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Interview zur Kritik der politischen Oekonomie

by Int. mit Michael Heinrich - 03.11.2006 13:58

Am 13.04.2006 fuehrten wir mit Michael Heinrich eine Veranstaltung unter dem Titel "Der Fetischismus der buergerlichen Verhaeltnisse" durch. Der Referent war so freundlich, uns noch fuer ein Interview zur Verfuegung zu stehen... 

Buch-Cover
Buch-Cover

Frage 1: Der Philosoph Ernst Friedell schrieb einst, man könne sagen, ein Marxist sei ein Mensch, der Marx nicht gelesen hat. Wie würdest Du diese Aussage mit Blick auf die marxistische Szene kommentieren?


Michael Heinrich: Der Satz ist natürlich überspitzt. Kein Wunder Friedell war ja unter anderem auch Kabarettist. Der Satz hat aber auch einen wahren Kern, der sehr gut in einer von Isaac Deutscher überlieferten Anekdote zum Ausdruck kommt. Ignacy Daszynski, einer der bekanntesten sozialistischen ‚Volkstribune’ um die Jahrhundertwende habe einst erzählt:
Das “Kapital” von Marx sei eine zu harte Nuss, er habe es deshalb nicht gelesen. Aber Karl Kautsky habe es gelesen und vom ersten Band eine populäre Zusammenfassung geschrieben. Diese habe er zwar ebenfalls nicht rezipiert, aber Kelles-Krausz, der Partei-Theoretiker, habe Kautskys Buch gelesen und es zusammengefasst. Kelles-Krausz Schrift habe er zwar auch nicht gelesen, aber der Finanzexperte der Partei, Hermann Diamand, habe sie gelesen und ihm, Daszynski, alles darüber erzählt.
Und das, was hier dargestellt wird, war in der Geschichte des Marxismus nicht unbedingt eine Ausnahme. Die Marxsche Theorie wurde auf einfache Merksätze reduziert, seine Kritik der politischen Ökonomie auf eine marxistische politische Ökonomie heruntergebracht als deren zentrale Aussage eine Arbeitswert- und Ausbeutungstheorie angesehen wurde, die es schon lange vor Marx gegeben hatte. Aber gerade die Passagen, in denen Marx über solche Vorgänger hinausgeht und sie kritisiert (nur als Stichworte: Formanalyse und Fetischismus) wurden weitgehend ignoriert.
Im Moment jedoch, so zumindest mein Eindruck, ist wieder ein wachsendes Interesse an Marx festzustellen und zwar an Marx selbst und nicht bloß an dogmatischen “marxistischen” Formeln, mit denen nichts weiter als eine schematische Welterklärung geliefert werden kann.


Frage 2: Was hältst Du von der geradezu manischen Suche der radikalen Linken nach dem revolutionären Subjekt (z.B. Frauen, MigrantInnen, Arbeitslose etc.) bzw. nach dem Thema mit revolutionärer Perspektive (z.B. Häuserkampf, Antifa)?
Wie schätzt Du den aktuellen Hype um Prekarisierung ein?


