatten diese Versammlung zu machen schon seit zwei Wochen diskutieren wir darüber heute seid ihr aus Angst reingegangen aber wenn ihr heute Angst habt dann habt ihr morgen auch Angst und immer und wir werden nie selber über unsere Angelegenheiten entscheiden können also müsst ihr jetzt gleich was tun wir müssen die Versammlung jetzt gleich machen wir alle um zu zeigen dass wir in dieser Schule keine Sklaven sind wir müssen sie machen um das zu machen was in allen anderen Schulen auch gemacht wird um zu zeigen dass wir selber entscheiden denn es ist unsere Schule und nicht die von Mastino Cocco und Scilla blicken den Lehrer drohend an wie um zu sagen wage nicht den Mund aufzumachen und der bleibt wirklich ganz still stehen an einigen Tischen steht jemand auf und es kommen die ersten Kommentare jawohl gehen wir raus alle raus ja machen wir die Runde durch alle Klassen vom anderen Ende des Korridors kommt Mastino und sieht den Demonstrationszug vor sich fängt an zu brüllen aber jetzt kann er keinem mehr Angst machen Cocco bleibt vor ihm stehen und schreit ihm ins Gesicht Versammlung Versammlung Mastino brüllt weiter rot vor Zorn und droht allen mit Rausschmiss und brüllt wir sollen in die Klassen zurück aber der Demonstrationszug platzt schon in die nächste Klasse hinein die Methode besteht darin alle gleichzeitig ins Klassenzimmer zu stürzen Valeriana hat ihre Rede erst zur Hälfte gehalten und schon sind alle aufgesprungen um rauszugehen wir brauchen gar nichts mehr zu sagen sie haben schon alles kapiert der ganze Radau lockt auch alle anderen Klassen an der Demonstrationszug wächst das Erdgeschoss ist wie leer gefegt wir steigen die Treppen zum ersten Stock hoch und gehen in die erstbeste Klasse rein jetzt sind es schon so viele Leute dass nicht alle Platz finden und auch hier kommen alle Schüler sofort heraus die von draußen reindrängen stoßen mit denen zusammen die von drinnen rausdrängen wir gehen gar nicht mehr in die anderen Klassenzimmer die Schüler kommen überall von selbst heraus auch im zweiten Stock wir sehen wie sie sich übers Geländer beugen wir brüllen alle raus und gehen die Treppen hoch bis in den zweiten Stock und als wir oben im Gang ankommen sind schon alle aus den Klassenzimmern draußen und schließen sich der Demo an der Zug steht oben auf der Treppe alle drängen hinauf nehmen die ganze Treppe ein man hört Mastino der unten irgendwas brüllt aber man versteht ihn nicht hört nicht was er sagt es herrscht ein unglaubliches Durcheinander dann beugen wir uns runter und sehen Mastino drunten im Erdgeschoss mitten im Treppenhaus er rauft sich die Haare und macht ein verzweifeltes Gesicht man hört nur wie er brüllt die Treppe die Treppe von oben fliegen Papierkügelchen und landen unten an Mastinos Kopf dann fliegen vom ersten und vom zweiten Stock Kugelschreiber Radiergummis Bleistifte bald auch Hefte und Bücher hinab alle werfen irgendwas runter auf Mastino der da unten steht ganz allein im Treppenhaus er versucht sich nicht mal zu schützen hat die Hände in den Haaren aber nicht um sich zu schützen und brüllt immer noch die Treppe die Treppe von den Lehrern ist nichts zu sehen die Schuldiener sind verschwunden ein paar Lehrer haben sich in die leeren Klassenräume geflüchtet und sich eingeschlossen eine nach der anderen gehen die Fensterscheiben der Klassenzimmer zu Bruch und man sieht die Lehrer entsetzt dastehen mit dem Rücken an der Wand drunten lässt Mastino einen letzten verzweifelten Schrei los mit dem er sich endlich vernehmlich machen kann die Treppe stürzt ein brüllt er das Geschrei wird leiser aber nicht wegen dem was Mastino gesagt hat sondern weil die Leute sich schon ziemlich abreagiert haben Gelso sieht mich durch seine kleine runde Brille an und fragt was für einen Scheiß brüllt denn dieses Arschloch und Cocco sagt der blufft doch nur dort unten der weiß nicht mehr was er tun soll Mastino hebt die Arme und ruft flehentlich Kinder Kinder hört auf die Treppe hält das nicht aus dieses ganze Gewicht beruhigt euch und kommt runter aber der Reihe nach ordentlich ohne zu rennen ganz ruhig was denn der Reihe nach hört euch das an der kann es nicht lassen rumzukommandieren ruft Cocco du nimmst jetzt alle deine Drohungen zurück alles nimmst du zurück hier vor allen keiner fliegt raus und Versammlungen wann wir wollen man hört tosendes Gebrüll alle schreien Versammlung Versammlung Mastino dort unten breitet die Arme aus und lässt sie wieder sinken und als er zu Wort kommt sagt er schwer atmend ja ja alles was ihr wollt aber kommt sofort runter ich flehe euch an ich sage es zu eurem Besten kommt runter geht langsam runter nicht rennen ich bitte euch niemand wird relegiert ihr dürft eure Versammlungen machen aber kommt bitte runter alle brüllen Sieg Sieg aber keiner geht runter keiner glaubt das Märchen von der einstürzenden Treppe keiner denkt auch nur einen Augenblick daran Gelso putzt zufrieden seine Brille Maiva und ich fallen uns glücklich in die Arme und immer noch hört man Cocco mit heiserer Stimme brüllen jetzt ist es dir wohl vergangen dich aufzuspielen was dann fügt er hinzu du bist entlassen Mastino für immer komm ins Rektorat wenn wir dich rufen man hört die Stimme von Valeriana wir gehen jetzt besser auf den Hof runter sagt sie um die Versammlung zu machen nur dort haben wir alle Platz und alle rufen einverstanden Versammlung Versammlung im Hof im Hof und fangen an runterzugehen und statt der Reihe nach runterzugehen wie Mastino es wollte rennen sie alle runter noch dazu hüpfend und laut trampelnd um ihn zu ärgern und schieben und drängen Mastino steht reglos da mit erhobenen Armen den Kopf hochgereckt und brüllt nicht doch nicht doch langsam langsam und wie es dann ausging wissen ja alle 3 In der Stadt haben die Jugendgruppen ein Fest auf dem Domplatz organisiert China und ich fahren allein im Zug hin wir kommen zu früh zur Verabredung mit den Freunden es sind schon massenhaft Leute da großes Polizeiaufgebot ringsherum werden Parolen an die Mauern und auf den Boden geschrieben Wir haben ein Recht auf Freiraum oder Mehr Lust statt Frust oder Holen wir uns das Leben zurück die Bullen beginnen Druck zu machen wollen uns vertreiben es gibt ein paar Keilereien Tränengaspatronen gehen los die keinem Angst machen aber dann schaffen sie es sich einen Genossen zu schnappen und ein bisschen auf ihn einzuknüppeln wir ziehen vom Platz ab aber in den Straßen ringsum fangen wir an Pflastersteine rauszureißen und uns damit die Taschen zu füllen am Treffpunkt kommen mittlerweile große Gruppen an vor allem aus den Ghetto-Vierteln der Außenbezirke wir versuchen Ketten zu bilden und es kommt eine recht ansehnliche Schlange dabei heraus wir sehen die anderen von unserer Gruppe alle sind gekommen haben sich in kleinen Grüppchen unter anderen gemischt die Spitze des Demonstrationszugs marschiert entschlossen los in Richtung Domplatz ein Transparent wird hochgehoben auf dem steht Es ist Zeit zu rebellieren wir sind im Karneval man sieht es am Konfetti und an den Luftschlangen auf dem Boden die Familien führen ihre als Zorro Sandokan oder Schwarzer Korsar maskierten Kinder aus wir drehen eine Runde um den Domplatz und in diesem Moment bricht der Tumult aus denn die Karabinieri greifen das Ende des Demonstrationszugs an schießen Salven von Tränengaspatronen ab die Luft wird sofort unerträglich allen tränen die Augen die Familien geraten in Panik rennen hinter ihren Zorros Sandokans und schwarzen Korsaren her die bei der wilden Flucht verloren gegangen sind China und ich bleiben bei einer Gruppe stehen die mit Pflastersteinen schmeißt und entdecken neben uns Cotogno Valeriana und Nocciola wir sehen die Karabinieri zum Angriff stürmen da schieben einige Genossen ein paar Autos quer auf die Straße ein paar Mollies auf die Autos und die Karabinieri sind nicht mehr zu sehen hinter den Flammen und schwarzen Rauchschwaden hundert Meter weiter vorn nehmen sich ein paar Leute gerade einen Rolls Royce metallic vor gehen mit Knüppeln und Eisenstangen auf die Karosserie los ein Steinhagel gegen die Fenster dann auch hier ein Mollie und der Bonzenschlitten brennt lichterloh wir spielen mit den Karabinieri noch ein bisschen Haschen auf den Straßen im Zentrum zum Schluss zerstreuen wir uns und treffen uns alle am Bahnhof wieder allen brennen die Augen und wir reiben und reiben auch wenn es davon noch schlimmer wird und dazu der Gestank von Tränengas in der Nase wir waschen uns die Augen am Brunnen da kommt Maiva die gestolpert ist kam mit hohen Absätzen und hat sich die Nase aufgeschlagen die ganze Nase ist aufgeschürft Gelso ist wie immer die Brille runtergefallen und jemand hat sie ihm im Durcheinander zertreten und jetzt sieht er fast nichts mehr Verbena hat einen Haufen Gas eingeatmet ihr ist schlecht sie muss fast kotzen da kommt Ortica klappt seinen Regenmantel auf und zeigt uns einen Gummiknüppel schwarz und lang beinahe hätten wir noch was ganz anderes mitgebracht stimmt's Cocco Cocco hat eine Knarre auf der Straße gefunden die haben sogar eine Knarre verloren ihr hättet Cocco sehen sollen wie ein Vogel Strauß kam er angelaufen mit der Knarre in der Hand alle lachten und applaudierten aber dann haben wir sie weggeworfen was sollten wir denn mit einer Knarre ein andermal an einem Abend Mitte April bringen sie im Fernsehen die Meldung vom Mord an einem Genossen ein Faschist hat auf ihn geschossen siebzehn Jahre war er alt die Reaktion erfolgt sofort direkt und spontan am nächsten Morgen treffen wir uns alle im Zug zur Stadt die gleichen Mienen die gleichen Turnschuhe Jacken Umhängetaschen Schals Tücher Handschuhe Mützen die Wagons sind voll die Leuten stehen auf den Gängen keiner spricht und an jedem Bahnhof steigen noch mehr zu an den Häusermauern in den Dörfern durch die wir fahren sehen wir die frisch geschriebenen Parolen die gleichen Worte die auch auf den schweigenden Gesichtern der Genossen zu lesen sind im den letzten Haltestellen der Außenbezirke steigt eine Flut von Leuten ein die sich auf den Plattformen drängen sie haben Plastiktüten dabei in denen die Schutzhelme sind und unter den Jacken Schraubenschlüssel Stöcke Eisenstäbe in der Tasche Schleudern Murmeln Bolzen als wir ankommen füllt ein langer Demonstrationszug den ganzen Bahnsteig aus und bewegt sich die Treppe hinab zur U-Bahn keiner löst eine Fahrkarte auch die Fahnen und die langen Stangen der Transparente werden mit in die Wagons genommen jemand versucht ein Lied anzustimmen doch die Atmosphäre ist düster bedrohlich wir kommen zur Universität auf dem Platz vor der Uni ein Heer von Menschen aber nicht nur Studenten nicht nur Junge sondern Leute jeden Alters auch ältere Arbeiter im Overall mit roten Halstüchern der Demonstrationszug hat sich schon aufgestellt wartet auf den Abmarsch die Leute vom Ordnungsdienst mit Tüchern vorm Gesicht bis unter die Augen und dicken Stöcken an denen kleine rote Fähnchen befestigt sind ein dumpfes Brodeln dann ein Schrei und der Slogan ertönt Genosse dein Tod wird gerächt alle gemeinsam wie Donnerrollen und der Zug marschiert ab vor dem Justizpalast vor den Treppen hat die Bereitschaftspolizei Aufstellung genommen in voller Kriegsausrüstung die Tränengaspatronen an der Mündung der Gewehre aufgesteckt und die Visiere runtergeklappt der Zug hält plötzlich an und Parolen gegen die Polizisten werden gerufen die Spannung steigt auf tausend der Zug setzt sich erneut in Bewegung und bleibt wieder stehen auf einem Platz sehe ich einen schmächtigen Alten mit einem roten Tuch um den Hals der auf den Sockel des Obelisks mitten auf dem Platz gehievt wird und die Trompete an die Lippen setzt und Il Silenzio spielt und augenblicklich tritt beklemmende Stille ein nur die hohen Töne der Trompete sind zu hören als die Trompete verstummt ein Schrei ein ungeheuerlicher Schrei Tausende von Fäusten fahren in die Höhe alle bewaffnet mit Schraubenschlüsseln und Eisenstangen sämtliche Geschäfte in den Straßen durch die wir kommen sind geschlossen alle Rollläden runtergelassen und auf einmal setzen alle die Helme auf Reihe um Reihe sehe ich sie auftauchen eine endlose Fläche bunter Helme wie ein Meer bunter Kugeln weiß rot blau grün schwarz der Zug bleibt in der Allee stehen in Höhe einer Querstraße da vorne ein paar Meter weiter in der Querstraße ist eine Polizeisperre Autos Jeeps Gefangenentransporter von Polizei und Karabinieri die das Parteilokal der Faschisten schützen das wenige Meter hinter der Absperrung liegt die Spitze des Demonstrationszugs mit dem Ordnungsdienst bleibt ein paar Meter vor der Absperrung stehen Schraubenschlüssel und Eisenstangen werden drohend erhoben Polizei und Karabinieri rücken zusammen und schützen sich mit den Schilden ein Steinhagel bricht los der kein Ende nehmen will man hört den dumpfen Aufschlag der Steine die gegen die Schilde und Helme der Polizisten prallen zu Dutzenden fliegen Mollies durch die Luft dann schlagen Flammen hoch gelb rot blau bilden eine riesige Feuermauer dicht vor uns einige Jeeps haben Feuer gefangen die Polizisten brechen aus den Reihen rennen alle davon stolpernd sich gegenseitig niedertrampelnd auf ihrer Flucht wieder fliegen Mollies und noch mehr Autos fangen Feuer eine schwarze Rauchwolke man sieht nichts mehr dann sind die dumpfen Aufschläge der Tränengaspatronen zu hören die von allen Seiten auf uns niederprasseln zu Dutzenden eine Ladung von Tränengaspatronen die auf uns niederhageln im Nu ist die Luft nicht mehr zu atmen die Kordons des Ordnungsdiensts weichen zurück bis zur Einmündung der Querstraße bleiben hinter der Einmündung an der Allee stehen der Zug hat sich aufgelöst und plötzlich hört man vom Ende der Allee her laut und schrill die Sirenen einer Kolonne Polizei-Jeeps die Sirenen kommen näher immer lauter überall höre ich Geschrei dann rennen die Leute auf einmal alle zur Seite auf die Gehsteige zu und plötzlich taucht in der sich teilenden