start » de en es fr    >> back

Franz Nahrada: Die Vision der Globalen Doerfer

by Quelle: DorfWiki - 01.07.2006 20:14

(Wien, 19.1.2003)

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
2. Die Selbstaufhebung der Marktwirtschaft: Von wo wollen wir weg?
3. Elemente des Neuen: womit können wir arbeiten
4. Ein Besuch im Globalen Dorf
4.1. die Vogelperspektive und die Piazza Telematica
4.2. Innehalten
4.3. beim Schuster
4.4. Haus des Wissens
4.5. Die Allianz der globalen Dörfer

Beitrag zu den "Tagen der Utopie" in St. Arbogast
 http://www.oekonux.de/texte/globdorf.html
 

1. Einleitung

Utopien sind ein wesentliches Element in gesellschaftlichen Transformationsprozessen und sie tragen selber historischen Charakter. Ein utopisches Bewußtsein, das sich diesen Einsichten stellt, ist keineswegs dazu verdammt, die Anerkennung dessen was ist an die Stelle der Auseinandersetzung dessen was sein soll zu setzen, weil sich der historische und begrenzte Charakter von Utopien schon so oft entlarvt hat. Ein wissenschaftlicher oder pragmatischer Standpunkt, der Utopien von Weltverbesserern ablehnt und die Maßstäbe des Handelns alleine aus dem gewinnt was ist, begrenzt sich genauso, ist genauso ideologisch wie die ahistorische Utopie. In der Utopie geht Wissenschaft in Kunst über: die Auseinandersetzung mit dem was ist, gibt dem gestaltenden Bewußtsein von dem, was nun möglich geworden ist, eine völlig neue Basis. Und der Skandal, daß wir es im Lichte dieser Möglichkeiten nicht weiter gebracht haben, wird doppelt fühlbar.

Die Utopie, mit der ich sie in diesem Vortrag konfrontieren möchte, entnimmt ihre sämtlichen Bausteine der heutigen Wirklichkeit: einer Wirklichkeit, die uns vor 20 Jahren als Utopie vorgekommen wäre: die mit vielen neuen, phantastischen Elementen angereichert ist, die an Erfindungen und technischem Reichtum, an Kommunikationsmitteln und an Wissen jede vorhergehende historische Epoche haushoch übertrifft. Eine Wirklichkeit jedoch, die uns gleichzeitig zum Gefängnis geworden ist, so total, daß wir nicht mehr wissen wohin wir fliehen könnten.

Noch vor einer historischen Sekunde schien diese Wirklichkeit zu triumphieren, selbst die Utopie zu sein, die mehr als jede andere die Menschen in ihren Bann zu schlagen vermochte. 1989 sprach der amerikanische Autor Fukuyama vom Ende der Geschichte und meinte damit die Obsoletheit der Utopien in der wahrgemachten Gesellschaft von Demokratie und Marktwirtschaft. Er meinte damit auch, daß Demokratie und Marktwirtschaft selbst die Utopie schlechthin wären, der beste mögliche zu erreichende gesellschaftliche Zustand, der wie von selbst auflösend auf alle anderen geschichtsmächtigen Gegenentwürfe wirken würde.

Mittlerweile wissen wir es besser, wir erleben einen ungeahnten Entfesselungsprozeß zerstörerischer Potenzen, dessen Ende wir noch nicht absehen können. Auf einer Veranstaltung wie dieser haben wir die Chance, diese zerstörerischen Potenzen zu hinterfragen, wir haben aber uns primär die Aufgabe zu stellen, die historischen Errungenschaften und Entfaltungsprozesse aufzubewahren und in Konturen neuer Bilder gesellschaftlicher Gestaltung hineinzudenken, hinter denen auch Interessen, Subjekte und geschichtsmächtige Bewegungen stehen können.

Was ich Ihnen heute Abend vorschlage, wie skizzenhaft auch immer, ist eine Utopie jenseits von Demokratie und Marktwirtschaft, die aber ein zentrales Motiv und eine zentrale Stärke dieser bislang letzten erfolgreichen Utopie aufbewahrt: den Wunsch der Menschen zu verkörpern, ihr Leben autonom und nach eigener Vorstellung zu gestalten, ohne Gängelung, Propaganda und Lüge. Die Behauptung ist, daß es dazu bessere Mittel gibt als Stadt, Eigenheim und Auto, bessere Mittel als Geld, Privateigentum und Markt, sogar bessere Mittel als Staat, Recht und Gesetz. Die Behauptung ist, daß die Elemente dieser Utopie einer menschlichen Selbstentfaltung in freier Kooperation bereits existieren, zum Teil als wiederentdeckte bzw. wieder aktualisierte Bestandteile alter Kulturen, zum Teil als technische und soziale Innovationen, hervorgebracht durch die globale Marktwirtschaft, in der sie gleichzeitig strukturell neue und zunehmend unverträgliche Elemente darstellen. Bildlich gesprochen haben wir es mit Keimformen von etwas Neuem zu tun, das sich innerhalb der Nischen der alten Gesellschaft entwickelt und entwickeln können muß, genauso wie sich in Oberitalien und Flandern seinerzeit die Gesellschaftsform namens Kapitalismus entwickelt hat, in der wir heute leben.

Es ist daher eigentlich verkehrt, von "Utopie" zu sprechen, im Sinn einer völlig anderen Welt, die bloß am Reißbrett des Visionärs existiert. Vielleicht sollte man bei dem, was ich Ihnen darstellen möchte, besser von einer "Syntopie" sprechen, vom Zusammenkommen mehrerer Bausteine, die durchaus schon existieren - von Bausteinen aber, die sich auf neue und unkonventionelle Art zusammenfügen, die in sich scheinbare Gegensätze vereinigen und zugleich auf eine neue Art aufheben, die einander gerade in dieser Gegensätzlichkeit und in diesem Spannungsfeld benötigen, um wirklich Bausteine einer tragfähigen und einladenden menschlichen Behausung zu werden.

Das Wort "Syntopie" hat aber auch den Sinn, von dem ich eingangs gesprochen habe, den Fehler aller Utopien zu vermeiden, den Menschen in seiner unglaublichen Vielfalt auf ein Baumuster, auf einen Entwurf reduzieren zu wollen. Nur eine Utopie, die dem unglaublichen Spannungsbogen menschlicher Lebensentwürfe, Orientierungen und Werthaltungen, die uns in dieser historischen Epoche in ihrer Vielzahl und Unterschiedlichkeit bewußt geworden sind, die dieser bunten Fülle eine Heimstatt und Manifestation bieten kann, ohne daß dies das menschliche Zusammenleben in tiefe Konflikte und unaufhebbare Widersprüche stürzt, nur eine solche Utopie hat heutzutage noch diesen Namen verdient.

weiter:  http://www.oekonux.de/texte/globdorf.html

siehe auch:
Franz Nahrada: Acht Thesen Zur Zukunft Des Ländlichen Raums:
 http://www.dorfwiki.org/wiki.cgi?FranzNahrada/Texte/AchtThesenZurZukunftDesL%e4ndlichenRaums


Franz Nahrada: Globale Doerfer und Freie Software:  http://www.all4all.org/2004/11/1230.shtml

>> ADD EXTRA INFORMATION

ADDITIONAL INFORMATION