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Michael Albert: WSF: Wie weiter?

by source: rls, Dietz Verlag - 10.06.2005 15:29

(Überarbeitete Fassung eines Aufsatzes vom Februar 2003, vgl.  http://www.zmag.org.)

Das weltweite Phänomen »Sozialforum« blüht und gedeiht. Die einmal im Jahr stattfindende große WSF-Veranstaltung indes ist an interne Grenzen gestoßen und bedarf der Renovierung. Die weltweit stattfindenden verschiedenen Foren reichen von Veranstaltungen in kleinen und großen Städten über solche in Kreisen, Ländern oder Bundesstaaten, Staaten bis hin zu ganzen Regionen. Als Beispiele mögen Foren gelten im Rahmen der Städte Saint- Dénis in Frankreich, Ithaca im Staat New York in den USA, Berlin in Deutschland, Brisbane in Australien, das nationale Forum von Südafrika und das kontinentale Forum Asiens. Es gibt viele Beispiele auf jeder Ebene – in Italien allein sind es mehr als 100 Städte, die lokale Foren veranstalten. Alle diese Foren haben bei all ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit zwei universelle Ziele: die Förderung respektvoller Kommunikation und Solidarität und die Entwicklung von Visionen, Strategien und gründlicher Lageanalyse.
 


Die weltweit stattfindenden Foren bringen – so lauten viele übereinstimmende Aussagen – auch gar nicht miteinander übereinstimmende AktivistInnen dazu, sich zu versammeln, einander zuzuhören, neue Beziehungen zu knüpfen und wirtschaftliche, politische, geschlechtliche, mit Rasse, Kultur, Ökologie, Globalisierung und internationalen Fragen verknüpfte Ziele und Strategien ernsthaft zu diskutieren. Einige kommunale Foren bringen auf ganz ausgezeichnete Weise Programme ganz unterschiedlicher TeilnehmerInnengruppen in eins zusammen. Aber auch wenn sie dies nicht schaffen, helfen sie den Bewegungen doch, ihre Solidarität untereinander zu stärken und ihre Visionen zu weiten.

Ein anderes Kennzeichen der weltweit stattfindenden Foren besteht – je räumlich begrenzter sie sind, desto deutlicher kommt es zum Ausdruck – in Rechenschaftspflicht und Transparenz. Kommunale ForumorganisatorInnen sind den teilnehmenden und mitmachenden Leuten meist gut bekannt. Selbst bei Foren, die nicht durch einen wirklich demokratischen Prozess geprägt sind, sind die EntscheidungsträgerInnen den Teilnehmenden zumindest bekannt genug, um von ihnen Rechenschaft verlangen zu können. Entscheidungen unterliegen der Prüfung, der Verfeinerung und werden gegebenenfalls revidiert. Lokale Foren haben eine überschaubare Größe. Arrangements, Gebühren, die Organisation von Podien und die Mobilisierung von Publikum – all das läuft relativ reibungslos. Auf der Tagesordnung dieser Foren stehen meist viele interaktive Sitzungen, so dass jede(r) Teilnehmende in mehr oder weniger gleichem Maße zu Wort kommt. Die Leute haben Zugang zueinander.

Vortragende und Publikum sind nicht so scharf voneinander getrennt. Dass einige wenige Elitestatus genießen, gibt es nicht. Es gibt keine Ausschlüsse. Ohne die Vorzüge all dieser Foren übertreiben zu wollen: Sie haben positive Effekte und bewegen sich in partizipative, transparente und demokratische Richtung.

Das WSF – das Welttreffen im WSF-Prozess – indes ist eine andere Angelegenheit.

Das Weltsozialforum

Die weltweit stattfindenden Von-unten-nach-oben-Foren wurden durch ein ziemlich deutlich von oben nach unten agierendes WSF ins Leben gerufen. Die ersteren müssen das letztere noch reformieren. Im Gegensatz zu den weltweit stattfindenden Foren ist das WSF noch nicht transparent oder rechenschaftspflichtig, und es ist schon gar nicht demokratisch. Es ist unkontrollierbar geworden. Und obwohl es eine höchst anerkennenswerte Teilnehmerschaft hat, kommt es beim WSF oft zu scharfen und sogar destruktiven Meinungsverschiedenheiten zwischen den verschiedenen Gruppen und Schichten.