Menschenmenge ein riesiger Polizei-Jeep auf graugrün in rasender Fahrt und streift uns auch ich renne auf dem Gehsteig weiter noch mehr Jeeps der Kolonne kommen angerast die Sirenen sind dicht neben uns zerfetzen uns das Trommelfell Steine und ein paar Mollies fliegen gegen die Autos deren Fenster mit Eisengittern geschützt sind bei einem schießen an der Seite Flammen hoch es sind so viele sie scheinen kein Ende zu nehmen von den Gehsteigen aus schmeißen die Genossen immer noch Steine und Molotowcocktails schießen mit ihren Schleudern Stahlkugeln einen Jeep sehe ich im Zickzack mitten auf der Straße fahren und dann genau auf den Gehsteig zusteuern die Leute drücken sich an die Häusermauern klettern die Schaufenster der Geschäfte hoch auf die Fenstersimse im ersten Stock die Jeeps fahren auf den Gehsteig hinauf und rasen dicht an den Hauswänden entlang streifen uns ich klettere an einem Schaufenster hoch alle versuchen irgendwo hochzuklettern aber es ist nicht für alle Platz die Leute klammern sich aneinander die Jeeps fahren auf den Gehsteigen dicht an den Häusermauern entlang und streifen uns einer zwei drei ich halte den Atem an und schließe die Augen neben mir schreit jemand vor Entsetzen ich hänge immer noch am Gitter als die Kolonne schon vorüber ist und sehe das letzte Auto das uns gestreift hat und dann mit einem plötzlichen Ruck auf die Straßenmitte zusteuert höre laute Schreie die von der Stelle auf die das Auto zugesteuert ist ein entsetzliches Gebrüll laute Schreie ich sehe viele Genossen zu der Stelle ich kann nichts sehen in dem Rauch und Durcheinander alle haben rote tränende Augen vom Tränengas ich klettere von meinem Gitter runter und laufe mit anderen zu der Stelle wir stoßen mit denen zusammen die aus der Gegenrichtung kommen verzweifelte Gesichter weit aufgerissene Augen manche nehmen sich die Tücher ab einer rauft sich die Haare ich kann nicht erkennen was passiert ist eine Schar Genossen steht im Halbkreis da einige weinen aber nicht wegen dem Tränengas einige schluchzen ein junges Mädchen ruft etwas das ich nicht verstehe dann sehe ich weiter vorn den blutigen Körper am Boden sehe die lange dunkle Blutspur und sehe ein Stück davor entfernt die rötliche Masse des Gehirns das aus dem vom Rad des Polizei-Jeeps zermalmten Kopf gespritzt ist 4 Dann plötzlich ein starres verschwommenes Bild das ich nicht recht zu deuten wusste eine Fotografie war es nicht denn in der Einstellung waren kaum merkliche Bewegungen das helle Licht eines Scheinwerfers das musste eine Nachtaufnahme sein irgendwas aus nächster Nähe aufgenommen so nah dass man nichts Genaues unterscheiden konnte es gab keinen Kommentar dazu nur dieses stumme und verschwommene Bild ich hörte nur das Rascheln von Chinas Fingern die einen Joint drehte dann zoomte das Objektiv der Fernsehkamera nach hinten holte einen Kopf heran den Kopf eines Mannes der Kopf lag in einer Lache in einer großen roten Lache und da war ein roter Streifen der aus dem einen Ohr kam und über die Wange lief bis zum weißen Hemdkragen die Fernsehkamera zoomte noch weiter zurück und zeigte den Körper des erschossenen Karabiniere vor der gelben Zapfsäule einer Tankstelle neben der Leiche sah man eine Pistole ob es seine eigene war oder die mit der er ermordet worden war weiß ich nicht ich stellte den Ton des Fernsehers lauter der runtergedreht war der Sprecher sagte der Karabiniere sei vor seiner Wohnung erwartet und mit zwei Schüssen Kaliber neun in den Kopf getötet worden noch hatte sich niemand zu dem Mord bekannt dann folgte eine Aufzählung der seit Jahresbeginn gefallenen Sicherheitskräfte Bilder von toten Karabinieri und Polizisten auf der Straße oder hinter Autofenstern eine lange Liste von Namen und Daten zwischen die Bilder der Gefallenen wurden andere Bilder eingeblendet das Fernsehen kommentierte Fahndungsfotos von Flüchtigen Szenen von Terroristenverhaftungen von Schießereien mit Terroristen Morden an Terroristen Szenen aus Terroristenprozessen mit den Terroristen in großen Käfigen aufgereiht mit geballten Fäusten und finsteren Gesichtern der Tonfall des Kommentars war der eines Kriegsberichts China die sich inzwischen den Joint angezündet hatte reichte ihn mir rüber und nahm die Fernbedienung und schaltete den Ton aus man sieht noch zwei Karabinieri in Galauniform jung und stramm die einen gigantischen Blumenkranz tragen um den ein breites violettes Band geschlungen ist mit der Aufschrift DIE REGIERUNG in großen Goldbuchstaben dann wechselte China das Programm und fing an von einem Kanal auf den anderen umzuschalten vor und zurück damals hatte ich gerade den Job in der Farbenfabrik aufgegeben und China und ich hatten keine feste Bleibe mehr wo wir uns aufhalten konnten waren ständig unterwegs mal da mal dort bei Genossen die uns beherbergen konnten wir waren keineswegs die Einzigen die so lebten damals waren wir fast alle gezwungen ein Nomadenleben zu führen wegen des gespannten Klimas das herrschte reihenweise Verhaftungen und fast tagtäglich Hausdurchsuchungen auch völlig wahllos bei den verschiedensten Leuten der Bewegung bei alten die in irgendeiner Weise Genossen waren oder mit Genossen zu tun hatten und deshalb hatte man die Gewohnheit nie allzu lang irgendwo zu bleiben man sah zu dass man nachts bei Genossen schlief von denen man meinte sie seien weniger bekannt weniger exponiert oder besser noch bei Freunden von Freunden die mit der ganzen Sache gar nichts zu tun hatten Freunden von freunden mit den Demos und Straßenfesten war es schon seit einer Weile aus und vorbei die Bewegung war zum ungeheuren Phantom geworden die Leute hatten sich in ihre jeweiligen Ghettos verkrochen gemeinsame Aktivitäten liefen nicht mehr die Szene war beherrscht vom ewigen Einerlei der geheimen bewaffneten Aktionen zu denen sich Dutzende von Kampfgruppen mit den verschiedensten Namen bekannten die sich gegenseitig Konkurrenz machten das Leben der Bewegung war zu Ende aber für die Genossen war es nicht zu Ende man konnte sich ja nicht zurückziehen und sagen warten wir's ab sehen wir mal denn von der Repression waren alle betroffen da wurden keine großen Unterschiede gemacht und so saßen wir also an jenem Abend auf diesem fremden Bett voller Zeitungen Zeitschriften Klamotten China und ich und rauchten einen Joint und sahen fern was wir sonst nie taten und draußen hörte man alle naselang die Polizeisirenen vorbeifahren keiner ging abends mehr auf die Straße auch im Zentrum sahen wir uns nur tagsüber und man war vorsichtig wenn man sich irgendwo mit Genossen traf und dann war da diese Geschichte mit Scilla und seinen Freunden die uns Sorgen machte Sorgen wegen ihnen und Sorgen auch wegen der Folgen die es für uns haben konnte ich weiß noch dass wir auch an jenem Abend darüber geredet haben während China weiter von einem Programm zum anderen schaltete mit der Fernbedienung vor dieser Zeit war Scilla der klassische Ordnungsdienst-Typ gewesen einer der sich bei den Zusammenstößen mit den Faschisten hervorgetan hatte als jemand der zu allem entschlossen war sehr gewalttätig sehr aggressiv Scilla war immer dabei gewesen bei allen Zusammenstößen hatte sich auch ganz allein mit den Faschisten gekeilt und auf diese Weise hatte er nach und nach einen Mythos um sich aufgebaut denn hier in der Kleinstadt war die Präsenz der Faschisten beträchtlich gewesen und wie anderswo ließen sie einen auch hier nicht in Klamotten die damals als links galten in der Innenstadt rumlaufen oder mit einer linken Zeitung in der Hand damals provozierten und verprügelten die Faschisten Leute die als Linke bekannt waren oder auch nur verdächtigt wurden Linke zu sein später schaffte es die Bewegung die Vormacht zu gewinnen dank solcher Typen wie Scilla damals aber dominierten die Faschisten und Polizei und Staatsanwaltschaft deckten die Faschisten und in diesem Zusammenhang haben Scilla und Typen wie er also gewissermaßen die Kämpfer der Bewegung ihr Prestige aufgebaut auf Grund einer von der gesamten Linken anerkannten Notwendigkeit die physische Auseinandersetzung mit den Faschisten war eine als legitim und notwendig anerkannte Aufgabe und in dieser Rolle als aktiver militanter Antifaschist konnte Scilla sein Prestige aufbauen das ihn dann später über jeden Verdacht erhaben machte als er anfing sich als Polizeispitzel zu betätigen Scilla trug Konkurrenz gegen alles und jeden immer körperlich aus auch mit den Genossen weil er vermutlich spürte dass er auf anderen Gebieten nicht mithalten konnte weshalb er ständig Keilereien anfing wenn auch mit dem Vorwand es nur zum Spaß zu machen aber es war immer ein grober Spaß widerwärtig ja wirklich widerwärtig und Leuten gegenüber die sich nicht körperlich mit ihm messen wollten zeigte er ein unterwürfiges leicht kriecherisches und gezwungenes Verhalten im Grunde reproduzierte er innerhalb der Bewegung die gleichen Stufen der Gewalt die er gegenüber dem Feind demonstrierte ständig fühlte er sich im Krieg gegen alles und jeden und in jedem sah er einen Feind an dem er seine Gewalttätigkeit auszulassen musste und einen Genossen verprügelte er genauso wie einen Faschisten Leute wie Scilla waren aber auch nützlich innerhalb der Bewegung er war ein Polizist im Inneren hatte eine vielleicht unbeliebte aber dennoch für nützlich erachtete Funktion Scilla und seinesgleichen nahmen nie teil an der Diskussion innerhalb der Bewegung bei den Treffen und Versammlungen hielten sie meistens den Mund und waren nur interessiert wo es um Gewalt ging sie sahen die Zuspitzungsphasen der Auseinandersetzung lediglich unter einem mechanischen und rein militärischen Gesichtspunkt der Verschärfung des Kampfes und der Gewalt gegen den Staat so wie früher gegen die Faschisten gekämpft wurde bei den Arbeitskämpfen in den Fabriken der Gegend waren sie nie dabei und mit der Zeit begannen sie die Verhaltensweisen und Ideale der Untergrundkämpfer zu imitieren die Praktik der im Keller versteckten Knarre und so weiter als es dann zu diesem Treffen kam das entscheidend war für die Auflösung unserer Gruppe und von dem ich später noch erzähle also nach diesem Treffen hat man von ihm und den anderen die den gleichen Weg eingeschlagen hatten wie er nichts mehr gehört wir haben sie nicht mehr gesehen nichts mehr gehört von ihm und Valeriana Cotogno und Gelso abgesehen von diesen Flugblättern mit denen sie sich zu den bewaffneten Aktionen bekannten die sie machten sie machten eine Reihe bewaffneter Anschläge bis dann die Sache mit dem Karabiniere kam aber davon erfuhr ich erst als ich schon einsaß getötet hatten sie keinen Raubüberfälle Attentate manchmal Körperverletzung bis die Sache mit dem Karabiniere kam aber als ich den damals im Fernsehen sah mit China dachten wir nicht im Entferntesten dass sie was damit zu tun haben könnten China drückte wieder auf die Fernbedienung jetzt sieht man auf dem Bildschirm eine grenzenlose Ebene das Objektiv zoomt nach vorn es muss eine Aufnahme aus einem Hubschrauber sein und man sieht einen Vogel Strauß über die dürre und flache Ebene rasen geradeaus rasen mit reglosem Kopf der Rumpf zuckt rhythmisch die Beine sieht man nicht so schnell sind sie ab und zu wendet er den Kopf und wird immer schneller ein lang gestreckter Schatten folgt ihm mit großer Geschwindigkeit holt auf der Strauß wendet den Kopf der Schatten ist wenige Meter hinter ihm der Strauß rennt jetzt im Zickzack gewinnt ein paar Meter Vorsprung doch Sekunden später ist der Schatten erneut dicht hinter ihm der Strauß rast ins Nichts mit aller Kraft der Schatten schnellt in die Luft und der Gepard wirft sich auf den Strauß mit einem Satz nun sind sie ein einziger unbeweglicher Schatten der Hubschrauber dreht ab man sieht nur den grauen Himmel hört das Knattern der Rotoren 5 Es passierte gleich nach Weihnachten am Heiligen Abend hatte ich ein Telegramm von China erhalten die mir mitteilte sie komme mich am Montag im Knast besuchen das Telegramm war eingetroffen als wir gerade diskutierten ich war im Gemeinschaftsraum mit vier anderen Genossen als wir darüber diskutierten wie wir die Arbeit für das Weihnachtsessen verteilen sollten ich machte Risotto gelben Risotto und war gerade dabei die Brühe zu machen auf dem Campingkocher mit Brühwürfeln ein Wärter rief nach mir ich drehte mich um und sah das kleine gelbe Viereck des Umschlags auf dem Gitter liegen das ist vom Anwalt dachte ich wegen dem Prozess der jetzt nah bevorstand aber als ich dann sah dass es von China war dachte ich nein ich dachte glaube ich gar nicht ich freute mich sehr denn es war eine Überraschung und ich dachte so eine Überraschung macht China mir besucht mich an Weihnachten und ich freute mich sehr komisch dachte ich von all den Weihnachten die wir zusammen verbrachten haben wir glaube ich nicht eines gefeiert und jetzt stand ich da und bereitete das Weihnachtsessen vor dachte an Chinas Haar an ihr langes Haar das sie nach vorn wirft wenn sie lacht und das dann ihr ganzes Gesicht verdeckt ihr langes schwarzes Haar das ich wegen der Trennscheibe nicht mal anfassen konnte wenn sie mich besuchte aber zum Glück durfte man hier jetzt ohne Trennscheibe miteinander reden aber ich weiß noch das war eine Qual damals dass wir uns nicht mal einen Augenblick an der Hand fassen durften und das deprimierte uns schrecklich auch wenn wir froh waren uns zu sehen aber doch nicht in dieser unmenschlichen erniedrigenden und deprimierenden Weise und manchmal packte mich vor der Besuchsstunde eine irre Wut weil ich wusste dass ich sie dort hinter der Glasscheibe sehen würde und wir durch die Glasscheibe miteinander reden mussten ohne uns auch nur mit einem Finger berühren zu können mir kam dieses Hassgefühl das ich schon öfters gehabt hatte das Blut stieg mir in den Kopf ein übermächtiger Wunsch alle umzubringen die Wärter irgendwen hierauf der Stelle jetzt sofort eigenhändig wenn ich daran zurückdenke kommt es mir vor als hätte ich es immer noch