start » de en es fr    >> back

Krieg im Libanon

by Quelle: medico - 04.08.2006 16:34

Interview
Im Sueden herrscht offener Krieg

Zwei Mitarbeiter der Hilfsorganisation medico international, Martin Glasenapp und Sabine Eckart, sind im Libanon, um die Zusammenarbeit mit libanesischen Projektpartnern vor Ort zu koordinieren. Die Frankfurter Rundschau (FR) sprach mit einem von ihnen.

 


Frankfurter Rundschau: Was sehen und erleben Sie?

Martin Glasenapp: Die Lage im Libanon ist fragmentiert. Wenn man, wie wir am Montagabend, vom nördlichen Tripoli nach Beirut fährt, dann sind die Straßen leer. In den sunnitischen und schiitischen Orten sind kaum Menschen auf der Straße. Sie fürchten sich auch während der fragilen Bombardierungspause vor weiterem Beschuss. Sobald man aber durch christliche Städte fährt, gibt es Leben, sind die Bars und Casinos offen. In Beirut stellt man dann fest, dass eine ganze Stadt in Angst lebt. Der Süden Beiruts ist ein Trümmerfeld. Es gibt die große Befürchtung, dass ab Mittwoch die Luftangriffe massiv fortgesetzt werden. Noch weiter im Süden herrscht offener Krieg. Nachdem zudem die große Straße zwischen Beirut und Damaskus bombardiert worden ist, sind die UN-Hilfskonvois über diese wichtige Verbindung ausgesetzt. Sie müssen über den Norden einreisen. In der Nacht zum Dienstag wurden kleinere Nachschubwege unweit von Sidon bombardiert.

FR: Die Waffenruhe sollte Zivilisten die Chance geben, sich in Sicherheit zu bringen. Tun sie das trotz fortgesetzter Bombardierung?

Vor allem nach der Tragödie von Kana, wo 60 Libanesen beim Luftangriff der Israelis umkamen, gibt es jetzt eine sehr starke Fluchtbewegung aus dem Süden, wo manche Dörfer pulverisiert wurden. Nach unseren Erkenntnissen sind 700 000 der gut vier Millionen Libanesen auf der Flucht. Unter den Menschen herrscht große überkonfessionelle Solidarität. Sunniten helfen Schiiten, palästinensische Flüchtlingslager, die eher isoliert sind von der libanesischen Gesellschaft, haben sich geöffnet.

FR: Nehmen die christlichen Stadtteile Moslems auf?

Auch das passiert. Dauert der Krieg aber noch zwei, drei Wochen, könnten alte interkonfessionelle Spannungen zunehmen.

FR: Spüren Sie eine wachsende Zustimmung der Zivilbevölkerung zur Hisbollah?

Ich glaube, dass es am Anfang eher eine Wut oder Ablehnung gab. Dass man verstand, hier wird der Libanon zur Geisel der Auseinandersetzung zwischen Hisbollah und Israel. Nach dem Ereignis von Kana aber ist die Stimmung umgeschlagen.

FR: So dass letztlich die Zustimmung zur Hisbollah wächst?

Das kann ich so nicht sagen. Es ist eine Zustimmung zur Verteidigung des Landes. Die Leute sagen, die Hisbollah ist nicht unsere Partei, aber derzeit kritisieren wir sie nicht, weil sie das Land verteidigt.

FR: Einerseits sollen Zivilisten aus der Gefahrenzone, andererseits wird auch in der Waffenruhe zivile Infrastruktur zerstört.

Das ist die Perfidie der Auseinandersetzung. Die humanitäre Katastrophe hängt unmittelbar damit zusammen, dass eine klare Aussage der Staatengemeinschaft über eine Waffenruhe fehlt. Das Hauptproblem bei der Versorgung der Zivilisten ist nicht, dass nicht genug Material im Land oder an den Grenzen wäre. Der Zugang wird zurzeit systematisch verhindert. Das ist neben der militärischen Auseinandersetzung einer der Hauptgründe, dass sich die Situation hier zuspitzt.

FR: Was können Sie tun?

Wir schauen zuerst mit unseren Partnern vor Ort in Sidon, wie wir helfen können. Es heißt, dass hier zu den 50 000 intern Vertriebenen, die in Parks und öffentlichen Gebäuden campieren, jetzt noch mal 15 000 Menschen aus den Orten nahe der Grenze zu Israel gekommen sind. Wir haben 50 000 Euro Soforthilfe vom Auswärtigen Amt.

FR: Das ist nicht viel.

Es ist ein Anfang. Wir haben auch eigene Mittel und man kann die lokalen Partner unterstützen - logistisch und politisch. Die internationale Gemeinschaft hat zu Recht den Beschuss Nordisraels durch Katjuscha-Raketen verurteilt. Genauso eindeutig müsste sie zurückweisen, was die israelische Luftwaffe im Südlibanon anrichtet. Die Tragödie von Kana ist zwangsläufig, wenn Ortschaften bombardiert werden.

