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Spendenfinanzierter Journalismus

by Quelle: taz u.a. - 22.06.2009 17:23


 http://www.spot.us

Community funded reporting

Reportagen und Berichte werden ueber Spenden finanziert, beispielsweise mit 20 Dollar pro Person
 


28.4.09
Berliner Zeitung

25 Dollar für eine Geschichte
Wie der Internetaktivist David Cohn den Qualitätsjournalismus retten will

Michael G. Meyer

Er ist erst 27 Jahre und wirkt eher wie ein Student als ein Internetunternehmer. Doch David Cohn hat schon studiert, und zwar Journalistik, er hat für das renommierte Magazin Wired geschrieben und für andere Zeitschriften. Und vor einem halben Jahr hat er das Internetangebot Spot.Us gegründet, aus einem ganz einfachen Grund. "Ich will nicht auf dem Grab der Tageszeitungen tanzen", sagt der amerikanische Internetaktivist und Journalist David Cohn. "Ich fände es schade, wenn sie verschwinden."

Auf Spot.Us können freie Journalisten und Reporter ihre Ideen für Geschichten präsentieren und um Geld für die jeweilige Recherche bitten. Die Seite funktioniert so: Wenn genügend Geld von Lesern gespendet wurde, ziehen die Reporter los und recherchieren die jeweilige Geschichte. Die jeweilige Summe hängt von Umfang und Aufwand ab - mal sind 200 Dollar nötig, bei größeren Texten auch mal 1 000 Dollar. Höchstens 20 Prozent dürfen von einer Person kommen, um zu verhindern, dass "Gefälligkeitsartikel" gekauft werden.

Da die Themen auf der Seite vorab angekündigt werden, ist es naheliegend, dass keine bahnbrechenden Exklusivmeldungen bei Spot.Us auftauchen. Auch Geschichten, die schnell von heute auf morgen recherchiert werden müssten, eignen sich nicht, sagt Cohn. "Unsere Geschichten sind querbeet aus allen Bereichen. Mal handelten sie von Korruption im Polizeirevier von Oakland, mal vom Budget der Stadt San Francisco, was eine recht trockene Recherche war, bis hin zu einer Reportage über die Folgen der steigenden Armut oder die Auswirkungen, die die Rezession auf die Sexindustrie im Bay Area hat." Derlei Artikel würde man so wohl nicht in einer normalen Tageszeitung lesen. Bei Spot.Us bemüht man sich stets um einen anderen Blickwinkel, eine andere Sichtweise.

Die Gründung von Spot.Us wurde möglich durch eine Lokaljournalismus-Förderung der "Knight Foundation", einer Stiftung, die zum ehemaligen amerikanischen Verlagsimperium Knight Ridder gehört. Das ist auch der Grund, warum nur Lokalthemen auf der Seite zu finden sind. "Es hat aber auch den Grund, dass überregionale Geschichten sicher zu schwer zu finanzieren wären. Da sind Zeitungen wie die New York Times oder die Los Angeles Times immer noch besser." Von Tageszeitungen hält Cohn dennoch nicht allzu viel: "Sie haben ihre Berechtigung, aber in den USA geben sich viele Zeitungen keine große Mühe, auf dem neuen Feld des Internets mitzuspielen. Sie haben keine Ideen und verharren oft in althergebrachten Sichtweisen. So werden sie sicher nicht überleben."

San Francisco, Cohns Heimatstadt, ist gewissermaßen das negative Epizentrum der amerikanischen Zeitungsbranche. Mittlerweile gibt es in der Stadt an der Golden Gate Bridge nur noch eine relevante Tageszeitung, den San Francisco Chronicle - und auch dem steht das Wasser bis zum Hals. Die Auflage fällt kontinuierlich, die Lokalberichterstattung wurde stark eingeschränkt, Korrespondenten mussten gehen. Trotz aller Sparbemühungen könnte die Zeitung noch in diesem Jahr ganz eingestellt werden, falls sich kein Investor findet. Damit wäre San Francisco die größte US-amerikanische Stadt ohne Tageszeitung.

Kein Wunder daher, dass Spot.Us in der Region um San Francisco gut ankommt. Die Leser spenden trotz Wirtschaftskrise oft 20, 25 Dollar oder sogar noch mehr, wenn die Geschichte interessant ist. Ist das nicht ein bisschen viel Geld nur für eine Geschichte? "Das kommt darauf an", meint Cohn. "In den USA sind die Menschen gewohnt zu spenden, etwa für den öffentlichen Rundfunk NPR. Außerdem ist es so, dass viele Leute noch nicht einmal eine Tageszeitung abonnieren würden, wenn sie nur 25 Dollar fürs ganze Jahr kosten würde. Das hat damit zu tun, dass sie die Nachrichten in den Zeitungen als nicht mehr relevant für ihr Leben empfinden. Deswegen ist die Frage der Relevanz für uns so wichtig", erzählt Cohn.