dieses Gefühl obwohl so viel Zeit vergangen ist diesen Besuch also hatte ich gar nicht erwartet weil China schon vorige Woche hier gewesen war ein sehr schöner Besuch war das gewesen wir hatten über alles mögliche geredet Pläne geschmiedet denn ich rechnete damit bald rauszukommen gleich nach dem Prozess und deshalb war ich ganz gerührt wenn ich an die Wahnsinnsreise dachte die sie meinetwegen machen musste tausend Kilometer jedes Mal um zu mir zu kommen und dann wieder tausend Kilometer Heimfahrt ein Wahnsinn war das aber dieser Besuch fiel dann aus wegen dem ganzen Aufruhr zu dem es dann gekommen ist der Montag kam nein es war schon am Sonntag es war die Zeit des nachmittäglichen Hofgangs morgens hatte es eine Durchsuchung gegeben aber seltsamerweise war diese Durchsuchung anders als die üblichen Durchsuchungen gewesen ein bisschen schärfer als sonst und die Wärter hatten auch etwas Merkwürdiges gemacht denn hier läuft viel über Zeichen und Symbole bei diesen Sachen bei Zellenkontrollen und Ähnlichem es ist immer ein Problem sich gegenseitig Zeichen zu geben und das Zeichen das sie dieses Mal hinterließen war schwer zu deuten war merkwürdig jedenfalls für mich weil ich absolut keine Ahnung hatte was vorging während die Wärter vermutlich eine Ahnung hatten natürlich hatten sie die denn sie witterten was für eine Stimmung herrschte und wir fanden dieses Zeichen dort auf dem Tisch als wir nachmittags von der Freistunde in die Zellen zurückkamen sie hatten alles stehen lassen auf allen Tischen in allen Zellen allen Gruppenräumen hatten das ganze Zeug stehen lassen den ganzen Kram Dosen Büchsen Flaschen alles sämtliche Behältnisse hatten alles auf die Tische gestellt von den Waschpulverkartons über die Kaffee- und Zuckertüten bis zu den Öl- und Shampooflaschen sämtliche Büchsen sämtliche Gefäße die Flaschen alles hatten sie auf den Tischen stehen lassen als wollten sie auf irgendwas anspielen ich hab das Ganze erst später kapiert anfangs achtete ich gar nicht groß drauf wunderte mich nur über das ganze Zeug auf dem Tisch und als ich dann zum Hofgang runterging am Nachmittag wunderte ich mich dass sie das Gleiche in allen anderen Zellen gemacht hatten jetzt erinnere ich mich dass die Atmosphäre an diesem Nachmittag im Hof besonders gespannt war die Luft war dick zum Zerschneiden und was ich damals dachte denn ich kannte solche Situationen und hatte meine Erfahrungen und so dachte ich da wird es wieder einem an den Kragen gehen denn alle waren angespannt es lag in der Luft man konnte es an vielem spüren an der seltsamen Stille die anders war als sonst und besonders an den Blicken rasche kurze Blicke manche unvermittelt wechselten während sie auf und ab gingen was ich damals vermutete war dass eine Messerstecherei bevorstand oder jedenfalls irgendeine Abrechnung zwischen irgendwem und ich wartete drauf dass jeden Moment etwas Derartiges passierte so was hatte ich schon öfters erlebt beispielsweise einmal kurz nachdem sie mich verhaftet hatten und das hat mich damals sehr geschockt damals war das so gewesen dass wir ganz normal im Hof auf und ab spazierten und auf einmal gingen drei vier normale Gefangene denn wir hatten Hofgang zusammen mit den normalen Gefangenen diese drei oder vier also gingen von hinten auf einen anderen Gefangenen zu einen von denen die wie sie auf und ab gingen und warfen ihn von hinten eine Schlinge um den Hals eine Schlaufe aus Draht warfen ihm diese Schlinge von hinten um den Hals und fassten ihn zu zweit an den Armen packten seine Arme um ihn fest zu halten und zogen den Draht zu eine übliche Methode jemanden bei einer Messerstecherei bewegungsunfähig zu machen denn es ist gar nicht so leicht wie es aussieht jemanden zu erstechen außer der Stich trifft so gut an einer vitalen Stelle dass der Mann verreckt aber es kommt vor dass einer auch nach zwanzig dreißig Stichen noch nicht tot ist es ist nicht leicht einen zu erstechen nicht so leicht wie es aussehen mag ich meine es ist leicht einem einen Messerstich zu versetzen aber nicht leicht ihn zu töten auch weil einer einen Messerstich ja nicht so einfach hinnimmt ohne zu reagieren der reagiert versucht sich loszumachen stellt alles Mögliche an schlägt um sich es ist sehr schwierig ihn fest zu halten und eine Methode ist eben die ihm vorher eine Drahtschlinge um den Hals zu werfen sie zuzuziehen bis er halb bewußtlos ist weil er fast erstickt und inzwischen von unten nach oben auf ihn einzustechen denn Stiche von oben nach unten sind weniger wirkungsvoll man muss von unten nach oben stechen und vor allem versuchen einen vitalen Punkt zu treffen hier unter dem Brustbein sie warfen ihm also diese Schlinge um den Hals und die anderen packten ihn an den Armen und der hinter ihm zog an der Drahtschlinge aber der Draht riss oder die Schlinge war schlecht gemacht was wahrscheinlicher ist jedenfalls löste sich die Schlinge ging auf oder was weiß ich jedenfalls schafften sie es nicht sie an seinem Hals zuzuziehen und der Mann reagierte natürlich mit blankem Entsetzen denn er kapierte sofort was die vorhatten die ihm da den Draht um den Hals legen wollten die jedoch rissen nach einem Moment der Verlegenheit Witze und sie hatten ja auch noch nicht die Messer gezogen man hatte noch nichts gesehen von den Messern sie machten also Witze schlugen ihm auf die Schultern und sagten jetzt bist du aber erschrocken was als sei alles nur ein Scherz gewesen aber der Mann glaubte nicht dass es ein Scherz war der fiel natürlich nicht darauf rein und solche Scherze macht man ja auch nicht im Knast wenn einer so einen Scherz mit dir macht den schlägst du echt tot denn solche Scherze macht man nicht und dann ist der Typ an des Gitter vom Hof gelaufen und hat gebrüllt hat nach den Wärtern gerufen damit sie ihn rausließen und in diesem Augenblick wurde denen die ihn erledigen sollten klar entweder schnappten sie ihn sich jetzt gleich oder die Wärter kamen angelaufen und das Ganze wurde schwieriger und wenn der es rechtzeitig schaffte rauszukommen erwischten sie ihn nie mehr denn dann wäre er natürlich verlegt worden oder hätte sich in eine Isolationszelle stecken lassen jedenfalls hätten sie ihn hier nicht mehr zu Gesicht gekriegt gerade als die Wärter angerannt kamen um zu sehen warum der so brüllte stürzten sie sich also zu viert oder fünft auf ihn mit Messern Klingen Stiletten und stachen ein bisschen ziellos auf ihn ein und der reagierte natürlich der hielt nicht still und ließ sich nicht einfach niederstechen der teilte Fußtritte aus versuchte sich zu schützen machte sich los und kriegte jede Menge Stiche ab ohne umzufallen und währenddessen brüllte er und die Wärter kamen in den Korridor zum Hof gerannt und sahen die Szene aber gingen nicht in den Hof hinaus ein Brigadiere am Gitter brüllte Schluss jetzt Schluss die Szene dauerte etliche Sekunden die anderen standen hinten an der Mauer alle standen wir da hinten und schauten reglos zu das Ganze hat etliche Sekunden gedauert der Mann schrie schrie wie ein Verrückter dann wurde er zu Boden geworfen stürzte vielmehr auf die Knie und in diesem Augenblick trafen ihn zwei drei Stiche mit dem Stilett von oben her in den Kopf wirklich in den Kopf von oben mit dem Stilett und in dem Moment als er den Kopf drehte bohrte sich ein Stilett ein zweiter Stich mit dem Stilett in sein Auge ein Stilett bohrte sich wahrhaftig genau in sein Auge ein Stich mitten ins Auge und er brüllte wirklich wahnsinnig dann fiel er zu Boden und als er am Boden lag machten sie weiter stachen weiter auf ihn ein und versuchten ihn ins Herz zu treffen denn sie stachen ihn immer wieder in die Brust aber auch in den Hals versuchten ihm den Hals abzuschneiden das Blut der Mann lag am Boden im Blut das ihm aus allen Löcher heraussprudelte aus all seinen Wunden allen Schnitten aus dem Kopf aus diesem Auge überall strömte das Blut aus ihm heraus eine Blutlache ein See von Blut der wohl anderthalb Meter groß war wirklich und der Mann bewegte sich nicht mehr mit diesem Auge das halb heraushing ein roter Klumpen und das andere Auge weit aufgerissen und er sah aus wie tot regte keinen Finger mehr da hörten sie auf und gingen nach hinten zur Hofmauer wo die anderen alle standen und die Wärter machten das Gitter ein Stück auf denn der lag ja wirklich nur einen Meter vom Gitter entfernt packten ihn an Füßen und zogen ihn raus 6 Inzwischen verstrich dort im Hof die Zeit und nichts geschah und als es Zeit war raufzugehen wir waren nämlich im Volleyball-Hof an jenem Tag aber niemand spielte Volleyball alle spazierten auf und ab und tauschten dabei diese raschen Blicke und ab und zu ein paar leise Worte und die Zeit verging und nichts geschah ich rechnete mit einer Messerstecherei aber es passierte gar nichts als es so weit war dass die Wärter kamen um die Leute in die Zellen zurückzubringen gingen die Leute jedenfalls ganz normal hinauf ganz ruhig alle gingen also hinauf und ich war bei den Letzten die raufgingen und plauderte mit einem Genossen und dachte nicht im Entferntesten dass es gerade jetzt ein derartiges Remmidemmi geben würde Ich kam in meine Zelle und es waren kaum ein paar Minuten vergangen seit ich in der Zelle zurück war als ich Geschrei hörte von der Rotunde ich muss erklären was die Rotunde ist der Hochsicherheitstrakt der Haftanstalt wo wir waren war ein kleiner rechteckiger dreistöckiger Bau Erdgeschoss erster Stock und zweiter Stock und jedes Stockwerk war in zwei Trakte aufgeteilt zwischen den beiden Trakten waren in allen Etagen zwei Sperrgitter und zwischen den beiden Gittern war ein Raum das war die Rotunde eben diese Rotunde auf die die Treppen mündeten und von dort dirigierte man die Leute in den einen Trakt oder den anderen Trakt in den rechten Trakt auf der einen und den linken Trakt auf der anderen Seite ich war im linken Trakt der obersten Etage also der zweiten Etage Im ersten Stock waren die normalen Gefangenen und im Parterre die sogenannten Hausarbeiter das sind Häftlinge die auf den Gängen Dienst tun Essen ausgeben und die Gänge putzen und so weiter in der obersten Etage waren dagegen alle Politischen untergebracht sechzig Politische waren wir und dazu ist noch anzumerken dass in den letzten Tagen auch die große Mehrheit der Häftlinge politische wie auch normale hierher gekommen waren die in einem anderen Sicherheitsgefängnis eine Mordsrevolte gemacht hatten und dann hierher verlegt worden waren eine sehr schlimme Revolte war das gewesen zwei Tote hatte es gegeben zwei Häftlinge waren getötet worden die als Verräter galten und praktisch das ganze Gefängnis war verwüstet worden und so war jetzt bei uns hier die Etage der Politischen gerammelt voll da war kein Platz mehr frei wir waren sechzig und alles war gerammelt voll Ich war damals mit vier anderen Genossen in der Zelle und hörte Geschrei von der Rotunde her wildes aufgeregtes Geschrei und die Wärter die im Korridor in unserem Trakt auf und ab gingen sah ich zuerst zur Rotunde am Ende des Trakts rennen und in den Zellen kamen alle an die Gitter zum Korridor und einen Augenblick später kamen die Wärter schreiend zurückgelaufen und fingen an die Eisentüren zuzuschlagen denn die Zellen haben ein Gitter und davor noch eine Eisentür und dank eben dieser Kämpfe in diesem anderen Gefängnis hatten wir durchgesetzt dass die Tür den ganzen Tag offen stehen durfte und nur zwischen elf Uhr abends und sieben Uhr morgens geschlossen wurde es war also Nachmittag und die Eisentüren standen offen und so war die erste Reaktion der Wärter als sie merkten dass die Wärter in der Rotunde von zwei Genossen als Geiseln genommen wurden denn damals ging man jeweils zu zweit hinauf was dann abgeschafft wurde und als diese beiden Genossen also oben in der Rotunde ankamen zogen sie die Messer die sie bei sich hatten und nahmen die Wärter gefangen nahmen sie als Geiseln und mit der Drohung sie umzubringen ließen sie sich aufschließen vielmehr nahmen sie den Wärtern die Schlüssel ab die diese ja bei sich hatten und schlossen selbst die beiden Sperrgitter zu den beiden Flügeln auf zum rechten Flügel auf der einen zum linken Flügel auf der anderen Seite und so war den Wärtern die sich in den beiden Flügeln befanden der Weg abgeschnitten sie steckten in der Falle denn am einen Ende des Korridors war das Gitter zur Rotunde wo die Genossen waren die die Wärter gefangen genommen hatten und am anderen Ende des Korridors waren die großen Fenster hinten im Korridor und so gab es für die Wärter keinen Ausweg mehr sie waren in Panik auch weil sie nicht wussten wie die Sache weitergehen würde also war das Erste was sie instinktiv taten denn so steht es wahrscheinlich in den Vorschriften für Wärter nämlich dass in solchen Fällen die Eisentüren zu schließen sind und so fiel ihnen nichts anderes ein und sie taten nichts anderes als zu versuchen die Eisentüren zu schließen ein paar Türen oder sogar nur eine einzige konnten sie auch zumachen mehr Türen machten sie nicht zu denn in dem Durcheinander und in ihrer Angst schafften sie es nicht rechtzeitig sie zuzumachen sie schafften es nicht sie zuzumachen weil die Genossen die in den Zellen waren schleunigst Besen quer zwischen das Gitter und die Eisentür schoben Besenstiele zwischen Gitter und Tür und so das Schließen der Türen verhinderten du musst dir vorstellen dass das Ganze in Bruchteilen von Sekunden ablief die konnten also praktisch nur eine einzige Tür schließen andere versuchten sie vergeblich zu schließen oder vergaßen sie oder schafften es nicht rechtzeitig sie zu schließen fest steht dass sich sämtliche Wärter auf der Stelle ergaben alle ergaben sich in absoluter Panik aber in der Zwischenzeit während die beiden Genossen die Wärter in der Rotunde gefangen nahmen drei vier Wärter ich weiß nicht wie viele nahmen sie gefangen in der Zwischenzeit hatten im rechten Flügel ich war im linken hatten im rechten Flügel die Genossen in einem Gemeinschaftsraum die