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feministische Theorie des Wirtschaftens

by Quelle: Utopie Kreativ - 07.02.2006 19:10


Auf der Suche nach einer feministischen Theorie des Wirtschaftens

Anneliese Braun

UTOPIE kreativ, Heft 152 (Juni 2003), S. 543-554
 

  Utopie Kreativ


Feminisierung der Ökonomie stellt sich als Teil eines emanzipatorischen Alternativprojekts dar, das die Gleichstellung der Geschlechter zum Ziel hat. Sie entwickelt sich als "work in progress". So bunt
wie die feministischen Bewegungen sind auch die Vorstellungen von feministischer Ökonomie (vgl. Buchholz-Will 1996; Kuhn, Degen, Fröse, Böttger 1999). Dazu gehören feministische Arbeitsmarktprojekte wie die Förderung von Existenzgründerinnen bis hin zu autonomen Projekten, wie selbstverwaltete Betriebe, Kommunen, gemeinwesenorientiertes Wirtschaften, Subsistenzperspektive und "Barefoot Economy". Das Anliegen einer Feminisierung der Ökonomie läßt sich wie folgt zusammenfassen: Sie konzentriert sich darauf, die patriarchale kapitalistische Wirtschaft zu analysieren, zu evaluieren und zu kritisieren, Frauenrechte einzufordern und eine konkrete Utopie zu entwickeln.

Auf diese Weise sollte es gelingen, patriarchale Mechanismen allmählich durch alternative, das heißt nichtpatriarchale, nichtkapitalistische Veränderungen auszuhöhlen und somit die Voraussetzungen
für eine soziale Gleichstellung der Geschlechter zu schaffen. Feminisierung der Ökonomie muß pluralistisch herangehen, wenn sie ihren ganzheitlichen Ansprüchen treu bleiben will. Nicht zuletzt
darin liegen ihre Chancen. Pluralistisches Aushandeln ist von einem langwierigen Lernprozeß begleitet. Feministische Bewegungen sind darauf durchaus vorbereitet, wenn sie sich auf ihre Traditionen besinnen und diese kritisch erneuern, wie selbst organisiertes Handeln, Ganzheitlichkeit, Reproduktion des Lebens anstelle von Profit, bewußte Parteilichkeit, Interdisziplinarität, nicht-zerstörerischer Umgang
mit der Natur, Zulassen von mehreren Deutungen. Es hieße die basisdemokratischen und selbstorganisierenden Aktivitäten von Frauen fehlzuinterpretieren, wenn beckmesserisch gefragt werden
würde, ob "feministische Ökonomie" alle Kriterien einer akademischen Fachdisziplin erfülle.
Wenn Feminisierung der Ökonomie emanzipatorische Handlungen befördern soll, müßte sie über nichtpatriarchale Positionen hinausgehen; sie würde sich damit pluralistisch in eine konkrete Utopie
einer gleichheitlichen und freiheitlichen Reproduktion des Lebens einbringen, welche Ökonomie in bisheriger Form im doppelten Sinne aufhebt. Damit wird sie mit der Umorientierung und Umstrukturierung der (noch) dominanten patriarchal organisierten kapitalistischen Produktionsverhältnisse auf die Reproduktion des Lebens in seiner Ganzheit konfrontiert. In dieser Richtung liegen inzwischen keinesfalls unumstrittene, aber den Emanzipationsgedanken weiterführende Erkenntnisse vor, insbesondere:

- die Begründung des Patriarchats als gesellschaftliches Verhältnis (Delphy 1977; Lerner 1991; Mies 1992);

- eine feministischer Sicht auf die Auffassungen von Marx und Engels zur Reproduktion des Lebens in seiner Ganzheit (Beer 1990);

- die Erweiterung und ganzheitliche Betrachtung des "Reiches der Notwendigkeit" als Verbindung von Reproduktion der Gattung und Produktion von Mitteln zum Leben, u. a. durch feministische Ansätze zur "Gesamtarbeit" (Möller 1996; 1997; Notz 2000);

- die Verschränkungen von patriarchalen und Klassenverhältnissen als Ausgangspunkt für ganzheitliche und geschlechtergerechte Interpretationen der gesellschaftlichen Positionen von Frauen und Männern
(Barrett 1990; Beer 1990; Behrend 1995);

- die Umbewertung und Erweiterung des Konzepts von einem "guten Leben" aus der Sicht der Geschlechtergerechtigkeit (Nussbaum 1999);

- die Begründung für die gesellschaftliche Anerkennung von Fürsorge- und Betreuungsleistungen als einer der Ausgangspunkte zur Berücksichtigung der unmittelbaren Reproduktion des Lebens (Gilligan 1984; Fraser 2001);

- die Teilnahme an der Erwerbsarbeit als notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für die soziale Gleichstellung der Geschlechter (vgl. Haug 1990; Helwig, Nickel 1993).

Feministische Untersuchungen deckten eine Reihe "blinder Flecken" in herkömmlichen ökonomischen Vorstellungen - auch im klassischen Marxismus - auf (vgl. Beer 1990; Haug 1990; Barrett/ Phillips 1992). So die Unterbewertung von Haus- und Familienarbeit, die weitgehende Ausblendung der unmittelbaren Reproduktion des Lebens, patriarchale und hierarchische Sicht- und Handlungsweisen.
Diese erweisen sich heute als um so hinderlicher, weil ein Paradigmenwechsel auch in der Ökonomie herangereift ist.