Spot.Us ist gewissermaßen das Bindeglied zwischen Journalisten und Lesern, die immerhin schon rund zwei Dutzend längere Texte vorfinanziert haben - im Schnitt eine pro Woche. Wenn die Artikel erschienen sind, dann können sie nach dem Open-Source-Prinzip kostenlos auf anderen Websites nachgedruckt werden. Einige Texte wurden von einer Tageszeitung gekauft und der Autor erhielt ein Honorar. "In diesem Fall bekommen die Spender ihr Geld zurück", sagt David Cohn.

Das Modell scheint erfolgreich zu sein, jedenfalls sollen auch in Boston, in Los Angeles und in Kanada ähnliche Seiten entstehen. "Wir sind uns nicht sicher, ob so eine Seite auch auf nationaler Ebene funktionieren kann, für Recherchen auf lokaler Ebene scheint es aber geeignet", sagt Cohn nicht ohne Stolz. Sogar in Neuseeland und Japan soll es bald Internetangebote nach dem Vorbild von Spot.Us geben.

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"In den USA sind die Menschen gewohnt zu spenden." David Cohn

 http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0428/media/0009/

 http://30jahre.taz.de/2009/01/eine-zukunft-des-journalismus/


24.01.2009
taz
"Man muss schnell sein"

David Cohn, Star des Citizen Journalism in den USA, versucht mit seiner Web-Plattform Spot.us, Spenden als Zukunftsmodell des Journalismus zu etablieren. Zeitungsverlage, sagt er, verstehen den Wandel nicht.

taz: Sind Spenden das neue Geschäftsmodell für den Journalismus?

David Cohn: Ich würde nicht so weit gehen zu behaupten, es bleibt kein anderes Geschäftsmodell übrig. Aber Online-Werbung allein ist ja auch sehr schwierig. Hier in den USA greifen wir auf eine lange Tradition im Spenden für den Journalismus zuück; National Public Radio ist so ein Beispiel. Sie sammeln Spenden, werfen aber alles Geld auf einen Haufen, während man bei Spot.us speziell für die Geschichten spenden kann, die man fördern will. Ich glaube aber fest daran, dass es noch andere Geschäftsmodelle gibt. Spot.us ist nicht der einzige Weg.

taz: Trotzdem gibt es ja noch den konventionellen Journalismus. Die LA Times meldet sogar, dass ihre Online-Einnahmen so hoch sind, dass sie Ihre Gesamtredaktion damit finanzieren kann. Was hat dich denn angetrieben, etwas ganz Neues auszuprobieren?

Als Reporter über Technologie-Themen habe ich viel darüber nachgedacht, wie Technologie auf den Journalismus selbst angewandt werden kann, wie sie das journalistische Handwerk verbessern kann. Warum ich heute nicht für eine traditionelle Institution wie die LA Times arbeite, liegt unterm Strich daran- und das mag scharf klingen, aber es ist meine ehrliche Einschätzung: diese Institutionen sind gefangen und gelähmt in ihrer Bürokratie. Gewisse Redaktionsstrukturen sind sicher gut und notwendig. Aber wenn es darum geht, etwas Neues im Web zu wagen, wenn es um Innovationen geht, dann muss man in der Lage sein, diese Bürokratien zu überwinden, und zwar so schnell wie möglich. Man muss heute Entscheidungen treffen, und sie am nächsten Tag umsetzen. Man muss schnell sein.

taz: Was für Storys kommen denn dabei heraus, bei dem, was du "crowd-funded journalism" nennst?

Zurzeit ist Spot.us ja noch auf die San Francisco Bay Area beschränkt, auch weil die Stiftung, die uns fördert, den Lokaljournalismus besonders unterstützen will. Wir wollen das aber auf andere Regionen ausdehnen. Auf die aktuellste Geschichte bin ich besonders stolz: Eine Reihe von Versäumnissen beim Oakland Police Department. Da haben fast 45 Leute, die meisten aus Oakland, jeweils im Schnitt 20 Dollar gespendet. Die Recherche läuft jetzt. In der Zwischenzeit wurde ein junger Mann von einem Polizisten erschossen, was zu Protesten und Ausschreitungen in Oakland führte. Das ist natürlich nichts Gutes, aber es zeigt doch, dass diese Recherche wichtig ist. Ich glaube, damit ein Pitch (so heißen die vorgeschlagenen Recherchen, d. Red.) auf Spot.us Erfolg hat, muss er einen Nutzen für die Öffentlichkeit haben: Themen wie Bildung oder Verantwortlichkeit von Polizei oder Beamten, oder Umwelt- und Gesundheitsthemen. Ist das Wasser, das wir trinken, sauber? Das sind die Themen, von denen ich erwarte, das für sie gespendet wird, weil die Leute etwas davon haben wollen, wenn wir sie um Spenden bitten.

taz: Und das funktioniert?