Gitter durchgesägt acht Genossen waren in diesem Gemeinschaftsraum denn damals hattest du die Möglichkeit zur Essenszeit aus deiner Zelle rauszugehen um gemeinsam zu kochen und zu essen das war auch so eine Sache die wir durchgesetzt hatten mit den Kämpfen der letzten Monate in diesem anderen Gefängnis und man durfte sich in einem Gruppenraum treffen um gemeinsam mit anderen Genossen zu essen und damals durften wir in den Gemeinschaftsräumen zusammen sein bis zu einer Höchstzahl von acht Leuten sie hatten die Gitterstäbe angesägt und in dem Augenblick als sich die zwei Genossen die zwei Wärter in der Rotunde schnappten brachen sie das Gitter am Gemeinschaftsraum heraus das hatten sie schon vorher angesägt und nur auf diesen Augenblick gewartet und rannten zu acht hinaus praktisch waren es also zehn Häftlinge die draußen waren die acht aus dem Gemeinschaftsraum und die zwei in der Rotunde und so schnappten sie sich dann auch alle anderen Wärter die auf dem Gang der zweiten Etage waren ich hab das natürlich alles erst hinterher erfahren weil ich in der Zelle eingesperrt war ich war im linken Flügel und hab nichts gesehen wir hörten nur das laute Geschrei hörten sie schreien und hörten nur den ganzen Krach die Wärter die versuchten die Eisentüren zuzuschlagen und hin und her rannten und das Geschrei aber das dauerte alles wirklich nur einen Augenblick was dann passiert ist und was man erst später erfahren hat wenigstens zum Teil denn das lässt sich ja gar nicht immer alles erzählen bei solchen Geschichten das war dass die Genossen die sich die Wärter geschnappt hatten blitzschnell runterliefen mit den Schlüsseln die sie den Wärtern abgenommen hatten schlossen sie das Gitter zu den Treppen auf und liefen runter in den ersten Stock und nahmen auch unten sämtliche Wärter gefangen und so konnten sie die beiden Flügel im ersten Stock aufschließen und dann fingen sie an den Normalen die Zellen aufzuschließen und so strömten die Normalen alle aus ihren Zellen heraus und dann liefen auch sie in den zweiten Stock hinauf und schlossen auch die Zellen von uns allen auf ins Erdgeschoss gingen sie nicht runter weil das Erdgeschoss nicht so gut zu verteidigen war wie die oberen Etagen und dort blieben dann die Hausarbeiter während der ganzen Zeit der Revolte in ihrem Trakt eingeriegelt zwischen den Aufständischen in den beiden oberen Etagen und den Wärtern draußen dann sah ich plötzlich Vermummte in meinen Flügel kommen sie kamen an meine Zelle und schlossen alle Zellen im linken Trakt auf schlossen auch meine Zelle auf und dann herrschte ein großes Durcheinander und die Informationen die wir von einigen bekamen lauteten wir machen Revolte wir haben die Wärter gefangen genommen Ruhe bewahren Matratzen vor die Fenster stellen weil sie möglicherweise mit Tränengaspatronen in die Zellen schießen und so stellten alle die Matratzen an die Fenster und dann liefen wir alle auf den Gang hinaus in dem Augenblick als ich aus meiner Zelle auf den Gang hinauskam hörte ich einen Mordsschlag einen unglaublichen Knall es war nämlich so dass ein Genosse der im ersten Stock Wache stand die Wärter vom Erdgeschoss kommen sah die kampfbereit formierten Wärter die raufzukommen versuchten und da hat er ein paar Gramm Plastik geschmissen aber offen das heißt nicht in einem Behälter komprimiert sondern nur mit Sprengsatz und Zündschnur schmiss dieses Plastik nur zur Abschreckung in der Tat gab es glaube ich keine Verletzten ich weiß nicht genau nur dass es in dem geschlossen Raum einen ungeheuren Schlag tat die Wärter rannten darauf alle weg und von da an nahm die Revolte ihren Lauf 7 Ich erinnere mich dass ich als ich in dieses Hochsicherheitsgefängnis verlegt wurde gewisse Ängste hatte allein schon der Name Hochsicherheitsgefängnis machte Angst und am Abend vor meiner Anreise blieben wir wach mit den Zellengenossen und redeten die ganze Nacht die begriffen dass ich Angst hatte und blieben mit mir die ganze Nacht auf um mir Gesellschaft zu leisten dann kam die Überführung diese Reise die schrecklich lang war durch ganz Italien in Ketten in diesem gepanzerten Gefangenentransporter aber die Angst schwand praktisch sobald ich in diesem Hochsicherheitsgefängnis ankam als ich ankam war ich praktisch überrascht wie es in diesem Gefängnis lief so hatte ich es mir nicht vorgestellt jetzt wo ich davon erzähle wird mir klar dass die Stimmung dort in Wirklichkeit ziemlich angespannt war es herrschte eine sehr gespannte Stimmung aber als ich gerade angekommen war erschien es mir wie ein großer Jahrmarkt Das nennen die Hochsicherheitsgefängnis dachte ich gleich als ich ankam in Wirklichkeit war es ein Jahrmarkt und die Zellen waren Bazars man durfte praktisch alles in den Zellen haben alle Zellen waren vollgestopft mit jeder Art von Kram man konnte ein Instrument spielen Musik machen es gab Gitarren und Trommeln Bongos Ziehharmonikas einer hatte sogar eine Geige und spielte darauf wann er wollte man durfte alle möglichen Farben haben die man zum Malen wollte man konnte sogar Leinwand Ölfarben Tempera Pastellfarben Kohlestifte Schreibmaschinen haben man konnte die Bücher haben die man wollte jede Zeitschrift und Zeitung die man wollte man konnte Kassettenrecorder haben und Kassetten Fußballschuhe und Tennisschuhe es gab keine Einschränkungen wie viele Kleidungsstücke man in der Zelle haben durfte wie viele Schuhe wie Pullover wie viele Hüte alles was man wollte durfte man dort in den Zellen haben die Gemeinschaftsveranstaltungen wie wir dort sagten waren etwas Unglaubliches wenn man bedenkt dass es sich um ein Hochsicherheitsgefängnis handelte vier Stunden zwei vormittags und zwei nachmittags also vier Stunden täglich gab es Hofgang und außerdem durfte man zweimal pro Woche für zwei Stunden in einem Gruppenraum beisammen sein und zusätzlich gab es für die Genossen in Einzelzellen die Möglichkeit zur Essenszeit in die Gruppenräume zu gehen und mit den Genossen dort zu essen mit den Gemeinschaftsveranstaltungen sah es dort also so aus du standst auf um neun gingst du in die Freistunde um elf kamst du wieder rauf und die Wärter hatten unglaublich viel Arbeit damit um elf kam man vom Hofgang und dann mussten sie all diese Umschlüsse organisieren und all die Leute begleiten von denen jeder woandershin wollte zum Essen jeder in eine andere Zelle man stellte einfach einen formlosen Antrag wenn man in eine andere Zelte wollte den stellte man ganz einfach kurz vorher auf einem Zettel und das genügte eigentlich hätten sie einen vorher durchsuchen und nachher durchsuchen müssen aber es ist undenkbar sechzig Leute innerhalb einer knappen halben Stunde umzuschließen und sie auch noch zu durchsuchen und so ging jeder in aller Ruhe von einer Zelle zur anderen zum Essen diesen Antrag musste man nicht etwa einen Tag vorher stellen den stellte man einfach so kurz vorher das war dort eine reine Formalität die konnten natürlich die Anträge nicht überprüfen das konnten sie eventuell hinterher und das taten sie auch vor allem um rauszufinden wie die Zusammensetzung war um rauszufinden wer zu wem ging welche politischen Verbindungen zwischen den Genossen bestanden welche Gruppierungen welche verschiedenen politischen Richtungen eigentlich waren die Wärter verpflichtet dich zu filzen wenn du morgens aus deiner Zelle kamst um zur Freistunde zu gehen und sie waren verpflichtet dich wieder zu filzen wenn du in deine Zelle zurückkamst und dich ein weiteres Mal zu filzen wenn du aus deiner Zelle kamst um zum Essen in eine andere Zelle zu gehen aber das war alles undurchführbar geworden sie taten es nicht mehr und hatten deshalb überhaupt keine Kontrolle mehr da war dieses ständige Hin und Her dieses ständige Aufschließen und Zuschließen der Zellen da war diese enorme Menge von Kram der sich in den Zellen angehäuft hatte und wenn die Situation so ist wenn da all diese Freiräume sind die du dir nimmst dir eroberst dann wird die Situation unüberschaubar was mich dort beeindruckte war die enorme Bewegungsfreiheit innerhalb des Knasts es war ein Hochsicherheitsgefängnis aber du konntest dich da drinnen frei bewegen wie du wolltest auch die Zellenkontrollen waren keineswegs sorgfältig je mehr Kram in einer Zelle herumliegt desto schwieriger wird es sie gründlich zu durchsuchen der Unterschied zum normalen Knast aus dem ich kam war der dass sie hier eine Zellenkontrolle pro Woche machten während sie dort nur eine pro Monat gemacht hatten aber das Verhältnis zu den Wärtern hier war so dass wenn bei einer Durchsuchung ein Bleistift oder Kugelschreiber abhanden kam in sämtlichen Zellen ein großes Rütteln an den Gittern losging und der dir den Bleistift oder Kuli sofort zurückbrachte und sich bei dir entschuldigte hier war das Verhältnis zu den Wärtern so dass sie die übelsten Beschimpfungen und die schlimmsten Drohungen schluckten und wenn du nachts um zwölf nach einem Wärter riefst um ihn Zigaretten oder eine Zeitung oder eine Pastasciutta zu irgendjemand in eine andere Zelle bringen zu lassen auch wenn das nicht sein Job war erledigte der das trotzdem augenblicklich und prompt so war das Verhältnis zu den Wärtern wenn du mal bei einer Leibesvisitation zu einem von ihnen sagtest nein du rührst mich nicht an dann filzte der dich nicht und wenn sie bei einer Zellendurchsuchung Messer fanden sagten sie schon gar nichts mehr für sie war es inzwischen ganz normal Messer in den Zellen zu finden sie beschlagnahmten sie und fertig das war das Klima das hier vor der Revolte herrschte Besuche fanden ohne Trennscheibe statt sie sollten laut Vorschrift eine Stunde dauern aber es wurden regelmäßig zwei daraus und manchmal auch mehr wenn man ein bißchen darauf drängte und man durfte viermal im Monat Besuch haben und einen außerordentlichen Besuch den man zusätzlich bekommen konnte und wenn man keinen Besuch hatte dann durfte man stattdessen zehn Minuten lang telefonieren die normalen Gefangenen in den Hochsicherheitsgefängnissen sind keine Strafgefangenen wie im normalen Knast es sind Leute die im Knast mindestens einmal versucht haben auszubrechen Leute die zu den Schwerverbrechern zählen oder zu einflussreichen Banden und hier gab es auch Gemeinschaftsveranstaltungen mit den Normalen man ging gemeinsam mit ihnen in die Freistunde und konnte auch mit ihnen essen man brauchte nur diesen formlosen Antrag zu stellen um sich mit ihnen treffen zu können die Lage war also die dass die Freiräume zunehmend erweitert wurden innerhalb des Knasts eine Situation ständigen Kampfs die sich allmählich auf das Kontrollsystem auswirkte denn der Knast ist nichts anderes als ein System umfassender Kontrolle über den Körper und die Tatsache dass diese Kontrolle verringert wird entspricht folglich einer Veränderung im Kräfteverhältnis zwischen Häftlingen und Wachpersonal mir fiel bald das dadurch erzeugte schlechte und angespannte Klima auf das hinter der scheinbaren Jahrmarktsatmosphäre herrschte die mein erster Eindruck gewesen war es hatte eine ganze Reihe Kämpfe gegeben die Kämpfe um die Wärter daran zu hindern einen jedes Mal zu filzen wenn man die Zelle verließ um in den Hof zu gehen oder die Kämpfe um das Essen in einer anderen Zelle oder die Kämpfe um das Besuchsrecht oder die Anwaltsgespräche et cetera wenn du einen Kampf anleierst und dich zum Beispiel weigerst dich filzen zu lassen dann gibt es zwei Möglichkeiten entweder die Anstaltsleitung gibt nach und du erlangst folglich ein höheres Machtniveau und die Sache ist im Wesentlichen erledigt oder die Leitung reagiert und dann geht der Kampf weiter und die Sache spitzt sich zu bis es zum Zusammenstoß kommt dann kam es ständig zu Meutereien beim Hofgang die Leute weigerten sich in die Zellen zurückzukehren und man trommelte an die Gitterstäbe und solche Dinge es gibt immer einen Gipfelpunkt wenn ein Kampf beginnt wenn die Leitung nicht gleich nachgibt wird weitergemacht mit dem Mechanismus Schlag und Gegenschlag aber dann kommt ein Gipfelpunkt und dieser Gipfelpunkt setzt den Maßstab für das Kräfteverhältnis wenn zum Beispiel das Kräfteverhältnis so ist dass die Häftlinge mit der Geiselnahme der Wärter drohen können dann lenkt die Leitung natürlich vorher ein weil sie weiß die Gefangenen können bis zur Geiselnahme gehen und da gab die Leitung im Allgemeinen immer nach denn davor hatte sie Angst dass die Gefangenen Wärter als Geiseln nahmen selbstverständlich konntest du nichts Unmögliches fordern du konntest nicht fordern dass sie dir die Zelle aufschließen und dich nach Hause gehen lassen du konntest aber ständig Druck machen um den Spielraum für das Zusammensein zu erweitern und die Kämpfe waren erfolgreich weil sie geschlossen waren alle machten sofort mit ohne auch nur drüber nachzudenken die Wärter übernahmen schon gar keine Verantwortung mehr die Wärter reagierten indem sie jedes Mal alles was zu tun war an ihren Vorgesetzten weitergaben der es seinerseits seinem Vorgesetzten aufhalste und so weiter bis zum Gefängnisdirektor und der Gefängnisdirektor wandte sich ans Ministerium daher hattest du es bei allem und jedem was du innerhalb des Knasts unternahmst nicht mit dem Wachpersonal zu tun sondern das Kräfteniveau war so dass bei jeder Auseinandersetzung letztlich direkt mit dem Ministerium verhandelt wurde und da man schon so weit war dass man jederzeit einen Mechanismus in Gang setzen konnte der bis zur Geiselnahme von Wärtern gehen konnte auch wenn der Anlass vielleicht nur der war dass du einen blauen Filzschreiber wolltest war die Politik die sie damals verfolgten die in allem nachzugeben auch weil die Strategie des Ministeriums wie immer auf Auseinanderdividieren abzielte weshalb dieses Hochsicherheitsgefängnis ein Knast gewissermaßen der positive Pol der Hochsicherheitsgefängnisse während am anderen Pol der Knast des Terrors war das ganze Vollzugssystem beruht auf der Strategie des Teile und Herrsche sie müssen dich immer erpressen können mit