Während manche dieser Schwierigkeiten sicher darauf zurückzuführen sind, dass ein so gewaltiges Ereignis wie das Welttreffen mit nur unzureichenden Mitteln ausgerichtet wird, gibt es noch eine ganze Reihe anderer Felder, auf denen über Verbesserungen nachgedacht werden muss.

Die Entscheidungsfindung im WSF

Die BegründerInnen des WSF hatten eine gute Idee, taten einen mutigen Sprung und setzten eine effektive Arbeit in Gang. Mit der Zeit jedoch wurden sie zu einer Führung der strafferen, mehr bestimmenden und weniger vorbildlichen Art. Sie begannen und blieben ohne Rechenschaftspflicht – außer vielleicht ihren eigenen Organisationen gegenüber. Die Ursache dafür lag ganz ohne Frage in den Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, in so einem unerhörten Umfang tätig zu werden; sie lag in der Struktur und in den Philosophien einiger der NGOs und anderer beteiligter Organisationen wie etwa ATTAC-Frankreich, und sicher gibt es noch eine Menge weiterer Faktoren. Aber das ist nicht alles. Nach dem WSF 2 wurde ich dazu auserkoren, bei mehreren mit dem Forum zusammenhängenden Projekten zu helfen, und um mir dies zu erleichtern, wurde ich eingeladen, dem Internationalen Rat (IR) des WSF beizutreten. Ich verpasste ein Frühlings- und ein Sommertreffen dieses Rates – eins in Thailand, das andere in Barcelona. An einem Treffen in Italien im Herbst konnte ich dann teilnehmen. Mein Eindruck war, dass der Rat keine wirkliche Macht hatte und nur zum Absegnen bereits getroffener Entscheidungen diente.

Nicht, dass die Leute, die in Florenz am Tisch saßen, nicht eine eindrucksvolle Gruppe gewesen wären. Sie waren weltgewandt und klug, und viele von ihnen kamen aus bedeutenden Bewegungen und Basisorganisationen von überallher auf der Welt. Und es war auch nicht so, als hätten die Leute am Tisch keinen demokratischeren und partizipatorischeren Ansatz gewollt. Der Wunsch danach kam mehrfach auf. Aber schon nach kurzer Zeit wurde bei diesem Treffen offensichtlich, dass trotz ihres Status und ihrer Wünsche und Vorstellungen die Leute im Rat und an diesem Tisch nicht das wirkliche Machtzentrum des WSF darstellten. Die wahren Mächte hatten einige Kader geschickt, die das Treffen moderierten. Und es war klar, dass die wahren Mächte entschieden hatten, was die Tagesordnung sein sollte, was den Leuten im Raum mit Hinblick auf die allgemeine Situation des WSF bekannt gemacht werden sollte und worüber dem Rat zu beraten erlaubt sein sollte – und dass die Anwesenden nur sehr wenig Einfluss auf all dies hatten.

Ich lief im Raum herum und fragte viele der Anwesenden: »Wer sind die wirklichen Entscheidungsträger im WSF? Wer ist es, der dieser Gruppe nur begrenzte Entscheidungsmöglichkeiten einräumt und wichtige Angelegenheiten nur einem kleinen Kreis vorbehält? Wer ist es, der die wichtigen Entscheidungen trifft, die niemals vor diese Gruppe kommen?«

Während einige Leute nach einigem Zögern in Kenntnis der Geschichte des WSF ein oder zwei Namen zu nennen vermochten, war sich niemand, mit dem ich sprach, selbst dieser wenigen ganz sicher – ganz zu schweigen davon, dass mir etwa jemand eine ganze Liste von Führern hätte nennen können. Ich hatte das Gefühl, in ein Zentralkomitee gezerrt worden zu sein, über dem ein noch höheres Gremium die Schlüsselentscheidungen diktiert. Aber wenn ich meine IR-KollegInnen fragte, wer diese höheren Autoritäten waren, wusste niemand Bescheid.

