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Martin Khor Die Automobilkrise hat auch ihr Gutes

by w und e - 22.06.2009 17:04

Informationsbrief Weltwirtschaft und Entwicklung, WuE 06/2009
 

Die Automobilkrise hat auch ihr Gutes

Kolumne: Die Sicht des Südens

Die moderne Welt dreht sich ums Auto. Für viele Mittelschichtfamilien ist
das Auto - nach dem Eigenheim - das bedeutendste Besitztum. Und viele, die
kein Auto besitzen, träumen davon. Wenn für den Einzelnen das Auto ein
Statussymbol ist, so ist in vielen Entwicklungsländern die Produktion oder
Montage von Autos das Herzstück des Industrialisierungsprozesses,
kommentiert MARTIN KHOR.


Das Auto und das, wofür es steht, ist - mindestens - in einer
Dreifach-Krise: in einer ökologischen, einer ökonomischen und einer
Energiekrise. Die Zukunft des Autos wird anders aussehen als seine
Vergangenheit. Angesichts von Ressourcenverknappung und Umweltverschmutzung
(insbesondere durch CO2-Emissionen), die die Erde, so wie wir sie kennen,
ernstlich bedrohen, haben viele einen - wenn nicht den - Hauptschuldigen
bereits ausgemacht: das Auto.

Öl- und Ressourcenschlucker

Die Herstellung von Autos verbraucht enorme Mengen an natürlichen
Ressourcen, von Eisen und Aluminium bis hin zum Gummi für die Reifen, und
das Auto ist einer der wichtigsten Ölschlucker. Die Verbrennung fossiler
Energieträger ist eine der wichtigsten Ursachen der globalen Erwärmung, die
heute als die größte Gefahr für unsere physische Umwelt gilt. Aber die
Klimakrise wirkt sich auch auf unsere Haltung gegenüber dem Auto aus:
Politiker weltweit müssen nicht nur das "Wachstum" der Autos stoppen,
sondern sie müssen auch die Art und Weise ändern, wie Autos gefertigt und
betrieben werden.

Und dann ist da die Krise der Ölvorkommen und der Ölförderung. Weltweit sind
die Vorkommen wohl schon bald erschöpft. "Peak oil" wurde schon oder wird
demnächst erreicht. "Peak oil" ist der Zeitpunkt, zu dem weltweit das meiste
Öl gefördert wird, danach wird es mit der Fördermenge nur noch bergab gehen.


Angesichts der abnehmenden Vorkommen wird der Ölpreis aller Voraussicht nach
seinen jüngsten schnellen Anstieg fortführen. Der von der Rezession
verursachte Preissturz von rund 140 auf 40 US-Dollar pro Barrel wird sich
wahrscheinlich in sein Gegenteil verkehren.

Derzeit liegt der Ölpreis wieder bei 60 Dollar pro Barrel und früher oder
später wird er auch die 140-Dollar-Marke wieder überschreiten. Dann wird es
für die Verbraucher immer schwieriger, sich ein Auto zu leisten. Vor wenigen
Tagen verabschiedeten die USA neue Vorschriften für den Kraftstoffverbrauch,
denen zufolge ein durchschnittlicher Wagen eine wesentlich bessere
Kilometerleistung pro Liter Benzin aufweisen muss. Immer mehr Autos werden
entwickelt, die ganz ohne fossilen Treibstoff auskommen - Autos, die von
Batterien betrieben werden, von Biosprit oder einer Kombination aus Benzin
und Wasserstoff oder Benzin und Biosprit.

Im Zentrum der Wirtschafts- und Finanzkrise

Weiter verkompliziert wird die Lage durch die Tatsache, dass das Auto auch
im Zentrum der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise steht. Viele Familien
sind von Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit bedroht, gleichzeitig fressen ihre
Kreditverpflichtungen jeden finanziellen Spielraum auf. Sie müssen
notgedrungen ihre Ausgaben zusammenstreichen - und das betrifft zuerst das
Auto, das teuerste aller Konsumgüter. Für die Automobilindustrie sind das
ganz schlechte Nachrichten, wie man nirgendwo besser sieht als in den USA.
Zwei der größten Autohersteller - Chrysler und GM - haben bereits Insolvenz
angemeldet.