FR: Was brauchen die Menschen am meisten?

Einen absoluten Waffenstillstand. Das ist das Einzige, was die Situation hier retten kann. In diesem Krieg kann es keinen Sieger und keinen Verlierer geben. Wir brauchen dringend eine politische Lösung. Die verständliche Forderung nach humanitären Korridoren greift zu kurz. In deren Schatten wird das Völkerrecht weiter missachtet.

Interview: Monika Kappus


Frankfurter Rundschau (FR), 02.08.2006

Quelle:  http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/thema_des_tages/?em_cnt=939735

siehe auch:  http://www.medico-international.de/presse/pe/20060802libanon.asp



Inter Arma Silent Musae
Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Musen.

medico Spendenaufruf für den Libanon, Israel und Palaestina

Es hilft nicht, das Versagen der Politik durch Bombardements und Panzer zu kaschieren. Im Krieg Israels und der schiitischen Hizbullah geht es vor allem um regionale Vorherrschaft. Seit der UN-Sicherheitsrat 2004 die Entwaffnung der Miliz forderte, ist deren Sonderrolle im Libanon in Gefahr. Die "Partei Gottes" ist nicht nur Kind der Invasion Israels 1982, sondern auch Sprössling des Despotismus arabischer Regime: Damaskus und Teheran wollen mit ihrer Hilfe im Libanon eine islamisch-arabische Option durchsetzen. Mit amerikanischer Deckung will aber auch Israels Militär die libanesische Wirklichkeit neu "gestalten": Die zivile Infrastruktur wird zerstört, Treibstofflager und Elektrizitätswerke stehen in Flammen – Ziel ist eine neue Sicherheitszone. Hunderte sterben, Vierhunderttausend sind auf der Flucht.

Mit jedem Bombardement Beiruts, mit jeder Rakete, die in Haifa einschlägt, wachsen Ohnmacht, Hass und der Wunsch nach Vergeltung. Wieder weben Bomben und Raketen den Stoff, aus dem das Leben im Nahen Osten gemacht zu sein scheint: Existenzangst, Leiden und gegenseitige Zerstörung. Die gesamte Zivilbevölkerung im Südlibanon und in Galiläa sind die Leidtragenden einer ausweglosen militärischen Konfrontation, die niemandem Sicherheit bringt, sondern allen mit "irakischen Verhältnissen" droht.

Und die Palästinenser in Gaza und der Westbank? Für sie gilt derzeit ohne Ausnahme die Regel des unheilvollen Nahostspiels: Keine Hoffnung. Die Perspektivlosigkeit und das Elend der besetzten Gebiete verweisen auf das völlige Versagen und die Doppelmoral der internationalen Gemeinschaft.

Inter arma silent musae – wo Kanonen donnern, setzt das Hirn aus. Frieden im Nahen Osten verlangt internationale Verhandlungen, kein militärisches Diktat, kein taktisches Stückwerk. Es geht um gleiche Rechte für alle und gegenseitige Anerkennung und Sicherheit. Frieden braucht aber auch eine demokratische Zivilgesellschaft, die national geschürtem Hass entgegensteht, die jeweiligen Fundamentalismen bekämpft und jeden "Kampf der Kulturen", jeden "Heiligen Krieg" offensiv zurückweist.

Die Partner von medico international im Libanon, in Israel und Palästina stehen für säkulare Kulturinitiativen im schiitischen Südbeirut, Gesundheitsausbildung palästinensischer Flüchtlinge im Libanon, arabische Frauenhäuser in Israel, israelisch-palästinensische Kliniken in der Westbank und Trauma-Arbeit in Gaza. Für die Hoffnung eines gleichberechtigten Zusammenlebens im Nahen Osten.

Die libanesisch-palästinensischen Hilfsorganisationen AMEL, PARD und NAMSC bitten um Geldspenden für Milchpulver, Babynahrung, Hygieneartikel, Decken, Notunterkünfte, Erste-Hilfe-Sets. Auch im Gaza-Streifen fehlt weiterhin das Allerlebensnotwendigste: Medikamente, Nahrung, Wasser. medico international stellt 10.000 Euro Soforthilfe bereit und ruft gemeinsam mit dem ATTAC-Koordinierungskreis und medico international schweiz zu Spenden auf.


Spendenkonto medico international:

* Kto-Nr. 1800
Frankfurter Sparkasse
(BLZ 500 502 01)
Spenden-Stichwort: "Libanon" oder "Israel u. Palästina"


 http://www.medico-international.de/projekte/nahost/20060720_aufruf.asp

>> ADD EXTRA INFORMATION

ADDITIONAL INFORMATION