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Strategisches Schweigen - GeschlechterVerhaeltnisse

by Quelle: Reader Crossover Conference 2002 - 11.03.2007 00:00

Das strategische Schweigen - GeschlechterVerhältnisse der Globalisierung

von Ariane Brenssell (2002)

Ein Beispiel gegen das strategische Ver/Schweigen: Nicht technische Innovation, sondern die Durchsetzung neuer Relevanz- und Dominanzverhältnisse

aus: Reader zur Crossover Conference des Antiracist Antisexist Summer Camp Project, 17.-20. Januar 2002, Bremen
 

In dem folgenden Beispiel handelt es sich um ein ganz typisches, ein sozusagen alltägliches und damit auch nicht besonders augenfälliges Beispiel der Globalisierungsdynamik. Es geht um die Übernahme einer lokalen Telefonvermittlung durch einen transnationalen Telefonkonzern. Eine Pressemeldung dazu lautete schlicht: "Der Konzern Bell übernimmt die Midland-Telephone-Operators und führt technische Innovationen durch".

Doch in diesem Beispiel lässt sich einiges mehr sichtbar machen.
Denn hier findet ein Umstrukturierungsprozess von Arbeit entlang der Interessen eines transnationalen Konzerns statt, der neoliberale Interessen (Effizienz, Profit ...) in Alltag und Lebensweise durchsetzt. Hier zeigt sich auch, wie diese faktisch und praktisch handlungsrelevant werden, wie sich so auch nachhaltig die Handlungsmöglichkeiten vor Ort verändern, wie so bestimmte Subjekt/Positionen vorherrschend werde, andere hingegen marginalisiert werden und wie diese mit den Geschlechterverhältnissen korrespondieren.

Die kanadische Journalistin, Heather Menzies hat diesen Prozess der Umstrukturierung einer lokalen Telefonvermittlungsstelle in einer Kleinstadt in Kanada durch einen transnationale Telefonkonzern aufgegriffen und feministisch ausgewertet. In der Telefonvermittlung vor Ort arbeiten hauptsächlich und langjährig Frauen, die ihre Arbeit in einer Weise organisiert haben, dass auch der "lokale Gebrauchswertstandpunkt", d.h. die lokalen Anforderungen in ihr Berücksichtigung findet. D.h. sie orientieren sich in ihrer Arbeit auch an für sie wesentlichen Fragen: Was ist nützlich fürs Gemeinwesen, welche Informationen und Hilfe brauchen die Menschen vor Ort. Sie haben eine anerkannte Stellung im Ort und übernehmen auch wichtige Gemeinwesenaufgaben. So geben sie zum Beispiel Auskunft über lokale Gegebenheiten, benachrichtigen zum Beispiel Angehörige in Notfällen, helfen auch mal älteren verwirrten Menschen u.v.m. Die Veränderungen, die der transnationale Telefonkonzern vornehmen will, betreffen u.a. die Einführung eines automatisierten System der Anrufweiterleitung. Es zeigt sich, dass sich durch diese Veränderungen die Handlungsmöglichkeiten für die Telefonvermittlerinnen entscheidend verändern. Der Vorgang lässt sich als eine Standpunktverschiebung begreifen, durch die alles aus der Arbeit ausgeschlossen wird, was nicht der unmittelbaren Tätigkeit der Telefonvermittlung zuzuordnen ist und somit vom Standpunkt des Konzerns - dem Effizienz- und Profitstandpunkt - unwesentlich oder gar hinderlich ist.

Mit den geplanten Neuerungen verändert sich in diesem Fall die Arbeitsorganisation in einer Weise, dass die gewohnten und vom lokalen Standpunkt aus verrichteten Handlungen der Frauen verunmöglicht werden. Alles das, was die Frauen als zentralen und sinnvollen Aspekt ihrer Arbeit betrachteten wurde kurzerhand unmöglich. Die Eingriffs- und Gestaltungsmöglichkeiten nach dem Gebrauchswertaspekt fielen durch die Einführung der automatischen Telefonvermittlung weg: "the system would cut them off from the local telephone users, and the local community would be cut off from them" (Menzies 1996). Dieser 'cut off' von den lokalen Telefonbenutzern, erschien vom Standpunkt der lokalen Anforderungen kaum sinnvoll. Sinnvoll wird er hingegen vom Standpunkt der Effizienz, der Einsparung und Beschleunigung und der zentralen Steuer- und Kontrollmöglichkeiten des transnationalen Telefonkonzerns.

In diesem Beispiel steht der Standpunkt des Lokalen gegen den Standpunkt eines transnationalen Konzerns. Der Standpunkt des Lokalen fällt hier zudem - nicht ganz zufällig - zusammen mit dem Frauenstandpunkt. Vom Standpunkt der Frauen, die die unterschiedlichen Anforderungen in 'ihrem Gemeinwesen' kannten, weil sie sich als Frauen in den real vorhandenen Geschlechterverhältnissen faktisch auch dafür zuständig machten, (und weil sie gesellschaftlich nicht aufgehoben bzw. geregelt waren!) war die Möglichkeit im Sinne der lokalen Anforderungen handeln zu können, Teil der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit. Nicht weil sie das transnationale Kapital bekämpfen wollten, sondern weil sie für diese Seite ihrer Arbeit kämpften, versuchten die Frauen die geplanten Umstrukturierungen zu verhindern.