der Androhung einer Verschlechterung deiner Haftbedingungen müssen dir immer sagen können wenn du aufmüpfig bist pass auf dann schicken wir dich in eine Anstalt die noch schlimmer ist als die wo du jetzt bist und die Diskussion unter den Genossen war deshalb nicht hier geht es gut hier brauchen wir nicht zu kämpfen sondern wir müssen trotzdem kämpfen gerade hier um die Strategie der Erpressung zu durchkreuzen die uns alle in die Gefahr bringt in einem schlimmeren Knast zu landen 8 Als ich China kennen lernte das war als die Besetzung des alten Weinkellers war dort hab ich sie zum ersten Mal gesehen China war ich weiß nicht wann gekommen und half Gelso bei dem Wandbild das er an die größte Wand malen wollte sie hatte einen dicken Pinsel in der Hand und tauchte ihn in einen Eimer mit weißer Temperafarbe aber sie tauchte ihn zu tief ein und die Farbe spritzte nach allen Seiten und tropfte auf den Boden ich sah die Katastrophe und ging hin um ihr zu zeigen wie sie es machen musste aber auch weil sie mir hübsch vorkam und ich erinnere mich dass sie mir damals den Schal geschenkt hat genau damals als ich sie kennen lernte denn als ich auf sie zuging bekam ich natürlich einen ordentlichen Farbspritzer ab hier vorne drauf und als Entschädigung legte sie mir dann ihren roten Schal um den Hals einen meterlangen Schal der bis zu den Füßen reichte und sagte behalt ihn den schenk ich dir dann sieht man den Fleck nicht nötig war das wirklich nicht man brauchte mich nur anzusehen wie ich damals gekleidet war mit meinem Militärhemd und dem viel zu weiten Pullover mit durchgewetzten löchrigen Ellenbogen und losen Fäden den zerschlissenen Bluejeans mit einer Sicherheitsnadel anstelle des Reißverschlusses der seit Monaten kaputt war einem zerrissenen Schuh in den bei Regen das Wasser reinlief der andere hatte keinen Schnürsenkel nur einen dicken Knoten die Strümpfe waren verschieden einer schwarz einer grau und über dem Ganzen der eisgraue Regenmantel der meine zweite Haut ist total zerknittert und schmutzig mit abgerissenen Knöpfen ich lasse ihn ohnedies immer offen ein Riss unter der Achsel löchrige Taschen aber das Zeug bleibt ja im Futter hängen Zeitungen Flugblätter Filzschreiber ich trage immer die gleichen Lumpen bis sie auseinander fallen denn das gehört zum Spiel wir gehen aufs Ganze wie kannst du an Kleidung denken wenn du alles aufs Spiel setzt an dem Morgen als wir den alten Weinkeller besetzten waren wir schon sehr früh dort waren in aller Herrgottsfrühe hingekommen es war Samstagmorgen und in der Nacht zuvor während Valeriana und Nocciola die Straßen nach beiden Seiten bewachten hatten Cotogno Ortica und ich mit einem Handbohrer das große Vorhängeschloss von unten aufgebohrt dort wo das Schlüsselloch ist wir sprengten die Trommel und das Schloss ging auf so würde am Morgen schon alles bereit sein und wir brauchten nur noch die Kette rauszuziehen dann versteckten wir im Gestrüpp entlang dem Straßengraben auf der anderen Seite Plastiktüten mit Steinen Murmeln und Schleudern nicht zu viel denn im alten Weinkeller gab es alles mögliche Material mit dem wir uns im Fall eines sofortigen Angriffs verteidigen konnten Punkt sieben Uhr morgens trafen wir fünf uns am Bahnhof und fuhren mit Orticas Auto eine Runde durch die Straßen wo sich schon die Gruppen der Genossen postiert haben mussten die den Einbruch machen sollten alle die da sein sollten waren da alle vermummt wie bei den Demos bei denen man weiß dass es zu Auseinandersetzungen kommen kann Schals Handschuhe Mützen und all das Zeug wir zogen die Kette raus und gingen hinein und kurz nach uns trafen gruppenweise die Genossen ein wir schauten uns drinnen kurz um es war noch fast dunkel es gab kein elektrisches Licht und als wir mit einer Taschenlampe hineinleuchteten sahen wir Holzstapel in allen Größen aufgestapelte Balken und Bretter der Raum war so groß dass man mit der Taschenlampe die gegenüberliegende Wand nicht sehen konnte aber er kam uns wunderbar vor Der alte Weinkeller war ein Flügel einer alten Burg die der Kurie gehörte die anderen Teile der Burg waren von einem von Nonnen geführten Kindergarten und einem Altersheim ebenfalls unter der Leitung von Nonnen belegt der Flügel der uns interessierte diente zurzeit als Lagerraum einer Baufirma es war ein großer Bau mit rechteckigem Grundriss im Erdgeschoss war ein einziger riesiger Raum der jetzt Balken und Bauholz angefüllt war im Obergeschoss waren verschiedene Zimmer zwei Säulenreihen zogen sich durch die ganze Länge des Erdgeschosses die zwei große Kreuzbögen stützten in der Mitte war das Eingangsportal zwischen zwei Reihen hoher Fenster entlang der ganzen Fassade die vergittert waren aber weder Rahmen noch Scheiben hatten Da alles bestens gelaufen war ging ein Genosse raus und gab einer anderen Gruppe die draußen wartete das Zeichen und die zogen los um Plakate zu kleben und Flugblätter zu verteilen die wir gemacht hatten um die Besetzung bekannt zu geben inzwischen fingen wir drinnen an eine Kette zu bilden und das Baumaterial aus dem Saal rauszuschaffen durch die Tür zum Hof schleppten wir alles hinaus und stapelten es da draußen die Nonnen und die Alten aus dem Hospiz schauten aus dem Fenster immer mehr kamen und schauten uns verwundert und ungläubig zu vielleicht dachten sie zuerst wir seien Arbeiter von der Baufirma aber dann müssen ihnen Zweifel gekommen sein denn sie sahen dass auch Mädchen mitmachten Beinahe eine Stunde vergeht da schlagen die Wachposten draußen Alarm Achtung sie kommen und wir stürzen alle auf die Straße hinaus da kamen gerade die Karabinieri langsam und gemächlich in zwei Mannschaftswagen und als sie vorm Portal sind halten sie an und steigen aus an die zehn werden es gewesen sein in aller Ruhe ohne etwas in der Hand der Maresciallo kommt mit unschlüssiger Miene auf uns zu und Valeriana geht ihm ein paar Schritte entgegen und sagt das ist eine Besetzung und gibt ihm das Flugblatt und sagt da steht alles drauf der Maresciallo überfliegt es kurz dann aber meint er er wolle reingehen und nachsehen und deutet auf das Portal und will darauf zugehen aber sofort rücken die Genossen die alle rausgekommen sind zusammen wir bilden einen dichten Kordon bilden eine Mauer zwischen ihm und dem Portal des Weinkellers der Maresciallo blickt uns eher verblüfft an dann sagt er wisst ihr eigentlich dass das illegal ist was ihr da macht Cotogno erwidert ja aber wir sind viele und wir sind auch nicht die Einzigen die Bestzungen machen der Maresciallo schüttelt den Kopf und fragt wer für die Sache hier verantwortlich ist und wir sagen alle wir alle wir sind alle verantwortlich hier der Maresciallo ist ein wenig ratlos und gibt seinen Leuten ein Zeichen wegzugehen wir aber rühren uns nicht von der Stelle wir bleiben stehen und warten bis sie wirklich weggehen die steigen alle wieder in die Mannschaftswagen stoßen zurück und fahren dann langsam davon aber als sie an die Kreuzung kommen bleibt eins der beiden Autos stehen während das andere verschwindet da gehen wir wieder hinein und Scilla drängt darauf einen Ordnungsdienst aufzustellen so geht das nicht weiter wir brauchen Mollies denn die können jeden Moment wiederkommen und dann gibt's ein Massaker unterdessen kamen noch mehr Leute kamen gruppenweise Studenten die schon von der Sache wussten und dann kamen die ersten Schaulustigen kamen Arbeiter und Arbeitslose die unsere Plakate gesehen hatten und die Flugblätter es hatte sich herumgesprochen und die Leute kamen traten ein gingen im Gebäude herum und sahen sich alles an wir erklärten ihnen warum wir es besetzt haben was wir jetzt vorhaben und die Leute diskutierten stellten Fragen immer mehr Leute kamen Leute die ich nie zuvor gesehen hatte Kinder rannten im Saal hin und her gingen in die oberen Zimmer hinauf überall herrschte das vollkommene Chaos auf einmal sehen wir drei gut gekleidete Typen herumstehen mit finsteren Miene die hatten wir gar nicht reinkommen sehen sie schauen sich um und reden leise miteinander und sofort spricht sich rum der Bürgermeister ist da die drei kommen auf uns zu voran der Bürgermeister ein großer dicker Mann mit einem Kamelhaarmantel fast bis an die Füße und als der Bürgermeister den Mund aufmacht hört der ohrenbetäubende Lärm auf nur die Kinder rennen weiter im Saal herum wer ist der Verantwortliche hier sagt er sofort in schroffem Ton ihr wisst das ist illegal was ihr hier macht wir fangen sofort alle an zu lachen die blicken verständnislos um sich und der Zweite Bürgermeister ein dürrer alter Knacker mit rotem Gesicht der gleichzeitig Parteisekretär ist fährt uns aggressiv an Provokateure seid ihr diesen Blödsinn habt ihr nur gemacht um der neuen linken Gemeindeverwaltung zu schaden das ist eine Provokation da sind ein Haufen Leute dabei die nicht von hier sind die sind von außerhalb gekommen eine bewusste Provokation ist das ich bin seit vierzig Jahren in der Politik und kenne sie genau die Provokateure aber der Bürgermeister ergreift wieder das Wort hört doch mal Kinder wir sind gekommen um euch zu sagen dass schon Anzeige gegen euch erstattet ist so dass die Zwangsräumung umgehend erfolgen wird wir sichern euch zu dass die Anzeige zurückgezogen wird aber ihr müsst jetzt sofort hier raus und alles wieder in Ordnung bringen so wie es vorher war dann garantieren wir euch dass euch strafrechtlich nichts passiert buuuh machen alle und Nocciola geht nach vorn und sagt zu den dreien dass Sie's nur wissen wir denken nicht eine Sekunde dran hier weg zu gehen das Einzige was wir alle wollen ist weitermachen mit dieser Besetzung um unsere Ziele zu verwirklichen aber sie lassen sich ja nicht mal herab die kennen zu lernen ich weiß nicht ob sie überhaupt was kapiert haben der Bürgermeister macht eine ärgerliche Geste dreht sich um und geht davon gefolgt von seinem Anhang was dann noch passiert ist weiß ich nicht mehr ach ja nachmittags besuchten uns dann noch die Außerparlamentarischen die gerade ihre Partei gegründet hatten und seither hatten sie Bluejeans und Parka abgelegt sie kamen an mit der Parteizeitung die aus der Tasche des grauen Lodenmantels herausschaute kamen auf mich und Cotogno zu und ihr Boss sagte ohne Vorrede hier muss sofort eine Versammlung einberufen werden um zu diskutieren was zu tun ist diese spontane Bewegung muss in politische Bahnen gelenkt werden machen wir doch gleich eine Sitzung nur wir und die Verantwortlichen der Besetzung dann können wir auch das Programm aufstellen das wir dann von der Versammlung genehmigen lassen und so weiter zum Schluss zogen sie mit eingezogenem Schwanz wieder ab ihr Boss jedoch sagte drohend alle Kämpfe der Massen sind zum Scheitern verurteilt wenn keine Avantgarde da ist die sie führt ihr habt überhaupt keine politische Linie und reißt die Massen in die Niederlage und blablabla und blablabla 9 In den ersten Augenblicken der Revolte gab es dann höchst wirre Szenen denn was sich sofort überall herumsprach war die Nachricht dass neunzehn Geiseln genommen worden waren und das hat große Verwunderung hervorgerufen es gab Gefühle von Angst Ungläubigkeit Staunen die allgemeine Stimmung schlug aber in eine große Erregung um wahrscheinlich weil das was alle in diesem Augenblick empfanden das Gefühl war Herr über diesen Raum zu sein sich frei bewegen zu können hin und her zu gehen in diesem ganzen Bereich und allein die Tatsache sich frei in einem Bereich bewegen zu können der größer als die eigene Zelle war in die man sonst eingesperrt war löste diese allgemeine Erregung aus die Gefangenen die das ganze vorbereitet und die Sache organisiert hatten setzten sofort die Revolte in Gang diese Genossen übernahmen ganz bestimmt Funktionen und Aufgaben wie die Überwachung und Kontrolle der wichtigsten Punkte von denen aus ein Überfall von außen versucht werde könnte denn die Wärter konnten jederzeit einen Überfall versuchen auch wenn wegen der Geiseln die wir hatten die Sache nicht so einfach war dann musste sich auch jemand um die Bewachung der gefangenen Wärter kümmern und all das lief mit großer Geschwindigkeit ab die ganze Organisation wurde sehr rasch in Gang gesetzt trotz des großen Durcheinanders denn offenbar war das alles schon vereinbart und die Aufgaben waren alle schon vorher verteilt worden einige Genossen hatten sich bewaffnet unter anderem mit diesen kleinen Espressomaschinen aus Metall deren Benutzung in den Zellen später dann verboten wurde aus diesen Kännchen hing die Zündschnur sie hatte eine Sprengkapsel und innen drin war der Sprengstoff und diese Espressomaschinen dienten als Granaten den Sprengstoff hatte man in den Zellen versteckt gehalten und das war es auch gewesen wonach die Wärter gesucht hatten bei dieser sonderbaren Zellenkontrolle sie hatten in allen Dosen und Flaschen gesucht denn Sprengstoff pflegt man dort zu verstecken sie hatten nichts gefunden aber sie hatten das ganze Zeug auf den Tischen stehen lassen als Botschaft dass sie wußten dass Sprengstoff im Knast war dass sie ahnten irgendwas würde geschehen die Wärter wurden alle in einen Gemeinschaftsraum gebracht und es begann das ganze Ritual der Leibesvisitation und so weiter den Wärtern wurde kein Haar gekrümmt keiner hat ihnen wehgetan nur ein paar Genossen fingen an eine Schau abzuziehen aber nicht bösartig sehr ironisch es wirkte wie eine Szene der Stadtindianer von 77 sie mimten das Ritual Wärter Häftling und so wurden sie also allesamt gefilzt wie sie selbst die Gefangenen tagtäglich filzen sie mussten sich hinstellen die Beine leicht auseinander die Arme hoch und dann wurden sie durchsucht so wie es üblich ist so wie sie es tagtäglich mit uns machten wenn wir die Zellen verließen oder in die Zellen zurückkehrten zuerst fuhr man ihnen mit den Händen über den Kopf mit den Fingern in die Haare unter die Haare dann den Hinterkopf hinunter bis zum Hals und runter zu den Schultern und unter die Achseln dann den Rücken entlang die