Die Autoindustrie ist die erste Branche der Realwirtschaft, die die massiven
Rettungspakete des Staates erhält, die zum Kennzeichen der aktuellen Krise
geworden sind. Nachdem die US-Regierung schon Milliarden Dollar an
Steuergeldern für die Rettung des Finanzsektors ausgegeben hat, sind jetzt -
hoch umstritten - die Autobauer an der Reihe. General Motors hat bereits
Staatshilfen in Höhe von 20 Mrd. Dollar erhalten. Weitere 50 Mrd. Dollar
werden wahrscheinlich noch in das bankrotte Unternehmen fließen müssen. Im
Gegenzug erhält der Staat 70% der Aktien der umstrukturierten Firma.

In Deutschland versucht die Regierung verzweifelt, Opel, die deutsche
Tochtergesellschaft von General Motors, zu retten, indem sie Investoren
Kredite und Garantien zur Verfügung stellt. Tausende von Arbeitsplätzen
werden verloren gehen, wenn die Opel-Werke dicht machen.

Wettbewerber und Regierungen weltweit beobachten das Schauspiel gespannt.
Wenn die USA und Europa Milliarden von Dollar und Euros ausgeben, um ihre
Autofirmen zu retten, können dann die Unternehmen, die keine solchen Hilfen
erhalten, überhaupt langfristig überleben? Was ist eigentlich mit dem
Prinzip der Welthandelsorganisation passiert, dass Regierungen ihre
Industrien nicht subventionieren dürfen?

Aber sogar die massiven öffentlichen Mittel, die die Detroit "Big Three"
(Chrysler, GM und Ford) erhalten, reichen vielleicht nicht aus, um die
Unternehmen zu retten. Die Rezession dämpft den Appetit der Verbraucher auf
Neuwagen, denn auch die Kredite sind nicht mehr so einfach zu bekommen wie
früher. Bis vor kurzem wurden pro Jahr 17 Million Neuwagen verkauft, im
laufenden Jahr wird die Zahl bei unter zehn Millionen liegen - ein Rückgang
um 46%. Wenn der Absatz nicht steigt, wird der Staat Chrysler und GM weiter
unter die Arme greifen müssen.

Eine Frage des Lebensstils

Vielleicht hat es sein Gutes, dass die Menschen in der Wirtschaftskrise
lernen, ohne eigenen Wagen auszukommen, oder zumindest nicht so oft neue
Wagen anzuschaffen, denn wenn wir die Herausforderungen des Klimawandels
meistern wollen, müssen unsere Gesellschaften vom Individualverkehr auf den
öffentlichen Nahverkehr umgepolt werden. Die Menschen in den
Entwicklungsländern werden ihren amerikanischen Traum vom eigenen Auto nicht
weiter träumen, geschweige denn realisieren können, denn die Umwelt wird
eine solche "Autoexplosion" nicht aushalten. Aber die Entwicklungsländer
werden sich nicht zwingen lassen, ihren Traum von der Industrialisierung
rund um das Auto aufzugeben, wenn sich nicht die Amerikaner zuerst von ihrem
Traum von zwei oder drei Autos pro Familie verabschieden.

Am Ende muss die Welt nicht nur lernen, effizientere, sondern auch weniger
Autos zu bauen. Und wir müssen lernen, unseren Lebensstil zu verändern,
Erfolg und Status an der PS-Zahl zu messen. Ausgedient hat damit wohl auch
ein anderer hartnäckiger Mittelschichtstraum: das Auto als Ort der Erfüllung
romantischer Träume. Wir müssen lernen, zu Fuß oder mit dem Bus ans Ziel
unserer Wünsche zu gelangen, so wie wir es früher getan haben und so wie es
Millionen Menschen heute immer noch tun.

Martin Khor ist seit 1. März 2009 Exekutivdirektor des South Centres in
Genf, das Regierungen der Entwicklungsländer in Verhandlungen mit dem Norden
berät. Seine Kolumne erscheint künftig regelmäßig an dieser Stelle.

8.6.2009


in: Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung, Luxemburg, W&E 06/2009.
 http://www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org/

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