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G8 und Frauen

by Aliennes, Quelle: Solizeitung - 09.03.2007 11:24

Der G8-Gipfel in Mecklenburg-Vorpommern ist für den 6. bis 8. Juni 2007 vorgesehen. Ein hoher kilometerlanger Zaun soll den Gipfelaustragungsort vom Rest der Bevölkerung abschirmen. Im Moment streitet sich das Land mit dem Bund um die Kosten für das superteure Ereignis. Was hat die Politik der G8 mit Frauen zu tun?

"In besonderem Maße betroffen sind Frauen ..."

 

Dieser kleine, unscheinbare Satz findet sich in fast allen Artikeln, Broschüren und Analysen zur Politik der G8.

Eigentlich sollten alle Frauen der Welt Luftsprünge machen, denn die Kämpfe "der Frauenbewegung" scheinen gefruchtet zu haben. Endlich sind wir nicht mehr nur mitgemeint, sondern sogar benannt. Uns gehört ein ganzer Satz! Doch was bedeutet dieser Satz eigentlich? Was sagt er über "uns" Frauen und "unsere" besonderen Betroffenheiten aus?
Beginnen wir noch mal von vorne mit einigen Beispielen. "In besonderem Maße betroffen sind Frauen ..."

... von der Politik der G8.

Der Club der acht führenden Industrienationen steht repräsentativ für die Ausweitung neoliberaler Strukturen. Eine Folge davon ist sowohl die zunehmende Flexibilisierung, als auch die voranschreitende Prekarisierung(1) von Arbeits-, und Lebensverhältnissen. Frauen sind von diesen Entwicklungen tatsächlich in besonderem Maße betroffen.

Der Trend hin zu Teilzeit-, Leiharbeit oder Minijobs betrifft die gesamte Gesellschaft. Für Frauen, die oftmals die Rolle von schlecht bezahlten Zuverdienerinnen einne(a)hmen, stellt dies jedoch kein neues Phänomen dar. Die Folgen der Prekarisierung auf allen Ebenen, u.a. materielle Unsicherheit, Verlust von sozialen Bindungen und zunehmende psychische bzw. physische Belastungen, treffen Frauen jedoch in weitaus stärkerem Maße als Männer. Die zunehmend geringere Entlohnung, die sinkende soziale Absicherung und die Befristung von Arbeitsverträgen treibt Frauen zurück in Abhängigkeiten von männlichen Ernährern. Noch immer verantwortlich für den Reproduktionsbereich, verstärkt sich ihre Doppelbelastung (ein altbekanntes Phänomen) von Haus-, bzw. Erziehungsarbeit und Erwerbsarbeit deutlich.

Frauen sind aber auch in unterschiedlichem Maße von prekären Beschäftigungs-, und unsicheren Lebensverhältnissen - die sich oftmals wechselseitig verstärken und bedingen - betroffen. Entlang rassistischer Diskriminierung, Abwertung von Andersfähigkeit oder Klassenzugehörigkeit, entstehen Unterschiede zwischen den Betroffenheiten von Frauen. Als ein Beispiel sei angeführt, dass immer mehr migrantische oder Frauen der unteren Schichten sich aus ökonomischer Not um die Kinder von besser gestellten Frauen kümmern. Reproduktionsarbeit bleibt folglich vergeschlechtlicht, wird aber rassistisch bzw. klassenspezifisch neu strukturiert. Andererseits ist eine migrantische Frau aus ökonomisch schwierigen Verhältnissen nicht per se auf der unteren Skala der Betroffenheitsliste anzusiedeln. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit für sie in prekären Verhältnissen leben und arbeiten zu müssen, um ein Vielfaches höher als z.B. bei weißen Mittelschichtsfrauen. (...)
Aha. So ist das also.
Was macht frau als Aktivistin mit diesem theoretischen Rüstzeug?

Auf in die Gegenbewegung(en)!!

Unter dem Motto: "Patriarchal-kapitalistische Politik und Rassismus der G8 bekämpfen." Im Strom der AktivistInnen, Seite an Seite mit Verbündeten werden wir uns als Feministinnen bestimmt gut aufgehoben fühlen. Doch auch hier - kein Entkommen: "In besonderem Maße betroffen sind Frauen ..."

