Aus der Not eine andere Weltby - 09.07.2006 17:48 Friederike Habermann
Argentinien galt als Musterland des Neoliberalismus: ein industrialisiertes Land in Lateinamerika. Doch plötzlich wurde alles anders: Hausfrauen mit Einkaufstaschen, die Bankenscheiben zerbersten ließen und Geldtransporter mit Graffiti besprühten, vermummte Arbeiterinnen, die mit brennenden Reifen Straßen blockierten - drei Viertel der Protestierenden waren Frauen. Gleichzeitig organisierten sich Erwerbslose und versuchten Ansätze einer alternativen Ökonomie aufzubauen. Friederike Habermann betrachtet den alltäglichen Kampf verschiedener Arbeitslosenbewegungen in Buenos Aires oder der Hausfrauengewerkschaft in Santa Fe aus der Nähe.
Buch Ulrike Helmer Verlag 18.95 EUR 192 Seiten ISBN 3-89741-162-8 Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um Band 3 der Reihe »Konzepte / Materialien«, die von der Stiftung Fraueninitiative herausgegeben wird. http://www.ulrike-helmer-verlag.de
http://www.stiftung-fraueninitiative.de
http://www.sjakoo.nl/books/8981.htm
http://www.frauenbuch.de/htm/fb41320467.htm
siehe auch Rezension in iz3w Nr. 284: http://www.iz3w.org/iz3w/Rezensionen/Theorie/284Habermann.html
und Rezension in Südwind: http://www.oneworld.at/suedwind.magazin/magazin/inhalt.asp?ID=3523
Rezension von Margot Geiger: Habermann, Friederike, Aus der Not eine andere Welt. Gelebter Widerstand in Argentinien, Ulrike Helmer Verlag, Königstein/Taunus 2004 (192 S., br., 18,95 Euro) Die Verf. liefert einen theoretisch fundierten, journalistischen Reise- und Erfahrungsbericht und vermittelt einen lebendigen Eindruck von den Lebensrealitäten der 'Verlierer' des neoliberalen Experiments an der argentinischen Gesellschaft. Ziel ist, "Elemente für eine konstruktive Kritik an kapitalistischen Lebensverhältnissen in 'gelebten Gegengesellschaften' (Gisela Notz) zu finden" (15). Dazu begleitete Verf. unterschiedliche Initiativen, die der Ausdehnung des kapitalistischen Konkurrenzprinzips den Aufbau solidarischer Wirtschaftsstrukturen für die Überlebenssicherung entgegensetzen. Aus einem der Nachbarländer Argentiniens in Buenos Aires angekommen, könnte man meinen, in wenigen Stunden "die Strecke von Lateinamerika nach Europa zurückgelegt zu haben" (21). Doch zu den noch sichtbaren Fassaden wirtschaftlicher Prosperität -- moderne Hochhäuser und Konsumtempel -- wird immer mehr Menschen der Zutritt verwehrt. Zu Beginn der 1930er Jahre wurde Argentinien noch als Anwärter auf einen Platz in der ersten Welt gehandelt. An den Erfolgen nachholender Industrialisierung konnte in Folge eine breite Mittelschicht partizipieren. Mit Daten zu Wirtschafts- und Armutsentwicklung belegt Verf. aber das steile Herabsinken des Lebensniveaus eines Großteils der argentinischen Mittelschicht auf den lateinamerikanischen Durchschnitt. Dabei rechnet sie die Verantwortung zutreffend dem Verbund von korrupter politischer Elite und IWF zu, klammert aber die breite gesellschaftliche Zustimmung aus, von der die gesetzlich verordnete Parität von Peso und Dollar -- das Kernstück des neoliberalen Projekts in Argentinien -- v.a. zu Beginn der 90er Jahre getragen wurde (27ff). Im Folgenden stellt die Verf. theoretische Ansätze solidarischen Wirtschaftens vor. Diese lassen sich auf einen "gar nicht so kleinen gemeinsamen Nenner" bringen: "bedürfnisorientiert und versorgend wirtschaften, kollektiv arbeiten und kollektiv die Früchte der Arbeit verteilen" (35). In Anlehnung an den feministischen Ansatz von Carola Möller entwickelt die Verf. weitere Kriterien: Als "solidarisch" kann ein Wirtschaften gelten, wenn es u.a. auf "nicht-patriarchaler Arbeitsteilung", ökologisch sinnvollem Umgang mit Ressourcen und direkt-demokratischen Entscheidungsstrukturen basiert, "möglichst unabhängig vom Staat" sowie in der Absicht organisiert, "kostendeckend zu arbeiten statt auf Profit ausgerichtet zu sein", und insgesamt "auf eine neue Lebensqualität" zielend (38). Die Verf. stellt entsprechende Bewegungen vor -- die Hausfrauengewerkschaften in der Provinz Santa Fe und Erwerbslosen-Organisationen ("Movimientos de Trabajadores Desocupados", MTDs) aus den Armenvierteln von Buenos Aires -- und erstellt Portraits von Aktivistinnen und Aktivisten, die sie ausführlich zu Wort kommen lässt. Die Strukturen der solidarischen Projekte sind unterschiedlich gut ausgebildet, doch die Tätigkeitsbereiche überschneiden sich stark: Meist umfassen sie Bäckereien, Näh- und Strickstuben, Volksküchen, Kindergärten, Gesundheitsdienste, Gemüsegärten, Reparaturwerkstätten und Instandhaltungsdienste für Wohnraum. Zudem unterhält der MTDL Guernica ein freies Radio und der international bekannte MTD Solano sogar eine Presse-Arbeitsgruppe (112). War in Argentinien "das Hausfrauenmodell bis in den neunziger Jahre hinein