Die wirkliche WSF-Führung, das wusste ich, traf viele wichtige Entscheidungen. Soll Lula noch einmal sprechen und in welcher Eigenschaft? Wie wäre es mit Castro oder Chávez? Werden wieder Gruppen ausgeschlossen werden, und wenn ja, auf welcher Grundlage? Wie ist es mit den Zapatistas? Wird die Zugehörigkeit zu einer Partei, das Befürworten von Gewalt als Taktik oder sogar auch nur Mitgliedschaft in einer Gruppe, die der innere Zirkel zu radikal findet oder in anderer Hinsicht nicht mag – wie etwa die disobbedienti aus Italien oder die internationale People’s Global Action –, zum Grund dafür genommen, eine Teilnahme zu verhindern? Welche Inhalte sollen diesmal den Kern der Veranstaltung bilden – mehr dazu siehe weiter unten –, und welche werden an die Peripherie verlagert? Wer bekommt die Reise bezahlt, und wer nicht? Soll es eine große Demonstration geben, und wer sollen die RednerInnen sein? Wird es eine kollektive Erklärung geben, mit welchem Inhalt? Welche Anstrengungen werden unternommen werden – oder auch nicht, um geschlechtliche, rassische und geographische Ausgewogenheit zu erreichen? Wie wird im Forumsprozess mit Klassenunterschieden umgegangen? Wie wird die Presse behandelt – die des Mainstreams und die alternative? Wird das WSF die Bildung einer internationalen Bewegung der Bewegungen erleichtern, oder wird es nur als Forum bestehen bleiben? Welcher Ausgleich wird zwischen einer Befürwortung der Reform des Kapitalismus auf der einen Seite und dem Streben nach einem ganz neuen Systems auf der anderen gefunden werden?

Die Entscheidungen des WSF sind nicht transparent, obwohl Transparenz leicht zu erreichen wäre: indem die betreffenden Namen und entsprechenden Entscheidungen publik gemacht würden. Der Entscheidungsprozess ist nicht nachvollziehbar. Ihn nachvollziehbar zu machen, ist nicht leicht, aber man könnte dem Ziel zumindest näher kommen – selbst angesichts so komplizierter Zusammenhänge. Es gibt keinen weit gestreuten demokratischen Input von Regionen aus der ganzen Welt. Auch hier ist Veränderung natürlich nicht leicht, aber die Frage sollte, weil sie mit einigen unabdingbaren organisatorischen Veränderungen verbunden ist, auf die Tagesordnung kommen.

Die Funktionsfähigkeit des WSF

Das WSF 3 sehen die meisten sicher als großen Erfolg – jedenfalls was solche Fragen wie die des Redens, Zuhörens, Essens, Schlafens und Demonstrierens anging. Und es war ja auch so: Was ging, ging gut. Die Leute, die zu den Veranstaltungen gingen, konnten diese im Großen und Ganzen genießen – seien es nun die Demonstrationen oder Kundgebungen gewesen, die Podien oder Treffen oder das Jugendcamp. Viele erzählten, dass die Veranstaltungen, bei denen sie dabei waren, angemessen und sogar gut abgelaufen sind. Und das traf ja auch für die meisten Ereignisse zu. Was ganz wundervoll ist und größtes Lob verdient.

Aber wie war das mit den rund 400 Podien, die kurz vor Beginn des WSF abgesagt wurden, lange nachdem sich Leute bereits entschlossen hatten, an ihnen teilzunehmen? Niemand konnte an diesen Podien teilnehmen oder sich auf ihnen vorstellen, weil sie gar nicht erst stattfanden. Niemand bemerkte, dass sie fehlten – mit Ausnahme derer, die unter der Absage litten. Wie war das mit den Ereignissen, die auf keinem gedruckten Plan auftauchten und von den TeilnehmerInnen nicht gefunden werden konnten, so dass sie nur einen Bruchteil der TeilnehmerInnen hatten, die sie verdienten? Nur sehr wenige Leute nahmen an ihnen teil, alle anderen wussten ja nicht einmal, dass sie stattfanden. Die wenigen, die teilnahmen, waren darüber sehr entsetzt – aber in seinem ganzen Umfang wurde der Verlust nicht wahrgenommen, es wurde nicht realisiert, welch Verlust an Gewinn es war, den die Leute gehabt hätten, die nicht wussten, wo sie hinsollten und unter besseren Bedingungen eben genau dorthin gekonnt hätten. Und wie war das mit den Veranstaltungen, deren Ort laufend geändert wurde, wodurch wiederum Teilnahme behindert oder sogar unmöglich gemacht wurde? In manchen Fällen konnten sogar Vortragende ihre Veranstaltungen nicht finden. Aber wiederum wussten davon nur wenige.