... von der Theorie der Gegenbewegung(en).

In allen Flugblättern, Positionspapieren und Veranstaltungen begegnet uns "unser" Satz, umgeben von ausführlichen Abhandlungen über kapitalistische Unterdrückungs-, und Verwertungsmechanismen. Ein eigener Absatz? Eine breite Analyse der Politik der G8 aus feministischer Perspektive? Fehlanzeige. Eine eigene Analysekategorie, die anderen Unterdrückungsmechanismen gleichberechtigt gegenübersteht, wird "uns" nicht zugestanden. Anscheinend bieten "wir" - mit über 50% Anteil an der Weltbevölkerung - nicht genügend Mobilisierungspotential. Mit diesem Betroffenheitssatz werden Frauen zwar erwähnt, aber gleichzeitig dethematisiert. Feminismus und Sexismen sind damit abgehakt. Es erscheint lästig und abgegriffen, kann aber offensichtlich nicht oft genug betont werden:
Die Unterdrückung der Frau ist Bestandteil und Stützpfeiler des Patriarchats. Eine emanzipative Veränderung von Gesellschaft ist nur möglich, wenn dies Grundlage der Analyse ist. Jede Analyse, die das nicht berücksichtigt ist falsch.
Eine satte sechs also auf der persönlich-feministischen Frustrationsskala. Dennoch: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Auf zum Gegengipfel-Camp!!
Spätestens hier gibt es unseren Satz zum Anfassen, denn "in besonderem Maße betroffen sind Frauen..."

... auch von der Praxis der Gegenbewegung(en).

In der angeblich basisdemokratischen Campstruktur steht Sexismus auf der Tagesordnung. In subtiler Form im Redeverhalten und in der Körpersprache sowie im Nichternstnehmen von Diskussionsteilnehmerinnen oder Macker-Sprüchen. In weniger subtiler Form in tätlichen Übergriffen sexualisierter Gewalt. Die Verleugnung, von der Bewegung immanenten, realen Unterdrückungsverhältnissen wird in ihrer politischen Praxis offensichtlich. Macht- und Herrschaftsstrukturen reproduzieren sich innerhalb von "linken" Räumen. Die Anerkennung dieser wäre ein erster Schritt zur Emanzipation. Jedes praktische Handeln ohne die Reflektion der strukturellen und eigenen Unterdrückungsmechanismen schafft keine libertäre Veränderung. Stattdessen erleben wir auf den Camps die Ohnmacht unseren Bedürfnissen Ausdruck verleihen zu können. Wieder empfinden wir Frustration und Enttäuschung. Scheiße! Wieder stoßen wir auf eine Doppelbelastung: Nicht nur gegen die Politik der G8, sondern auch gegen den alltäglichen Sexismus innerhalb der eigenen Reihen leisten wir ständigen Widerstand.
Und was bleibt? Ein Gegengipfel zum Gegengipfel? Als Antisexistische Ansprechgruppe zum Camp? Fröhliches Nischensuchen innerhalb "unserer" Bewegung?

"Frauen sind in besonderem Maße betroffen ..."
... aber in besonderem Maße reagieren müssen: Alle!

Dezember 2006
Von: ALIENNE aus der Villa 32

(1) Anmerkung: Den Ausgangspunkt für die Analyse der Veränderung von Arbeitsverhältnissen bildet das sogenannte "Normalarbeitsverhältnis", welches sich aus einem unbefristeten Arbeitsvertrag mit einer klaren Trennung von Arbeits-, und Freizeit, einer ausreichenden sozialen Absicherung und entsprechender Entlohnung zusammensetzt. Den Referenzpunkt hierfür bildet der weiße, männliche, europäische Fabrikarbeiter der 50-60er Jahre, weshalb die Perspektive dieser Analysekategorie angezweifelt werden kann, da sie einen patriarchalen Blick reproduziert.

mehr Infos zu G8:
 http://www.all4all.org/g8/
 http://www.agp.org/g82007/


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