Anliegen ist es deshalb, ausgewählte feministische Vorstellungen daraufhin zu befragen, welche Beiträge sie zu einer Feminisierung der Ökonomie im o. g. Sinne leisten, ihre Folgerungen deutlich zu
machen sowie ihre Herausforderungen an weitergehende emanzipatorische Ansätze. Im Vordergrund stehen dabei jene Vorstellungen, die zu einer ganzheitlichen Sicht auf die Reproduktion des Lebens beitragen.

Sollen klassische marxistische und feministische Vorstellungen zusammen- und weitergedacht werden, dann ergibt sich die Frage nach einer gemeinsamen Schnittstelle. Als eine solche gelten in diesem Beitrag die Reproduktionserfordernisse "fiktiver Waren". Das Konzept der "fiktiven Waren" (vgl. Braun 1998b; Polanyi 1990; Beer 1990) versucht, Waren- und patriarchale Verhältnisse aus der Sicht ihrer Beiträge zur unmittelbaren Reproduktion des Lebens zu analysieren. Es stellt deshalb einen Versuch zur Umorientierung der Wirtschaft im Sinne ihrer Feminisierung dar. Nach einer kurzen Vorstellung des Konzepts wird dieses auf die "Hausarbeitsdebatte" - eine "vergessene Traditionslinie" (Veil in Stolz-Willig/Veil 1999: 199) -, auf Vorstellungen zur "Zukunft der Arbeit" sowie auf feministische Alternativvorstellungen angewendet.


"Fiktive Waren" als Vermittlung zwischen Arbeitsmarkt und "Hausfrauisierung"

Die "fiktive Ware" Arbeitskraft wird hier als ein Beitrag zur Diskussion eingeführt, weil das Konzept als Verbindungsglied zwischen "Hausfrauisierung" und Arbeitsmarkt und damit zwischen Patriarchat
und kapitalistischen Produktionsverhältnissen fungieren kann.

Die "fiktive Ware" Arbeitskraft verkörpert gesellschaftliche Beziehungen, die in patriarchalen Klassengesellschaften zwischen den beiden großen Bereichen der Reproduktion des Lebens vermitteln.

Der Begriff "fiktive Ware" lehnt sich an Polanyi (1990: 223) an. Im Unterschied zu ihm wird er hier jedoch auf die Reproduktion des Lebens in seiner Ganzheit bezogen und besonders auf die Differenzen in den jeweiligen Reproduktionserfordernissen.


Definitionen:

Reproduktion:
Nach Marx und Engels (MEW, Bd. 3: 20, 28-30) setzt sich die Reproduktion des Lebens zusammen aus
der unmittelbaren Reproduktion des Lebens (darunter der Reproduktion der Gattung) und aus der Produktion
von Mitteln zum Leben. Die Reproduktion des Lebens als Ganzheit zu analysieren erfordert, beide Reproduktionsbereiche in ihrer wechselseitigen Verflechtung zu begreifen.

Patriarchale Verhältnisse
Patriarchale Verhältnisse entstanden historisch gesehen, weil beide Bereiche der Reproduktion des Lebens sich nicht gleicherweise dem direkten Eindringen von tributären und Warenbeziehungen öffneten.
So war Reproduktionsarbeit nicht in Tributen oder Waren zu vergegenständlichen, ohne die Gefahr irreversibler
Schäden für die Reproduktion der Gattung heraufzubeschwören. Einige Feministinnen wie Theda Skocpol (1992) und Julie Katherine Gibson-Graham (1996) rücken inzwischen vom Patriarchat als Analysekategorie ab und setzen
an seine Stelle erweiterte Klassenbegriffe und mehr oder weniger biologistische Geschlechterverhältnisse.
Andere, wie Iris Young, Mechthild Veil und Teresa Kulawik halten hingegen am Patriarchat als theoretischen Begriff fest (vgl. Veil in Stolz-Willig/Veil 1999: 201 ff.).

"fiktive Waren"
Als "fiktive Waren" werden hier die Arbeitskraft, darunter die Verausgabung von "allgemeiner Arbeit" im Marxschen Sinne und die Naturressourcen angesehen. Es handelt sich um Elemente der unmittelbaren Reproduktion des Lebens, deren Reproduktionserfordernisse durch den Warenwert nicht adäquat ausgedrückt werden können.
Ursula Beer bezieht sich ebenfalls auf die "fiktive Ware Arbeitskraft" bei Polanyi - allerdings nur auf diese -, betrachtet sie aber aus der Sicht des Verhältnisses von Individuum und Markt, womit sie "die Geschlechtsneutralität einer 'echten' Ware" verliere (Beer 1990: 261 f.).

"fiktive Ware Arbeitskraft"
Die Reproduktion der "fiktiven Ware" Arbeitskraft wird doppelt bestimmt: Zum einen durch das Arbeitseinkommen,
mit dem die Waren gekauft werden, die zum anderen in privaten Haushalten von der Reproduktionsarbeit angewendet werden, um das unmittelbare Leben in seinen unterschiedlichen Seiten zu reproduzieren.

siehe PDF-Datei
 http://www.rosaluxemburgstiftung.de/cms/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Utopie_kreativ/152/152_braun.pdf



Anneliese Braun: Jg. 1933; Prof. Dr., forscht zu arbeitsmarktpolitischen, sozial- und frauenpolitischen
Fragen, beschäftigt sich mit feministischen Positionen und nichtpatriarchalischen Alternativen; siehe auch:
UTOPIE kreativ: Arbeitsverhältnisse - ihre Trends und Alternativen aus feministischer Sicht, Heft 128 (Juni 2001).



siehe auch: Weibblick Sonderausgabe "Frauen und Wirtschaft", Oktober 1996.


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