Schenkel die Innenseite der Schenkel den Bauch und dann den ganzen Brustkorb hinauf bis man wieder am Hals ist und dann lässt man die Hose aufknöpfen den Reißverschluss aufziehen tastet den Hosenbund ab tastet die Hosen ab dann lässt man die Schuhe ausziehen lässt sie sich geben und dreht sie um schaut hinein und das alles während die Wärter dastanden einer hinter dem anderen so wie wir normalerweise dastehen die Arme erhoben die Beine leicht auseinandergestellt was jedoch alle festgestellt haben nach dieser Durchsuchung die bei allen Wärtern gemacht wurde war dass unter den neunzehn gefangen genommenen Wärtern nicht ein höherer Vollzugsbeamter war bis auf einen Wachtmeister einen armen Teufel der offenbar rein zufällig da war und dieser Umstand dass nicht ein einziger höherer Beamter dabei war brachte alle zu der Ansicht dass die höheren Vollzugsbeamten Wind bekommen hatten von dem was passieren würde denn es war nie wirklich nie vorgekommen dass kein einziger höherer Beamter und nicht mal ein Brigadiere auf der ganzen Etage war und bei dieser Gelegenheit ausgerechnet dieses Mal war auf der ganzen Etage ja sogar auf beiden Etagen auf der ersten und auf der zweiten Etage in allen Flügeln nicht mal ein Brigadiere später nahmen sie ihnen dann auch die Uniformen weg zogen sie aus und brachten ihnen Kleider wie sie die Sträflinge trugen zwangen sie diese Kleidung anzuziehen denn sie waren Geiseln und wenn sie Uniformen getragen hätten wären sie im Fall eines Überfalls von der Polizei den Karabinieri oder den anderen Wärtern die den Überfall machten um sie zu befreien sofort erkannt worden und die hätten unverzüglich Repressalien gegen die Häftlinge anwenden können ohne das Risiko einzugehen das Leben der Wärter aufs Spiel zu setzen wenn die aber genauso gekleidet waren wie die Häftlinge würde alles viel schwieriger sein es gab jedoch keinerlei Gewalt gegen die Wärter wie ich mich erinnere sorgten alle dafür und sagten immer wieder den Wärtern darf auf keinen Fall was getan werden denn das war die Garantie dafür dass alles gut ausging die gefangen genommenen Wärter wurden alle gemeinsam in einen Gruppenraum gesperrt und von draußen bewacht sie wurden immer gut behandelt bekamen auch zu essen wie wir alle was es zu essen gab während der Revolte das waren Spaghetti davon waren in den Zellen jede Menge vorhanden ein paar Genossen kochten Spaghetti für alle gingen herum und nahmen Bestellungen auf dreimal alla Matriciana dreimal Carbonara fünfmal mit Tomatensoße überall wurden Spaghetti gekocht auf Campingkochern und auch die gefangenen Wärter bekamen ihre Spaghetti auch die anderen Insassen die nicht zu den Initiatoren der Revolte gehörten organisierten sich spontan für den Fall eines eventuellen Kampfs mit den Wärtern für den Fall eines eventuellen Angriffs und so lief die ganze Sache an alle waren mit Feuereifer dabei und die Leute fingen an sich zu bewaffnen rissen Fensterrahmen raus um Schlagstöcke Knüppel und solche Sachen draus zu machen fertigten sich Stilette aus den Aufsätzen der Gaskocher deren Enden sie zuspitzten brachen die Tischbeine ab und machten sie Keulen draus und solche Sachen dann wurden die Eisentüren aus den Angeln gehoben und vor die großen Fenster am Ende der Gänge gestellt denn es hätte ja von draußen geschossen werden können und so weiter unter anderem hatten die Leute die bei der Besetzung des gesamten Knasts auch einiges an Werkzeug auch Maschinen an sich genommen zum Beispiel hatte man eine elektrische Schleifmaschine mitgehen lassen mit der wurden dann die eisernen Bettpfosten abgesägt und so konnte man aus diesen Bettpfosten Klingen machen serienweise konnte man die herstellen auch ein Elektroschweißer war da der wurde benutzt um die Sperrgitter an der Rotunde zuzuschweißen und auf diese Weise die Möglichkeit eines Überfalls von unten auszuschließen und auch von oben denn vom zweiten Stock führte eine Wendeltreppe aufs Dach hinaus und zudem war es möglich das Telefon des Wachpostens im zweiten Stock zu benutzen und über dieses Telefon hatten wir Verbindung mit der Gefängnisleitung und dieses Telefon war das Kommunikationsmittel bei den Verhandlungen außerdem gab es noch das Fernsehen denn die zweite merkwürdige Sache war dass normalerweise bei Revolten der Strom total abgeschaltet wird während sie diesmal den Strom nicht abgeschaltet hatten und die Fernseher laufen ließen als wollten sie uns die Möglichkeit geben Nachrichten von draußen zu empfangen sie hätten ebenso gut alles ausschalten können aber nein sie ließen den Strom an ließen das Telefon in Funktion ließen das Fernsehen laufen und aus dem Fernsehen kamen die Nachrichten über die Verhandlungen sämtlicher Fernseher in den Zellen liefen unentwegt auf voller Lautstärke vor allem wenn es Nachrichten gab und die Meldungen über die Revolte kamen immer an erster Stelle die Zellen selbst wurden nicht demoliert alles wurde in ein riesiges Biwak verwandelt das heißt die Leute gingen ständig hin und her die Korridore entlang die an die fünfzig sechzig Meter lang waren alle gingen in einem fort hin und her manche nur mit einem vors Gesicht gebundenen Tuch oder Schal maskiert andere zur Unkenntlichkeit vermummt mit einem Kissenbezug mit zwei Löchern für die Augen und einer Decke als Poncho um die Schultern das waren natürlich die normalen Gefangenen denn die Normalen hatten ihre Gewohnheiten bei Revolten um nicht erkannt zu werden wie man es immer auf Fotos von Gefängnisrevolten sieht mit den Häftlingen auf den Dächern die haben immer vermummte Gesichter um nicht erkannt zu werden und den Folgen zu entgehen und überall waren die Leute ständig in Bewegung alle gingen ständig auf den Korridoren auf und ab in den Zellen und außerhalb es war als wollten sie wirklich einen größeren Raum abmessen einen größeren Spielraum den sie sich erobert hatten und sie liefen in einem fort liefen unentwegt die Gänge auf und ab in die Zellen und wieder raus aus den Zellen die an den Gängen lagen die Zellen standen alle offen und jeder ging immer wieder von einer Zelle zur anderen so dass die Zellen plötzlich völlig anders wirkten da war ein ständiges Hin und Her von Leuten und Sachen die von einer Zelle in die andere gebracht und hierhin und dorthin getragen wurden ein ständiges Hin und Her von Sachen und Kleidern und Kram der ganze Knast war auf einmal ein einziges großes Biwak ein Fest die Stimmung war euphorisch eine Festtagsstimmung ich erinnere mich an diese enorme Euphorie die Erregung die Freude und alle sagten immer wieder und alle waren überzeugt dass es nie und nimmer eine militärische Intervention seitens der Wärter der Karabinieri der Polizei der repressiven Kräfte geben würde und zwar eben auf Grund der Tatsache dass wir neunzehn Wärter als Geiseln hatten was einen Überfall so gut wie unmöglich machte denn das wäre für die gefangenen Wärter sehr gefährlich gewesen ich erinnere mich dass wir uns keine Sorgen machten erinnere mich dass wir nicht die geringste Angst hatten erinnere mich an die Euphorie und Erregung die dazu führte dass alle die Situation als ungefährlich einschätzten weshalb alle sie als Freudenfest erlebten 10 Eine Wahnsinnsaction im alten Weinkeller einer war dabei der war Elektriker und hatte die Stromleitung vom Altersheim angezapft und Elektrokabel verlegt einer war Installateur und hatte die Wasserleitung repariert und jetzt hatten wir sogar Wasser und einige waren Maurer und hatten ihr Handwerkzeug geholt und angefangen die Löcher im Fußboden zuzumachen und die Fliesen auszubessern es waren welche da die Schreiner waren und Fensterrahmen bauten die sie dann mit Plastikplanen bespannten und hinten im Saal bauten wir gerade aus Balken und Brettern die wir gefunden hatten eine große Bühne für die Konzerte und Theateraufführungen die wir machen wollten das Einweihungskonzert war schon angekündigt auf Plakaten und Flugblättern die von Genossen überall verteilt wurden auch drei vier Alte aus dem Altersheim waren gekommen die sich an früher erinnerten als der Weinkeller noch eine Schenke war und riesige Fässer drinstanden Tische und Bänke von einer Wand zur anderen denn dies war der Treffpunkt der Bauern gewesen wo sie zusammensaßen Wein tranken und Karten spielten und wir versprachen ihnen die Fässer und Bänke wieder aufzustellen und Wein auszuschenken wie früher dann kommt eine Gruppe von Genossen zurück die ausgeschwärmt waren um für das Konzert zu werben die kommen zurück die Autos voller Zeug zum Essen wir dachten die haben das geklaut und regen uns darüber auf tatsächlich aber haben sie alles von irgendwelchen Geschäftsleuten geschenkt bekommen kistenweise Getränke und Teigwaren und dann kamen ein paar Jungas aus Neapel die in der Pizzeria arbeiten die kamen mit Bergen von Pizza und so gab es für alle zu essen inzwischen hatten sich die ersten Arbeitsgruppen gebildet und sich in den Räumen im ersten Stock eingerichtet Valeriana und eine Gruppe von Frauen taten sich zusammen um eine selbstverwaltete Beratungsstelle zu gründen andere arbeiteten ein Gegeninformationsprogramm über leichte und schwere Drogen aus wieder andere beschäftigten sich mit Ernährung und Gegenkultur oder mit Musik Kino Theater es wird beschlossen zu Jugendgruppen anderer Städte von denen wir gehört hatten Kontakt aufzunehmen zwecks Erfahrungs- und Informationsaustausch und um mit ihren Zeitungen und Papieren ein Dokumentationszentrum zu gründen und in einem anderen Zimmer im Obergeschoss lief bereits das Pressezentrum auf vollen Touren mit Schreibmaschinen und Vervielfältigungsgeräten Berge von Flugblättern Kommuniqués Ankündigungen Manifesten stapelten sich auf den Tischen im Pressezentrum und warteten darauf verteilt zu werden dann kommt der Abend des Konzerts die Musikbands aus verschiedenen Ortschaften der Umgebung treffen ein die Anlage ist fertig die Lampen sind fertig die Lampen werfen bunte Flecken an die frisch getünchten Wände des Saals die Bands fangen an zu proben spielen alle durcheinander und die sich überlagernden Klänge schallen auf die Straße hinaus breiten sich in alle Richtungen aus die Leute kommen in Scharen junge Leute von überallher und auch weniger junge die Straße vorne wird zum Parkplatz von Autos völlig verstopft drinnen ein Meer von Köpfen alle sitzen auf den Bänken und am Boden und stampfen mit den Füßen auf den Boden dass alles dröhnt während sich die bunten Lichter immer schneller drehen ich schaue mich nach China um und sehe sie neben Gelso an der Wand lehnen sie lacht ihr Kopf bebt vor Lachen das Haar verdeckt ihr Gesicht und als sie den Kopf wieder hebt sieht sie mich und winkt und bedeutet mir zu ihr zu kommen das Fest war auf dem Höhepunkt es herrschte Euphorie große Begeisterung in einem fort kamen und gingen Leute ein unbeschreibliches Durcheinander alle waren von dem Raum begeistert sagten wir sollen drinbleiben um jeden Preis drinbleiben sagten fantastisch was ihr hier gemacht habt die Band spielte in voller Lautstärke mitten in der Menge stoße ich auf Scilla der einen Schraubenschlüssel von einem halben Meter Länge in der Hand hat und sagt hier sind mir zu viele Ausgeflippte wenn ich einen mit der Nadel sehe dem schlag ich den Kopf ein Scilla war der Einzige hier drinnen der schlechte Laune hatte alle schauten zur Bühne wo einer gerade sang mi piace molto di suonare e con la musica pestare ma non mi guadagno il pane perché suono come un cane sono un teppista c'ho in testa la conquista sono un p brutale ma ti giuro son normale [Es macht mir großen Spaß Musik zu machen und mit meinen Liedern Hiebe auszuteilen aber leben kann ich davon nicht denn ich spiele hundsmiserabel ich bin ein Rowdy bin nur auf Eroberung aus ich bin ein bisschen brutal aber ich schwör dir ich bin ganz normal] und ich stelle mich mit China ganz vorn an die Bühne und blieb dort stehen eng umschlungen mit China während die Musik in voller Lautstärke spielte plötzlich bricht die Musik ab Scilla ist auf die Bühne gestiegen und sagt ins Mikrofon draußen steht der Kulturassessor mit einer Botschaft vom Bürgermeister und von der Gemeindeverwaltung die Leute lachen höhnisch und rufen bringt ihn rein wir fressen ihn auf der Kulturassessor ist jung klein nervös mit Schnurrbärtchen hellem Staubmantel einer von den 68ern er wartet geduldig bis die Stimmen leiser werden und ihn zu Wort kommen lassen dann sagt er ich muss euch mitteilen dass die Situation sich zugespitzt hat wir haben soeben einen Anruf vom Polizeichef bekommen der uns die Räumung innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden ankündigt im Namen der Gemeindeverwaltung und des Bürgermeisters wiederhole ich den Appell an eure Vernunft und euren gesunden Menschenverstand räumt dieses Gebäude und wir versprechen euch einen Raum in der neuen Mehrzweckhalle sobald die Bauarbeiten abgeschlossen sind überall im Saal geht ein Geschrei und Krakeele los dann ergreift Nicciola das Wort du hältst dich wohl für sehr schlau erst kommt ihr daher und sagt wir seien Provokateure und Faschisten dann wollt ihr uns plötzlich einen Raum geben euch geht doch nur die Muffe wegen eurer Gemeindeverwaltung denn wenn es nach euch ginge hättet ihr als Erste die Polizei gerufen aber wir wissen ganz genau dass die Geschichte von der Mehrzweckhalle ein Märchen ist man braucht doch nur an das Desinteresse zu denken das ihr für unsere Probleme immer gezeigt habt nein nein unterbricht ihn der Assessor mutig das ist eine Verleumdung die Probleme der Jugendlichen sind etwas das uns sehr am Herzen liegt in unserem Haushalt sind beträchtliche Ausgaben für die Jugendlichen und für die Kultur vorgesehen aber es gibt bestimmte Fristen die einzuhalten sind ich kann euch jedoch versichern dass auch eure Probleme in Kürze eine angemessene Lösung finden werden ihr hättet zuerst mal mit uns reden sollen sagt er in versöhnlichem Ton hättet euch vertrauensvoll an uns wenden sollen gemeinsam hätten wir schon eine