Michael Heinrich: Die Suche nach dem “revolutionären Subjekt” gibt es auch schon bei Marx, und in der Arbeiterbewegung, insofern ist dieses Thema nicht ganz neu. Mir kommen viele Debatten darüber ein wenig so vor, wie die Suche der Alchemisten nach dem “Stein der Weisen”. Dieser Stein sollte die phantastische Fähigkeit haben, die Elemente in einander umzuwandeln, letzten Endes Gold zu machen. So etwas Ähnliches scheint mir das “revolutionäre Subjekt” zu sein: man muss es nur finden und von seinen Aufgaben überzeugen, und schon sind wir auf dem Weg zur Umwandlung der Gesellschaft. Das revolutionäre Subjekt soll einerseits die Möglichkeit besitzen, die Revolution zu machen, andererseits soll dies auch seine Bestimmung sein, es soll zur Verbesserung seiner Lage gar keine andere Möglichkeit haben. Mir scheint die ganze Konstruktion ziemlich schief zu sein. Im Nachhinein kann man bei einer Revolution zwar darüber sprechen, wer das “revolutionäre Subjekt” war, von wem der Kampf um Veränderung tatsächlich ausgegangen ist, das heißt aber nicht, dass dieses Subjekt auch schon über Jahre hinweg vor der Revolution existiert hätte oder dass es eine Niederlage überdauert. Ein “revolutionäres Subjekt” ist nicht etwas bereits Konstituiertes, es konstituiert sich erst in einer revolutionären oder vorrevolutionären Situation, wer alles dazu gehört hängt von der jeweiligen Situation ab. Und nach der Revolution (egal ob sie mit einem Sieg oder einer Niederlage endet) zerfällt dieses revolutionäre Subjekt auch wieder oder transformiert sich ganz erheblich. Die Suche nach dem revolutionären Subjekt scheint mir ziemlich aussichtslos zu sein: Egal welche Gruppe man dafür im Blick hat – meistens eine, die einerseits unter dem Kapitalismus besonders leidet, andererseits aber auch noch über ein paar Handlungsmöglichkeiten verfügt – diese Gruppe hat in der Regel immer auch noch eine Alternative zur Revolution: eine wenn auch beschränkte Möglichkeit zur Verbesserung ihrer Lage innerhalb des Systems. Gerade wenn es dieser Gruppe besonders schlecht geht, können bereits kleine Maßnahmen eine große Wirkung haben, so dass der Kampf für Verbesserungen keineswegs unrealistisch sein muss. Das soll nicht etwa heißen, dass es niemals einen Kampf für mehr als nur immanente Verbesserungen geben würde. Aber dass es eine gesellschaftliche Gruppe oder Klasse gibt, die quasi automatisch zur Revolution tendiert – das halte ich für eine Fiktion.

Die mit dem Etikett “Prekarisierung” versehenen Prozesse sind in der Tat wichtige Veränderungen der Arbeits- und Lebensverhältnisse in dem “globalen Konkurrenzkapitalismus”, der sich gerade herausbildet. Doch wird allein dadurch noch kein kollektives Subjekt konstituiert und schon gar kein revolutionäres. Statt auf das eine revolutionäre Subjekt zu hoffen, wäre es vielleicht sinnvoller sich auf die unterschiedlichen Kämpfe zu beziehen, die tatsächlich stattfinden und dort die Perspektive einer Gesellschaft jenseits des Kapitalismus einzubringen. Sich gegen unmittelbare Verschlechterungen der eigenen Lage zu wehren, schließt ja keineswegs aus, sich über eine ganz grundlegende Veränderung der Gesellschaft Gedanken zu machen. Viele Menschen trauen sich aber nicht, eine solche Möglichkeit auch nur zu denken oder sie können sich schlicht nicht vorstellen, dass eine Gesellschaft jenseits von Kapital und Staat funktionieren könnte. Insofern wäre es bereits ein großer Fortschritt, wenn in breiteren Schichten eine nicht-kapitalistische Gesellschaft überhaupt wieder als eine realistische Möglichkeit (über die man sich dann auch streiten kann) wahrgenommen würde.


Frage 3: Deine Marx-Rezeption unterscheidet sich wesentlich von der des sog. weltanschaulichen Marxismus. Wie ist die Resonanz auf Deine Positionen in Seminaren, Rezensionen etc.? Wie schätzt Du heute das (Kräfte)Verhältnis innerhalb der Linken zwischen traditioneller und neuer Marx-Rezeption ein?