Vielleicht hätten alle diese Probleme verhindert werden können, wenn die Zahl an Veranstaltungen und Podien strenger begrenzt worden wäre, wenn sie früher festgesetzt worden wären usw. Oder vielleicht hätte es bei besserer Vorbereitung weniger chaotische Störungen gegeben, schließlich war der größte Teil des Chaos nicht die Schuld derer, die am Ende die Arbeit machten – aber es war ein fast zwangsläufiges Nebenprodukt des überschnellen Wachstums des WSF und des Umstandes, dass es zu vielen Unwägbarkeiten mit zu geringen Mitteln beizukommen versucht.

Kurz gesagt, das WSF scheint in seiner augenblicklichen Größe so gut wie unkontrollierbar zu sein. Es ist ja nicht so, dass Linke per se Größe nicht vertragen könnten. Es wäre bei so wenigen verfügbaren Mitteln niemand in der Lage gewesen wäre, so viele unvorhersehbare Variablen zu managen.

Hierarchien im WSF

Jedes Jahr bestimmt das WSF eine Gruppe von weltweit stattfindenden Ereignissen zu seinen eigenen. Diese Ereignisse ragen in den offiziellen Tagesordnungen heraus, haben angemessene Räume und Mittel, und ihren ModeratorInnen wird beträchtlicher Komfort gewährt, einschließlich bezahlter Hotelräume und manchmal Reiseerstattungen. Außerdem werden sie in besseren Hotels untergebracht, und es wird auf die Prominenz der Person und nicht auf den Bedarf geschaut. Ich schätze diese Gruppe auf ungefähr 100 Leute. Ich bin mir ziemlich sicher, dass unter ihnen einige waren, die dieser finanziellen Hilfe dringend bedurften, aber auch eine große Zahl, die sie nicht gebraucht hätte.

Auf der anderen Seite steht der Rest der ModeratorInnen. Vielleicht ein paar Tausend oder so. Die Veranstaltungen, die diese TeilnehmerInnen geplant hatten, erschienen vielfach noch nicht einmal in den offiziellen Tagesordnungen und unterlagen Stornierung in letzter Minute oder, nicht ganz so drastisch, Raumänderungen. Diesen RednerInnen und Vortragenden der unteren Zweidrittel wurde wenig Komfort und wenig finanzielle Unterstützung gewährt, obwohl sie in überwältigender Mehrheit Leute waren, die weniger gut gestellt waren als die etwa 100 in den Hotels. Die Ungleichbehandlung nach Geschlecht scheint, was den Status der Leute und ihre öffentliche Präsenz betrifft, noch immer ihre schreckliche und zerstörerische Rolle zu spielen. Und neben diesen ModeratorInnen der unteren Zweidrittel gab es dann noch die Jugendlichen, die in einem Lager mit nur knapp ausreichendem Wasser und kaum hinreichender Kanalisation untergebracht waren. Dass die ungefähr 30 000 Menschen in den Jugendlagern dennoch zu einer lebendigen Gemeinschaft ohne Hierarchien wurden, ist höchst bewundernswert. Aber die Tugend derer, die die harten Bedingungen mit Freuden ertrugen, entschuldigt nicht die Tatsache, dass das Lager als eine separate Einheit mit wenig sichtbarer Anstrengung zur Einbindung in das Gesamtereignis behandelt wurde. Gibt es keine Alternative dazu, manche TeilnehmerInnen in Lagern, andere in erträglichen Umständen und einige wenige in luxuriösen Hotels wohnen zu haben? Könnte es nicht gleitende Skalen von Gebühren und Beteiligung an den Unterbringungskosten geben, mehr im Einklang mit den Bedürfnissen anstatt mit dem Prominenzgrad, wobei die mit mehr Geld denen mit weniger aushelfen würden? Jüngere Menschen können schlechte Umstände besser aushalten. Ältere Leute brauchen bessere Bedingungen, um so ein anstrengendes Unternehmen verkraften zu können. Etwas Varianz in den Unterkünften ist von diesem Standpunkt her sicherlich gerechtfertigt, aber Berühmtheit sollte nicht das Kriterium sein.