Welcher Standpunkt sich letztlich durchsetzte, lässt sich unschwer erahnen. Trotz Widerstand und fantasievollem Kampf der Frauen, setzte sich der Konzern mit seinen Umstrukturierungen durch. Damit setzte sich auch eine Logik durch, die die Gebrauchswertseitige Logik der Arbeit und die Verbindung zu den lokalen Anforderungen, nachhaltig ausschloß. Die Durchsetzung technischer Neuerungen vom Standpunkt des transnationalen Konzerns, lässt sich daher auch als Durchsetzung von neuen Relevanzverhältnissen betrachten, in denen sich zum Beispiel das Kräfteverhältnis zwischen Gebrauchswert- und Tauschwertinteressen in der Arbeit, zwischen den Interessen der lokalen Gemeinschaft und des global/transnational agierenden Konzerns nachhaltig verschiebt. Damit sind jedoch die Anforderungen, die vorher vorhanden waren nicht einfach weg, sie sind sozusagen - noch ein Stück weiter - ins 'Hinterland abgedrängt'.

Was lässt sich an diesem Beispiel für die Zusammenhänge von Globalisierung und Geschlechterverhältnisse zeigen?

* Die globale Hegemonie des Neoliberalismus als Durchsetzung von Profitinteressen ergreift auch den Alltag in einer Weise, dass Handlungsmöglichkeiten nachhaltig verändert werden. Damit materialisieren sich Kräfte/Verhältnisse in denen bestimmte Anforderungen schwerer artikulierbar und auch erkannt werden. Etwas, was in der Regel in herkömmlichen Betrachtungsweisen als "technische Innovation" geschildert wird oder auch als Durchsetzung technischer Neuerungen vom Standpunkt des transnationalen Konzerns, lässt sich hier als Durchsetzung von neuen Relevanzverhältnissen betrachten, in denen sich zum Beispiel das Kräfteverhältnis zwischen Gebrauchswert- und Tauschwertinteressen, lokalen Interessen einer Gemeinde und Interessen eines global agierenden Konzerns nachhaltig verschiebt.

* Diese Veränderungen bleiben 'uns' nicht äußerlich. Sie erfassen Denk- und Praxisformen und damit die Formen, in denen wir denken und handeln. Damit werden sie Teil unserer Arbeits- und Lebensweise. Sie bestimmen und begrenzen die konkreten Handlungsmöglichkeiten 'vor Ort'.

* Der Kapitalismus braucht für seine Reproduktion ein Hinterland braucht, das nicht nach Kapitalgesetzen geregelt ist (siehe oben) In dieses Hinterland wird alles verbannt, was zwar vom Standpunkt der Verwertungslogik nicht unmittelbar nützlich ist, was aber gleichwohl auch seine Voraussetzung bildet. Vom Standpunkt der hegemonialen transnationalen Konzerne und Akteure wird dieses Hinterland nur dann wichtig, wenn es die Profitlogik stört. Patriarchale Geschlechterverhältnisse - geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen, Zuständigkeiten, Frauenunterwerfung und damit verbundenen Geschlechterstereotypen und -bilder - sind eine Form, in denen die ins Hinterland verdrängten Aufgaben geregelt werden; und zwar so, dass sie nicht zum Störfaktor werden für Profit- und Verwertungsinteressen. Hier und so verknüpfen sich patriarchale und kapitalistische Praxis.

* Solange die Geschlechterverhältnisse als strukturelle Arbeits- und Aufgabenteilung fungieren in der vor allem Frauen nach wie vor für die in diesem Hinterland anfallenden Aufgaben zuständig (gemacht) werden, lässt sich der 'Frauenstandpunkt' als Standpunkt der Wahrnehmung von spezifischen Interessen der Reproduktion, des Lokalen usw. fassen. In einem nicht-essentialistischen Sinne - d.h. entlang der real-existierenden Praxen und nicht entlang der empirischen Gruppe Frauen - wird der 'Frauenstandpunkt' somit zu einem wichtigen Kritikstandpunkt (vgl. Hennessy 1993). Den Standpunkt der Frauen nicht essentialistisch aufzufassen, sondern als Subjektposition eines kritischen Diskurses könnte eine feministische /antipatriarchale Kritikperspektive begründen, die die Standpunkte stark macht, die in den gängigen Perspektiven auf Globalisierung - die in der Regel dem Standpunkt der hegemonialen Akteure des globalen Kapitals verhaftet sind - unsichtbar werden. Diesen "Frauenstandpunkt" als Erkenntnisstandpunkt einzunehmen, macht es möglich Zusammenhänge aufzeigen und zu skandalisieren die üblicherweise ausgeblendet bleiben: Etwa die zwischen den zerstörerischen Ortseffekte der Globalisierung und somit den Widersprüchen einer corporate reality, die sich nur solange als gesellschaftliche Lösung präsentieren kann, solange es weiter gelingt auszublenden, dass sie systematisch auf Gewalt und Zerstörung aufbaut. Das Schweigen über die GeschlechterVerhältnisse ist Teil der ‚Strategie'.



Quelle:  http://summercamp.squat.net/3rdpage-ge.html#pro5


siehe auch:
Ariane Brenssell / Friederike Habermann:
Geschlechterverhältnisse - eine zentrale Dimension neoliberaler Hegemonie:
Warum bleibt es’ wie es ist’ wo es sich doch so verändert?
Studie für die Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Forschung und Publizistik mbH im Auftrag der Rosa Luxemburg Stiftung:
 http://www.gap-europe.de/Sprachen/home_deutsch/Bibliothek/Gender2/studieBH.pdf


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