Michael Heinrich: Die Kritik am traditionellen, weltanschaulichen Marxismus hat ja schon eine längere Tradition, sie begann in den 1920er Jahren und hat sich im Gefolge der Studentenbewegung der 60er Jahre dann verstärkt. Der traditionelle Marxismus, insbesondere dann, wenn er mit autoritären Vorstellungen von Organisation verbunden ist, spielt zumindest in den Metropolen des Kapitalismus eine eher abnehmende Rolle.
Das merke ich auch an der Resonanz auf meine Positionen. Die Einführung in die drei “Kapital”-Bände, die ich vor zwei Jahren herausgebracht habe, liegt mittlerweile in der 4. Auflage vor und wird nach wie vor gut nachgefragt. Die Rezensionen waren überwiegend positiv – natürlich mit Ausnahme derjenigen, die aus Traditionen kommen, die von mir kritisiert werden. Soweit sie mir bekannt sind, habe ich die Rezensionen auf meiner Website www.oekonomiekritik.de gesammelt. Auf dieser Seite finden sich auch Texte zu Debatten, die ich mit den verschiedenen marxistischen Strömungen geführt habe.
Das Interesse an einer vertieften Auseinandersetzung mit Marx ist beachtlich. Das augenblickliche Problem scheint mir jedoch zu sein, dass es kaum noch institutionelle Anlaufstellen gibt, um diesem Interesse nachgehen zu können. Dass im Rahmen von Universitäten oder Gewerkschaften Seminare zur Marxschen Theorie oder “Kapital”-Lesekreise angeboten werden, ist inzwischen eher die Ausnahme. Um hier ein wenig Abhilfe zu schaffen, werde ich voraussichtlich im Herbst ein weiteres Buch herausbringen, einen ausführlichen Kommentar zum Anfang des “Kapital”, der den Einstieg in die selbständige Lektüre hoffentlich erleichtert.


Frage 4: Bei der Lektüre Deines Buches “Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung” gingen uns bei dem Komplex Waren-, Geld- und Kapitalfetisch einige Seifensieder auf. Hast Du möglicherweise einen Tipp für uns hinsichtlich anderer, ähnlich fruchtbarer Theoriegelände?


Michael Heinrich: Das ist eine schwierige Frage, da die Fruchtbarkeit nicht nur vom Theoriegelände, sondern auch von den jeweils eigenen Voraussetzungen und Fragestellungen und der eigenen Geschichte abhängen. Was Marx angeht, so wäre neben dem Thema Fetischismus auf jeden Fall noch die Wertformanalyse zu nennen, auf die ich in meiner “Einführung” nur relativ kurz eingegangen bin. Sie hat in dem gerade erwähnten Kommentar zum Anfang des “Kapitals” eine zentrale Bedeutung und ich hoffe, dass auch Leute, die das erste Kapitel des “Kapital” schon gelesen haben, da noch etwas Neues erfahren werden.
Fruchtbar ist aber auch vieles jenseits von Marx. Foucault halte ich für einen der spannendsten Theoretiker – allerdings jenseits der überall geführten modischen Foucault-Diskurse oder der oberflächlichen Begriffshuberei a la Negri und Hardt. Foucault als Theoretiker von Macht, Herrschaft und Wissen ist noch längst nicht ausgeschöpft und er passt auch ganz gut zur Analyse des Fetischismus bei Marx.
Was ebenfalls für viele Linke fruchtbar sein dürfte, ist eine Auseinandersetzung mit der Kategorie Eigentum. Es gibt zwar viele Kontroversen, bei denen es um Eigentum geht, seien es nun Auseinandersetzungen um die Privatisierung kommunaler Unternehmen, “Aneignungskampagnen” oder der (scheinbare) Bruch mit Privateigentum bei freier Software und den daraus abgeleiteten politischen Vorstellungen. Aber auf einer theoretisch-kategorialen Ebene wird über Eigentum normalerweise kaum diskutiert. Kontrahenten, die auf den genannten Feldern politisch gegensätzliche Positionen beziehen, liegen häufig mit ihren grundsätzlichen Vorstellungen von Eigentum nicht besonders weit auseinander. Im Sommer wird zu dieser Thematik eine grundlegende Studie von Sabine Nuss erscheinen, “Copyright und Copyriot” und da könnte ich mir durchaus vorstellen, dass einem bei der Lektüre auch der eine oder andere Seifensieder aufgeht.


Vielen Dank für das Interview!



Michael Heinrich
Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung (4. Aufl.) 2006. Schmetterling Verlag
 http://www.oekonomiekritik.de
 http://www.theorie.org



Gefunden in "fast forward", Infoblatt der Organisierten Linken Karlsruhe, Ausgabe 30, Sommer 2006

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