Wenn nicht aufgepasst wird, werden die Unterschiede in den materiellen Bedingungen zwischen den TeilnehmerInnen und in der Art der Medienaufmerksamkeit und Förderung, die sie erhalten, die noch viel weniger zu tolerierenden Unterschiede bezüglich Geschlecht, Rasse, Klasse, Herkunft und Prestige noch verschärfen. Oft steigt die gewährte Aufmerksamkeit fast umgekehrt proportional zu dem, was die Leute an Aktionen tatsächlich unternehmen, zu dem, wie sie in ihren eigenen Leben antihierarchisch sind, und zu den Lehren und Einsichten, die sie anzubieten und mit anderen Leuten bei den WSF-Veranstaltungen zu teilen haben. Es ist nicht überraschend, dass in den Jugendlagern in einem Maße geteilt und Gerechtigkeit gelebt wird, wie das in den Hotels überhaupt nicht praktiziert wird. Obwohl es wahrscheinlich unmöglich ist, ohne die Hotels auszukommen, muss die Logik und Kultur der Unterbringung in den Hotels untersucht werden. Natürlich brauchen wir Präsentationen, manchmal sogar vor sehr großen Auditorien, aber es müsste möglich sein, die relative Passivität und Unterordnung derer, die zum WSF hauptsächlich zum Zuhören kommen, wie auch derer, die zwar präsentieren, aber weniger bekannt sind, zu überwinden.

Noch etwas anderes muss hier zur Sprache gebracht werden: Das WSF wird Weltforum genannt. Wir sagen alle, »das WSF hatte 100 000 TeilnehmerInnen«. Und wenn ich Sätze wie diesen sage und höre, hört sich das für mich wie die Behauptung an, dass sich 100 000 Leute aus der ganzen Welt versammelt hätten. Obwohl das WSF 3 tatsächlich ungefähr 100 000 Leute anzog, waren davon aber vielleicht 70 000 aus Brasilien und weitere 15 000 aus Nachbarländern in Südamerika. Man kann also mit einiger Berechtigung sagen, dass dies ein wichtiges südamerikanisches Forum war, zu dem 10 000 bis 15 000 Menschen aus der ganzen Welt eingeladen waren, um als RednerInnen oder Gäste teilzunehmen - und nicht unbedingt ein Weltforum. Sollte ein Weltforum nicht weltweit repräsentativ sein - mit einer proportionalen TeilnehmerInnenschaft - und die Aktionen, die auf der ganzen Welt stattfinden, widerspiegeln?

Wie weiter?

Das WSF in Porto Alegre war bis jetzt drei Mal hintereinander ein bemerkenswertes Phänomen. Es hat weltweit Foren hervorgebracht. Es hat gebildet, inspiriert und zu Beziehungen und Verbindungen geführt. Seine Struktur und sein Prozess waren im ersten Jahr ein Wunder, im zweiten Jahr erstaunlich, aber im dritten Jahr hat das nachgelassen. Das WSF ist, trotz aller seiner Tugenden, in seiner jetzigen Form in verschiedener Hinsicht an seine Grenzen gelangt.

Die oben erwähnten Fragen und viele andere, die die TeilnehmerInnen zweifellos haben werden, müssen erörtert und diskutiert werden. Neue Ideen müssen vorgebracht, bewertet, verfeinert und umgesetzt werden. Hier sind elf Gedanken dazu, die vielleicht zu debattieren wären. Aber auch wenn sie nicht zur Sprache kommen - Veränderung braucht es in jedem Fall. Also:

* Lege den Schwerpunkt auf die lokalen Foren als die Grundlage des weltweiten Forumsprozesses.