Ja. Zwar bekommen wir damit nicht dasPortrait eines Superstars finanziert -damit würden wir nicht weit kommen. Aber dafür sind die Leute, wenn es sie betrifft, eben eher bereit, hier und da fünf oder zehn Dollar zu spenden. Das sind natürlich nicht zwangsläufig die Geschichten, die im Netz viele Klicks bringen, also Werbeeinnahmen.

taz: Bei deinem vorigen Projekt, New Assignment, scheint es nicht so gut funktioniert zu haben. Was waren die Unterschiede?

Es gibt einen zentralen Unterschied: Bei New Assignment haben wir mit Crowd Sourcing in Bezug auf Inhalte experimentiert. Wir haben also Leute gesucht, die Beiträge spenden, also Zeit und Expertise. Bei Spot.us haben wir aus der Erfahrung mit New Assignment gelernt. Wir bekamen Feedback von Leuten, die gerne auf sinnvolle Weise zu gutem Journalismus beitragen wollen, aber nicht selbst schreiben wollen. Auf Spot.us können sie Geld spenden statt Inhalte. Außerdem war New Assignment mehr akademischer Thinktank als Start-up, obwohl wir natürlich ein echtes Projekt gestartet haben, gemeinsam mit dem Magazin Wired. Dieses erste Projekt gilt gemeinhin als gescheitert, aber zuletzt haben wir etwas Ähnliches gemeinsam mit der Huffington Post ausprobiert: "Off the bus". Das Projekt, bei dem Bürgerjournalisten über den US-Wahlkampf "von unten" berichtet haben, wird weit und breit als Erfolg betrachtet. Es geht also darum, neue Methoden zu entdecken, Prinzipien und Praktiken dafür, wie Crowdsourcing im Journalismus funktioniert.

taz: Und solche Projekte braucht es mehr, schreibst du in deinem Blog. Von 10 000 neuen Startups ist da die Rede.

... und von denen werden 8000 erfolglos sein, vielleicht ist Spot.us darunter, aber 1998 werden zumindest ein paar Jahre laufen, und zwei oder drei werden zum digitalen Äquivalent der New York Times werden. Das soll nicht heißen, dass die Times nicht auch Innovator sein kann, aber viele Medien stellen sich aufs Internet nicht richtig ein. Dabei ist das eine richtige Umwälzung. Ich will herausfinden, wie man sicherstellen kann, dass Journalismus weiter Erfolg hat, auch wenn herkömmliche Institutionen sich dem Wandel nicht anpassen. Denn wenn der Journalismus sich nicht entwickelt, während um ihn herum die Erde bebt, dann wird er irgendwann durch die Risse hindurchfallen.

Das Interview führte Jan Michael Ihl

David Cohn, Gründer von Spot.us

David Cohn (26) ist Absolvent der Columbia School of Journalism und treibende Kraft im Citizen Journalism in den USA. Bevor er dazu kam, schrieb er als freier Reporter vor allem über Technologie-Themen, unter anderem für das Technologie-Magazin Wired und die New York Times. Gemeinsam mit Columbia-Professor Jay Rosen startete Cohn 2006 das Projekt NewAssignment.net. Dort sollten schreibwillige und kompetente Mitmacher als Amateurjournalisten ihre Expertise aus Beruf und Hobby einbringen. Es entstand ein Dossier über das Phänomen selbst, "Crowdsourcing" (angelehnt an Outsourcing, das Auslagern an Unternehmen), das Einbinden der Massen, zumeist Amateure, in Produktionsprozesse - ermöglicht übers Internet.
Mit Spot.us verfolgt Cohn einen anderen Ansatz: "Crowd-Funding". Jeder kann Themen als Pitch auf der Web-Plattform vorschlagen. Die "Crowd" soll Recherchen und Beiträge durch Kleinspenden ermöglichen. Aktuell wirbt Spot.us etwa um Spenden für eine Videodoku zum Tod eines jungen Mannes durch eine Polizeikugel, eine Recherche über Schulschließungen und eine Reportage über das Arm-Reich-Gefälle in San Francisco. jmi


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