angemessene Lösung gefunden ich halte die Forderungen die hinter eurer Aktion stehen für legitim was aber nicht legitim ist das ist die Form in der ihr sie durchsetzen wollt wir müssen gemeinsam eine andere Form finden aber vorher müsst ihr den Weinkeller räumen bevor etwas passiert was nicht wieder gutzumachen ist den Leuten reicht es raus raus rufen alle ich warte auf eine Antwort ich gehe hier erst raus wenn ich eure Antwort habe egal ob positiv oder negativ kann er noch sagen dann bittet Valeriana von der Bühne aus um etwas Ruhe und sagt die Entscheidung müsse von der Versammlung getroffen werden und wir müssten alle darüber diskutieren aber nicht in seiner Gegenwart und wenn er wolle könne er draußen warten und wir würden ihm unsere Entscheidung mitteilen Scilla begleitet ihn hinaus und bevor er von der Bühne steigt reckt er den Arm mit dem Schraubenschlüssel hoch stürmischer Applaus bricht los alle brüllen und wir vom Kollektiv wissen nicht recht was tun beratschlagen einen Augenblick dann nimmt Cotogno das Mikrofon Genossen wir dürfen hier nicht weg angesichts des angedrohten Eingreifens der Polizei wenn wir jetzt freiwillig räumen und die Erpressung durch den Bürgermeister und die Parteien hinnehmen dann haben wir verloren wir müssen jetzt entscheiden was besser ist ob wir hier bleiben und das besetzte Gebäude verteidigen sollen was bedeutet dass es zum Zusammenstoß kommt oder ob wir nicht hier bleiben sollen ich finde so wie es im Augenblick aussieht sollten wir es lieber nicht zum Zusammenstoß kommen lassen das würde die Bewegung kaputtmachen egal ob wir den Kampf gewinnen oder verlieren denn politisch verlieren wir auf jeden Fall auch wenn wir den Kampf gewinnen werden wir vor einer unhaltbaren Situation stehen wir müssen entscheiden was am besten ist für das Wachstum und die Stärkung der Bewegung und daher besteht das Hauptproblem nicht darin den Weinkeller um jeden Preis zu halten sondern darin die Stärke zu bewahren die wir uns geschaffen haben und deshalb müssen wir die freiwillige Räumung verweigern die sie uns vorgeschlagen haben aber wir müssen auch den Zusammenstoß verweigern und sei es eine Minute vorher wir müssen autonom entscheiden wann und wie wir räumen wenn wir auf Grund einer autonomen Entscheidung räumen dann bleibt unsere politische Stärke unangetastet und wir können die Kämpfe dieser Bewegung um die Eroberung eines Freiraums morgen fortführen wir können neue Besetzungen machen und neue Kämpfe wenn wir es aber zum Zusammenstoß kommen lassen dann setzen wir alles aufs Spiel und verlieren meiner Meinung nach alles viele zogen ein Gesicht auch wenn die Mehrheit Ortica zustimmt aber für die allgemeine Euphorie war das wie Wasser aufs Feuer jedenfalls wird unser Standpunkt diskutiert und so lassen wir dem Bürgermeister ausrichten dass die Versammlung beschlossen hat die Besetzung fortzuführen bis zum Letzten dann aber kommen wir zum Entschluss dass wir nicht alle hier bleiben und auf den Überfall warten können es sind um die vierhundert Leute da die können unmöglich alle hier bleiben und im letzten Augenblick weggehen besser wenn es nur wenige machen weil es dann leichter ist abzuhauen es brauchte Geduld alle davon zu überzeugen keiner wollte gehen keiner wollte sich damit abfinden dass das Fest schon aus war am Ende sind sie doch gegangen bauten alles ab schleppten alles hinaus was nicht hier bleiben musste und zum Schluss waren nur noch wir vom Kollektiv da sechzig Mann alles in allem im Saal werden Kerzen angezündet und die Deckenlampen gelöscht die Stimmung der Abende vorher kehrt zurück Schlafsäcke werden ausgerollt und die Leute legen sich hin nur dass diesmal keiner Lust hat zu reden oder zu singen Geschichten zu erzählen Pläne zu machen Joints zu drehen zu vögeln an diesem Abend hat jeder einen Stock oder einen Prügel neben dem Schlafsack liegen ich sehe Valeriana dasitzen an eine Säule gelehnt sie raucht starrt zu den geometrischen Schattenmustern an den Kreuzbögen hinauf ich gehe mit China zu ihr und sehe dass ihre Augen einen leichten Glanz haben was ist denn Valeriana Scheiße die ganze Arbeit für den Arsch mir hat es hier so gut gefallen einen so schönen Platz finden wir nicht wieder wenn wir irgendeine verfallene Hütte mitten auf dem Land besetzen dann lassen sie uns die vielleicht aber ein Haus wie dieses mit dem sie doch gar nichts anfangen können das lassen sie uns nicht diese Scheißtypen ab und zu kommt einer von den Wachposten herein um sich ablösen zu lassen draußen ist es lausig kalt auch drinnen ist es nicht mehr sehr warm wir legen den Schlafsack auf den Boden und ich schlüpfe hinein so wie ich bin der Boden ist hart aber ich bin müde und so kommt es mir trotzdem bequem vor China zieht ihr Herrenjackett mit Hahnentrittmuster aus rollt es zusammen und schiebt es mir unter den Kopf so liegen wir bequemer sagt sie und schlüpft zu mir hinein China ist nicht müde und singt leise vor sich hin io sono un gran teppista sono il meglio della festa non tagliare la mia pista o per te saranno guai [Ich bin ein großer Rowdy bin der Beste vom ganzen Fest komm mir ja nicht in den Weg sonst wird es dir schlecht ergehen] sie sind uns schon in den Weg gekommen sage ich mit geschlossenen Augen hoffentlich wird es uns jetzt nicht auch noch schlecht ergehen aber China singt weiter a volte fatale se mi comporto male ma anche in galera volevo uscire ogni sera [Manchmal nimmt es ein böses Ende wenn ich mich schlecht benehme aber auch im Knast wollte ich jeden Abend ausgehen] 11 Nach diesem ersten im Erdgeschoss mit der Ladung Plastik abgewehrten Gegenschlag unternahmen die Wärter draußen vor dem Knast nichts mehr auch weil ihnen dann ein Genosse oben an einem der großen Fenster eine schöne orangerote Kugel zeigte an die zwei Kilo Plastik waren das und diese orangerote Kugel da hätte gereicht um den ganzen Knast in die Luft zu sprengen und so begriffen sie dass dieser erste Knall nur eine Vorwarnung gewesen war dass es auch schlimmer kommen konnte wenn sie weitermachten und dann wurde auch hin und wieder einer der gefangenen Wärter an die großen Gangfenster gebracht mit einem Messer an der Kehle um zu zeigen dass sie am Leben waren und denen drunten zu verstehen zu geben dass sie ja nicht versuchen sollten einzugreifen die gefangenen Wärter wurden in kleine Gruppen aufgeteilt und jede halbe Stunde immer wieder in andere Zellen gebracht es gab da einen genauen Turnus man hatte einen Plan für diese halbstündliche Umquartierung aufgestellt damit man von außen nie wissen konnte in welcher Zelle sich die Wärter gerade befanden so dass jeder Befreiungsversuch unmöglich war die Leute die die Verhandlungen führten hielten uns Minute für Minute auf dem Laufenden darüber wie die Dinge standen sie sagten an den Verhandlungen seien am Ende der Leitung außer dem Knastdirektor und den Vollzugsdienstleitern auch Politiker Vertreter des Justizministeriums und der Regierung beteiligt die angesichts der Schwere der Lage ratlos schienen sie versuchten Zeit zu gewinnen schienen aber auch verhandlungsbereit als es dunkel zu werden begann wurden Wachposten eingeteilt um aufzupassen was sich draußen tat um durch die mit den Zellentüren geschützten Gangfenster im Auge zu behalten was rund um den Knast geschah vor allem die Aufseher die im Laufgraben oben auf der Gefängnismauer auf und ab gingen die nur zwanzig dreißig Meter oder sogar noch weniger vom Knastgebäude entfernt war das ganze Gefängnis wurde von den gelben Lichtern der Scheinwerfer angestrahlt und vom zweiten Stock aus da wo wir waren konnte man jenseits der Mauer jede Menge Autos Transporter LKWs Panzerwagen Mannschaftswagen sehen die Einsatzfahrzeuge mit dem kreisenden Blaulicht auf dem Dach und die Mannschaftswagen mit eingeschalteten Scheinwerfern die das Gefängnis umkreisten und im Dunkel hin und wieder undeutliche Bewegungen Gruppen von Uniformierten die dahin und dorthin rückten in der Dunkelheit um den von Scheinwerfern angestrahlten Knast keiner schlief in dieser Nacht denn es herrschte eine große Spannung wegen allem was geschehen war ich erinnere mich dass da dieses Kommen und Gehen von Leuten war in den Zellen auf den Gängen alle waren in Bewegung ein unbeschreibliches Durcheinander mit den ständig voll aufgedrehten Radios und Fernsehern es gab auch Genossen die meinten diese Revolte bedeute eine Katastrophe für die Gefangenenbewegung aber es blieb ihnen nichts anderes übrig als die Situation hinzunehmen weil sie mit drinsteckten sie konnten nicht anders als dabeizubleiben in dieser Situation auch wenn sie mit deutlichem Unwillen mitmachten während die anderen glaubten es handle sich um einen großen Sieg allerdings hatte es bei der Geiselnahme einen Verletzten gegeben eben diesen Wachtmeister den einzigen höheren Vollzugsbeamten der sich in den beiden Flügeln aufgehalten hatte ein Wachtmeister und der war mit durch einen Stich mit dem Stilett verwundet worden und dieser verwundete Wachtmeister machte uns große Sorgen er war sozusagen der Misston bei der ganzen Geschichte der einzige Misston allen war klar dass ein Toter in diesen Umständen die Lage völlig verändern würde die Geschichte war die gewesen dass dieser Wachtmeister versucht hat zu reagieren als die Genossen sich die Wärter schnappten und einer der Genossen der bei der Geiselnahme dabei war ihm mit dem Stilett in die Seite gestochen hat mit einem der üblichen Stilette aus dem Aufsatz eines Campingkochers dieser Wachtmeister tat natürlich als ginge es ihm viel schlechter als es ihm in Wirklichkeit ging deshalb hatte die Anführer der Revolte schon mehrmals über die Freilassung dieser verletzten Geisel verhandelt hatten ihn drei- viermal runtergebracht bis zum Gitter das ans Niemandsland grenzte das im Wesentlichen aus der Rotunde bestand um ihn zu übergeben wir machten das Gitter auf und lassen ihn zu euch raus sagten sie aber niemand hat begriffen dass die ihn gar nicht wollten die sagten nein nein behaltet ihn ihr wollt ja nur das Erdgeschoss in eure Gewalt bringen ihr wollt das Gitter öffnen um auch noch das Erdgeschoss zu erobern das war der Grund den sie vorschoben und keiner hat gemerkt das dies ein Zeichen war für das was dann passieren sollte andere schlugen sogar vor ein Fenstergitter durchzusägen und den Wachtmeister an einem Seil hinabzulassen denn keiner wollte ihn hier haben keiner wollte das Risiko eingehen dass der hier drinnen starb denn das hätte alles verdorben wo doch im Grunde bisher alles glatt gegangen war zum Beispiel war keiner auf den Gedanken gekommen den Knast zu zerstören nichts war angerührt nichts war kaputtgemacht worden während bei der Revolte kurz zuvor in jenem anderen Hochsicherheitsgefängnis der ganze Knast zerstört also alles demoliert worden war dort hatten sie die Stromanlage zerstört die Wasserleitungen kaputtgemacht die Mauern eingerissen den ganzen Knast völlig unbenutzbar gemacht irgendwann ging ich in meine Zelle zurück in der niemand war ein Haufen Pullover Hemden Hosen lagen auf der Pritsche der Spind war verschwunden ich warf alles auf den Boden und warf mich auf die Pritsche der Fernseher lief aber es kam nichts mehr nur ein Gewimmel von Pünktchen der Geiger war in der Zelle nebenan und spielte immer dieselben Töne ich dachte an China und dass ich sie morgen bestimmt nicht sehen würde bei diesem Chaos morgen muss ich ihr schreiben so bald wie möglich und muss ihr da schaute mein Zellengenosse herein was machst du denn hier was ist denn ist dir nicht gut hast du schon das Neueste gehört es gibt Neuigkeiten bei den Verhandlungen und vielleicht haben wir gesiegt diesmal siegen wir vielleicht sieh mal sagte ich zu ihm ich weiß nicht warum aber ich hatte einen gereizten Ton weißt du ich kann einfach nicht mehr ich kann wirklich nicht mehr ist doch immer dasselbe immer dieselbe Geschichte auch jetzt wieder diese Geschichte vom Siegen und Verlieren und mir kommt es so vor als ob genau das immer unser großes Unglück gewesen ist dass wir jedes Mal dachten dass es im Grunde genommen nur drauf ankommt zu siegen oder zu verlieren während doch alles was wir gemacht haben wirklich nie irgendwas mit Siegen oder Verlieren zu tun hatte denn wenn es nämlich nur darum geht zu siegen oder zu verlieren dann ist klar dass wir hier schon längst alles verloren haben aber die Tatsache ist dass ich glaube und viele andere glauben das Gleiche wie ich dass wir im Grunde niemals weder dran gedacht haben zu siegen noch siegen wollten und auch mit keinem Gedanken gedacht haben dass es irgendwo irgendwas zu siegen gäbe und weißt du was wenn ich es mir recht überlege dann erscheint mir das Wort Siegen jetzt wahrhaft gleichbedeutend mit Sterben der verwundete Wachtmeister blieb die ganze Zeit der Revolte hier weil sie ihn nicht wollten sie wollten nicht dass wir ihn übergaben den armen Teufel wollten absolut nicht dass wir ihn übergaben wir taten alles um ihn loszuwerden aber sie wollten ihn absolut nicht haben er bleibe die ganze Nacht hier lag auf dem Boden und tat als ginge es ihm schlechter als es ihm wirklich ging er jammerte und klagte die Nacht verging und wir wussten nicht was tun und am Morgen begann sich dann die Müdigkeit auszuwirken und die Angst dass es Probleme geben könnte wenn sich die Sache in die Länge zog je mehr Zeit verstrich umso müder und angespannter wurden die Leute und alle sagten es müsse so bald wie möglich eine Lösung des Problems gefunden werden genug machen wir Schluss mit dieser Geschichte jetzt solange wir noch dieses positive Verhältnis haben solange wir das Ganze noch im Guten beenden können denn der Knast steht noch alles ist in Ordnung wir haben ihn nicht demoliert den Wächtern ist kein Haar gekrümmt worden es ist nichts Unwiderrufliches passiert aber es ist zwar etwas sehr Schlimmes passiert aber es hat nicht mal Tote gegeben ein Verletzter ist da mit einer Stichwunde und den müssen wir ihnen aushändigen bevor er