Subcomandante Marcos zu Gazaby - 26.01.2009 16:46
16.01.2009 / Schwerpunkt / Seite 3 jW dokumentiert die unter dem Titel "Die sieben Winde in den Kalendern und Geographien von unten. Der vierte Wind - Eine würdige organisierte Wut" verbreitete Ansprache in Auszügen. Nicht sehr weit von hier, an einem Ort in Palästina, der Gaza genannt wird, setzt eine stark bewaffnete und ausgebildete Armee, die der Regierung von Israel, ihren Vormarsch des Todes und der Zerstörung fort. Die Schritte, die bis jetzt erfolgten, sind die eines klassischen militärischen Eroberungskrieges: zuerst eine intensive und massive Bombardierung, um die "neuralgischen" Militärpunkte zu zerstören und um die befestigten Widerstandsstellungen "weichzuklopfen". Daraufhin die eiserne Informationskontrolle: Alles was "in der Außenwelt" zu hören und zu sehen ist, das heißt, sich außerhalb des Einsatzgebietes befindet, muß nach militärischen Kriterien ausgewählt werden. Nun intensives Artilleriefeuer über die feindliche Infanterie, um das Vorrücken der Truppen auf neue Positionen zu sichern, danach die Umzingelung und Belagerung, um die feindliche Garnison zu schwächen. Dann der Sturmangriff, mit dem die vernichtete Feindesstellung eingenommen wird, schließlich das "Säubern" möglicher "Widerstandsnester". Die militärischen Invasionstruppen haben das militärische Handbuch für moderne Kriegsführung, mit einigen Variationen und Zusätzen, Schritt für Schritt befolgt. Wir wissen nicht viel darüber, und es gibt sicher "Spezialisten" für den sogenannten "Konflikt im Nahen Osten", aber aus dieser Ecke des Kontinents haben wir etwas zu sagen: Wie auf den Fotos der Nachrichtenagenturen zu sehen ist, handelt es sich bei den "neuralgischen" Punkten, die von der israelischen Luftwaffe zerstört wurden, um Häuser, Wohnungen, Hütten und zivile Gebäude. Wir haben unter dem Zerstörten keinen einzigen Bunker, keine Kaserne gesehen; auch keine militärischen Flughäfen oder Luftgeschütze. Daher denken wir, wir entschuldigen uns für unsere Unkenntnis, daß entweder die Zielfähigkeit der Schützen in den Flugzeugen sehr schlecht ist, oder es einfach keine militärischen "neuralgischen" Punkte im Gazastreifen gibt. Wir haben nicht die Ehre, Palästina zu kennen, aber wir nehmen an, daß in diesen Häusern, Hütten und Gebäuden Menschen wohnen, Männer, Frauen, Kinder und Alte, und keine Soldaten. Wir haben auch keine befestigten Widerstandsstellungen gesehen, nur Trümmer. Was wir aber sehr wohl gesehen haben, sind die verschiedenen Regierungen der Welt, die nicht sicher sind, ob sie den Kopf in den Sand stecken oder der Invasion applaudieren sollen. Auch wurden wir Zeugen einer seit langem nutzlosen UNO, die halbherzige Pressebulletins veröffentlicht. Aber warten Sie. Uns ist eingefallen, daß für die israelische Regierung diese Männer, Frauen, Kinder und Alten vielleicht feindliche Soldaten sind und die Hütten, Häuser und Gebäude, in denen sie wohnen, Kasernen, die zerstört werden müssen. Dann diente der Artilleriebeschuß des Gazastreifens heute morgen sicher dazu, den Vormarsch der israelischen Armee vor diesen Männern, Frauen, Kindern und Alten zu schützen. Und die feindliche Garnison, die sie mit der Belagerung schwächen wollen, die rund um Gaza aufrechterhalten wird, ist nichts anderes als die palästinensische Bevölkerung selbst, die dort lebt. Und der Zweck des Angriffes besteht darin, diese Bevölkerung zu vernichten. Entschuldigen Sie noch einmal unsere Unwissenheit, vielleicht gehört das, was wir sagen, wirklich nicht hierher. Und anstatt dieses Verbrechen zurückzuweisen und zu verurteilen, als Indigenas und Krieger, die wir sind, sollten wir vielleicht vielmehr über "Zionismus" oder "Antisemitismus" diskutieren und dazu Stellung beziehen, oder darüber, daß die Bomben der Hamas zuerst geflogen sind. Vielleicht denken wir ja sehr einfach und haben nicht die nötigen Nuancierungen und Randbemerkungen, die in Analysen verwendet werden: Aber für uns ZapatistInnen wird im Gazastreifen eine schutzlose Bevölkerung von einer professionellen Armee ermordet! Hilft es, irgend etwas zu sagen? Können unsere Rufe auch nur eine Bombe aufhalten? Kann unser Wort das Leben irgendeines palästinensischen Kindes retten? Wir können vielleicht weder eine Bombe aufhalten noch unser Wort in einen Schutzschild verwandeln, um zu verhindern, daß ein Geschoß des Kalibers 5.56 mm oder 9 mm, welches die Initialen "IMI" ("Israelische Militärindustrie") auf der Patronenhülse eingraviert trägt, die Brust eines kleinen Mädchens oder Jungens erreicht. Aber wir glauben sehr wohl, daß unser Wort sich mit anderen in Mexiko und auf der Welt vereinen kann und so vielleicht erst zu einem Murmeln, dann zu einer lauten Stimme, und dann zu einem Aufschrei werden kann, der im Gazastreifen gehört wird. Wir, die ZapatistInnen der EZLN, wissen, wieviel es bedeutet, inmitten von Tod und Zerstörung ein Wort des Trosts zu hören. Das palästinensische Volk wird Widerstand leisten, überleben und weiterkämpfen und auch zukünftig die Sympathie der Unterdrückten für seine Sache haben. Und vielleicht wird auch ein kleiner Junge oder ein Mädchen aus dem Gazastreifen überleben. Vielleicht werden sie wachsen, und mit ihnen der Zorn, die Empörung und die Wut. Vielleicht werden sie deswegen zu Soldaten oder Milizionären irgendeiner der Gruppen, die in Palästina kämpfen. Vielleicht werden sie dann einen Kampf gegen Israel führen. Vielleicht werden sie dann ein Gewehr benutzen. Vielleicht werden sie sich einen Sprengstoffgürtel umbinden und sich selbst in die Luft sprengen. Und dann wird man über die gewaltbereite Natur der PalästinenserInnen schreiben und Erklärungen abgeben, die diese Gewalt verurteilen, und dann dazu übergehen, über Zionismus und Antisemitismus zu diskutieren. Und dann wird niemand fragen, wer gesät hat, was geerntet wurde. Für die Männer, Frauen, Kinder und Alten der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung Subcomandante Insurgente Marcos http://www.jungewelt.de/2009/01-16/051.php
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