Elmar Altvater: Das Ende des Kapitalismusby - 30.04.2006 14:47 Das Ende des Kapitalismus
Das Ende des Kapitalismus
Vortrag, den Elmar Altvater Anfang Januar vor dem Berliner Bildungsverein Urania gehalten hat, dokumentiert in der WoZ (WochenZeitung Schweiz) vom 20.4.06: http://www.woz.ch/artikel/2006/nr16/wirtschaft/13243.html
Alles auf Erden findet in den Grenzen von Raum und Zeit statt. Auch der Kapitalismus hat einen Anfang und folglich auch ein Ende. Der Kapitalismus ist historisch. Dies wird jedoch keineswegs allgemein akzeptiert, im Gegenteil. Doch wo kein Ende ist, bleibt der Anfang im Dunkel: Kapitalismus scheint heute zur inneren Natur der Menschen zu gehören, so wie der Stoffwechsel mit der äusseren Natur, als wäre Kapitalismus eine condition humaine. Geriete der Kapitalismus an Grenzen, hörte der Metabolismus, der Stoffwechsel, auf. Das wäre das Ende der Menschheit, vielleicht sogar des Lebens auf Erden. Dieses Denkmuster ist keine blosse Spekulation, es charakterisiert einen nach 1989 verbreiteten Diskurs. Das "Ende der Geschichte" sei erreicht, weil paradoxerweise die moderne kapitalistische Gesellschaft mit ihren sozialen und politischen Institutionen und Prozeduren (formale Demokratie, Markt, Pluralismus) und mit ihren Theorien und Ideologien den Höhepunkt der sozialen Entwicklung des Menschengeschlechts markiere. Sie scheint grenzenlos, ewig und daher geschichtslos zu sein. Eine andere, nicht-kapitalistische Gesellschaft befindet sich ausserhalb des Gesichtskreises der Zeitgenossen: "There is no alternative", lautet Margaret Thatchers gedankenlosester und zugleich berühmtester Spruch. Für immer Kapitalismus, weil gesellschaftliche Alternativen keinen historischen Sinn machen. Wer angesichts dieses weltweit vorherrschenden Diskurses das Ende des Kapitalismus dennoch für möglich hält oder gar auf dessen Überwindung politisch hinarbeitet, gilt als weltfremder Narr, der das Rad der Geschichte drehen möchte, obwohl es zum Stillstand gekommen und seine Bewegung blockiert ist. Die Geschichte ist am Ende, die "beste aller möglichen Welten" ist Wirklichkeit geworden. Nun hilft nur noch der Rekurs auf Leibniz und die Theodizee: Da die Welt insgesamt vom gütigen und gerechten Gott geschaffen ist und die göttliche Weisheit nicht in Frage gestellt werden kann, ist die Welt, in der wir leben, trotz der chaotischen Verhältnisse, trotz des Bösen, die "beste aller möglichen Welten". Kapitalismus erhält, wie Walter Benjamin kritisierte, etwas Religiöses. Voltaire hat diesen heroischen Fatalismus in seinem Roman "Candide" schon im 18. Jahrhundert, im vorrevolutionären Frankreich, persifliert. Heute hätte ein moderner Voltaire viel mehr Anlass, sich über die Verhältnisse im globalisierten Kapitalismus und über dessen dunkle Seiten, über Krieg und Elend, ökologische Zerstörung und soziale Ungleichheit, über Terror und Krieg gegen den Terror, über Folter und Geheimgefängnisse aufzuregen. Wenn die Geschichte weitergehen und die "beste aller möglichen Welten" politisch gestaltet werden soll, muss auch über das Ende des Kapitalismus nachgedacht und müssen Alternativen entwickelt und erprobt werden. Reden wir also über das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Wie wir ihn kennen: Denn die Zukunft ist offen, und wir wissen nicht, welche Gesellschaftsform diejenigen erstreiten, die einen Ausweg aus dem Kapitalismus, wie wir ihn kennen, finden müssen. mehr: http://www.woz.ch/artikel/2006/nr16/wirtschaft/13243.html
Buch: Elmar Altvater: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen Eine radikale Kapitalismuskritik 3. unveränderte Auflage 2006 - 240 Seiten - 14,90 Euro - SFR 26,80 ISBN 3-89691-627-0 Verlag Westfälisches Dampfboot http://www.dampfboot-verlag.de/buecher/627-0.html
"Der Kapitalismus, davon bin ich ... überzeugt, kann nicht durch einen 'endogenen' Verfall zugrundegehen; nur ein äußerer Stoß von extremer Heftigkeit im Verein mit einer glaubwürdigen Alternative könnte seinen Zusammenbruch bewirken..." Dieses Wort des großen französischen Historikers Fernand Braudel begreift Elmar Altvater in seinem neuen Buch als Untersuchungsauftrag, als eine Herausforderung. Die Dynamik der modernen Gesellschaften verdankt sich der "Dreifaltigkeit" von europäischer Rationalität der Weltbeherrschung, kapitalistischen sozialen Formen und fossilen Energien. Dieses Buch legt Grundlagen einer solidarischen Ökonomie und ökologisch nachhaltiger Gesellschaft dar. |