noch wesentlich üblicher als bei uns" (46), so verdeutlicht das präsentierte Material, dass sich patriarchale Strukturen im Umfeld der Krise von 2001 transformierten: Frauen ergriffen nicht nur bei den Erwerbslosen-Gruppen die Initiative zur politischen Organisierung und gestalten aktiv den Aufbau der Überlebensökonomie. Sie verfügen nun auch häufiger über eigenes Einkommen und sind oft die Empfänger- und Verwalterinnen staatlicher Unterstützung. Alle Organisationen bauen die Solidarökonomie auf Grundlage staatlicher Sozialprogramme auf, d.h. größtenteils mittels der so genannten 'Arbeitspläne', mit denen Erwerbslose für eine Arbeits-Gegenleistung mit gerade 150 Peso monatlich unterstützt werden -- mit Ausnahme des MTD La Matanza, der die Arbeitspläne als "funktional [...] für das neoliberale Projekt" (126) zurückweist. Doch die Ablehnung staatlicher Workfare-Programme zwingt dazu, sich an anderer Stelle ins "neoliberale Projekt" einzugliedern: Während die übrigen Initiativen am Tropf des Staates hängen, sich jedoch die Selbstverwaltung der Mittel erkämpft haben, steht der MTD La Matanza unmittelbar unter dem Druck des "kapitalistischen Zwangs" des Marktes (128f). Die Verf. kommt größtenteils zu ernüchternden Ergebnissen: Die Produktion hängt weniger "von der Nachfrageseite ab, sondern wird durch die Angebotsseite bestimmt" (131): Produziert wird das, was unter prekären Bedingungen produziert werden kann. Weil die hergestellten Güter sich weitgehend gleichen, sei eine überregionale Vernetzung dieser Initiativen nur begrenzt sinnvoll. Die Selbstversorgung in solidarischen Strukturen zu ermöglichen, scheitere zudem daran, dass die üblichen Marktpreise kaum unterboten werden können, auch weil Vorprodukte oft vom Markt bezogen werden müssten (132). Teilweise kommt es zu einer "extremen Ausdehnung der Arbeitszeit" (134) und zu einer Entlohnung unterhalb des Marktniveaus (137). Obwohl sich Risse im patriarchalen Gefüge zeigen, überwiegt in Haus– und Gemeinschaftsarbeit die "traditionelle geschlechtliche Arbeitsteilung" (145), in den Delegiertenversammlungen der Erwerbslosen finden sich fast nur Männer (146f). Trotz basisdemokratischer Strukturen kristallisieren sich in sämtlichen Gruppen Führungspersönlichkeiten -- sog. "referentes naturales" (158) -– heraus. Das Rotationsprinzip wird nur selten umgesetzt. Der Arbeitsprozess ist hingegen von weniger Druck, solidarischen Umgangsformen und dem Versuch, "sich neue Werte anzueignen" (169), geprägt. Hierin erkennt Verf. die eigentliche "Revolution im Inneren": im Versuch nämlich, "etwas außerhalb der Verwertungslogik miteinander aufzubauen, aber nie etwas anderes gelernt zu haben", als sich in diese Logik bestmöglich einzufügen (179). Um das Innenleben der Solidarökonomie zu untersuchen, zieht die Verf. an einigen Stellen volkswirtschaftliche Kategorien heran. Indem sie beispielsweise zeigt, dass sich Angebot und Nachfrage nicht zur Deckung bringen lassen, weist Verf. nach, dass keine funktionsfähige Parallel-Ökonomie entstanden ist, die die Versorgung der Beteiligten unabhängig vom kapitalistischen Markt garantieren könnte. Das ist aufgrund der prekären Ausstattung und begrenzten Reichweite der Initiativen wenig überraschend. Da die Solidarökonomie als Alternative von unten zur verschärften Konkurrenzsituation im informellen Sektor entstanden ist, kann sie auch beim Lohnniveau und der Länge des Arbeitstages schwerlich mit herkömmlichen Standards mithalten. In seiner Pauschalität überrascht das resümierende Urteil, dass "die Lehren aus Argentinien nur insofern hilfreich [sind], als dass sie zeigen, dass gegen den Sozialabbau gekämpft werden muss [...], und leider nicht darin, ökonomische Alternativen zum Kapitalismus innerhalb des Kapitalismus aufzuzeigen" (182). Aber lohnt sich der Aufbau solidarischer Wirtschaftsstrukturen nicht schon aufgrund der "Revolution im Inneren"? Sie könnte die Grundlagen schaffen, um in der Praxis überhaupt Perspektiven, die über den Kapitalismus hinausweisen, entwickeln zu können. Margot Geiger (Berlin) siehe auch: Vortrag an der Frauenakademie München 2004: Darf's etwas mehr sein? Gemeinwesenorientiertes Wirtschaften: (nicht nur) weniger, langsamer und schöner A little more? Community oriented economics: less, slower, more beautiful http://www.frauenakademie.de/dokument/wirtschaften/img/habermann.pdf (PDF)
http://www.frauenakademie.de/dokument/wirtschaften/wirtschaften1.htm
alle Vorträge: http://www.frauenakademie.de/dokument/wirtschaften/wirtschaften3.htm
Popular Education: http://www.euromovements.info/newsletter/popular-education.htm
http://www.nadir.org/nadir/initiativ/agp/free/9-11/indexauthorh.html
Argentina: http://www.nadir.org/nadir/initiativ/agp/free/imf/argentina/
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