* Schaffe jede neue Ebene des Forums von Kleinstädten zu Großstädten, zu Ländern, zu Kontinenten bis hin zur ganzen Welt auf der jeweils niedrigeren.

* Stelle sicher, dass die Entscheidungen über lokale Ereignisse lokal getroffen werden.

* Sorge dafür, dass die Entscheidungen treffenden Führungen auf jeder höheren Ebene zu einem beträchtlichen Grad durch die lokalen Foren, die in dieser nächst höheren Ebene enthalten sind, gewählt werden. Die kleineren kommunalen Foren in Italien wählen die Führung des italienischen nationalen Forums. Die Führung des Europäischen Sozialforums wird durch die nationalen Foren innerhalb Europas gewählt, und anderswo ist es ähnlich.

* Lege fest, dass die Führung auf jeder Ebene zu 50 % aus Frauen besteht. Die Sozialforen aus reicheren Weltgegenden sollten von Delegierten, Organi- sationen und TeilnehmerInnen eine Steuer auf ihre Eintrittsgebühren erheben, die dazu verwendet wird, die Foren in ärmeren Teilen der Welt finanzieren zu helfen.

* Verwandele das jährliche internationale WSF-Ereignis in eine Delegiertenveranstaltung. Städte und Staaten in Brasilien sollten ein Forum haben. So auch Brasilien als Ganzes. So auch Länder in Südamerika und so auch Südamerika als Ganzes. Und ähnlich für Indien und Südasien, für Südafrika und Afrika usw. Aber das Weltereignis sollte anders strukturiert sein. Und zwar repräsentativ.

* Beschränke die Teilnahme am WSF auf 5000 bis 10 000 Leute, die dorthin von den wichtigen regionalen Foren um die ganze Welt herum delegiert werden.

* Lass die WSF-Führung durch die regionalen Foren wählen. Das WSF soll verpflichtet sein, seine Vorschläge zu machen auf der Grundlage all dessen, was weltweit zusammengetragen wird, damit nicht wieder und wieder die gleichen berühmten Leute zu hören sind, die alle ohnehin schon kennen, und es soll die Ergebnisse des WSF wie auch die aller anderen Foren öffentlich machen und sichern, dass die Delegierten an ihrer jeweiligen Basis in den Regionen Bericht erstatten.

* Sorge dafür, dass die GraswurzelaktivistInnen aus Bewegungen aus der ganzen Welt bei den Hauptereignissen und allen Foren prominent zu Wort kommen, um so das WSF und die lokalen Foren als Vehikel für ihre Aktivität zu stärken und Elitismus-Tendenzen entgegenzuwirken.

* Stelle sicher, dass das WSF als Ganzes und die Foren weltweit nicht den Fehler machen zu versuchen, eine Internationale zu werden oder eine Bewegung der Bewegungen oder auch nur eine Stimme der Weltbewegungen. Um Forum zu sein, müssen das WSF und die kleineren Teilforen so breit und so vielgestaltig wie möglich sein. Wenn sie aber so breit und vielgestaltig wie möglich sind, sind sie einfach zu breit und vielgestaltig, um eine Organisation zu sein. Die Foren können und sollen Schauplätze der Begegnung sein. Sie können und sollen die Vernetzung zwischen geistesverwandten TeilnehmerInnen begünstigen, die zu gemeinsamen Aktionen führt. Aber eine Organisation zu sein, die Entscheidungen über mehr als ihre Teilforen trifft, würde über den Grad der Einheit des Forumprojekts hinausgehen.

* Lege fest, dass Foren auf jeder Ebene einschließlich des WSF Leute aus verschiedenen Basiszusammenhängen empfangen sollen – und verwende das Forum und seine Prozesse dazu, Kontakte zu knüpfen und Beziehungen zu entwickeln, die ihrerseits nationale, regionale und sogar internationale Netzwerke oder Bewegungen der Bewegungen hervorbringen können, die ihre Bestrebungen hinreichend teilen, um eng zusammenzuarbeiten – aber die neben dem Forum existieren und nicht an seiner Statt.

 http://www.all4all.org/2005/05/1887.shtml

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