stirbt das war es was die Leute sagten das die Spannung die herrschte gegen Abend dann verbreiteten sich die neuesten Nachrichten über die Verhandlungen einer der Genossen die die Verhandlungen führten kam aus der Wache und verkündete alles laufe gut die Demobilisierung der Revolte sei schon eingeleitet worden und in Kürze begännen die Vorbereitungen für die Freilassung der gefangenen Wärter und im Großen und Ganzen hätten wir gesiegt auf diese Nachricht hin gab es einen Moment der Erleichterung gab es einen Moment der Entspannung einen Moment der Erschöpfung aber auch der Entspannung alle fragten sich was werden sie jetzt mit uns machen vielleicht verprügeln sie uns vielleicht auch nicht Vergleiche wurden angestellt wie andere Revolten ausgegangen waren und manche packten schon ihre Sachen weil sie dachten es gäbe sofortige Verlegungen und mittlerweile war auch die Überwachung der Vorgänge draußen lasch geworden keiner kümmerte sich mehr groß darum an den Flurfenstern Wache zu halten die Genossen versicherten den Wärtern dass alles vorbei sei dass sie bald freigelassen würden es herrschte eine Atmosphäre der Entspannung und Erschöpfung da ertönte um fünf Uhr nachmittags als sich diese Stimmung allgemein verbreitet hatte plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm 12 Drei vier Stunden mochten verstrichen sein als Nocciolas Stimme uns weckt draußen haben sie den zweiten Mannschaftswagen der Karabinieri kommen sehen der die Straße abgesperrt hat aus beiden Autos sind sie ausgestiegen alle haben MPs in der Hand und Pistolen sie haben die Straße nach beiden Richtungen abgeriegelt etwas schwerfällig krieche ich aus dem Schlafsack es ist fünf Uhr und noch stockdunkel lass uns noch ein bisschen schlafen bitte sagt China ich rapple mich hoch Kälteschauer laufen mir über den Körper und wenn ich mich bewege tun mir die Knochen weh hastig ziehe ich mich an schüttle China ein wenig die schlafend daliegt das Gesicht unterm Haar versteckt und sage ihr sie soll schnell nachkommen denn die werden gleich da sein ich laufe eilends die Treppe runter während ich die schwarzen löchrigen Lederhandschuhe überstreife und mir den roten Schal zweimal um den Hals wickle drunten im Saal machen sich zwischen den Überbleibseln des Fests die Genossen in aller Eile fertig auf dem Boden ist eine Unmenge von Flaschen Bierdosen Papierfetzen liegen geblieben die Bühne ist leer an der Wand hinter der Bühne ist jetzt deutlich das Gemälde von Gelso zu sehen das gestern Abend keiner bemerkt hat bei all den grellen Lampen eine Tropenlandschaft mit Palmen Affen auf Bäumen und dahinter ein riesiger Feuer speiender Vulkan mit rot glühender Lava die auf eine Art New York voller Wolkenkratzer zuströmt wir hören jemanden die Treppe runterstürmen als Erster kommt Scilla immer vier Stufen überspringend hinter ihm die anderen die an der Reihe waren die Kaserne zu beobachten ich bin hintenrum gerannt sagt er keuchend sie sind mit Lastern gekommen eine lange Schlange die kein Ende nimmt sie stehen auf dem Kasernenhof aber die Schlange reicht bis auf die Straße hinaus es geht also los wir verbarrikadieren die Türen alle verbarrikadieren wir die Türen schieben die Bänke davor gegen das Hauptportal stemmen wir noch den Balken schalten alle Lichter im Saal an dann steigen die Ersten zum Dachboden hinauf wo eine Luke ist durch die man aufs Dach hinaus klettern kann auf dem Dachboden stolpert einer und löscht dabei die Kerze totale Finsternis und wir verlieren noch mehr Zeit um die Kerze zu suchen und wieder anzuzünden Scilla flucht und beschimpft alle verdammt wie blöd ihr euch anstellt bewegt euren Arsch er wirkt wie ein Feldwebel der sich mit seiner Truppe herumschlägt wir hören die Laster vorfahren und dann anhalten während die Motoren weiterlaufen Nocciola schiebt China hinauf die vor ihm ist und verschwindet dann selbst durch die Luke Scilla fragt wo sind die Mollies keine Sorge die sind schon auf dem Dach wir klettern als Letzte raus Cotogno klappt die Luke zu und wir sind alle auf dem Dach auf dem Dach können sie uns nicht sehen denn die Straßenlampen sind dunkel weil wir sie mit Steinwürfen zertrümmert haben ich kann die Reihe der Genossen sehen die hintereinander übers Dach schleichen von unten tönen Stimmen und knappe Befehle herauf die sich mit dem Brummen der immer noch laufenden Motoren vermischen ich sehe Scilla bäuchlings auf den Ziegeln liegen er robbt bis zum Dachrand hält sich an der Dachrinne fest und beugt den Kopf runter ich und ein anderer gleiten zu ihm vor um auch hinabzuschauen gerade haben sie die Motoren abgestellt in drei Reihen mit Schilden und Helmen mit runtergeklappten Visieren die erste Reihe mit Gewehren mit den Tränengaspatronen vorne drauf die anderen zwei Reihen mit langen Schlagstöcken in der Hand am Ende der Straße ein paar höhere Polizeibeamte und Beamte in Zivil die sich miteinander unterhalten das Licht der großen Fenster beleuchtet die erste Reihe die reglos dasteht die Knarren mit den Tränengaspatronen nach oben gerichtet wir warten dass sie den Räumungsbefehl durchs Megafon geben denn die sind überzeugt dass wir alle da drin sind aber niemand kommt auf das Gebäude zu einer der Beamten löst sich aus der Gruppe am Ende der Straße macht eine Geste und die erste Reihe senkt die Gewehre zielt auf die Fenster fast gleichzeitig gehen die schallgedämpften Schüsse los man hört wie die Patronen durch die Plastikplanen an den Fenstern schlagen vier Mollies und wir machen sie fertig sagt Scilla schmeißen wir sie jetzt wo sie alle auf einem Haufen sind doch Cotogno legt ihm die Hand auf die Schulter verdient hätten sie es die Hurrensöhne aber wir haben beschlossen die Mollies nur zu benutzen um sie zu stoppen wenn wir es nicht schaffen rechtzeitig rauszukommen hauen wir lieber ab sagt Valeriana wir sehen den Rauch der unten aus den Fenstern dringt und langsam und dicht hochsteigt jetzt riechen wir auch das Tränengas und klettern vornübergebeugt schräg übers Dach wieder hinauf ich werfe einen letzten Blick nach unten die Bullen stehen noch genauso da wie vorher vielleicht warten sie darauf dass wir die Tür aufmachen und herauskommen wir laufen rasch bis ans Ende des Daches Ortica und ein anderer schleppen den schweren Sack mit den Brandflaschen die aneinander schlagen und zu zerbrechen drohen wir steigen auf die Terrasse hinab und von dort in den Park hier ist alles ruhig kein Geräusch ist zu hören wir rennen quer durch den Park kommen an den Zaun und klettern drüber davor stehen unsere Autos die anderen sind schon weg Treffpunkt Zentrum Ortica schickt sich gerade an den Sack in den offenen Kofferraum eines der Autos zu legen haffen wir dass sie uns nicht anhalten mit diesen Dingern im Auto lochen sie uns alle ein besser wir nehmen sie gar nicht erst mit ins Auto die lochen uns ein wenn sie das Zeug bei uns finden und dann haben sie wieder einen Vorwand die Besetzung schlecht zu machen am besten lassen wir sie hier nein am besten leeren wir sie aus denn wenn sie sie hier finden ist es dasselbe aber doch nicht hier sondern hinter der Hecke Ortica schleppt den Sack rüber wir nehmen die Flaschen aus dem Sack aber die Stöpsel stecken so fest dass ich es nicht schaffe sie rauszuziehen also zertrümmern wir die Flaschen mit Steinen nachdem wir die Zündschnur abgerissen haben die Klebestreifen haften an den eiskalten Fingern dann schmeißen wir die Scherben weit fort der Benzingestank steigt uns in die Nase und verfolgt uns noch als wir in die Autos steigen wir nehmen eine Straße durch die Felder alles ist ruhig wir fahren einen weiten Bogen und kommen zum Zentrum weit und breit ist kein Polizist zu sehen drinnen brennt Licht und die Genossen sind schon alle da wir beschließen alle nach Hause zu gehen und uns dann heute Abend wieder hier zu treffen aber jemand muß kucken gehen was sich am alten Weinkeller tut wir beschließen dass eine Gruppe in ein paar Stunden hingeht vier fünf Mann das genügt die Genossen gehen in Grüppchen leise plaudernd auseinander Gelso geht nach Hause die Kamera holen wir bleiben hier und reden um wach zu bleiben denn wir aufhören zu reden schlafen wir ein nur China schläft auf der Stelle ein dann wird es langsam hell wir steigen wieder ins Auto und fahren zur Bar am Bahnhof um einen Cappuccino zu trinken nach einer Weile kommt Gelso mit dem Fotoapparat wir steigen ins Auto und kommen an die Kreuzung da stehn die beiden Mannschaftswagen und die Einsatzfahrzeuge der Polizei die Lastwagenkolonne ist weg und an der Ecke gegenüber dem Weinkeller ist niemand zu sehen und ich sage zu Cotogno er soll um den Block herumfahren dort können wir anhalten und die Fotos machen wir fahren um den Block und bleiben am Anfang der Straße stehen die am Weinkeller entlangführt China und Valeriana bleiben hinten im Auto sitzen ich und Cotogno und Gelso steigen aus und ducken uns hinter das Auto damit man uns nicht sieht Gelso stützt die Kamera am Autodach ab und fängt an zu knipsen vor dem Portal sehe ich Maurer die dabei sind eine Ziegelsteinmauer zu verputzen mit der sie das Portal verschlossen haben sie mauern den Weinkeller zu einige Karabinieri stehen dabei und schauen zu die Hände in den Hosentaschen wir sehen die Plastikplanen der Erdgeschossfenster zerfetzt und verkohlt von den Tränengaspatronen wir sind so vertieft dass wir gar nicht merken dass eines der Polizeiautos gestartet ist um den Block fährt und von hinten auf uns zukommt ich höre die Stimme von Valeriana die sie kommen sieht und Vorsicht ruft das Auto bremst mit quietschenden Reifen aus dem Fond springen zwei heraus das Auto bleibt mit laufendem Motor und offenen Türen mitten auf der Straße stehen die beiden stehen dicht vor uns die Hand des einen umklammert den Pistolenknauf Gelso hat nicht mal mehr die Zeit die Kamera zu verstecken der eine reißt sie ihm aus der Hand und fragt was fotografiert ihr denn da der andere macht die Tür von unserem Auto auf und sagt raus mit euch beiden steigt aus aber schnell auch der Bulle der am Steuer saß ist hinzugekommen und sie verlangen von uns allen die Papiere während einer der Polizisten mit unseren Ausweisen zu ihrem Auto geht wühlt der Zweite in Valerianas Handtasche während der Dritte immer noch die Pistole auf uns hält ein paar Augenblicke später winkt mir der eine der zum Auto zurückgegangen ist ich solle zu ihm kommen ich begreife nicht sofort da versetzt mir der andere einen Schlag mit dem Pistolenknauf ich setze mich in Bewegung und bleibe am halb runtergekurbelten Vorderfenster stehen hinten sitzt ein Typ im hellen Regenmantel schaltet sein Funkgerät aus in der Hand hat er die Ausweise meinen zuoberst hebt den Kopf blickt mich durch seine quadratische Brille an reicht es dir nicht in der Schule Randale zu machen sagt er zu mir aber nicht aggressiv es klingt wie ein Vorwurf gegenüber einem unfolgsamen Kind jetzt mal langsam sage ich wir haben nur Fotos gemacht das ist doch wohl nicht verboten er erwidert nichts dann fällt mir ein das ist ja Doktor Donnola der Chef der politischen Abteilung der Polizei der mit seinem Auto auch immer vor der Schule steht wenn es dort Radau gibt und in sein Funkgerät spricht jetzt bringt ihm einer der Bullen die Kamera aber er rührt sie nicht mal an macht nur eine Kopfbewegung und der andere nimmt den Film raus und macht die Kamera wieder zu und reicht sie mir mit einer unfreundlichen Geste ich nehme sie und halte sie fest Donnola blättert erneut die Ausweise durch einen nach dem anderen dann klopft er damit auf die Fensterkante und steckt sie mir hin ich nehme sie während er mir durch seine quadratischen Brillengläser nochmals in die Augen blickt und mit einem Seufzer sagt auf Wiedersehen Zweiter Teil 13 Diese Sache werde ich nie vergessen ein wahrhaft ohrenbetäubender Lärm ein Lärm der von oben kam ein Lärm der von überall herkam der immer lauter wurde immer ohrenbetäubender uns war fast augenblicklich klar dass es der Lärm von Hubschraubern war und diese Hubschrauber machten einen entsetzlichen Lärm das war nicht nur ein Hubschrauber das mussten viele Hubschrauber sein und ein Moment lang waren wir alle wie erstarrt alle waren ganz verstört denn jeder von uns hatte einen militärischen Eingriff an dem wir angelangt waren für ausgeschlossen gehalten ausgerechnet jetzt wo die Verhandlungen so weit gediehen waren und dann war da noch die Sache mit den neunzehn Wärtern keiner dachte dass sie das Leben der neunzehn gefangen genommenen Wärter aufs Spiel setzen und eine militärische Intervention machen würden sie kamen man hörte diesen ohrenbetäubenden Hubschrauberlärm alles bebte die Wände bebten alles schien zu beben und jeder reagierte anders was ich sah war das totale Durcheinander eine Situation wie ich sie schon früher mal erlebt hatte wenn die Bullen gegen einen Demonstrationszug stürmten und kein Ordnungsdienst da ist der einem Polizeisturm begegnen und die Demonstranten schützen kann damit sie die Ruhe bewahren und sich geordnet zurückziehen und die Demo auflösen genauso war die Situation eine Situation der allgemeinen Panik aber obwohl diese Panik herrschte waren alle immer noch überzeugt dass alles Bluff war dass die nur blufften und in Wirklichkeit gar nicht kommen würden und noch las die ersten Explosionen zu hören waren dachte man das sei nur zur Abschreckung dann war es so die militärische Aktion lief so ab die kamen also mit den Hubschraubern die Szene die ich gesehen habe das waren diese riesigen Hubschrauber die angeflogen kamen und diesen ohrenbetäubenden Krach machten und durch ein Flurfenster sah ich sie ganz genau in schwarzen Uniformen alle bis an die Zähne bewaffnet mit Schutzhelmen die den ganzen Kopf bedeckten ich sah wie sie in den Helikoptern standen und wie sie ausstiegen wie sie gerade dabei waren auszusteigen mit Strickleitern mit Seilen was weiß ich jedenfalls steigen sie aufs Dach von den Hubschraubern aus auf [der Rest steht im Buch] |